Für manche ist Hartz IV eine notwendige Reform. Für andere eine Rutsche in die Armut. Wie aber kommen die Betroffenen selbst damit zurecht? stern-Redakteur Hannes Roß hat einen Monat lang von Hartz IV gelebt.

Kostenloses Frühstück: Hannes Roß bei der Caritas© Florian Jaenicke
Es fängt leicht an. Ich kann ausschlafen. Normalerweise müsste ich um neun Uhr im Büro sein. Doch heute wartet dort niemand auf mich, auch die nächsten vier Wochen wartet niemand auf mich, weil ich arbeitslos bin. Jedenfalls tue ich so. Ich habe eine Absprache mit der Agentur für Arbeit in Hamburg getroffen: Einen Monat lang wird sie mich wie einen Hartz-IV-Empfänger behandeln. Ein künstlicher Versuch, aber die 4,22 Euro in meiner Hand fühlen sich schon jetzt verdammt realistisch an. Sie müssen reichen, für heute, meinen ersten Tag.
Hartz IV - das Wort des Jahres 2004, die größte Sozialreform in der Geschichte der Bundesrepublik: Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe werden auf einen Regelsatz zusammengelegt. 345 Euro im Westen, 331 im Osten. Mit so viel Bargeld müssen seit dem 1. Januar 2005 rund vier Millionen Menschen auskommen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind. Hinzu kommen Zahlungen für Miete und Sozialversicherungen. Für die Menschen mit Arbeit klingt Hartz IV wie eine Warnung: Pass bloß auf deinen Arbeitsplatz auf.
345 Euro reichen zum Leben, sagen der Kanzler und seine Reformer. Die Menschen rutschen in die Armut, sagen die Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände. Aber wo liegt die Wahrheit? Wie viel Geld braucht man in Deutschland für ein menschenwürdiges Leben? Welche Schicksale verbergen sich hinter der Chiffre Hartz IV? Nürnberg meldet inzwischen mehr als fünf Millionen Arbeitslose. Wie fühlt es sich an, einer von ihnen zu sein? Das möchte ich herausfinden.
Der erste Tag beginnt mit Einkaufen. Billig muss es sein, sehr billig. Für den Lebensmittelsbedarf haben sich die Beamten an den 20 Prozent deutscher Haushalte mit den niedrigsten Einkommen orientiert. Das heißt: Ich darf für Essen pro Tag nur 4,22 Euro ausgeben. Wenn ich dreimal am Tag essen will, macht das 1,41 Euro pro Mahlzeit. Wie soll das gehen? Im Kopf streiche ich all die Kleinigkeiten, die sonst so selbstverständlich sind: ein Cappuccino im Café, ein Big Mäc bei McDonald's, ein belegtes Brötchen beim Bäcker. Ich denke daran, wie ich mit dem Geld auskommen sollte, wenn ich Raucher wäre. Hartz IV scheint die sicherste Entziehungskur zu sein.
Es ist mittags, ein normaler Wochentag, doch beim Lidl-Markt auf der Reeperbahn in Hamburg haben sich lange Warteschlangen vor den Kassen gebildet. Viele Männer mit aufgeschwemmten, müden Trinkergesichtern. Zu junge Mütter in Jogginghosen und Hausschuhen, die schreiende Kleinkinder hinter sich herzerren. Wer abends, kurz nach Feierabend, noch schnell ein paar Besorgungen macht, wird diesem Publikum nicht begegnen. Arbeitslose und Beschäftigte bewegen sich in unterschiedlichen Lebensrhythmen. Es sind zwei Welten, die sich nur selten berühren. Ich kaufe No-Name-Produkte: zwei Pastafertiggerichte und zwei Fertigpizzen. Käse, Brot, Salami, Milch, ein paar Orangen und Äpfel. Dazu noch Toilettenpapier und Waschmittel. Das muss für die nächsten vier Tage reichen. Ich zahle: 16,34 Euro.
Am Ausgang stehen zwei Security-Männer. Ich frage die Frau an der Kasse, ob das nötig sei. Sie schaut mich mitleidig an und sagt: "Es kommen leider so viele Asoziale hierher. Die klauen, was sie unter die Finger kriegen." Dann bittet sie mich, den Pappkarton in meinen Einkaufswagen anzuheben.
Ich habe endlich einen Anruf von meinem Arbeitsvermittler Herrn Renner× bekommen. Nächste Woche um zehn Uhr soll ich mich in der Ortsdienststelle Eidelstedt melden, dritter Stock, Zimmer 104. "Ob ich etwas für Sie habe, kann ich nicht versprechen", hat Renner am Telefon noch gesagt. "Mal sehen, ist im Augenblick schwierig. Ich kann Ihnen aber ein Bewerbungstraining vermitteln." Vielleicht muss ich ja gar nicht arbeiten, um über die Runden zu kommen, denke ich. Vielleicht reicht das Geld ja für diesen Monat.
Meine gesetzliche Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung wird von der Agentur für Arbeit übernommen. Auch meine Wohnung, 74 Quadratmeter, drei Zimmer, 804 Euro Warmmiete, wird bezahlt - allerdings nur vorübergehend. Wer Hartz-IV-Empfänger ist, der muss "angemessen" wohnen. Meine Wohnung ist unangemessen. Als Alleinstehender darf ich 45 Quadratmeter haben - und die dürfen nicht teurer als 318 Euro sein. Ich schaue auf den kleinen Park hinter meinem Schlafzimmerfenster. Meine Wohnung liegt in Altona, zehn Minuten in die Innenstadt, zehn Minuten zur Elbe, jede Menge Kneipen und Restaurants. Ich mag das. Die meisten meiner Freunde wohnen um die Ecke, seit Jahren schon. Für 318 Euro müsste ich umziehen, an den Stadtrand, nach Mümmelmannsberg beispielsweise, eine jener Siedlungen im Niemandsland vor Hamburg, wo die Mieten niedrig sind.
Natürlich könnte ich einen Umzug verkraften, wenn es sein müsste - aber wie schafft das jemand wie Frau Behnken? Frau Behnken, die ich ein paar Tage später treffe, ist 58 Jahre alt. Eine zierliche Frau mit ängstlichen braunen Augen und hängenden Schultern. Seit 34 Jahren wohnt sie in ihrer 64 Quadratmeter großen Wohnung in Hamburg-Barmbek, zweiter Stock, Warmmiete 620 Euro. Bisher hat das Sozialamt die Miete gezahlt, doch nun kam ein Aufforderungsbescheid von der Bundesagentur. Bis März solle Frau Behnken umziehen und vorher ihre Bemühungen um "Unterkunftskosten auf angemessenem Niveau" nachweisen.
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Stern
Ausgabe 10/2005