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Beamter - sorge dich nicht, diene!

Sie sind unkündbar, und vor allem im Ruhestand geht es ihnen finanziell grandios. Noch immer genießen Staatsdiener ungewöhnliche Privilegien. Warum ist das so?

Von Jan Rosenkranz und Joachim Reuter

  Zweiklassengesellschaft: Briefzusteller stehen als Beamte besser da als die Tarifkräfte

Zweiklassengesellschaft: Briefzusteller stehen als Beamte besser da als die Tarifkräfte

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Joachim Reuter und

Der Tag von Noreen Koall beginnt meist morgens um halb sechs mit einem Kaffee - und endet manchmal nachts um zwölf mit einer Verhaftung. Dazwischen liegt der Alltag einer Kriminalkommissarin, Schwerpunkt Sexualdelikte. Vernehmungen, Hausdurchsuchungen, Telefonate. Und immer wieder Papierkram. Noreen Koall, 33, ist seit zwölf Jahren Beamtin, stationiert in Forst nahe der polnischen Grenze. Sie arbeitet hart. Sie arbeitet gern. Und es stellt sich die Frage: Was darf uns das kosten? Was ist der Gesellschaft die Arbeit von Noreen Koall und den anderen 1,8 Millionen Beamten in Polizei, Finanzamt, Schulen und Behörden eigentlich wert? Verdienen sie zu viel, zu wenig oder gerade gerecht?

Der deutsche Stammtisch hat sein Urteil in dieser Frage längst gefällt: Beamte verdienen natürlich immer zu viel und manche allenfalls eine Tracht Prügel. Was natürlich unfair ist.

Der stern hat darum genauer hingeschaut, hat sich durch Besoldungstabellen gewühlt und Amtsstuben besucht, um mit Staatsdienern über ihren Berufsalltag, ihr Selbstverständnis und ihre Entlohnung zu sprechen. Dieser Einkommensreport gibt Auskunft über den Verdienst von Beamten der verschiedensten Besoldungsstufen: vom Staatssekretär über die Meteorologin bis hin zum Amtsarzt, vom Pfarrer über den Lehrer bis hin zum Gerichtsvollzieher.

Besoldung von A2 bis R10

Die Bandbreite des deutschen Beamtentums ist groß: Sie beginnt bei Besoldungsstufe A2 ganz tief unten beim Wachtmeister mit 1688 Euro Einstiegsgehalt und führt hinauf in sonnigere Höhen eines rheinischen Oberstudienrates, der auf A14 mindestens 3237 Euro verdient. Und sie endet schließlich ganz oben bei R10, wo Deutschlands bestbezahlte Beamtin sitzt: Marion Eckertz-Höfer. Die Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts erhielt bis Dezember ein Grundgehalt von monatlich 11.484 Euro, ab Januar sind es 69 Euro mehr.

In Besoldungstabellen und Beamtengesetzen wird alles bis ins kleinste Detail geregelt - Grundgehalt, Familienzuschlag, Trennungsgeld, Pensionsanspruch und Sterbegeld. Für jede denkbare Eventualität gibt es eine exakte Bestimmung: Zulagen für Techniker, die auf Antennen oder Windanlagen klettern müssen (je höher, desto mehr Geld), Zulagen für Taucher (je tiefer, desto mehr Geld), Zulagen für Fallschirmspringer, Bergführer und Jubilare. Ob der Sold auch in jedem Fall angemessen ist, steht dort freilich nicht geschrieben.

Als Polizeivollzugsbeamtin im gehobenen Dienst der Besoldungsgruppe A9 erhält Noreen Koall im Monat 2610 Euro - brutto und inklusive Zulagen. "Gemessen an der Verantwortung, die wir tragen, müsste es mehr sein", sagt die Kommissarin. "Ich habe schließlich schon so viele Leute für Jahre hinter Schloss und Riegel gebracht." Außerdem sei sie in ihrem Job Übergriffen ausgesetzt, Aggressionen und gesundheitlichen Gefahren, und müsse zeitlich voll flexibel bleiben. "Man weiß nie, wie lange ein Einsatz dauert", sagt sie.

Mehr Netto vom Brutto

2610 Euro brutto. Ist das viel? Ist das wenig? In jedem Fall mehr, als es auf den ersten Blick scheint, denn für Beamte gilt von jeher das liberale Lieblingsmantra: mehr Netto vom Brutto.

Von den 2610 Euro bleiben der Kommissarin nach allen Abzügen (Steuern und Beiträgen zur privaten Krankenversicherung) 1900 Euro übrig. Ein normaler Arbeitnehmer, ebenfalls kinderlos und ledig, bekäme dagegen nur 1680 Euro raus, 220 Euro weniger. Als Angestellter muss er schließlich Sozialabgaben entrichten, also Beiträge zu Arbeitslosen-, Pflege- und Rentenversicherung. Der Beamte muss das nicht. Andersherum: Für ein Netto von 1900 Euro brauchte ein Angestellter ein Brutto von 3041 Euro - also knapp 450 Euro mehr als die Polizistin. Und nach 40 Dienstjahren wird die Beamtin über 105.000 Euro mehr verdient haben als der angestellte Arbeitnehmer. Würde sie die Differenz von 220 Euro jeden Monat zu mageren drei Prozent anlegen, stiege ihr Vorteil sogar auf über 200.000 Euro.

#link;http://www.stern.de/wirtschaft/job/gehaltsrechner-brutto-netto-wie-viel-gehalt-bleibt-ihnen-am-monatsende-543270.html;Brutto ist eben nicht gleich Brutto#. Beamtensold ist schließlich kein Gehalt. Und Beamter zu sein nicht einfach ein Job - sondern ein Dienstverhältnis. Beamte bekommen darum auch keinen Arbeitsvertrag, sondern eine Ernennungsurkunde. Sie geloben, treu, loyal und gehorsam ein Leben lang dem Staat zu dienen, der im Gegenzug die Fürsorgepflicht übernimmt, das Versprechen, sie ein Leben lang angemessen zu versorgen. Dazu gehört auch die Beihilfe, die 50 Prozent aller Arztkosten übernimmt (bei Pensionären sogar 70 Prozent), weshalb der Beamte nur die restlichen 50 Prozent des Risikos versichern muss. Privat, versteht sich.

Beamte haben lebenslänglich

Es ist das uralte Grundprinzip des Beamtentums, erfunden von Friedrich Wilhelm I. Um die Macht des dreisten Landadels zu brechen, stattete der Soldatenkönig ausgewählte Untertanen mit besonderen Rechten und Pflichten aus, band sie damit fest an sich und schuf seine eigene Verwaltungsarmee: pflichtbewusst, loyal und unbestechlich. 1805 dann errichtete der bayerische Staatsminister Graf Montgelas mit der "Staatsdienerpragmatik" das Fundament für die deutschen Beamtengesetze: feste Besoldung mit Beförderungs- und Pensionsberechtigung, Hinterbliebenenversorgung und Anstellung ein Leben lang.

So ist es bis heute: Beamte haben lebenslänglich. Unkündbar. Ein bombensicherer Arbeitsplatz ist fester Bestandteil des Beamtenstatus - und unbestimmter Anteil des Soldes. Was ist der Gegenwert in Euro und in Cent dafür, nie wieder Zukunftsängste haben zu müssen? Keine schlaflosen Nächte, weil die Firma mal wieder Richtung Insolvenz schliddert oder dem Chef die Nase nicht passt?

Kriminalkommissarin Noreen Koall schätzt die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes sehr. Sie kann ihr Leben planen, frei von bösen Überraschungen. "Wenn ich mir ein Haus bauen möchte und einen Kredit aufnehmen muss, weiß ich, dass das Geld kommt. Ein Arbeitnehmer in der freien Wirtschaft kann sich darauf nicht verlassen", sagt sie. "Da habe ich großes Glück."

Zur Sicherheit in die Gewerkschaft

Für alle Fälle aber engagiert sie sich in der Deutschen Polizeigewerkschaft bei der "Jungen Polizei". Denn es ärgert sie, dass immer weiter gespart wird bei den Beamten. Die letzte Gehaltserhöhung - ein Witz. Die Sonderzahlung zu Weihnachten - zusammengestrichen. Das letzte Urlaubsgeld - 2003. Nur die Arbeitszeiten steigen stetig, 42 Wochenstunden sind es inzwischen, ohne Spezialeinsätze und Rufbereitschaft.

"Sicherer Arbeitsplatz, gute Versorgung - das sind wichtige Aspekte bei der Berufsentscheidung. Nur kann man damit nicht alles entschuldigen", sagt Peter Heesen. Er sagt das gern. Und oft. Er ist Vorsitzender des Deutschen Beamtenbundes, also ein Gewerkschaftsmann, aber er hat ja recht, im öffentlichen Dienst fehlt es überall an Fachkräften. "Weil sie zu diesen Tarifen schon jetzt nicht mehr zu bekommen sind", klagt Heesen. Und er hat wenig Hoffnung, dass sich daran etwas ändert: "Durch die demografische Entwicklung wird der Konkurrenzkampf mit den Privaten dramatisch zunehmen."

Der Vergleich mit der freien Wirtschaft

Ein Blick in die Besoldungstabellen zeigt: Je qualifizierter die Tätigkeit, je weiter oben angesiedelt in der Hierarchie, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, zumindest brutto in der freien Wirtschaft besser zu verdienen. Dazu muss man nicht auf die Millionengagen von Dax-Vorständen blicken. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Kienbaum verdienten auch angestellte Geschäftsführer kleinerer Unternehmen 2009 deutlich mehr als Spitzenbeamte: In Firmen mit bis zu fünf Mitarbeitern bekommen sie im Schnitt 10.000 Euro im Monat, in Firmen mit 20 bis 30 sogar 16.000 Euro.

Harry Lehmann verdient B3, also 6715 Euro brutto. Lehmann hat schon viel gemacht - er hat am Teilchenbeschleuniger Cern geforscht, ein Ingenieurbüro gegründet und Greenpeace beraten. Seit 2004 ist er Beamter, Direktor am Umweltbundesamt. "Wir müssen uns sehr bemühen, die Wissenschaftler zu bekommen, die wir brauchen", sagt Lehmann. "Manche Ingenieure heuern nicht beim Umweltbundesamt an, weil sie in der Industrie viel mehr verdienen können." Hinzu kommt, dass nicht jeder davon träumt, ins sachsen-anhaltinische Dessau zu ziehen, doch dort ist nun mal der Amtssitz.

"Auch die Gesundheitsämter haben Schwierigkeiten, Amtsärzte zu finden", sagt Heiko Schneitler, der in Düsseldorf ein solches leitet. Als Chef verdient er 6727 Euro brutto, inklusive Familienzuschlag. Das sind etwa 3000 Euro weniger, als ein niedergelassener Arzt im Monat nach Abzug aller Kosten übrig hat.

"In einer Großkanzlei oder einem Unternehmen könnte ich deutlich mehr verdienen", sagt auch Stephanie Vogt. Als Richterin am Amtsgericht Bad Cannstadt bekommt sie auf einer halben Stelle 2039 Euro brutto im Monat.

Größter Bonus: Ruhestand

Dass sich trotzdem so viele Menschen dafür entscheiden, Beamter werden zu wollen, dürfte also nicht allein am Sold liegen. Im Gegenteil: Um die wahren Privilegien des Beamtenstatus zu genießen, muss man den Ruhestand erreichen. Spätestens an der Pensionsgrenze öffnet sich die Einkommensschere zum großen Rest des arbeitenden Volkes.

Die Pension richtet sich nach dem letzten Sold, den die Staatsdiener am Ende einer ihrer mehr oder weniger glanzvollen Karriere beziehen. Sicher, auch Beamte haben in den vergangenen Jahren Einbußen verkraften müssen, sie erhalten aber noch immer knapp 72 Prozent ihrer letzten Bezüge als Ruhegehalt. Das Rentenniveau eines Arbeitnehmers dagegen liegt bei 48 Prozent des durchschnittlichen Bruttogehaltes.

Was so ein Pensionsanspruch wert ist, lässt sich sehr schön veranschaulichen - zum Beispiel an Noreen Koall. Wenn sie nach 40 Dienstjahren als Kriminalkommissarin in Pension geht, erhält sie 1965 Euro Ruhegehalt; abzüglich 200 Euro Steuern bleiben 1765 Euro. Ein Modellrentner dagegen, der 40 Berufsjahre lang Rentenversicherungsbeiträge gezahlt hat auf ein Bruttogehalt in Höhe dessen der Kommissarin, bekäme nur etwa 1080 Euro Rente.

Es geht nicht um Kleinigkeiten, es geht um ein Häuschen

Differenz: 685 Euro. Monat für Monat. Macht nach 20 Jahren Ruhestand über 164.000 Euro. Rechnet man den Netto-Vorsprung von knapp 106.000 Euro aus der aktiven Zeit hinzu (siehe oben), hat die Beamtin mit 85 Jahren netto 270.000 Euro mehr raus als der Angestellte - bei gleichem Bruttoverdienst. Anders gesagt: Es geht hier nicht um Kleinigkeiten, es geht um ein Häuschen. Keine Villa, aber ein Haus. Nicht eins am Ufer des Starnberger Sees, aber vielleicht eins am Rande einer Stadt.

Natürlich könnte der Angestellte versuchen, die eigene Rente um 885 Euro aufzubessern, um die Versorgungslücke zur Beamtenpension selbst zu schließen. Bei einer klassischen privaten Rentenversicherung müsste er dafür 40 Jahre lang monatlich knapp 380 Euro einzahlen. Um aber weiterhin ein frei verfügbares Gehalt von 1900 Euro im Monat zu haben wie die Kriminalkommissarin, brauchte er dazu ein monatliches Netto von 2280 Euro, was er aber als kinderloser, lediger, Angestellter in der Steuerklasse I nur dann herausbekäme, wenn sein Brutto 3800 Euro betrüge. Sein Chef müsste ihm also eine Gehaltserhöhung von fast 1200 Euro gönnen. So gesehen sind die 2610 Euro der Kommissarin alles andere als wenig. Brutto ist eben nicht gleich Brutto.

Professor Winfried Fuest, Experte für Finanz- und Steuerpolitik am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, hält das aktuelle Pensionsniveau von 71,75 Prozent für dramatisch zu hoch. "Im Grunde ist das eine Zumutung für den Steuerzahler", sagt er. Zumal Beamte daneben eine ganze Reihe zusätzlicher Pensionsprivilegien genießen: So hat ein Beamter bereits nach fünfjähriger Dienstzeit Anspruch auf eine Mindestpension von 1365 Euro. Der Standardrentner braucht 45 Berufsjahre, um auf gerade mal 1224 Euro zu kommen. Schwerstbehinderte Beamte können mit 60 Jahren abschlagsfrei in Ruhestand gehen, Arbeitnehmer erst drei Jahre später. Studierten Beamten werden 855 Tage, also deutlich mehr als zwei Jahre, ihres Studiums auf die Pension angerechnet. Bei der gesetzlichen Rente eines Angestellten wird ein Studium dagegen gar nicht mehr berücksichtigt.

Nimmt der Dienstherr also seine Fürsorgepflicht ein bisschen zu ernst? Und ist das alles - bei aller Wertschätzung für die Arbeit von Frau Koall und Kollegen - nicht am Ende doch ein bisschen zu teuer?

Die Kreditlast bleibt für die nächste Generation

Die Prognosen für die kommenden Jahre lassen Schlimmes befürchten. Auf die Haushalte von Bund und Ländern rollt wegen der Beamtenpensionen eine gigantische Kostenwelle zu. Demnächst gehen nämlich die Jahrgänge in Ruhestand, die in den 60er und 70er Jahren ihren Dienst antraten. In einer Zeit also, als wie besinnungslos verbeamtet wurde. Als man Beamte noch für billiger hielt als ihre angestellten Kollegen. Oder das zumindest vorgab. Dabei handelte es sich um nichts anderes als einen Kredit - wir zahlen jetzt weniger Sozialabgaben, andere zahlen später dafür höhere Pensionslasten. Dieses Prinzip macht Verbeamtungen bei kurzfristig denkenden Politikern so ungeheuer interessant. Wenn die Pensionen fällig werden, sind sie selbst längst Pensionäre.

So etwas wie nachhaltige Vorsorge findet erst neuerdings und nur in Ansätzen statt. Ab 2017 sollen jährlich 500 Millionen aus einer Rücklage fließen, um zumindest einen Teil der Bundespensionen zu finanzieren. Und für neu ernannte Beamte haben Bund und Länder in den vergangenen Jahren endlich eigene Pensionsfonds eingerichtet.

Aber das ist wie Wischmopp gegen Tsunami. Die Verwaltungsexpertin Gisela Färber kommt in einer Studie für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung zu dem Ergebnis: Würde der Staat schon jetzt ernsthaft Vorsorge bis 2050 treffen, müsste er rund 970 Milliarden Euro auf die hohe Kante legen. Konservativ gerechnet.

970 Milliarden Euro. Eine Summe, die ziemlich genau der Hälfte aller deutschen Staatsschulden entspricht. Finanzkrisendimension. In Wahrheit geht es also längst nicht mehr um die Frage: Wie viel ist uns die Arbeit unserer 1,8 Millionen Beamten wert? Sondern: Wie viele können wir uns noch leisten?

Zum Gehaltsrechner - Brutto Netto auf stern.de

Mitarbeit: Daniel Gratzla, Andreas Hoffmann, Beate Krol, Ingrid Lorbach, Sandra Rindchen, Mathias Rittgerott, Marlies Uken

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