Zu Tausenden kamen junge Deutsche nach Irland, um Karriere in dem Boomstaat zu machen. Nun steht das Land am Rand des Bankrotts - und viele Auswanderer denken an die Rückkehr. Von Claus Hecking, Dublin

Irland am Abgrund: In Dublin demonstrieren Bürger gegen die Krisenpolitik der Regierung© Peter Morrison/AP
Da bewegt sich ja doch noch was!", ruft Henrike Schmidt und deutet auf das halb fertige Grand Canal Theatre. Zwei Arbeiter werkeln an den überlebensgroßen Stahlträgern des Gebäudes herum, das nach den Plänen des Stararchitekten Daniel Libeskind einmal 2000 Besucher fassen soll. Ansonsten ist die riesige Baustelle so gespenstisch leer wie alles in Dublins Docklands. Hier im alten Hafen sollte das neue Irland entstehen: ein Vorzeigeviertel voller Büropaläste, Designerhotels, Boutiquen und schicker Apartments für zahlungskräftige Aufsteiger. Ein Ort für Menschen wie Henrike Schmidt, die Einwanderin aus Deutschland.
Doch Schmidt wird nicht in den zugigen Geisterstadtteil umsiedeln. Im Gegenteil: Die Recruiterin eines großen Dubliner Personalvermittlers ist gerade auf dem Sprung. Sie plant, Irland nach vier Jahren zu verlassen. Weg von der Insel, auf der sie ihr Glück gefunden hat. Wo die junge, rothaarige Darmstädterin ihren Partner kennengelernt und weiße, einsame Strände zum Surfen entdeckt, wo sie Karriere gemacht und viel Geld verdient hat.
Nun ist alles anders: Die Wirtschaftskrise hat Irland ergriffen und Schmidts Auftragsbücher geleert. Plötzlich muss die 30-Jährige feuern statt heuern. "Es ist nur noch deprimierend", sagt sie. "Kürzlich habe ich mein gesamtes eigenes Team entlassen müssen." Und weil sie Angst hat, als Nächstes selbst dran zu sein, bewirbt sie sich weg. Noch ein paar Tage, dann hat sie ein Vorstellungsgespräch in München. "In Deutschland ist die Lage wesentlich stabiler als hier."
Gehen oder bleiben? Diese Frage stellen sich gerade viele der rund 10.000 Deutschen in Irland. Zu Hunderten, Tausenden kamen sie nach der Jahrtausendwende auf die Insel des Aufschwungs: junge Berufseinsteiger, die dem ökonomischen Stillstand und der Aussicht auf ein Dauerpraktikanten-Dasein daheim entfliehen wollten. Sie nahmen teil am keltischen Wirtschaftswunder, sie machten Karriere bei Intel, Pfizer oder im boomenden Bankensektor. Nun ist der Rausch vorbei. Irlands Wirtschaft steht vor dem Zusammenbruch - und die Einwanderer bangen, mitgerissen zu werden. Manche aus der Generation Goodbye sind schon in die Heimat zurückgekehrt, andere zögern. Sie haben Wurzeln geschlagen, wollen ihren Traum nicht aufgeben.
Auch Henrike Schmidt ist in Dublin durchgestartet. Als die damals 26-Jährige im Juni 2005 ankommt, ein Lehramtsstudium in der Tasche, gerät sie sofort ins Visier der Headhunter. "Ich war selbst überrascht", erzählt sie, "aber nach wenigen Tagen konnte ich zwischen mehreren Angeboten wählen."
Emsig, ehrgeizig, zuverlässig: Absolventen aus Deutschland genießen in Irland einen exzellenten Ruf, und die Arbeitgeber suchen in den Jahren nach qualifizierten Leuten. Pharma- und Textilunternehmen, IT-Giganten wie Microsoft, Ebay, Google oder Hewlett-Packard - sie alle bauen ab Mitte der 90er-Jahre ihre Europa-Hauptquartiere oder Fabriken in Irland auf. Zwischenzeitlich machen sie das einstige Agrarland zum größten Software-Exporteur der Welt. Eine englischsprachige Bevölkerung, relativ niedrige Löhne und vor allem konkurrenzlos niedrige Steuern sind damals die Trümpfe des Standorts. Ganze 12,5 Prozent Körperschaftsteuer verlangt die Regierung den Firmen ab, für jeden neu geschaffenen Arbeitsplatz gibt sie ihnen Tausende Euro dazu. Die EU nährt den Boom mit großzügigen Fördergeldern, und so wird das alte Auswandererland zur Einwanderernation. Innerhalb von 15 Jahren steigt der Ausländeranteil von nahezu null auf zwölf Prozent.
Es sind die fetten Jahre - für Irland und die Gastarbeiter aus Germany. "Hier wurde einem von Anfang an etwas zugetraut", sagt Thomas Bornheim, Business Analyst bei Google, der 2006 nach Dublin kam. "Man durfte sofort Verantwortung übernehmen, auch wenn man noch nicht so viel Erfahrung hatte. Hierarchien wie in Deutschland gibt es hier es nicht." Und weil auch das Gehalt stimmt, ist es für den damals 30-Jährigen Nebensache, dass er und seine WG-Kollegen für ein Drei-Zimmer-Apartment 2500 Euro Monatsmiete zahlen müssen. Wohnraum wird knapper und knapper auf der Insel, Jahr für Jahr müssen 50.000 neue Zuwanderer untergebracht werden. Zwischen 1996 und 2003 vervierfacht sich der mittlere Quadratmeterpreis; selbst zugige Reihenhäuschen in grauen Dubliner Trabantensiedlungen kosten plötzlich 400.000 Euro. Hunderttausende Eigentümer nutzen die Wertsteigerungen, beleihen ihre Immobilien, konsumieren.