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28. August 2009, 09:15 Uhr

Worst Case Mecklenburg

Jede Regel hat ihre Ausnahme - das gilt auch für die "Generation Krise": Bei einem Symposium der Bundesärztekammer zeigt sich ein Ausweg für alle, die genug von schlecht dotierten Zeitverträgen haben: Arzt werden. Eine Glosse von Johannes Schneider

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Suchen nach Work-Life-Balance: Medizinstudentinnen an der Uni Leipzig© Waltraud Grubitzsch /DPA

Es sieht immer noch so schön aus wie vor einem Jahr: Wenn sich in deutschen Großstädten die Kolonnen der "Digital Natives" auf standesgemäß undigitalem Gefährt (Fahrrad) von Altbau zu Altbau bewegen, hat es nach wie vor etwas Erhabenes. Jahrelang fuhr man ja auch nicht einfach nur so, man fuhr mit Gestus: "Schaut her, wir sind jung und klug aber wir brauchen keine 50.000 Euro für einen neuen Benz, wir brauchen nur 500 Euro für ein gebrauchtes Macbook." Noch immer spielt der Sommerwind an den Umhängetaschen wie einst, als es jederzeit irgendwie weiterging.

Aber jetzt ist Krise! Und die ersten wissen schon nicht mehr, wohin sie radeln sollen - vom Arbeitsamt mal abgesehen. Ratlos steht oder sitzt der "moderne Performer" dort in der Schlange und fragt sich, warum er nicht mehr performen darf. Hat er nicht alles getan, um über dem "Cut" rauszukommen? Hat er nicht neben dem Studium acht unbezahlte Praktika bei zwielichtigen Werbeagenturen gemacht? Seine Seele an die PR-Abteilung irgendeines Energieriesen verkauft - für 500 Euro im Monat? Hat Modestrecken betextet, gegen Geld Diplomarbeiten geschrieben und Schlagertexte verfasst? War er nicht immer so darwinistisch und opportunistisch oder sogar "darwiportunistisch", wie es ihm die Soziologen nachsagen?

Das schöne Bild von der digitalen Bohème hat Kratzer

Das schöne Bild von der digitalen Bohème hat Kratzer, auch wenn die bis zu einem gewissen Alter gar nicht auffallen: Aber spätestens, wenn Kinder kommen, möchte selbst der eingefleischteste Postmaterialist gerne das Macbook gegen ein gesichertes Einkommen tauschen, und den Stammplatz im Latte-Café gegen eine Wohnung ohne Brikettofen, dafür mit Tagesmutter. "Mein größter Fehler war das Kunstgeschichte-Studium", hallt es durch verslummende Szene-Bezirke.

Wer noch ein Elternhaus zu verkaufen hat, sollte dies schleunigst tun - bald ist es eh nichts mehr wert. Mit dem Geld könnte er ein Zweitstudium der Medizin beginnen. Dann, so wurde nun bei einem Symposium der Bundesärztekammer in Berlin deutlich, wäre er das, was man auf dem Arbeitsmarkt immer sein sollte: eine Rarität. Er gehörte fortan zu einer umworbenen Schicht, die sich entscheiden kann zwischen universitärer Forschung, Spitzenverträgen im Ausland oder der - vor dem Hintergrund der Alternativen - mehr und mehr freiwilligen Aufopferung in einer mecklenburgischen Landarztpraxis oder einem unterbesetzten Krankenhaus.

"Zur Not mach' ich Mecklenburg!"

Man wolle "den Weg in den Arztberuf wieder freimachen", rief Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, zu einer umfassenden Verbesserung der Arbeitsbedingungen für junge Ärzte auf. Wohl dem, der so eine Lobby hat. Als habe es die Krise nie gegeben, referierte im Anschluss Andreas Botzlar, der stellvertretende Vorsitzende des Marburger Bundes: Man habe es bei den jetzigen Studienabsolventen - er beschränkte dies nicht auf Mediziner - mit einer Generation zu tun, die vor allem eins wolle: eine gesunde "Work-Life-Balance", am besten noch "bei der Arbeit leben". "Der Auszubildende heute will Spaß bei der Sache, sonst geht er woandershin", weiß Botzlar.

Wenn es denn ein "woanders" gibt, wohin er gehen kann. Aber natürlich hat es dieses Problem in Botzlars Welt nie gegeben, zumindest nicht seit dem Ende der Ärzteschwemme zu Beginn des Jahrtausends. Unter den Akademikern sind Mediziner die großen Gewinner zwischen Weltwirtschaftskrise und demographischem Wandel: Während landauf, landab Hochqualifizierte erfolglos nach Festanstellungen angeln, fällt der approbierte Jungmediziner - wenn er fällt - weich. Das Schlimmste, was ihm passieren kann, ist nicht, Hartz IV zu empfangen, sondern Hartz IV-Empfänger zu behandeln. "Zur Not mach' ich Mecklenburg", sagt er. Machte er das wirklich, wäre das zwar couragiert, seine bürgerliche Existenz aber zu keiner Zeit ernsthaft bedroht.

"Studier' doch Medizin!" Wir hätten auf die alten Tanten hören sollen.

Eine Glosse von Johannes Schneider
KOMMENTARE (1 von 1)
 
Eisenbaer (29.08.2009, 12:01 Uhr)
In unserem Konzern arbeiten viele Mediziner...
...die wenigsten jedoch als Ärzte. Es ist hingegen festzustellen, dass eine gute medizinische Ausbildung, insbesondere mit Schwerpunkt auf die Chirurgie, eine gute Grundlage bildet um erfolgreich als Projektmanager tätig zu sein. Dieser Drill in den medizinischen Fakultäten hinsichtlich einer Prozess gesteuerten Arbeitsweise nach Schema "F" lässt sich 1:1 auf die Arbeitsweise der "Maschinen" in der Informatik anwenden. - Mit einem Kunstgeschichte-Studium hingegen, was wollen Sie damit in der Industrie? Die "Schönheit des Stahlwerks in der Sicht der zeitgenössischen Künstler im ausgehenden 19. Jahrhunderts" analysieren? Und wem sollte das für die Zukunft etwas bringen??? Künstler haben die falsche Blickrichtung: sie stellen dar, was war. Die Industrie braucht aber Leute, die nach vorne sehen und erkennen, was noch kein anderer sah.
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