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3. April 2009, 11:23 Uhr
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Flucht von der grünen Insel

Zu Tausenden kamen junge Deutsche nach Irland, um Karriere in dem Boomstaat zu machen. Nun steht das Land am Rand des Bankrotts - und viele Auswanderer denken an die Rückkehr. Von Claus Hecking, Dublin

Irland, Krise, Auswanderer

Irland am Abgrund: In Dublin demonstrieren Bürger gegen die Krisenpolitik der Regierung© Peter Morrison/AP

Da bewegt sich ja doch noch was!", ruft Henrike Schmidt und deutet auf das halb fertige Grand Canal Theatre. Zwei Arbeiter werkeln an den überlebensgroßen Stahlträgern des Gebäudes herum, das nach den Plänen des Stararchitekten Daniel Libeskind einmal 2000 Besucher fassen soll. Ansonsten ist die riesige Baustelle so gespenstisch leer wie alles in Dublins Docklands. Hier im alten Hafen sollte das neue Irland entstehen: ein Vorzeigeviertel voller Büropaläste, Designerhotels, Boutiquen und schicker Apartments für zahlungskräftige Aufsteiger. Ein Ort für Menschen wie Henrike Schmidt, die Einwanderin aus Deutschland.

Doch Schmidt wird nicht in den zugigen Geisterstadtteil umsiedeln. Im Gegenteil: Die Recruiterin eines großen Dubliner Personalvermittlers ist gerade auf dem Sprung. Sie plant, Irland nach vier Jahren zu verlassen. Weg von der Insel, auf der sie ihr Glück gefunden hat. Wo die junge, rothaarige Darmstädterin ihren Partner kennengelernt und weiße, einsame Strände zum Surfen entdeckt, wo sie Karriere gemacht und viel Geld verdient hat.

"In Deutschland ist die Lage wesentlich stabiler."

Nun ist alles anders: Die Wirtschaftskrise hat Irland ergriffen und Schmidts Auftragsbücher geleert. Plötzlich muss die 30-Jährige feuern statt heuern. "Es ist nur noch deprimierend", sagt sie. "Kürzlich habe ich mein gesamtes eigenes Team entlassen müssen." Und weil sie Angst hat, als Nächstes selbst dran zu sein, bewirbt sie sich weg. Noch ein paar Tage, dann hat sie ein Vorstellungsgespräch in München. "In Deutschland ist die Lage wesentlich stabiler als hier."

Gehen oder bleiben? Diese Frage stellen sich gerade viele der rund 10.000 Deutschen in Irland. Zu Hunderten, Tausenden kamen sie nach der Jahrtausendwende auf die Insel des Aufschwungs: junge Berufseinsteiger, die dem ökonomischen Stillstand und der Aussicht auf ein Dauerpraktikanten-Dasein daheim entfliehen wollten. Sie nahmen teil am keltischen Wirtschaftswunder, sie machten Karriere bei Intel, Pfizer oder im boomenden Bankensektor. Nun ist der Rausch vorbei. Irlands Wirtschaft steht vor dem Zusammenbruch - und die Einwanderer bangen, mitgerissen zu werden. Manche aus der Generation Goodbye sind schon in die Heimat zurückgekehrt, andere zögern. Sie haben Wurzeln geschlagen, wollen ihren Traum nicht aufgeben.

Deutsche Auswanderer konnten sich die Jobs damals aussuchen

Auch Henrike Schmidt ist in Dublin durchgestartet. Als die damals 26-Jährige im Juni 2005 ankommt, ein Lehramtsstudium in der Tasche, gerät sie sofort ins Visier der Headhunter. "Ich war selbst überrascht", erzählt sie, "aber nach wenigen Tagen konnte ich zwischen mehreren Angeboten wählen."

Emsig, ehrgeizig, zuverlässig: Absolventen aus Deutschland genießen in Irland einen exzellenten Ruf, und die Arbeitgeber suchen in den Jahren nach qualifizierten Leuten. Pharma- und Textilunternehmen, IT-Giganten wie Microsoft, Ebay, Google oder Hewlett-Packard - sie alle bauen ab Mitte der 90er-Jahre ihre Europa-Hauptquartiere oder Fabriken in Irland auf. Zwischenzeitlich machen sie das einstige Agrarland zum größten Software-Exporteur der Welt. Eine englischsprachige Bevölkerung, relativ niedrige Löhne und vor allem konkurrenzlos niedrige Steuern sind damals die Trümpfe des Standorts. Ganze 12,5 Prozent Körperschaftsteuer verlangt die Regierung den Firmen ab, für jeden neu geschaffenen Arbeitsplatz gibt sie ihnen Tausende Euro dazu. Die EU nährt den Boom mit großzügigen Fördergeldern, und so wird das alte Auswandererland zur Einwanderernation. Innerhalb von 15 Jahren steigt der Ausländeranteil von nahezu null auf zwölf Prozent.

Es sind die fetten Jahre - für Irland und die Gastarbeiter aus Germany. "Hier wurde einem von Anfang an etwas zugetraut", sagt Thomas Bornheim, Business Analyst bei Google, der 2006 nach Dublin kam. "Man durfte sofort Verantwortung übernehmen, auch wenn man noch nicht so viel Erfahrung hatte. Hierarchien wie in Deutschland gibt es hier es nicht." Und weil auch das Gehalt stimmt, ist es für den damals 30-Jährigen Nebensache, dass er und seine WG-Kollegen für ein Drei-Zimmer-Apartment 2500 Euro Monatsmiete zahlen müssen. Wohnraum wird knapper und knapper auf der Insel, Jahr für Jahr müssen 50.000 neue Zuwanderer untergebracht werden. Zwischen 1996 und 2003 vervierfacht sich der mittlere Quadratmeterpreis; selbst zugige Reihenhäuschen in grauen Dubliner Trabantensiedlungen kosten plötzlich 400.000 Euro. Hunderttausende Eigentümer nutzen die Wertsteigerungen, beleihen ihre Immobilien, konsumieren.

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KOMMENTARE (10 von 11)
 
Esteficita (06.04.2009, 10:26 Uhr)
Nicht jeder kommt freiwillig zurück
Ich finde ja einige Kommentare hier ganz schön heftig. Als Schmarotzer dargestellt zu werden, wenn einen die Wirtschaftskrise gepackt hat und man versucht sein Einkommen zu sichern. Ich wohne seit fast 4 Jahren in Irland, ich hab mir hier ein Leben aufgebaut und ich hab hier viele ung gute Freunde. Leider wurde mir vor Kurzem mitgeteilt, dass mein Unternehmen Arbeitsplätze streichen wird und da ist meiner ziemlich sicher auch dabei. Ich habe überhaupt keine Lust jemals wieder nach Deutschland zurückzukehren, da ich das Land bewusst verlassen habe, weil ich dort damals einfach keinen Job finden konnte und von Personalchefs ziemlich diskriminierend von der Seite angemacht wurde wegen meines Alters und meines Geschlechts. Wenn ich also die Wahl habe, dann bleibe ich natürlich hier, aber da ich nun mal die Wahl habe, weil ich Deutsche bin, werde ich auch nicht auf Gedeih und Verderb hier bleiben, wenn ich in Deutschland arbeiten kann.
Im übrigen kriegen Deutsche, die in Irland gearbeitet haben in Deutschland erstmal kein Arbeitslosengeld, das müssten sie in Irland beantragen. Rückkehrer haben also entweder ihr eigenes Geld, von dem sie leben oder sie werden wieder artige Steuerzahler in Deutschland. Nur um das mal klarzustellen!
Claudio (04.04.2009, 14:20 Uhr)
Korrekt!
@blacky007 und vegefranz, Eurer Meinung ist fast nichts hinzuzufügen, außer dass man Griechenland, Sueditalien und Spanien mit auf die Liste setzen sollte ... Alles von Mitteleuropa (D, F, NL, DK) finanzierte Blasen ...
Blacky007 (03.04.2009, 19:40 Uhr)
Am Ende sind sie dann alle wieder froh
wenn sie nach D zurückkommen können und hier ihre Sozialhilfe erhalten. Normaerweise sollte man sie der Reihe nach verhungern lassen!! Erst jahrelang von D weg, um Seuern zu sparen und hier nichts einbezahlen müssen, aber dann die Hand nach Steuergelder aufhalten.
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Ich habe es so satt für diese ganzen A....löcher Steuern bezahlen zu müssen!
vegefranz (03.04.2009, 11:35 Uhr)
@firewireman
wenn die Iren arm waren und es möglicherweise wieder werden, würde ich sagen, dass die EU Gelder versichert sind. das unterscheidet den Fall Irland von den Zahlungen nach Osteuropa: die leute waren arm, sind arm und werden immer arm bleiben. Das EU-Geld haben sich die mafia-Clans abgegriffen, die da schon gut drauf aufpassen werden
nightmare_online (03.04.2009, 11:28 Uhr)
putzig ...
.. bis vor einem halben Jahr wurde uns doch Irland noch als großes Vorbild gepriesen. Die neoliberalen Trommler schafelten darüber, wie toll das "Modell Irland" sei und ähnliches. Und nun stellt sich heraus, das das ganze nichts als eine Blase war, die gerade geplatzt ist. Genau wie der "real existierende Neoliberalismus".
firewireman (03.04.2009, 11:12 Uhr)
@vegefranz
@vegefranz; wieso sind denn da Gelder versickert? Wenn man bedenkt, dass Irland einst das Armenhaus von Europa war und nun eine solide Bevoelkerung hat, ist der Erfolg der EU Gelder ganz klar.
Wirtschaften laufen nun mal in Zyklen und die einen trifft es haerter als die anderen aber das dass Geld Verschwendung war wuerde ich absolut verneinen.
firewireman (03.04.2009, 11:03 Uhr)
Stimmt wohl nicht so ganz.
Das AIB und Bank of Ireland kurz vor dem Bankrott waren und durch den Staat gerettet werden mussten stimmt wohl so ganz und gar nicht. Die Stern Redaktion sollte Ihre Hausaufgaben mal besser machen und nicht auf den Hyper von Doom und Gloom aufspringen.
Beide Banken haben solide Finanzreserven die Sie weit von Zahlungsunfaehigkeit entfernt. Das die Banken Ihre Probleme haben ist nicht abzustreiten aber Zahlungsunfaehigkeit oder Bankrott sind noch sehr weit entfernt.
vegefranz (03.04.2009, 11:02 Uhr)
immer wieder interessant, wohin die EU -Gelder versickern
die Iren haben sich also ein paar jahre ein schönes Leben mit den EU-Geldern gemacht. Na, die doofen Deutschen zahlen ja .....
JensinDublin (03.04.2009, 10:40 Uhr)
Nicht ganz!
Ja es ist schlimm hier. Aber eigentlich nicht so schlimm fuer gut ausgebildete Deutsche. Fremdsprachen und eine gute Fachausbildung sind noch gefragt, ja sogar gesucht.
Das Schlimmste hat auch noch gar nicht stattgefunden, da es derzeit mehr den Bau und Finanzsektor trifft. Oder besser gesagt, schon getroffen hat.
Ich werde mir dann anfangen Sorgen zu machen, wenn die ersten Pubs zumachen und die aufgetakelten Studenten-Tussis vom Papa die Kreditkarten nicht mehr bezahlt bekommen.
Solange Brown and Thomas auf der Grafton Street noch Prada und Gucci verkauft gehts einigen noch viel zu gut.
Nana_Xiaojie (03.04.2009, 09:57 Uhr)
Jo
Bin schon Anfang letzten Jahres aus Dublin weg, lange bevor es richtig schlimm wurde. Damals hat noch niemand von Krise gesprochen, aber man markte schon, dass die Haeuserpreise nicht mehr so rasant steigen und es nicht mehr ganz so viele Jobs gibt. Wie die Dame im Artikel beschreibt, haben mein Freund und ich damals auch ziemlich sorglos gelebt, wie eigentlich alle jungen Leute in Dublin. haben beide gut verdient und am Wochenende schonmal leicht 500 Euro (pro Nase) auf den Kopf gehauen, einfach so. Jetzt hoeren wir von dagebliebenen Freunden nur noch, wie hoffnungslos da alles ist. Meine deutschen Freunde denken auch daran, wieder zurueckzugehen. Wir sind zum rechten Zeitpunkt gegangen, denke ich. Hier in China wird zwar auch entlassen, aber in unseren Positionen als "foreign experts" sind wir etwas sicherer und verdienen auch ganz gut. Nur das Geld hauen wir nicht mehr so sorglos auf den Kopf.
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