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"Unicheck" und die lieben Lobbyisten

Auf der Internetplattform "Unicheck.de" sollen Studenten bewerten, wie ihre Hochschulen mit ihren Studiengebühren wirtschaften: Wird das Geld sinnvoll eingesetzt - oder nicht? Doch wie neutral ist "Unicheck" wirklich? Eine Spurensuche von stern.de.

Von Matthias Lauerer

Bis zu 500 Euro müssen Studenten mittlerweile auf den Tisch legen, um die Unibank drücken zu dürfen. Eine satte Summe für das Gros der notorisch klammen Studis. Noch gibt es zwar einige gebührenfreie Bundesländer, sieben haben die umstrittenen aber bereits eingeführt. Doch wo landen die Euros der Studenten? Werden sie sinnvoll genutzt, um die Studienbedingungen zu verbessern? Oder dienen sie lediglich dazu, Haushaltslöcher zu stopfen?

Als inoffizielle Kontrollinstanz ging Anfang April 2007 die Internetseite "Unicheck.de" an den Start. Hier berichten und bewerten Studenten, was die Universitäten mit ihren Studienbeiträgen anstellen. Doch ist die Seite "Unicheck.de" wirklich neutral und so unschuldig studentisch, wie sie vorgibt?

Wer steckt hinter der Seite?

"Unicheck.de" wirbt in eigener Sache mit dem schlichten Slogan: "Abstimmen und Mitbestimmen". Studenten können sich auf der Seite kostenlos eintragen, um dann ihre jeweilige Hochschule zu bewerten. 23 Fragen, angeblich wissenschaftlich untermauert, dienen dabei der Wahrheitsfindung. Zweimal pro Jahr verkünden die Betreiber der Seite dann das exakte Abstimmungs-Ergebnis per Pressekonferenz.

Zunächst eine gute Idee. Doch hinter der harmlosen Seite steckt eine der mächtigsten deutschen Lobby-Gruppen, die sich seit Jahren für Studiengebühren einsetzt: Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, kurz . Sie betreibt ihren massiven Feldzug für den Umbau des deutschen Sozialstaates.

Mächtige Geldgeber

Gegründet wurde die Lobby-Vereinigung im Jahr 2000 im Auftrag des Arbeitgeberverbandes . Bis zum Jahr 2010 will der Verband jährlich 8,8 Millionen Euro in die INSM stecken. So kommt bis 2010 die stattliche Summe von 88 Millionen Euro zusammen.

Als äußerst prekär entpuppt sich der INSM-Slogan: "Sozial ist, was Arbeit schafft". Er ist eine leichte Abwandlung eines Werbespruchs, den Medien-Mogul Alfred Hugenberg 1933 in Zeitungsannoncen drucken ließ. Hugenberg warb damals mit den Worten: "Sozial ist, wer Arbeit schafft" für seine Deutschnationale Volkspartei (DNVP). Pikant: Das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) bezeichnete Hugenberg im März 2005 "als Wegbereiter der nationalsozialistischen Herrschaft". Da wundert es auch nicht weiter, dass die studentischen Macher von "Unicheck.de" INSM als einen ihrer Geldgeber bei Bedarf geheim halten.

Als das Portal an den Start ging, schrieb etwa Thorsten Schröder, der mit zwei weiteren studentischen Kräften in Köln an der Seite bastelt, an alle Allgemeinen Studierendenausschüsse (AStA) in Deutschland eine E-Mail: "Wir diskutieren nicht mehr, ob Gebühren oder nicht, sondern jetzt sind sie da und wir schauen, was wird mit Eurem Geld gemacht." Selbst wenn man von Schröders holprigem Deutsch absieht: In der Mail fehlte der - für Studiengebührengegner möglicherweise entscheidende - Hinweis auf den Geldgeber.

Von Journalisten darauf hingewiesen, reagierten die Portal-Betreiber mit einer Glosse. Unter der Überschrift "Gute Zungen, Bösen Zungen" leugnen sie dies mit folgenden Worten: "Die Reporterzungen hatten eine Einladung bekommen, in der alles drinnen stand. Sie haben geschrieben, dass wir absichtlich nicht sagen, dass wir ein Projekt der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft sind. Dabei stand das doch in der Einladung! Komische Zungen." Stil und Inhalt der Glosse rücken die Kompetenz von "Unicheck.de" als inoffizielle Kontrollinstanz in ein fragwürdiges Licht.

Unterstützer springen ab

Die NRW-Verbraucherzentrale hat jedenfalls nach nur zweimonatiger Kooperation die Zusammenarbeit mit "Unicheck" Mitte Juni beendet. Den Grund umschreibt Pressesprecherin Gerlinde Waschke diplomatisch: "Wir haben sehr viel harsche Kritik aus der Öffentlichkeit einstecken müssen und haben dann einen Rückzieher gemacht. Denn wir wollten uns nicht mit einer Sache gemein machen, die auf vielen Seiten so auf Kritik stößt."

Im Gegensatz zur NRW-Verbraucherzentrale unterstützen die Magazine "Guter Rat", "Unicum" und die "Financial Times Deutschland" "Unicheck.de" weiterhin. Auch hier dürften Gegner der Studiengebühren aufhorchen: Die "Fincancial Times" spricht sich auf der "Unicheck"-Homepage für Studiengebühren aus, während das seit 1983 bestehende Studentenmagazin "Unicum" "weder dafür noch dagegen" ist. Und der Link zum Verbrauchermagazin "Guter Rat"? Der ist tot. Immerhin räumt "Unicheck-Projektleiter" Voigt auf Nachfrage wie selbstverständlich den "journalistischen Input" der Partner-Medien ein. Und sagt weiter: "Natürlich erarbeiten die Redaktionen mit uns gemeinsam verschiedene Artikel, oder stellen uns ihre zur Verfügung, wenn diese passen könnten."

FH Deggendorf ist Spitzenreiter

Und wer trotz Lobbyunterstützung und fragwürdiger Glossen wissen will, welche Hochschule nach Meinung der "Unicheck"-User am besten mit den Gebühren umging, der muss sich bis zum jeweilig letzten Tag des Semesters gedulden. Dann verkündet die Truppe immer ihr exaktes Abstimmungs-Ergebnis auf einer Pressekonferenz. Übrigens: Aktuell führend im Umgang mit den Geldern ihrer Studierenden ist laut Ranking die FH Deggendorf, gefolgt von der FH Offenburg.

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