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Rosi sorgt im Petersdom für Digital-Detox

In den Sommerferien war Frank Behrendt mit seiner Familie auf Kreuzfahrt im Mittelmeer. Eine Station: Rom, die ewige Stadt. Im Petersdom wurde er Zeuge einer wundersamen Begebenheit, bei der eine resolute Dame aus Bayern vor dem Altar der wild fotografierenden Menge Einhalt gebot.

Frank Behrendt wurde im Petersdom Zeuge einer Handyfoto-Orgie

Frank Behrendt wurde im Petersdom Zeuge einer Handyfoto-Orgie

Die Menschen drängten in das erhabene Kirchenschiff des prächtigen Monumentalbaus. Schon der Anblick der imposanten Kuppel des von außen hatte tausende Touristen aus aller Welt die Smartphones zücken lassen. Ein Rheinländer neben mir bemerkte mit Blick auf die Foto-Orgie trocken: "Es ist wahrscheinlicher vom Selfie-Stick eines japanischen Touristen erdolcht zu werden, als von einem Mafioso."

Im Dom ging das Geknipse munter weiter. Ich hatte von meinen Eltern mal mit auf den Weg bekommen, dass man in Kirchen aus Respekt nicht fotografiert. Aber das scherte hier niemand. Ich bin zwar auch ein Freund von Selfies, aber mich grinsend vor dem Altar im Petersdom abzulichten, ist selbst mir zu viel. Ähnlich ging es Rosi aus Haar bei München, wie sie mir im Mittelgang erzählte. Sie schüttelte den Kopf über die Besucher, die fast alle nur die Handys kreisen ließen, filmten und Selfies in Serie anfertigten.

Wer andächtig den Altar betrachten wollte, sah nur Stangen und elektronische Devices in der Luft. Plötzlich ging sie mit schnellen kurzen Schritten nach vorne und baute sich vor einer Jugendgruppe auf. "Stop. No more pictures. Come with me." Die Gruppe gehorchte und trottete hinter der kleinen Dame mit dem Dutt her. Die italienischen Aufseher grinsten. Ob es der Ton war, die laute Stimme oder das blaue Outfit - die Ansprache funktionierte.

Rosi führte die Gruppe zu ein paar Holzbänken hinter einem mit roten Seilen abgesperrten Bereich. Dort lag die Büste des heiligen San Giovanni XXIII aus Bronze vor einem eindrucksvollen Heiligenbild. Rosi machte eine Handbewegung und alle setzten sich. "Now five minutes quiet, no pictures." Ruhe. Kein Smartphone war mehr zu sehen. Rosi lächelte zufrieden. Nach gefühlten 15 Minuten erhoben sich die Teens andächtig. Ein Schlacks mit "No drugs before six"-T-Shirt gab Rosi die Hand. "Thank you for this very specific moment". Die Frau aus Haar lächelte und blickte der Gruppe nach. "Die jungen Leut sind nicht so schlecht, man muss ihnen einfach Grenzen aufzeigen", sagte sie mir noch und machte sich wieder auf Richtung Altar. Natürlich schoss ich kein Foto vom analogen Engel der Einkehr im Petersdom, aber eins von der typischen Digital-Touristin vorm Altar die Rosi noch nicht erwischt hatte. 

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