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Die Wüste lebt

Zu den ersten Kunden von Geohumus gehören natürlich die reichen Scheichs. Sie haben Golfplätze, Gärten und Geld - aber viel zu wenig Wasser.

Von Elke Schulze

Ein Büro im grauen Industriestadtteil Frankfurt-Fechenheim. Inmitten der Bürobauten aus den 60er und 70er Jahren eröffnet sich auf einmal ein zauberhafter Blick: Ein riesiger Garten mit Obstbäumen und Bambusbüschen. Saftig wächst und blüht es hier. Als hätte Firmenchef Wulf Bentlage sein Produkt zuallererst in diesem Garten erprobt: Das Zaubermittel, das Pflanzen auch ohne häufiges Gießen wuchern lässt.

Der Garten war es, weshalb sich Bentlage hier eingemietet hat. Seit ein paar Jahren lebt er mit Frau und Tochter in dem zweistöckigen Wohnhaus. In einem Anbau ist seine Firma "Geohumus International" untergebracht. Elf Mitarbeiter hat sie schon.

Geohumus, das sind graue, gummiartige, recht unscheinbare Bröckchen, die es in sich haben: Mit Wasser quellen sie auf und speichern bis zum 30-fachen ihres eigenen Gewichts. Bentlage zeigt auf mehrere Blumentöpfe, aus denen Gras mal spärlich sprießt, mal hellgrün wuchert. "Ein Esslöffel Geohumus pro Topf, und das Gras wächst über eine Woche ohne Gießen", beteuert er. Tatsächlich ist das Ergebnis in den Töpfen, die ohne das Zaubermittel auskommen müssen, eher kümmerlich.

Ausgedacht haben sich das Ganze Dr. Reinmar Peppmöller und Gerhard Fabritz. Sie waren es auch, die die Erfindung Geohumus weltweit als Patent anmeldeten. Peppmöller war dabei vor allem für den chemischen Bereich der Erfindungn zuständig. Er entwickelte einen Weg, wie die Hauptbestandteile des Geohumus - gemahlenes Lavagestein, Silikate und ein kristalliner Stoff, Superabsorber genannt - so miteinander reagieren können, dass die Partikel sich nicht wieder voneinander lösen und der Absorber gespeichertes Wasser wieder abgeben kann. Das Ganze funktioniert nach dem gleichen Prinzip, das auch in den Wegwerfwindeln von Pampers wirkt. Kern ist ein Hydrogel - ebenfalls von Peppmöller erfunden -, das die Flüssigkeit aufsaugt. Doch im Gegensatz zum Windel-Gel soll die gespeicherte Flüssigkeit aus dem Geohumus wieder herauskönnen.

Ein Problem, das ohne Peppmöllers hartnäckiges Forschen vermutlich noch lange Zeit ungelöst geblieben wäre: Die Krefelder Chemiefirma, für die er ursprünglich arbeitete, wurde 1995 von Degussa übernommen. Die machte die Superabsorbersparte für den Einsatz im Agrarsektor kurzerhand dicht und schickte Peppmöller in den Ruhestand. Der richtete sich in der heimischen Garage ein Privatlabor ein und fand nach sieben Jahren die Rezeptur für Geohumus.

Interessenten in Saudi-Arabien

Dem gelernten Mediziner Wulf Bentlage war der Nutzen sofort klar, als er von dem Geistesblitz in der Verwandtschaft hörte. Er übernahm die Vermarktung der Idee und gründete zusammen mit Fabritz und Peppmöller Anfang 2005 die Firma. Über das Wirtschaftsministerium des Landes Hessen lernte der umtriebige Bentlage, der bis jetzt sein Geld mit Branchenbüchern verdient, einige Mitglieder der Herrscherfamilie von Saudi-Arabien kennen. "Damit war die größte Hürde genommen", sagt er. Anschließend kam noch der Kontakt zum Herrscherhaus von Dubai zustande. Auch dort zeigte man sich von der Erfindung durchaus angetan. Schließlich verbraucht allein einer der bekanntesten Golfplätze Dubais Wasser für 250.000 Euro im Monat.

Bentlage träumte von nun an von Wüsten, die begrünt werden können, und von Golfplätzen, die nicht mehr ständig bewässert werden müssen. Schließlich ist Wasser ein knappes Gut - und in den Wüsten entlang des Persischen Golfs sogar kostbarer als Öl.

Erfolgreicher Test mit Dattelpalmen

Unternehmer Wulf Bentlage setzte voll auf die Scheichs im Nahen Osten. Dort, beschloss er, sollten die ersten Kunden sitzen, und so fuhr er hin. "Die Straße von Dubai nach Abu Dhabi ist durchgängig bepflanzt, damit es nicht zu Sandverwehungen kommt", beschreibt er seine ersten Eindrücke. "Das muss alles künstlich bewässert werden. Und mit Geohumus kann man dort etwa die Hälfte des Bewässerungswassers einsparen." So versprach er es den potenziellen Kunden - und musste den Beweis antreten: An der Uni Al Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde ein Feldversuch mit Dattelpalmen in Auftrag gegeben, von denen jede einzelne pro Tag 300 Liter Wasser benötigt. Tatsächlich wuchsen Blätter und Wurzeln der Palmen mit der optimalen Geohumus-Mischung im Topf schneller und kräftiger. Der Durchbruch für Geohumus.

Innerhalb weniger Monate kurbelte Bentlage eine eigene Produktion in Deutschland an. Tonnenweise exportiert er inzwischen in die Emirate am Persischen Golf, aber auch nach Saudi-Arabien. Bis jetzt musste er allerdings vor allem investieren. "Wäre schon gut, wenn die ersten Millionen der Saudis schon mal auf dem Konto wären", lacht er und sagt: "Geld ist nicht so wichtig. Der Nervenkitzel muss stimmen."

Bentlage ist nicht der Typ Unternehmer, der sich die Nächte mit langen Zahlenkolonnen und ausgefeilten Prognosen um die Ohren schlägt. Er lebt hier und jetzt, arbeitet in der Regel höchstens acht Stunden am Tag, um für seine Familie genügend Zeit zu haben. In diesen acht Stunden aber ist er ständig in Bewegung.

Bisher immer Glück gehabt

Und irgendwie hat bis jetzt für Geohumus alles gepasst: Als er anfangen wollte, die Produktion aufzubauen, wurde auf einem ehemaligen Hoechst-Firmengelände, das direkt an seinen Garten grenzt, eine Halle frei. Die dort noch stehende Laborausrüstung konnte er für ein Zehntel des Anschaffungspreises kaufen. Er stellte ein paar Leute ein, und sie experimentierten damit, Geohumus im größeren Stil herzustellen.

Inzwischen hat sich die Produktion eingespielt: Die Zutaten werden in einem Bottich angesetzt und entwickeln während der chemischen Reaktion Wärme. Nach ein paar Stunden wird die Masse gestürzt. Groß und grau stehen die etwas schrumpeligen Klumpen einen Tag zum Abkühlen herum, bevor sie dann von Hand in kleine Stücke gesägt werden, die in den Schredder passen.

Natürlich könnte man auch eine vollautomatische Säge anschaffen, doch die wäre teuer. Und die Frankfurter Geohumus-Produktion sieht Bentlage auch eher als großen Laborversuch. Praktischer sei es, wenn vor Ort produziert werde. Bald soll es so weit sein: In Abu Dhabi könnte die erste Großanlage entstehen. Jahreskapazität: 100.000 Tonnen. Das wäre sinnvoll, denn Geohumus ist zwar sehr nützlich, aber auch ein Produkt mit einem Verfallsdatum: Nach drei bis fünf Jahren lässt die Wasserhaltekraft nach. Dann muss wieder neuer Geohumus, dessen Rückstände unschädlich sind, unter den Boden gemischt werden.

Ziel: Geld machen mit Lizenzen

Später seien auch kleine, transportable Anlagen denkbar, die in einen Standardcontainer passen. Die Rohstoffe könnten nach Bedarf angeliefert und die Produktion vielleicht sogar über Satellit gesteuert werden. "Der Kunde zahlt dann nur eine Gebühr für die Nutzung der Anlage und die produzierte Menge", schwärmt Bentlage. "Das ist noch Zukunftsmusik", gesteht er. "Aber machbar", fügt er schnell hinzu und lacht dabei: "Ich will ja nicht Fabrikbesitzer in Riad werden." Dann springt er in seinen Geländewagen und braust los, um mit einem Baukonzern über die Großanlage für Abu Dhabi zu verhandeln. Auf lange Sicht will die junge Firma ihr Geld nur mit Lizenzen verdienen, die für den Anlagenbau vergeben werden. Herstellen sollen den Geohumus ruhig andere. Schließlich ist er mit Patenten ja wasserdicht geschützt. Und seine märchenhaft grüne Oase mitten in Frankfurt, die will der Unternehmer auf keinen Fall dauerhaft verlassen.

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