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Soviel ist ein Job wert

Mit Geld und verlockenden Versprechen will DaimlerChrysler möglichst schnell 8500 Arbeitnehmer zur freiwilligen Kündigung bewegen. Einige haben schon zugegriffen.

Michael Hetzel ist 35 Jahre alt, arbeitet seit 17 Jahren in der Pleuelstangenfertigung bei Daimler-Chrysler in Untertürkheim. Jetzt zahlt ihm die Firma 120 000 Euro dafür, dass er nie mehr zur Arbeit kommt. "Ich habe das große Los gezogen", freut sich Hetzel. Mit seiner Frau Annette, 37, den drei Huskys, zwei Mischlingen und den Hundeschlitten wandert er nun nach Kanada aus.

Hetzel hat sofort zum 31. Oktober gekündigt, als bekannt wurde, dass Mercedes Mitarbeiter mit satten Abfindungen loswerden will. Das Geld wird auf einen Schlag ausbezahlt. Steuerfrei sind 11 000 Euro. Auf den großen Rest müssen Lohnsteuer, Soli und gegebenfalls Kirchensteuer gezahlt werden. Kein Cent fließt dagegen in die Kassen der Renten-, Arbeitslosen- Pflege- und Krankenversicherung. Im Fall von Michael Hetzel bleiben nach Steuern von 120 000 Euro rund 70 000 Euro übrig.

Mercedes-Chef

Dieter Zetsche wünscht sich noch viel mehr solcher Aussteiger. Schließlich will er in seinen deutschen Werken bis März nächsten Jahres 8500 Leute loswerden, koste es, was es wolle. Insgesamt 950 Millionen Euro liegen dafür in der Konzernkasse parat. Doch bisher haben nur ein paar hundert Mercedeswerker zugegriffen. Es sind vor allem Abenteurer wie Hetzel, die nur auf einen Anlass gewartet haben, zu kündigen. Oder gut ausgebildete und risikobereite Arbeitnehmer, die sich auf dem Arbeitsmarkt bessere Karrierechancen als bei Daimler erhoffen. Die große Mehrheit der 93 000 Beschäftigten zögert. Viele verlangen zunächst ein Zwischenzeugnis, um damit auf Jobsuche zu gehen.

Erst im vergangenen Jahr hatte der Autokonzern mit seinen Mitarbeitern einen Pakt geschlossen, der betriebsbedingte Kündigungen bis 2012 ausschließt. Nun muss das Unternehmen den freiwilligen Ausstieg der Beschäftigten teuer bezahlen. Bis zu 275 000 Euro können Mitarbeiter bekommen, wenn sie sofort kündigen. Den Spitzensatz kassiert beispielsweise ein 50-Jähriger, der sofort geht. Er bekommt einen Sockelbetrag von 20 000 Euro, einen Turbozuschlag für Schnellentschlossene von 25 000 Euro und 40 Bruttomonatsgehälter. Im Durchschnitt zahlt das Unternehmen etwa 100 000 Euro für eine Kündigung.

Cash für Kündigung - mit dieser aus den USA bekannten Methode verschlanken jetzt viele Konzerne ihre Belegschaften. Die Telekom will 3,3 Milliarden Euro investieren, um künftig mit 32 000 Menschen weniger auszukommen. Bei VW sollen nach Experten-Schätzungen10 000 Werktätige mit dem goldenen Handschlag verabschiedet werden. Vorreiter des Stellenabbaus per Abfindung war Opel. 9000 Beschäftigte werden mit bis zu 300 000 Euro pro Kündigung abgefunden. Insgesamt gibt die Tochtergesellschaft von General Motors (GM) dafür in den deutschen Werken eine Milliarde Euro aus.

Computerfachmann Robert Esslinger, 41, aus Vöhringen ist seit 14 Jahren im Werk Sindelfingen beschäftigt und wagt den Abgang, obwohl er noch keinen neuen Job hat. Er hat Herzprobleme und will sich eine Auszeit gönnen. "Wenn ich keine Stelle finde, werde ich Hausmann", sagt er. "Völlig freiwillig!" ruft seine Frau Eva Schweikle, 43, sofort und beide lachen. Sie verdient als Medizinisch-technische Assistentin im Werksärztlichen Dienst von Daimler rund 2000 Euro netto, er kassiert 100 000 Euro netto Abfindung. "Wir haben es durchgerechnet: Wir können uns den Luxus leisten, dass Robert bald mehr Zeit hat", sagt seine Frau.

Markus Schwehla, 30, reagierte spontan und griff beim Angebot von 70 000 Euro netto zu. Seit seiner Ausbildung zum Kfz-Mechaniker vor zwölf Jahren arbeitet er für den Konzern, derzeit in der Vorderachsproduktion in Untertürkheim. "Freitags wurde das Abfindungsprogramm verkündet, montags war ich im Personalbüro", erzählt er. Denn Schwehla will sich einen Traum erfüllen: "Ich mache eine Ausbildung zum Tanzlehrer." Klar, es gebe das Risiko, mit dem Jobwechsel auf die Nase zu fallen, gesteht er, doch Salsa und Tango bedeuten ihm mehr als der sichere Arbeitsplatz. "Ein Traum wird plötzlich wahr", titelte die Mitarbeiterzeitung "Werktag" über Schwehlas Plan, um noch mehr Aussteiger zu rekrutieren.

Betriebsrat Georg-Dieter Bell

von der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM) hält Leute wie Schwehla für blauäugig: "Manche können nicht rechnen, lassen sich von großen Summen blenden. Manche sagen aus einer Notsituation heraus ja, weil sie Schulden abzahlen wollen." Der Betriebsrat warnt sogar: "Die laufen in die Armut!" Und macht folgend Rechnung auf: Die Abfindungssummen sehen zunächst hoch aus, sind aber Bruttobeträge. Mancher Häuslebauer wittert nur die Chance, seine Schulden abzuzahlen, übersieht aber das Risiko, lange Zeit arbeitslos zu sein. Die zwölfwöchige Sperrzeit beim Arbeitslosengeld gleicht das Unternehmen zwar aus, doch bei längerer Arbeitslosigkeit werde die Abfindung wegen Hartz IV "ruckzuck vervespert". Dann wird das Geld als Vermögen angerechnet, und aus der Sozialkasse fließt keine Unterstützung mehr.

"Viele haben Angst, rausgemobbt zu werden. Es wird subtil Druck gemacht", beobachtet Betriebsrat Oliver Hilburger von der CGM. Mitarbeitern, die oft krank waren, sei im Frühjahr in "Eskalationsgesprächen" signalisiert worden, dass ihr Arbeitsplatz in Gefahr ist. Jetzt werde diesen Leuten nahe gelegt, "freiwillig" zu gehen. Hilburger hat den Kalender voll mit Terminen, bei denen er Kollegen zu Gesprächen ins Personalbüro begleitet. Denn jeder Mitarbeiter wird vorgeladen, auch wenn er klipp und klar gesagt hat, dass er bleiben will.

Weil es gute Gründe gibt, seinen Arbeitsplatz nicht zu verkaufen, hält der Bremer Betriebsratschef Udo Richter die angepeilte Zahl von 2700 freiwilligen Abgängern für das dortige Mercedes-Werk für illusorisch: "Bei einer Arbeitslosigkeit von 15 Prozent in Bremen und Niedersachsen muss man sich genau überlegen, ob man kündigt." In Untertürkeim wurden die Personalberater schon zu einer Krisensitzung zusammengerufen, weil zu wenig Beschäftigte angebissen haben.

Eine freiwillige Kündigungswelle wird es womöglich im Frühjahr geben, wenn die 53-jährigen und älteren Mercedes-Mitarbeiter ihre Frühpensionierung anmelden können. Bis zum tatsächlichen Renteneintritt sollen sie 80 Prozent ihres letzten Monatsnettoeinkommens bekommen, verspricht das Unternehmen und empfiehlt folgendes Modell: Der "Jungrentner" kündigt Ende Feburar 2006 mit 53 Jahren und meldet sich arbeitslos. Die ersten Monate bekommt er kein Arbeitslosengeld, weil er selbst gekündigt hat. Hier springt der Konzern mit Zahlungen ein. Ein Jahr lang bezieht der Frührentner dann Arbeitslosengeld I. Danach muss er von der Abfindung leben. Mit 62 Jahren geht er dann richtig in Rente.

Was die Offerte taugt, ist bei Mercedes-Leuten umstritten. Während der IG-Metall-Mann und Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm sie "großzügig" nennt, warnt CGM-Betriebsrat Bell vor diesem Schritt aufs Altenteil. "Statt wie versprochen 80 Prozent des Gehalts bleiben 65 Prozent."

Viele Beschäftigte fürchten,

dass sich spätestens nach Auslaufen des Paktes 2012 die Arbeitsbedingungen drastisch verschlechtern. Horst Rahr, 46, aus Calw verabschiedet sich deshalb schon jetzt aus der Sitzfertigung in Sindelfingen. Versüßt wird ihm der Ausstieg mit 95 000 Euro netto. Nun sucht er einen "ruhigen Job" als Staplerfahrer. "Bis März habe ich was", ist er sich sicher. Rahr weiß aus Erfahrung: Wer zu spät geht, den bestraft das Leben. In Kiel wurde sein damaliger Arbeitgeber "aufgekauft und platt gemacht". 1988 zog er in den Schwarzwald, um bei Bauknecht in Calw zu arbeiten. "Alle, die dort nicht rechtzeitig gegangen sind, sind hinterher mit viel weniger Geld rausgeschmissen worden", sagt er. So kam er vor acht Jahren zu Daimler.

Kanada-Auswanderer Hetzel hat seinen Hausstand und die Hundeschlitten schon im Überseecontainer verstaut. In der kanadischen Provinz Manitoba hat er ein landstypisches Mobile Home gekauft, zweieinhalb Hektar Land gepachtet. Einen Job als Metaller hat er auch schon gefunden. "Ich hatte drei Zusagen", sagt er. In Kürze wird seine Frau Annette nachkommen, zusammen mit den Hunden. Die werden sie dann vor die Schlitten spannen - und die neue Freiheit genießen.

Markus Rittgerott/print
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