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Endstation Kinderzimmer – immer mehr junge Erwachsene leben zu Hause

Die Statistikbehörde der USA hat Daten zum Leben junger Erwachsener vorgelegt. Sie sind besser ausgebildet, als jede Generation vor ihnen. Nur für die eigene Wohnung fehlt das Geld.

Lieber bei den Eltern am Tisch als gar kein Dach über dem Kopf.

Lieber bei den Eltern am Tisch als gar kein Dach über dem Kopf.

Nesthocker und Muttersöhnchen werden sie genannt. , die den Start von zu Hause nicht schaffen und es sich scheinbar auf ewig daheim gemütlich machen. Das Phänomen ist bekannt. In den Medien werden meist psychologische Gründe angeführt. Die Erklärung ist dabei häufig simpel gestrickt: In der einen oder anderen Weise ticken die Kids nicht richtig und kriechen daher bei den Eltern unter. Stichwort Hotel Mama. Dabei weiß man spätestens seit der Finanzkrise 2008, dass ökonomische Krisen den Aufenthalt im Elternhaus massiv befördern.

Erdrutschartige Veränderungen

In den hat das staatlichen Census Bureau nun aktuelle und genaue Daten vorgelegt. Untersucht wurde die Lebenssituation der 18- bis 34-Jährigen in den Jahren 2005 und 2015. 2005  wohnte die Mehrheit der jungen Erwachsenen entweder allein, mit einem Ehepartner oder mit einem unverheirateten Partner – heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt. 57 Prozent lebten 2005 mit einem Partner zusammen, heute sind es nur noch 27 Prozent gegenüber 31 Prozent, die 2015 bei Mutti und Papi lebten. Auffällig, dass das Hotel Mama in den Bundesstaaten besonders beliebt ist, in denen die Wohnungspreise sehr hoch sind. Lebten in Kalifornien im Jahr 2005 nur 27,9 Prozent der Altersgruppe bei den Eltern, sind es 2015 schon 38,1 Prozent geworden. Ein Zuwachs um mehr als 30 Prozent in nur zehn Jahren ist ein Zeichen eines erdrutschartigen Umsturzes.

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam 2016 die Studie des Immobilienportals Trulia.

+++Kinderzimmer für die Ewigkeit – warum viele junge Menschen bei den Eltern leben  +++

Bedeutung finanzieller Unsicherheit

Der Report sagt: "Wie junge Erwachsene leben, hängt von der finanziellen Sicherheit ab. Sie schieben Heirat und Elternschaft auf, wenn sie Geldsorgen quälen – etwa während einer Rezession oder eigener Arbeitslosigkeit." Die Schwierigkeiten junger Menschen, einen angemessenen Job zu finden, spiegeln sich in den Daten wieder. Aus Untersuchungen der US-Steuerdaten weiß man, dass auch ein anderer Trend in den Jahren nach 2000 gebrochen wurde. Heutzutage verdienen junge Leute weniger als ihre Eltern. Ganz anders war die Situation noch 1970, als 92 Prozent der 30-Jährigen ein höheres Einkommen als ihre Eltern versteuerten. Da wundert es nicht, dass der Anteil der Jungen ohne eigenes Einkommen bei den Daheimgebliebenen besonders hoch ist. Ein Viertel der "älteren" geht keiner Arbeit nach.

Uni-Abgänger in der Schuldenfalle

Subjektiv gesehen sind die Fälle besonders traurig, in denen junge Menschen mit einem Universitätsabschluss wieder ins Elternhaus zurückkehren müssen, weil sie keine ihrer Qualifikation entsprechende Arbeit finden konnten. Häufig müssen sie sich mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs über Wasser halten. Die in den USA üblichen Schulden wegen des Studiums müssen vorrangig bedient werden. Geringes Einkommen und Schulden bringen die Betroffenen so in eine lebenslange Abhängigkeit von den Eltern.

Nicht nur Geld allein ist Schuld

Das Census Bureau warnt aber davor, allein auf finanzielle Erklärungen zu setzen. Der Prozess des  Erwachsenwerdens unterliege einem komplexen Wandel. Es ist nicht allein die ökonomische , die zu diesem Paradigmenwechsel führte. Ein höherer Anteil der Jugend studiert heute. Die längere Ausbildungszeit korrespondiert meist damit, dass ein eigener Haushalt später gegründet wird und sich auch das Alter nach hinten verschiebt, in dem ein Haushalt mit einem Partner gegründet wird. Auch ist die Ehe nicht mehr die allein verbindliche Lebensform. 

Ein weiterer Faktor spielt eine Rolle: Viele Kinder oder Enkel leiden unter gesundheitlichen Problemen – häusliche Pflege statt der früher üblichen Heimunterbringung fördert auch die Quote der Nesthäkchen.

Positive Entwicklungen im schwierigen Umfeld

Positive Aspekte sind die bessere Ausbildung der jungen Erwachsenen und die Erfolge junger Frauen in Sachen Arbeit und Einkommen. Bedauerlicherweise führen diese positiven Momente nicht dazu, dass es den jungen Erwachsenen rundum besser geht. "Heute arbeiten mehr junge Menschen Vollzeit und haben einen College-Abschluss als die Vergleichsgruppe 1975, aber sehr viel weniger besitzen ein eigens Haus." Dieser Satz bringt es in etwa auf den Punkt. Die komplexen Veränderungen des Erwachsenwerdens finden vor einer angespannten wirtschaftlichen Entwicklung statt, auch punktuelle Verbesserungen können aufwiegen, dass die Zeiten eines generellen Aufschwungs für alle vorbei sind.

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