Berlin ist pleite - Berlin lebt

16. Juni 2003, 17:26 Uhr

Klar, die Hauptstadt ist ein Sanierungsfall: 50 Milliarden Euro Schulden, 312.000 Arbeitslose, eine Katastrophe. Aber auf den Trümmern wächst das Neue: Junge Kreative nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand.

"Bread & Butter": "Man muss Power haben, um jetzt nach Berlin zu gehen"©

Diese Stadt ist eine Zumutung. Ihre Straßen sind kaputt, ihre Schulen schlecht. Es riecht nach Hundekacke. Das Schwimmbad an der Ecke haben sie dichtgemacht, weil für so was schon lange kein Geld mehr da ist. Bei der Fahrt durch die selbst ernannte Metropole: hektargroße Industriebrachen, die still in der Frühsommersonne liegen. Ganze Hochhausblöcke - menschenleer. Überall Zeichen des Niedergangs, als sei diese Hauptstadt von einer seltsamen, leprösen Schwindsucht befallen.

An vielen Stellen einfach nur grandiose Leere: kein Blumenbeet, kein Spielplatz und kein Geschäft. Nichts. Nur Leere und Hundekacke und "Siggi’s Bierschwemme". An solchen Plätzen kann man schon ins Grübeln kommen: Ist das hier noch Berlin? Oder ist das schon Bukarest?

Dann wieder kleine heile Welten. Man kann am Gendarmenmarkt sitzen und Bier trinken und sich langsam wegträumen, nach Italien vielleicht - bis die resolute Kellnerin die Rechnung eintreibt: "Ham Se 's nich' kleiner? Dit is' hier keene Wechselstube!" Dann weiß man wieder: Das hier ist Berlin, unverwechselbar.

Berlin hat die höchsten Einnahmen aller Bundesländer

"Beware of the schnauze", warnt der "Economist" englischsprachige Touristen, die eine Reise in Deutschlands Hauptstadt planen. Sie kommen trotzdem. Elf Millionen Hotelübernachtungen zählten die Statistiker vergangenes Jahr in Berlin - mehr als in Hamburg oder München. Alle kommen. Trotz Schnauze und Hundekacke.

Was, um Himmels willen, ist das für eine Stadt? Thilo Sarrazin, der Finanzsenator, würde sagen: das Armenhaus Deutschlands. Ein Sanierungsfall, reif für den Konkurs: 312.000 Arbeitslose, defizitäre Opern und Krankenhäuser, dazu das Geldgrab der landeseigenen Bankgesellschaft. 50 Milliarden Euro Schulden. Sarrazin ist Volkswirt, er zieht mit einem kleinen Aktenköfferchen durch Volkshochschulen und Handwerkskammern und schildert den Ernst der Lage. "Berlin ist pleite", sagt Sarrazin, wenn er sein Köfferchen abgestellt hat. "Da braucht man nicht mal mehr ’nen Dreisatz zu." Von einem Steuer-Euro, den der Senator einnimmt, gehen 28 Cent direkt an die Banken, für Zinsen und Zinseszinsen. Er hat ja schon einiges erlebt, sagt Sarrazin, vorher war er immerhin Staatssekretär für Finanzen in Rheinland-Pfalz und sogar im Vorstand der Deutschen Bahn. Aber das hier ist neu.

Warum wird in Berlin jede Opernkarte mit 160 Euro bezuschusst, in München dagegen nur mit 100? Warum zahlt eine Familie mit einem Monatseinkommen von 2.900 Euro in Hamburg 364,14 Euro Kita-Gebühren, in Berlin aber nur 122,71? Die Berliner glauben, dass ihre Stadt arm dran ist, aber das stimmt nicht. Berlin nimmt dank üppiger Bundes- und Landeshilfen pro Kopf 5.213 Euro ein - mehr als das reiche Hamburg oder das auch nicht arme Bayern. Die Hauptstadt hat die höchsten Einnahmen aller Bundesländer.

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