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Die Amerikaner verlernen das Urlaubmachen

Amerikaner arbeiten viel und lange, die allermeisten mehr als 40 Stunden in der Woche. Ferien aber sind immer seltener für sie drin, fast die Hälfte lässt ihre Urlaubstage verfallen. Warum eigentlich?

Von Norbert Höfler, New York

  Entspannt schlendern: Für Rentner ist Urlaub normal, für jüngere US-Bürger immer weniger

Entspannt schlendern: Für Rentner ist Urlaub normal, für jüngere US-Bürger immer weniger

Mein Nachbar Chris klopfte vor zwei Wochen an unsere Tür. Er war ein wenig aufgeregt. "Wir fahren in Urlaub. Könnt ihr bitte unseren Briefkasten leeren?"

"Klar", sagte ich, fragte, wohin die Reise gehe, wie lange er und seine Frau wegbleiben würden?

Chris antwortet stolz: "Wir fahren fünf Tage nach South Carolina. Es ist unser Jahresurlaub."

Typisch - Amerikaner arbeiten viel und lange. Das ist bekannt. 75 Prozent schaffen mehr als 40 Stunden pro Woche. Viele haben einen Zweitjob, manche sogar einen dritten

USA wird zur "No-Vacation-Nation"

Nun belegt eine Studie: US-Bürger verzichten sogar zunehmend auf Ferien. Sie lassen zig Millionen Urlaubstage verfallen. Amerika wird zur "No-Vacation-Nation", ein Land, in dem Ferien eher als Last, denn als Lust empfunden werden. Für die Studie befragte die GFK-USA im Auftrag des Reiseverbandes US Travel Association rund 1300 Angestellte in mehreren Bundesstaaten.

Die Ergebnisse: 86 Prozent der US-Amerikaner haben zwischen sechs und 20 Urlaubstage im Jahr. In den meisten Firmen steigt der Urlaubsanspruch mit der Beschäftigungsdauer. Berufsanfänger bekommen im Schnitt elf Tage frei. Soweit die Vertragslage.

Tatsächlich lassen 40 Prozent der Beschäftigten zwischen drei und sieben Urlaubstage verfallen. Manche Firmen zahlen die nicht genommenen Tage auch aus oder sie werden ins nächste Jahr übertragen.

Urlaub aus Angst vor Job-Rückkehr

Woher rührt die Urlaubsabstinenz?

Freizeitforscher und Ökonomen nennen vor allem drei Gründe: Viele Arbeitnehmer fürchten, von ihren Chefs als Faulenzer und Nichtstuer gesehen zu werden, die nicht 100 Prozent für die Firma geben. Sie verzichten also aus Angst um ihren Job auf Ferien.

Anderen vergeht die Lust auf das Kofferpacken, wenn sie an die ganze Arbeit denken, die während ihrer Abwesenheit liegenbleibt. Da bleiben sie lieber gleich zu Hause.

Und manche Arbeitgeber vermitteln Angestellten auch das Gefühl, sie seien unverzichtbar. US-Freizeitforscher John de Graaf kennt den Fall einer Hotelangestellten aus Jacksonville in Florida, die seit sieben Jahren keinen Urlaub machen durfte, weil sie für die Firma so wichtig sei.

"Amerikaner leben um zu arbeiten"

Ein Bericht darüber in der "New York Times" löste im Netz eine Debatte aus, die viel über die Ängste und Nöte amerikanischer Arbeitnehmer verrät. Hier einige Stimmen dazu:

Matthew aus Detroit schreibt: "Viele Arbeitnehmer haben gar keine bezahlten Urlaubstage. Sie können sich Ferien schlichtweg nicht leisten. Sie sagen sich, besser im Job langsam ausbrennen, als den Job gleich ganz zu verlieren."

Jen aus Rhode Island: "Amerikaner leben um zu arbeiten. Wir haben zwar große Häuser mit Swimmingpools im Garten, aber leider fehlt uns die freie Zeit, sie dann auch zu nutzen."

Anthony aus New York City meint kurz und knapp: "Ferien kann sich einfach keiner leisten."

Man kann sich Ferien eh nicht leisten

Damit kommt sie der Wirklichkeit wohl ziemlich nahe. Die US-Notenbank veröffentlichte Anfang September ihren jährlichen Wohlstandsbericht. Darin heißt es: "Seit 2010 sind Einkommen und Vermögen der meisten Amerikaner gesunken. Die Einkommen der Geringverdiener sanken mit acht Prozent am stärksten."

Viele Amerikaner können ihren Lebensstandard nur deshalb halten, weil sie mehr und viel länger arbeiten - und sogar auf Ferien verzichten.

Im Netz hat Barbara James aus Boston dem Trend einen Namen gegeben: "Staycation" - man bleibt in der Firma weil man sich Ferien sowieso nicht leisten kann.

Mehr zum Thema

Das US-Magazin "Forbes" hat ein paar Vorschläge, wie man am Besten seine "Staycation" verbringen kann.

Internationaler Vergleich von bezahlten Urlaubs- und Feiertagen

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