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Die Besten hauen ab

Amerika kauft die Spitzenforscher der Welt - auch in Deutschland. Fast 80 000 sind dem Ruf bereits gefolgt. Ein gefährlicher Aderlass für Wissenschaft und Wirtschaft. Die Lockmittel sind Geld und Karrierechancen.

DER ZIELSTREBIGE
Andreas Heinrich, 34, Nanotechnologie-Forscher, IBM-Labor Almaden, Kalifornien, neben einem von ihm entwickelten Rastertunnelmikroskop Es gab nichts, was Andreas Heinrich hätte halten können - er wollte weg aus Göttingen und kannte nur ein Ziel: IBMs "Almaden Research Center" im Silicon Valley. In Heinrichs Spezialgebiet, der Untersuchung einzelner Atome mit Rastertunnelmikroskopen, gibt es nirgendwo etwas Vergleichbares: "Da ist IBM weltweit führend, dies ist das beste Labor", sagt der 34-Jährige. Da es keine Stelle für ihn gab, "musste ich dafür sorgen, dass eine neue geschaffen wird". Er finanzierte sie selbst, größtenteils durch ein Stipendium der Humboldt-Stiftung. "Natürlich wollen die, dass man wieder zurückkommt", sagt Heinrich. Doch erst mal macht er in Kalifornien Karriere: Zusammen mit Kollegen gelang es dem Jungforscher, aus einzelnen Molekülen eine winzige Rechenmaschine zu formen - die Nachricht davon ging um die Welt, und Heinrich folgt ihr; im Durchschnitt ist er eine Woche pro Monat auf Reisen, um auf Kongressen seine Arbeit vorzustellen. Nebenher wechselt er sich mit seiner Frau dabei ab, Töchterchen Sierra (ein Jahr) von der Tagesmutter abzuholen, und überlegt, wie sein nächster beruflicher Schritt aussehen könnte. Bei IBM bleiben? An eine amerikanische Uni wechseln? Zurück nach Deutschland? Alles denkbar, sofern die Bedingungen stimmen: "Für meine Forschung brauche ich mindestens eine Million Euro, um überhaupt anfangen zu können", erklärt er selbstbewusst. Dazu gute wissenschaftliche Mitarbeiter - "und dann kommt's aufs Gehalt an..."

DER IDEALIST
Jörg Gerlach, 42, Professor für experimentelle Chirurgie und Bio-Engineering, McGowan Institute, Pittsburgh, mit zwei Bioreaktoren für den Einsatz in der Stammzellenforschung Als Jugendlicher gewann Jörg Gerlach bei "Jugend forscht" mit Sonnenkollektoren, aber berühmt wurde er als Mediziner: In seiner Heimatstadt Berlin entwickelte er an der Charité wegweisende Therapien für die Behandlung von Lebererkrankungen mit Zellen. Im vergangenen Jahr bekam er ein Angebot vom McGowan Institute für regenerative Medizin in Pittsburgh, und "es war überwältigend". Volle Professur, doppelt so viel Gehalt, viermal so viel Forschungsgeld, modernes Gerät - zu gut zum Neinsagen. Die Amerikaner wollten ihn ganz und gar und so schnell wie möglich. Aber Gerlach, der Charité und der Humboldt-Universität stark verbunden, hatte einen Kompromiss im Sinn. Er schlug beiden Seiten eine Art Job-Sharing vor: 80 Prozent Amerika, 20 Prozent Berlin, "damit meine Arbeit, drei große Projekte, eben auch dort fortgeführt werden kann". Das klang logisch und vernünftig. Aber es folgte ein "lästiger und ärgerlicher Kampf" mit Verwaltern und Bürokraten, die zunächst sagten: "So was hat es noch nie gegeben." Doch Jörg Gerlach ließ nicht locker, überzeugte die Amerikaner, nahm hin, dass er in Pittsburgh eben nur 80 Prozent des Gehalts bekommt. Und auch die Berliner hatten schließlich ein Einsehen: Gerlach bekleidet dort eine 20-Prozent-Stelle für experimentelle Chirurgie - allerdings "ohne Fortsetzung der Bezüge". Manchmal fragt er sich, "ob ich jetzt der Dumme bin" und warum er sich das antut, "dieses Schwimmen gegen den Strom". Aber Pro schlägt Contra klar: "Ich habe in diesem Jahr ungeheuer viel gelernt." Geld hin, Geld her - Jörg Gerlach ist ein Idealist. Und Idealismus ist sowieso unbezahlbar.

DER NOBELPREIS-KANDIDAT
Thomas Tuschl, 37, Biochemiker, Molekularbiologe und Genforscher, Rockefeller University, New York Morgens um zehn ist Kaffeepause, und Thomas Tuschl versammelt seine Mitarbeiter in einem kleinen Sitzungszimmer im zehnten Stock der Rockefeller University in New York City. Tief unten fließt der East River, und hier oben diskutieren sie nun über das Für und Wider der Forschung in Amerika. Es ist eher eine Diskussion über das Für. Tuschl, 37, sitzt am Kopfende des Tisches. Seine Mitarbeiter nennen ihn Tom, die Fachpresse "Wunderkind" und "Shooting Star". Er wird bereits als Anwärter auf den Nobelpreis gehandelt, weil er ein Prinzip entwickelt hat, mit dem Humangene abgeschaltet werden können - eben auch solche, die Krebs oder Aids auslösen. Tom Tuschl sieht das gelassener, viel bescheidener: "Es ist ein heißes Feld der Forschung, die Ergebnisse dienen der Medizin, und deswegen schauen so viele Leute darauf." Das Ausland jedenfalls wurde auf Tuschl alsbald aufmerksam, und Anfang vergangenen Jahres zog er mit seiner Frau von Göttingen nach New York City. Die Rockefeller University hatte ihm ein Start-up-Paket in Millionenhöhe geboten, damit finanziert er die ersten Jahre und einen Stab von Mitarbeitern aus der ganzen Welt. Junge Leute, wissbegierig wie er, der beste Nachwuchs der besten Unis. Gewiss, er hätte in Deutschland bleiben können, sie hätten ihm irgendwann eine C-4-Professur angeboten und damit "viel Bürokratie, viel Papierkram, wenig Forschung". Aber er wollte "den nächsten Schritt gehen" und den geistigen Austausch suchen mit den Besten der Besten. Kann sein, dass er irgendwann doch zurückkehrt, denn "die deutsche Forschung ist besser als ihr Ruf", sagt er und lobt besonders das "Biofuture"-Programm der Bundesregierung. Dann zieht es Thomas Tuschl zurück an seinen Computer. Er sagt: "Ich muss noch ein Patent anmelden."

DER RUHELOSE
Sebastian Thrun, 36, Professor für künstliche Intelligenz, Stanford University, Kalifornien, mit einem selbststeuernden Modellhelikopter Neulich im Karibik-Urlaub auf den Cayman Islands hat Sebastian Thrun sehr gelitten. "Wenn ich am Strand sitze, werde ich nervös", sagt er. "Ich bin fast verrückt geworden, weil ich lieber nachdenke und was Neues anfange." Daheim an der Uni Stanford bringt der Roboter-Experte zum Beispiel Modellhubschraubern bei, ohne menschliche Hilfe zu fliegen - keine leichte Aufgabe, denn "Hubschrauber sind wie ein Fön, der über dem Tisch schwebt", erklärt Thrun, als Kind ein eifriger Bastler mit Fischertechnik. Mit 27 wurde ihm zum ersten Mal eine Professur angeboten; das war noch vor seiner Promotion an der Universität Bonn, und natürlich kam das Angebot aus Amerika: "In Deutschland gab es überhaupt keinen Karrierepfad, der dem gleichkam." So ging Thrun nach Pittsburgh, an die Carnegie Mellon University, die Hochburg der Roboterforschung, machte sich einen Namen und bekam im vorigen Sommer eine Lebensstelle in Stanford angeboten. Eine schöne Leistung in seinem Alter? I wo, sagt der 36-Jährige: "Ich gehöre schon zum alten Eisen." In seinem Forschungsgebiet sei das kreative Potenzial Mitte dreißig weitgehend erschöpft. Deshalb findet er Juniorprofessuren "eine gute Sache", auch wenn das Konzept noch Feinschliff braucht: "Man muss den Leuten Verantwortung geben, wenn sie jung sind." Das Max-Planck-Institut wollte seinem Rat folgen und sprach mit ihm vor einigen Jahren über eine Stelle. Thrun beriet sich mit seiner Frau Petra, "aber es fühlte sich an wie der falsche Karriereschritt. Ich bin gerne Gastarbeiter."

DER UNTERNEHMER
Willy Wriggers, 35, Bio-Informatiker, University of Texas, Houston, mit Ehefrau Hilary in der heimischen Küche Willy Wriggers läuft immerfort zwischen zwei Gebäuden der University of Texas in Houston hin und her: Im einen steht ein Elektronenmikroskop, mit dem der 35-Jährige die Struktur von Erbmaterial untersucht; 200 Meter weiter tüfteln seine Mitarbeiter Computermodelle aus, die helfen sollen, die Baupläne der Natur besser zu verstehen. Das Ganze hat etwas Improvisiertes, weil Wriggers erst vor wenigen Monaten aus San Diego nach Houston gewechselt ist. Er war dort Juniorforscher am Scripps Institute - eine der besten Adressen in der Biomedizin. Doch nach drei Jahren hatte der gebürtige Ingolstädter das Gefühl, "dass mein Marktwert höher war als das, was Scripps bot". Houston lockte mit einer Doppelprofessur für Informatik und Molekularmedizin und finanzierte ihm den Aufbau eines eigenen Labors. Scripps dagegen beharrte auf Traditionen und Hierarchien. "Die hatten das europäische Modell, und dafür bin ich nicht in die USA gegangen. Ich wollte schon die Freiheiten nutzen, die sich hier bieten." In Houston wohnt Wriggers mit seiner Frau Hilary in einem schicken neuen Haus, er hat keinen Vorgesetzten, ein Team von acht Mitarbeitern und verwaltet einen Millionenetat. Der Einzige, dem er Rechenschaft schuldet, ist er selbst. "Im Grunde arbeiten wir hier wie Unternehmer", sagt er, "nur dass es nicht darum geht, sich persönlich zu bereichern." Den Preis für die Freiheit zahlt Wriggers gern: ständiger Wettbewerb um staatliche und private Fördergelder, gepaart mit einer hohen Erwartungshaltung. "Im Moment bauen wir auf, und das ist in Ordnung. Aber im nächsten Jahr müssen dann auch Resultate kommen."

DER DOKTORVATER
Alfred Spormann, 45, Professor für Mikrobiologie, Stanford, Kalifornien, in seinem Labor im "Bio-X Clark Center" Das Angebot für eine Habilitationsstelle schlug Alfred Spormann aus: "Ich wollte mein eigener Herr sein", sagt der Mikrobiologe, der an der Universität von Stanford so genannte Biofilme erforscht - Bakterien, die auf Oberflächen wachsen und für fast zwei Drittel aller Infektionen in Krankenhäusern verantwortlich sind. "Man kennt die Organismen, aber man weiß nicht, wo sie herkommen", erklärt Spormann. Wo er hinwollte, wusste der Wahlkalifornier sehr genau: In die USA zog es ihn wegen der Aussicht, nach der Promotion sofort eine Professur zu bekommen. "Damit lohnt es, sich voll reinzuknien", sagt er und verfällt - nach 15 Jahren kann das schon mal passieren - für einen Moment ins Englische: "You work your guts off", man ackert wie ein Irrer, "aber dafür ist es dann auch deins." Lohn der Mühe ist ein eigenes Labor im brandneuen "Bio-X Clark Center": "Spormann Lab" steht auf dem Türschild, und zum Team des 45-Jährigen gehören regelmäßig deutsche Nachwuchsforscher, derzeit zwei Doktoranden und zwei Postdoktoranden. "Von der Atmosphäre, von den Möglichkeiten ist das Arbeiten hier gar nicht mit Deutschland zu vergleichen", sagt Kai Thormann, einer der beiden Postdocs. "Es ist einfach enorm viel da, an Geräten und an Know-how." Für den 32-Jährigen stellt sich demnächst die Frage: Dableiben oder zurückgehen? Seine Frau, eine Physiotherapeutin, darf in den USA nicht arbeiten, deshalb steht die Entscheidung eigentlich schon fest. "Wenn sich in Deutschland eine gute Stelle auftut, gehen wir zurück", sagt Thormann. "Aber nicht mit Gewalt. Dies hier ist ein Traum - mit allem, was dazugehört."

DIE UMWORBENE
Maria Grunwald, 35, Biochemikerin in Harvard, hier auf der Job-Messe "European Career Fair" in Boston Am Anfang hat sich Maria Grunwald noch gewundert. Da wurde ihr bei Bewerbungsgesprächen an amerikanischen Forschungsinstituten der rote Teppich ausgerollt. Zwei Tage lang kümmern sich Kollegen um die Bewerber und buhlen um die besten Kandidaten. In Deutschland, so sagt sie, "ist das völlig undenkbar. Da ist man immer in der Bittstellung. Da ist man einer von zehn Bewerbern, die an einem Tag abgefertigt werden. Das ist kontraproduktiv und wird der Sache nicht gerecht." Die Kielerin kam vor neun Jahren in die USA und will im Moment nicht mehr zurück. Sie schrieb ihre Doktorarbeit in Baltimore, machte ihren ersten Postdoc in Berkeley und ist nun Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Alzheimer-Forschung an der Harvard Medical School. "Hier ist alles so viel effizienter", sagt sie. "Hier ist die Haltung: ,Let?s get things done". Ich kenne viele, die ihre Rückkehr nach Deutschland sehr bereut haben. Es gibt einfach nicht genug Geld für die neuesten Geräte und wenig Aussichten auf Professorenstellen. Und die Pläne der Regierung jetzt greifen viel zu kurz." Wenn Maria Grunwald vom Wissenschaftsstandort Deutschland spricht, tut sie dies mit Besorgnis über ein unflexibles Land, das Probleme mit der Zukunft haben wird. "In den USA ist man offener für Karrierewechsel und flache Hierarchien. Selbst das Alter spielt keine große Rolle. Deutsche Unternehmen und Professoren sehen das anders und viele Entscheidungen sind noch an die Altersstruktur gebunden." Sie spielt nun mit dem Gedanken, die Universität zu verlassen und eine Karriere in der Industrie zu beginnen. "In den USA gibt es weitaus mehr Entwicklungsmöglichkeiten. Meine berufliche Zukunft sehe ich hier." Angst um den Arbeitsplatz hat sie nicht. Die Frage ist eher: Wer gewinnt das Rennen um sie?

DIE KARRIEREMUTTER
Gabrielle Heilek-Snyder, 37, Palo Alto, Kalifornien, in ihrem Labor beim Pharmakonzern Roche Biotechnologie interessierte Gabrielle Heilek-Snyder schon immer, so blieb sie nach ihrer Promotion an der Universität von Santa Cruz gleich in Kalifornien. "Deutschland war 1995 noch nicht so weit", sagt sie. "In Nordkalifornien mit etwa 400 Biotech-Firmen gibt?s fast alles, was man will." Bei Roche testet sie neue Medikamente auf ihre Wirksamkeit gegen Viren. Zudem haben es berufstätige Mütter in Amerika leichter, findet Heilek-Snyder, deren Mann Tim bei der Nasa beschäftigt ist: "Obwohl wir hier mehr arbeiten, ist das Leben weniger stressig." Einkaufen nach Büroschluss - kein Problem. Roche hilft bei der Kinderbetreuung für Sohn Colin. Was der gebürtigen Oberbayerin fehlt, ist ein richtiger Winter: "Da müssen wir immer in den Schnee."

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