Startseite

Der Traum vom Jobwunder

Die Arbeitsmarkt-Reformen, benannt nach VW-Vorstand Peter Hartz, sollten zwei Millionen neue Jobs bringen. Was haben Ich-AG, Job-Floater und der Umbau der Arbeitsämter gebracht? Eine Bilanz von Hartz I bis IV.

"Die Zahl der Arbeitslosen kann halbiert werden. Dieses Ziel ist seriös und realistisch." Bundeskanzler Gerhard Schröder am 16. August 2002

Es ist noch keine drei Jahre her, dass die politische Elite in Deutschland ihre ganze Hoffnung auf einen Mann setzte - auf Peter Hartz, im Hauptberuf VW-Vorstand, und seine Kommission zur Reform des Arbeitsmarkts. Gerhard Schröder nahm die Vorschläge der Kommission in die Agenda 2010 auf. Seither wird "Hartz" umgesetzt - nicht "eins zu eins", sondern durch die Ministerialbürokratie abgeschliffen und durch die Unionsmehrheit im Bundesrat in Teilen verändert.

An der alles entscheidenden Zahl, der Arbeitslosigkeit, lässt sich kein Erfolg ablesen: Mit 4,8 Millionen sind mehr Menschen ohne Job als vor Hartz. Was also haben die Gesetze gebracht, die im Bundestag von SPD, CDU, Grünen und FDP großteils gemeinsam verabschiedet wurden? Wie hat sich das Land unter Hartz I bis IV gewandelt? Der stern hat ein Jahr lang Arbeitslose begleitet: Wie hat sich ihr Leben verändert? Was wurde aus der versprochenen besseren Betreuung?

Dag Engler hat nach fast zwei Jahren Arbeitslosigkeit wieder einen Job. Die Arbeitsagentur zahlte dem gelernten Schlosser aus Stuttgart eine Fortbildung, bei der er den Staplerschein machen konnte. Im Februar übergab sie ihn an die Personalserviceagentur "Neue Arbeit Markt", die ihn als Lagerist an eine Spedition vermittelte. Die Spedition bot Engler eine Stelle an, die er im November antreten wird. "Ich glaube nicht, dass ich auf normalem Weg einen Job gefunden hätte", sagte Engler. Der 41-Jährige ist so ein Fall, wie ihn sich Peter Hartz vorgestellt hatte: Arbeitslose, die nur schwer einen Job finden, kommen als Leiharbeiter einer Personalserviceagentur (PSA) zu einer Firma und bleiben dort kleben. Hartz I sollte diesen Klebeeffekt organisieren. Die Arbeitsagentur zahlt der PSA für jeden Arbeitslosen im Schnitt 1099 Euro im Monat. Der Zuschuss wird im Laufe der Zeit reduziert, im zehnten Monat auf null. Vermittelt die PSA den Arbeitslosen auf eine feste Stelle, legt der Staat bis zu zwei Monatsprämien obendrauf. Jede Arbeitsagentur musste mit mindestens einer PSA einen Vertrag schließen.

In den ersten drei Jahren, so prognostizierte die Hartz-Kommission, sollten 500.000 Arbeitslose bei den PSA unterkommen. Bis Ende April dieses Jahres waren es aber gerade mal 111.000, und die Zahl der PSAs sinkt schon wieder. Ein Drittel der Leiharbeiter findet nach der PSA wieder eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Aber nur zehn Prozent blieben bei ihrer Firma kleben.

So fällt die Bilanz mager aus: Im Jahr 2004 vermittelten die PSAs 18.400 Arbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt, die Arbeitsagenturen zahlten dafür 350 Millionen Euro. Das macht 19.000 Euro für jeden vermittelten Arbeitslosen. Susanne Koch vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) resümiert: "Leiharbeit funktioniert vor allem im Aufschwung."

Ich-AGs sollen es Arbeitslosen erleichtern, sich selbstständig zu machen. Im ersten Jahr zahlt die Arbeitsagentur 600 Euro pro Monat, im zweiten 360 und im dritten 240 Euro. Danach gibt es keine Förderung mehr.

Susanne Voit hat eine Ich-AG gegründet. Sie arbeitete früher als Außendienstmitarbeiterin für die Modefirma Chanel, danach war sie Mädchen für alles in einer Werbeagentur - bis die im September 2003 Pleite ging. Als die 39-Jährige im Juli vergangenen Jahres nur noch Arbeitslosenhilfe bekam, sagte sie: "Natürlich muss man sich bemühen, aus der Arbeitslosigkeit wieder rauszukommen." Aber eine Putzstelle hätte sie nicht angenommen. Im November machte sie sich als Visagistin und Stylistin selbstständig. "In Hartz leben", wie sie es nennt, konnte sich Voit nicht vorstellen. "Die Abhängigkeit vom Staat und die Ämterrennerei sind mir auf den Keks gegangen, und es gibt wirklich bedürftigere Leute als mich."

Jetzt schminkt sie Models

vor dem Fotoshooting und verdient mit diesen Aufträgen 300 bis 500 Euro im Monat. "Am Anfang lief's besser, aber im Moment wollen alle die Preise dumpen", klagt sie. Ein Jahr will sie sich geben. Wenn sie dann nicht von ihrer Selbstständigkeit leben könne, werde sie sich wieder um eine feste Stelle bewerben. Als Peter Hartz die Ich-AG vorstellte, schienen ihm jährlich bis zu einer halben Million Existenzgründungen möglich. Derzeit gibt es 236.000 Ich-AGs. Für deren Förderung bringt der Staat in diesem Jahr 1,4 Milliarden Euro auf.

Bis Ende vergangenen Jahres hatte jeder Fünfte die Selbstständigkeit wieder aufgegeben. Die Arbeitsmarktexperten vom IAB analysierten, was aus den Abbrechern wurde. Ihr Ergebnis: 54 Prozent sind erneut arbeitslos, ein Drittel hat Schulden angehäuft. Das IAB kommt zu dem Schluss, dass "der Schritt in die Selbstständigkeit oftmals weniger aus unternehmerischer Überzeugung oder Realisierung einer vielversprechenden Geschäftsidee kommt, sondern mangels anderer Beschäftigungsalternativen".

Eine Bilanz der Ich-AG lässt sich erst ziehen, wenn die Zuschüsse für die ersten Existenzgründer 2006 auslaufen. Zudem ist unklar, ob die Ich-AGs zu Missbrauch führen. So kann etwa der Inhaber eines Friseurgeschäfts seine Friseurin kündigen, die gründet eine Ich-AG und macht als Selbstständige dieselbe Arbeit weiter. Beide profitieren von niedrigeren Sozialabgaben - der Dumme wäre der Staat.

Als einen der wichtigsten Vorschläge der Hartz-Kommission nannte Kanzler Schröder den Job-Floater. Mit seiner Hilfe sollten Klein- und Mittelbetriebe, die einen Arbeitslosen einstellen, ein zinsgünstiges Darlehen bis 100.000 Euro erhalten. Bis zu 50.000 neue Jobs sollten so entstehen. Doch das ohnehin nur abgespeckt umgesetzte Programm erwies sich als Flop. Lediglich 13.000 Arbeitslose fanden darüber eine neue Stelle. Inzwischen spricht niemand mehr vom Job-Floater. Einen Boom erleben dagegen die Minijobs. Hartz II hob die Grenze für geringfügig Beschäftigte auf 400 Euro an - Arbeitgeber zahlen seither bis zu diesem Betrag 25 Prozent Pauschalabgaben, bei Minijobs im Haushalt nur zwölf Prozent. Im September 2002, vor der Neuregelung, gab es in Deutschland 4,1 Millionen geringfügig Beschäftigte, heute sind es 6,6 Millionen. Der größte Teil von ihnen ist im Reinigungsgewerbe beschäftigt, danach folgen Minijobs im Gesundheitswesen, in Restaurants und im Einzelhandel.

Sind die Minijobs also ein Erfolg? Da sind sich die Experten nicht einig. Viele sehen in ihnen den gelungenen Einstieg in den Niedriglohnsektor. Für den Wirtschaftsweisen Peter Bofinger von der Universität Würzburg aber sind sie "wahre Jobkiller", weil sie Vollzeitstellen unter Druck setzen. Bofinger erklärt seine Kritik mit einem Vergleich: "Wenn Sie die Branntweinsteuer für 0,7-Liter-Flaschen lassen, wie sie ist, für kleinere Flaschen aber um die Hälfte absenken, dann wird jeder die kleineren Flaschen kaufen." So sei es auch mit der Ware Arbeit: Eine Vollzeitstelle kostet in Deutschland 42 Prozent Lohnnebenkosten, ein Minijob nur 25 Prozent. Allein in den vergangenen drei Jahren wurden 1,3 Millionen sozialversicherungspflichtige Stellen in Deutschland abgebaut. Bofinger: "Dieser Abbau liegt auch am Boom der Minijobs." Um Minijobs wieder Normaljobs anzugleichen, schlägt er vor, für die ersten 800 Euro eines jeden Verdienstes die Abgaben auf 32 Prozent zu begrenzen. Ab 800 Euro gelten wieder die normalen Sätze.

Hartz III will Arbeitslose schneller und passender vermitteln. Dazu entstehen in jeder Agentur so genannte Jobcenter. Im Eingangsbereich sollen die Arbeitslosen, die nun "Kunden" heißen, ohne langes Anstehen "bedient" werden. Der geplante Umbau der Arbeitsagentur stockt aber. Erst 88 von 180 Agenturen sind mit Kundenzentren ausgestattet. Die Vermittlungszahlen liegen unter denen des Vorjahres. Neu entstanden sind Anfang des Jahres die so genannten Arbeitsgemeinschaften (Arge) zur Betreuung der Langzeitarbeitslosen. In diese Behörden, die zur Umsetzung von Hartz IV geschaffen wurden, schicken die Kommunen ihre Sozialamtsmitarbeiter und die Arbeitsagenturen ihre Leute - erzwungen hat diese Konstruktion die CDU im Vermittlungsausschuss. "Die Mischung, die wir jetzt haben, ist das Schlechteste, was man sich ausdenken konnte", sagt der Ökonom Gustav Horn. Das Problem der Arbeitsgemeinschaften: Die früheren Sozialamtsmitarbeiter haben meist keine Ahnung von Arbeitsvermittlung, die früheren Arbeitsamtsmitarbeiter wissen nichts über Schulden- oder Suchtberatung.

Der stern hat seit Anfang des Jahres die neuen Behörden in Stuttgart, Neubrandenburg und im ostfriesischen Leer beobachtet. Leer ist eine so genannte Optionskommune, die ganz ohne Arbeitsagentur auskommt. Einzig dort profitieren die Arbeitslosen von der Umstellung. Neubrandenburg setzt dagegen auf Showeffekte, indem möglichst viele Arbeitslose in Ein-Euro-Jobs gesteckt werden, und in Stuttgart erdrückt die Bearbeitung der Anträge für das Arbeitslosengeld II immer noch jede vernünftige Betreuung der Langzeitarbeitslosen.

Im Gebäude der Stuttgarter

Arbeitsagentur wurde im Januar für die Arge der dritte Stock frei geräumt, Büros wurden eingerichtet, Mitarbeiter versetzt. Doch auch ein knappes halbes Jahr später klemmt es überall. Mit 18.300 Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften (alle in einem Haushalt lebenden Personen) hatte Stuttgart kalkuliert, es sind aber mehr als 20.000. Um den vorgegebenen Betreuungsschlüssel von einem Fallmanager auf 150 Arbeitslose zu erreichen, würde Geschäftsführer Jürgen Peeß gern Personal aufstocken. Ihm stehen dieses Jahr 18,9 Millionen Euro für Personal zur Verfügung und 32,4 Millionen für Eingliederungsmaßnahmen wie Ein-Euro-Jobs. Peeß darf aber über sein Budget nicht frei verfügen.

Im Job-Center Bad-Cannstatt, einer von 23 Außenstellen der Arge, sitzt Damaris Pfau in Zimmer 208 und betreut Arbeitslose mit den Anfangsbuchstaben "Hou" bis "Kala". Früher war Frau Pfau für 80 Sozialhilfeempfänger zuständig, heute kommen auf jeden Arbeitsvermittler 205 Langzeitarbeitslose. Einen Großteil der Zeit kann sich die 36-Jährige aber gar nicht um ihre 205 "Kunden" kümmern. Jeden Dienstag muss sie bei der Leistungsgewährung aushelfen. An anderen Tagen wird sie gelegentlich abgezogen, um im Eingangsbereich Arbeitslose zu beraten. Das geht hier allen Vermittlern so. Von ihren Hartz-Kunden hat sie bisher gerade mal ein Viertel gesehen.

"Dass alles gleich optimal läuft, hat niemand erwartet", sagt Pfau. "Aber dass die Missstände nicht beseitigt werden, dass nichts verbessert wird, ist schon frustrierend." Neben dem Personalmangel müssen sich die Mitarbeiter immer noch mit der Hartz-IV-Software herumschlagen. "Das ist unendlich zeitraubend." Eigentlich sei sie für die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, sagt Damaris Pfau. "Aber inzwischen weiß man gar nicht mehr, ob es eine gute oder eine schlechte Reform ist."

In Leer in Ostfriesland

ticken die Uhren anders. Hier hat sich der Landkreis allein die Hartz-IV-Fälle geschnappt. Die neue Behörde heißt "Zentrum für Arbeit", und wer es betritt, stößt schon im Eingangsbereich auf Stelltafeln, auf denen mehr als 50 Jobs angeboten werden. Grüne Zettel stehen für gewerbliche Stellen (Arbeiter, Fahrer oder Fleischer), rote Zettel für Büroberufe (Verkäuferin, Buchhalter, Speditionskaufmann). Unterm Dach sitzt Geschäftsführer Andreas Epple, 43. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Gemälde, das einen verdurstenden Mann in der Wüste zeigt. Epple sagt: "Der verdurstet nicht, der schafft es."

Auch Leer hat mehr Hartz-IV-Empfänger als prognostiziert: Aus den geschätzten 6900 Bedarfsgemeinschaften sind 7400 geworden. Im Unterschied zum Stuttgarter Arge-Chef hat Epple seine 86 Mitarbeiter aber auf 100 aufgestockt. Sein Eingliederungsbudget hat er dafür gekürzt. "Ich mache dieses Spielchen nicht mit, Geld für Eingliederungsmaßnahmen zu verpulvern, um die Statistik aufzubessern", sagt Epple. "Wir könnten hier auch 2000 Ein-Euro-Jobs schaffen und dann die Füße hochlegen. Damit verfestigt man aber nur die Arbeitslosigkeit."

Was Leer stattdessen

besser machen will, sieht man bei Ilse Varchmin im Erdgeschoss, Raum 14. Die 44-jährige Arbeitsvermittlerin kümmert sich um Jugendliche unter 25 Jahren. Im Unterschied zu Frau Pfau in Stuttgart muss sie nebenher aber keine Alg-II-Anträge ausrechnen. Varchmin betreut 119 junge Leute, mit allen habe sie schon ein persönliches Gespräch geführt. 37 der 119 sind Schüler, die keine Betreuung brauchen: Sie zählen nur mit, weil ihre Eltern Arbeitslosengeld II bekommen. Bleiben 82. Mit der Hälfte habe sie bereits eine Eingliederungsvereinbarung geschlossen. "Das mache ich meist nach dem zweiten oder dritten Gespräch." Manchmal seien auch komplizierte Fälle dabei. Heute zum Beispiel war eine 17-Jährige da, "schwierige familiäre Situation", sie ging auf die Sonderschule, fehlte aber allein im letzten Jahr 75 Tage. "Bei so jemandem ist es gut, Zeit zu haben", sagt Ilse Varchmin. Sie vermittelte der jungen Frau zunächst ein Praktikum in einer Hundepension. "Ich verlange immer nur kleine Schritte. Erst ein Praktikum. Dann vielleicht einen Ausbildungsplatz." Sie hätte die Jugendliche auch in einen Ein-Euro-Job stecken können. "Aber wem nützt das?"

Ihr Chef Andreas Epple sagt: "Ob Hartz III ein Erfolg wird, entscheiden die handelnden Personen." In Leer sei das leichter als in einer Arge, wo die Mitarbeiter aus der hierarchischen Tradition des Arbeitsamtes kommen. Nach einem Wahlsieg will die CDU das Modell à la Leer auf mehr Kommunen ausweiten.

Leer und Stuttgart sind alte Bundesrepublik, dort gibt es wenigstens noch Stellen. Wie funktioniert der Umbau im Osten? In Neubrandenburg liegt die Arbeitslosenquote bei 25,2 Prozent. Neue Jobs gibt es hier nicht. Die Hartz-IV-Empfänger werden, ebenso wie in Stuttgart, von einer Arge betreut. Und Jugendliche mit den Buchstaben "S" bis "Sr" müssen zu Susanne Langer, 38.

Fünf Monate nach dem Start von Hartz IV vermeldet sie verblüffende Erfolge. Es sind Scheinerfolge. Von den 119 Jugendlichen, für die sie zuständig ist, hat sie 54 in Ein-Euro-Jobs oder anderen Maßnahmen untergebracht. Zudem habe sie mit 90 Prozent schon eine Eingliederungsvereinbarung abgeschlossen, etwa mit einer 24-jährigen Verkäuferin. Was steht in der Eingliederungsvereinbarung? "Dass sie auch mal über den Tellerrand schaut und sich woanders bewirbt, als Kassiererin oder in der Kaufhalle Regale auffüllen." Gibt's solche Stellen denn? "Nein", sagt Frau Langer, "aber ich hab ihr den Tipp gegeben, auch mal in den Gelben Seiten zu schauen." Ein Drittel ihrer Jugendlichen seien ohne Ausbildung, ein Teil habe noch nicht mal einen Hauptschulabschluss. Jedenfalls sei es positiv, sagt die Arbeitsvermittlerin, dass jetzt genug Geld für Maßnahmen da sei - sie meint damit Ein-Euro-Jobs. "Da bring ich die meisten meiner Leute unter."

Ihr Chef, Andreas Wegner,

hat sich zum Ziel gesetzt, von den 7855 Arbeitslosen, die seine Arge betreut, rund 2000 in Ein-Euro-Jobs zu vermitteln. Wegner glaubt, dass in Gegenden wie Neubrandenburg eine intensivere Betreuung der Arbeitslosen nicht viel bringt. Deshalb macht er auch das Gegenteil seiner Kollegen in Leer oder Stuttgart und schichtet noch 100.000 Euro aus dem Personalbudget ins Eingliederungsbudget um. Für die Arbeitslosenstatistik wirkt sich das segensreich aus: Arbeitsamtdirektor Sönke Fock meldete auf einer Pressekonferenz Anfang Juni erfreut den Zugang von 2051 neuen Stellen im Bezirk - 1280 davon waren aber Ein-Euro-Jobs.

Brigitte Walitzki, 50, lebt in Galenbeck, einem Dorf, das zur Arbeitsagentur Neubrandenburg gehört. Zu DDR-Zeiten arbeitete sie mit ihrem Mann Klaus-Dieter in der örtlichen Pelztierzucht, doch der Betrieb machte 1990 dicht. Seitdem ergeht es den Walitzkis wie Hunderttausenden Ostdeutschen: Mal ABM, mal Minijob, meist aber sind sie arbeitslos. Bis Ende vergangenen Jahres erhielten die Walitzkis zusammen 1013 Euro Arbeitslosenhilfe. Jetzt bekommen sie 758 Euro Arbeitslosengeld II. Die Kürzung empfinden sie als Herabsetzung. Sie haben sich bemüht, Arbeit zu finden, betonen sie. Sie haben nicht auf Stellenanzeigen gewartet, sondern sind bei Firmen vorstellig geworden. "Aber an welche Türe will man denn noch klopfen als 50-Jähriger", fragt Klaus-Dieter Walitzki. "Zu DDR-Zeiten haben wir doch auch gearbeitet. Wieso sagt man uns jetzt, dass wir faul sind?"

Am 24. Februar dieses Jahres schöpfte Brigitte Walitzki noch mal Hoffnung. Sie erhielt einen Brief von der Arge Mecklenburg-Strelitz: "Sehr geehrte Frau Walitzki, ich freue mich, Ihnen folgende Arbeitsstelle vorschlagen zu können: Tätigkeit: Waldarbeiterin. Lohn: nach Vereinbarung." Die Hoffnung erhielt allerdings schnell einen Dämpfer. Es handelt sich um einen Ein-Euro-Job. Brigitte Walitzki muss Zäune im Wald abbauen. Als sie den Job antrat, brachte der Beauftragte der Kommune eine "Eingliederungsvereinbarung" mit, unterschrieben von einer "persönlichen Ansprechpartnerin", die Frau Walitzki noch nie gesehen hat. Bis September wird sie nun jeden Morgen um 6.40 Uhr in den Lübbersdorfer Forst fahren. Das Benzin für die Fahrt bekommt sie nicht ersetzt. Arbeitskleidung hat sie, mit Ausnahme von zwei Paar Handschuhen, auch nicht erhalten. "Für mich ist das Zwangsarbeit", sagt sie. "Aber ich habe mir vorgenommen durchzuhalten. Ich gebe denen keinen Anlass, sich über mich zu beklagen."

Im Vergleich zum

vergangenen Jahr ist Brigitte Walitzki schmallippiger geworden, bitterer. Die Frage, ob sie sich von Hartz IV gefördert fühle, würde sie wohl als Verhöhnung empfinden. Sie fühlt sich gedemütigt. Aber die Demütigung führt zu nichts. Sie wird in ihrem Leben nie so flexibel sein, wie Peter Hartz und die Politiker sich das vorgestellt haben. Wegziehen kommt für sie nicht infrage. Die Walitzkis sind einfache Leute, die ihr ganzes Leben in Galenbeck verbracht haben, deren zwei Söhne hier leben, ihr Enkelkind, und die sich nicht vorstellen wollen, dass ein Ehepartner sich vom anderen trennt, und sei es nur für eine bestimmte Zeit, um im Westen zu arbeiten.

Hartz IV und die Menschen - das passt eben längst nicht immer zusammen. Hartz IV und die Arbeitsvermittler auch nicht, die Betreuung ist oft weiterhin schlecht. Einen Boom gibt es nur bei den Ein-Euro-Jobs. Bundesweit, so hat Minister Clement angekündigt, sollen 600.000 solche "Arbeitsgelegenheiten" entstehen, Ende April waren es bereits 85 000. Doch auch hier lohnt der genauere Blick. Manche Ein-Euro-Jobs sind sinnvoll, manche wie bei Brigitte Walitzki fragwürdig - manche unverständlich. Heike Viohl etwa arbeitete im Jahr 2003 als Gruppenleiterin in einem Kindergarten der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Ratingen. Der Vertrag war befristet, sie wurde arbeitslos - und arbeitet heute wieder im AWO-Kindergarten: als Ein-Euro-Jobberin. "Ich bin eine qualifizierte Kraft", empört sich die 40-Jährige. "Mich für einen Euro zu verkaufen, grenzt an Ausbeutung."

"Vom Sommer an geht die Arbeitslosenzahl in einem Gleitflug nach unten - langsam, aber sicher."

Wolfgang Clement am 2. Januar 2005

Möglich, dass Clement Recht behält. Denn der Anstieg der Arbeitslosenzahl auf mehr als fünf Millionen im Frühjahr dieses Jahres lag daran, dass 222.000 Sozialhilfeempfänger erstmals mitgezählt wurden. Zudem beantragen mehr Selbstständige, Schüler und Ausländer das neue Arbeitslosengeld II. Deshalb wird Hartz IV auch den Bundeshaushalt sprengen. Für 2005 waren 14,6 Milliarden Euro eingeplant, bis Ende April lagen die Ausgaben aber schon bei mehr als acht Milliarden Euro.

Die Wähler von Rot-Grün

hat nichts so sehr enttäuscht wie der Flop am Arbeitsmarkt. Vielleicht liegt darin die Tragik von Schröders Regierungsstil: Er brauchte wie kein Kanzler vor ihm Kommissionen, um Unpopuläres in der eigenen Partei durchsetzen zu können - hat sich damit aber abhängig gemacht vom Rat der Experten. Karl Lauterbach, ebenfalls Berater von Rot-Grün, bilanziert: "Hätte sich der Arbeitsmarkt anders entwickelt, würde heute niemand behaupten, das Projekt Rot-Grün sei gescheitert."

VW-Vorstand Peter Hartz ist drei Jahre nach Verkündung seiner Ideen von der Bildfläche verschwunden. Interviewanfragen des stern lehnt er seit Monaten ab. Bei einem der seltenen öffentlichen Auftritte Anfang Mai wirkte er wie ein Mann, der nicht einsehen will, dass sich seine Versprechen niemals erfüllen werden. "Wir haben 1,7 Millionen Manager", sagte Hartz, "stellen Sie sich vor, jeder dieser Manager würde sich am Tag eine Stunde gegen die Arbeitslosigkeit engagieren, zum Beispiel eine Ich-AG betreuen, dann käme das Ganze in eine Gründerwelle, und das ist das, was wir brauchen." Weil auch das nicht reichen dürfte, ergänzte er: "Der Papst kennt unser Problem jetzt auch schon, und wenn die 53.000 Pfarrer alle mitmachen und von der Kanzel herunter uns auch helfen, dann ist das schon ein Beitrag der Gesellschaft."

Markus Grill/print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Zu hohe Inkassogebühren, rechtens?
Hallo, ich habe am 20 März 15 einen Vertrag über 12 Monate mit einem Fitness-Studio abgeschlossen. Die Kosten (9,98 € 14-Tägig, 39,99€ Verwaltung einmalig, 19,99 Trainer und Servicepauschale Jährlich) sollten per Einzugsermächtigung abgebucht werden. Kürzlich bekam ich überraschend einen Brief von einem Inkassobüro mit der Zahlungsaufforderung für die gesamten 12 Monate inkl. der Verwaltung und Servicepauschale + Auslagen des Gläubigers (63,38€), Zinsen (1,42€), Geschäftsgebühr (45€), Auskunftskosten (5€) , Auslagenpauschale (9€) Hauptforderung 320,28€ Offene Forderung 444,08€ Nach dem ich mich bei der Firma erkundet habe, sagten sie mir, dass Zahlung zurückgegangen ist da mein Konto nicht gedeckt sei. Fakt war das sie einen Zahhlendreher in der Kontonummer hatten obwohl im meinem Durchschlag die Richtige Kontonummer angegeben wurde. Aber im Original hat jemand aus einer 3 eine 8 geändert. Nach Überprüfung konnte ich Feststellen das es diese Kontonummer gar nicht gibt und das diese vom System gar nicht angenommen wird. Spätestens da hätte man mich doch hinweisen oder fragen können was mit dem Konto sei. Es kam nie ein zu einem Zahhlungsrückgang, noch zu einer Zahlungserinnerung Mahnung seitens des Fitnessstudios. Die AGB´s habe ich nie zu Gesicht nie bekommen und auch nicht gelesen - diese stehen (nach meiner Recherche) im Internet aber auch nicht definiert wie man in Zahlungsverzug kommt. Leider habe ich unterschrieben das sie mir bekannt sind. Dies steht ganz kleingedruckt im Durchschlag. Ich habe der Firma vorgeschlagen die offenen Beiträge bis jetzt zu bezahlen und für die Zukunft eine neue Einzugsermächtigung zu erteilen, was sie aber abgelehnt haben und mir gesagt haben ich soll dies mit dem Inkassobüro klären. Der Fitnessvertrag ist somit gesperrt seit einem Monat. Da ich aber mit den Gebühren, Mahnspesen von dem Inkassobüro nicht einverstanden bin weiß ich nicht ob ich diese bezahlen muss. Ich habe dem Inkassobüro auch vorgeschlagen die offenen Beiträge zu begleichen und diese dann wie vertraglich vereinbart abgebucht werden. Sie haben mir angeboten diese in einem Jahr zu einem monatlichen Beitrag von 35€ abzuzahlen. Dies währen Mehrkosten von 100€, ist das rechtens? Bitte Antworten sie mir in einer Sprache die ich auch versteh - mit langen Gesetzestexten kann ich leider nicht umgehen Und was Sie denken was ich tun soll was rechtens ist. Vielen Dank im Voraus

Partner-Tools