Der Traum vom Jobwunder

3. Juli 2005, 10:46 Uhr

Die Arbeitsmarkt-Reformen, benannt nach VW-Vorstand Peter Hartz, sollten zwei Millionen neue Jobs bringen. Was haben Ich-AG, Job-Floater und der Umbau der Arbeitsämter gebracht? Eine Bilanz von Hartz I bis IV.

Dag Engler, gelernter Schlosser, fand über eine Personalserviceagentur wieder ins Berufsleben - er wird Lagerist©

"Die Zahl der Arbeitslosen kann halbiert werden. Dieses Ziel ist seriös und realistisch." Bundeskanzler Gerhard Schröder am 16. August 2002

Es ist noch keine drei Jahre her, dass die politische Elite in Deutschland ihre ganze Hoffnung auf einen Mann setzte - auf Peter Hartz, im Hauptberuf VW-Vorstand, und seine Kommission zur Reform des Arbeitsmarkts. Gerhard Schröder nahm die Vorschläge der Kommission in die Agenda 2010 auf. Seither wird "Hartz" umgesetzt - nicht "eins zu eins", sondern durch die Ministerialbürokratie abgeschliffen und durch die Unionsmehrheit im Bundesrat in Teilen verändert.

An der alles entscheidenden Zahl, der Arbeitslosigkeit, lässt sich kein Erfolg ablesen: Mit 4,8 Millionen sind mehr Menschen ohne Job als vor Hartz. Was also haben die Gesetze gebracht, die im Bundestag von SPD, CDU, Grünen und FDP großteils gemeinsam verabschiedet wurden? Wie hat sich das Land unter Hartz I bis IV gewandelt? Der stern hat ein Jahr lang Arbeitslose begleitet: Wie hat sich ihr Leben verändert? Was wurde aus der versprochenen besseren Betreuung?

Dag Engler hat nach fast zwei Jahren Arbeitslosigkeit wieder einen Job. Die Arbeitsagentur zahlte dem gelernten Schlosser aus Stuttgart eine Fortbildung, bei der er den Staplerschein machen konnte. Im Februar übergab sie ihn an die Personalserviceagentur "Neue Arbeit Markt", die ihn als Lagerist an eine Spedition vermittelte. Die Spedition bot Engler eine Stelle an, die er im November antreten wird. "Ich glaube nicht, dass ich auf normalem Weg einen Job gefunden hätte", sagte Engler. Der 41-Jährige ist so ein Fall, wie ihn sich Peter Hartz vorgestellt hatte: Arbeitslose, die nur schwer einen Job finden, kommen als Leiharbeiter einer Personalserviceagentur (PSA) zu einer Firma und bleiben dort kleben. Hartz I sollte diesen Klebeeffekt organisieren. Die Arbeitsagentur zahlt der PSA für jeden Arbeitslosen im Schnitt 1099 Euro im Monat. Der Zuschuss wird im Laufe der Zeit reduziert, im zehnten Monat auf null. Vermittelt die PSA den Arbeitslosen auf eine feste Stelle, legt der Staat bis zu zwei Monatsprämien obendrauf. Jede Arbeitsagentur musste mit mindestens einer PSA einen Vertrag schließen.

In den ersten drei Jahren, so prognostizierte die Hartz-Kommission, sollten 500.000 Arbeitslose bei den PSA unterkommen. Bis Ende April dieses Jahres waren es aber gerade mal 111.000, und die Zahl der PSAs sinkt schon wieder. Ein Drittel der Leiharbeiter findet nach der PSA wieder eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Aber nur zehn Prozent blieben bei ihrer Firma kleben.

So fällt die Bilanz mager aus: Im Jahr 2004 vermittelten die PSAs 18.400 Arbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt, die Arbeitsagenturen zahlten dafür 350 Millionen Euro. Das macht 19.000 Euro für jeden vermittelten Arbeitslosen. Susanne Koch vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) resümiert: "Leiharbeit funktioniert vor allem im Aufschwung."

Ich-AGs sollen es Arbeitslosen erleichtern, sich selbstständig zu machen. Im ersten Jahr zahlt die Arbeitsagentur 600 Euro pro Monat, im zweiten 360 und im dritten 240 Euro. Danach gibt es keine Förderung mehr.

Susanne Voit hat eine Ich-AG gegründet. Sie arbeitete früher als Außendienstmitarbeiterin für die Modefirma Chanel, danach war sie Mädchen für alles in einer Werbeagentur - bis die im September 2003 Pleite ging. Als die 39-Jährige im Juli vergangenen Jahres nur noch Arbeitslosenhilfe bekam, sagte sie: "Natürlich muss man sich bemühen, aus der Arbeitslosigkeit wieder rauszukommen." Aber eine Putzstelle hätte sie nicht angenommen. Im November machte sie sich als Visagistin und Stylistin selbstständig. "In Hartz leben", wie sie es nennt, konnte sich Voit nicht vorstellen. "Die Abhängigkeit vom Staat und die Ämterrennerei sind mir auf den Keks gegangen, und es gibt wirklich bedürftigere Leute als mich."

Jetzt schminkt sie Models vor dem Fotoshooting und verdient mit diesen Aufträgen 300 bis 500 Euro im Monat. "Am Anfang lief's besser, aber im Moment wollen alle die Preise dumpen", klagt sie. Ein Jahr will sie sich geben. Wenn sie dann nicht von ihrer Selbstständigkeit leben könne, werde sie sich wieder um eine feste Stelle bewerben. Als Peter Hartz die Ich-AG vorstellte, schienen ihm jährlich bis zu einer halben Million Existenzgründungen möglich. Derzeit gibt es 236.000 Ich-AGs. Für deren Förderung bringt der Staat in diesem Jahr 1,4 Milliarden Euro auf.

Bis Ende vergangenen Jahres hatte jeder Fünfte die Selbstständigkeit wieder aufgegeben. Die Arbeitsmarktexperten vom IAB analysierten, was aus den Abbrechern wurde. Ihr Ergebnis: 54 Prozent sind erneut arbeitslos, ein Drittel hat Schulden angehäuft. Das IAB kommt zu dem Schluss, dass "der Schritt in die Selbstständigkeit oftmals weniger aus unternehmerischer Überzeugung oder Realisierung einer vielversprechenden Geschäftsidee kommt, sondern mangels anderer Beschäftigungsalternativen".

Hartz I: Personalserviceagenturen "Jedem Arbeitsamt gliedern wir eine so genannte Personalserviceagentur an, die wie eine private Zeit- arbeitsfirma arbeitet. Dort werden die Arbeitslosen angestellt. Praktisch sind sie dann nur eine logische Sekunde lang arbeitslos." Regierungsberater Peter Hartz am 24. Juni 2002

Hartz II: Ich-AG, Job-Floater, Minijobs "Ich glaube daran, dass man die Arbeitslosigkeit bei den in Deutschland gegebenen Rahmenbedingungen reduzieren kann und nicht darauf warten muss, dass ein ökonomisches Wunder passiert." Peter Hartz am 24. Juni 2002

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