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Warum Deutschland mehr Türken braucht

Erst Sarrazin, dann Seehofer, heute weitere CSU-Politiker: Schelte gegen zuwandernde Türken kommt in Mode. Vier Polit-Parolen - und was Experten dazu meinen.

Von Sönke Wiese

  Deutsch-türkische Flagge beim Fußball: Neue Zuwanderer könnten Integration erleichtern

Deutsch-türkische Flagge beim Fußball: Neue Zuwanderer könnten Integration erleichtern

  • Sönke Wiese

Horst Seehofers jüngste Aussagen zur Zuwanderungspolitik sorgten für Wirbel. Der bayerische Ministerpräsident wies deshalb rasch darauf hin: Man möge doch bitte genau lesen, was er gesagt habe. Das hat stern.de getan. Lesen Sie die vier Kernaussagen seines Interviews - und was Experten davon halten.

1. Es gibt keine Netto-Zuwanderung aus muslimischen Ländern

Im "Focus"-Interview sagte Horst Seehofer, dass "wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen". Er zielte damit auf Immigranten aus der "Türkei und anderen arabischen Ländern".

Der CSU-Vorsitzende will somit ein Phänomen bekämpfen, das es gar nicht gibt. Schon seit Mitte der 1990er Jahre schrumpft die ausländische Bevölkerung insgesamt in Deutschland, wie die Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zeigt. Auch die Zahl der Türken, die mit Abstand größte Gruppe unter den Ausländern, sinkt seit Jahren.

Der Saldo ist aus deutscher Sicht negativ: "De facto hat es in den vergangenen Jahren eine Abwanderung in muslimische Länder gegeben", sagt Reiner Klingholz, Chef des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. 2008 zogen laut Migrationsbericht der Bundesregierung knapp 27.000 Türken hierher, gleichzeitig aber verließen knapp 35.000 Deutschland.

Was die Zu- und Abwanderung betrifft, sind die Türken außerdem längst von anderen Gruppen überholt worden: 2008 kamen beispielsweise 120.000 Polen und knapp 50.000 Rumänen nach Deutschland. "Das weiß gewiss auch Horst Seehofer", sagte Klingholz stern.de. Die Statistiken veröffentlicht das Statistische Bundesamt jährlich, sie sind für jedermann über die Website einzusehen.

2. Deutschland braucht dringend Fachkräfte - aus jedem Land

Horst Seehofer sagte: "Den Fachkräftemangel beheben wir nicht durch Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen: Erst einmal müssen wir das hier vorhandene Potenzial ausschöpfen." Damit folgt der CSU-Vorsitzende, ohne es direkt auszusprechen, der üblichen Stammtischlogik: Die freien Stellen in den Unternehmen sollten doch gefälligst erst einmal durch deutsche Arbeitslose besetzt werden!

Ein frommer Wunsch, der leider nicht zu erfüllen ist. "Das versucht die Bundesagentur für Arbeit seit vielen Jahren mit enormem Aufwand - und hat dabei offenkundig nur begrenzten Erfolg", sagt Klingholz. Das Problem: Ein arbeitsloser Zimmermann aus Berlin kann eben nicht morgen als Ingenieur in Bayern eingesetzt werden.

Die Qualifikationen und Kompetenzen vieler Arbeitsloser werden schlicht nicht mehr gebraucht - und sie können auch nicht über Nacht den neuen Erfordernissen des Arbeitsmarkts angepasst werden. "Auch bei besten Qualifikationsmaßnahmen können die offenen Stellen nicht kurzfristig besetzt werden", sagt Klingholz. So setzt auch Frank-Jürgen Weise auf ausländische Spitzenkräfte. Das benötigte Personal hauptsächlich unter deutschen Langzeitarbeitslosen zu rekrutieren, sei eine unrealistische Forderung, sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit der "Süddeutschen Zeitung". Veränderungen im Schul- und Ausbildungssystem dauern mitunter Jahrzehnte, bis sie greifen.

Vor diesen Herausforderungen stehen alle westlichen Industriestaaten. Und so werben sie alle aktiv die ausgebildeten Spezialisten aus dem Ausland an, das ist auch die offizielle Linie der Bundesregierung. Dabei allerdings nach Kulturkreisen zu separieren, wie es offenkundig Horst Seehofer vorschwebt, halten Experten für unvernünftig. "Letztendlich interessiert Arbeitgeber nicht die Religion ihrer Angestellten", meint Thomas Liebig, Migrationsexperte der OECD in Paris. "Entscheidend für sie ist, ob jemand produktiv ist oder nicht."

Er sagte stern.de: "Nach meiner Kenntnis gibt es kein OECD-Land, das bei der Arbeitsmarktzuwanderung nach Kulturkreisen unterscheidet." Als vorbildlich gelten Kanada und Australien, die die Zuwanderung streng nach dem Bedarf auf dem Arbeitsmarkt steuern. Die Immigranten sichern Jobs oder schaffen sogar neue Arbeitsplätze, weil ohne die ausländischen Fachkräfte viele Unternehmen nicht überlebensfähig wären oder ihre Produktion ins Ausland verlagern müssen.

Die in Deutschland geführte Integrationsdebatte, die immer wieder Herkunft, Religion und Kultur in den Vordergrund rückt, dürfte Akademiker aus Indien, China und der Türkei dagegen eher abschrecken als ermutigen. Nach Schätzung der OECD sind 2008 nur rund 18.000 hochqualifizierte Fachkräfte nach Deutschland gekommen - "eine im internationalen Vergleich sehr niedrige Zahl", so Liebig.

Während sich also die dramatisch rückläufige Zuwanderung immer mehr zu einem ernsten Problem für den hiesigen Wirtschaftsstandort entwickelt, sagte Horst Seehofer: "Ich habe kein Verständnis für die Forderung nach weitergehender Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen."

3. Europäische Immigranten werden weniger

Der CSU-Vorsitzende präferiert dagegen offenkundig europäische Zuwanderer, um der deutschen Wirtschaft auszuhelfen: "Wir werden ohnehin ab Mai nächsten Jahres die EU-Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus Osteuropa haben", sagte er.

Tatsächlich stellen die Osteuropäer etwa aus Polen, Rumänien, Ungarn und Bulgarien gegenwärtig den Großteil aller Einwanderer. Doch die Experten warnen davor, auf sie auch in Zukunft zu setzen. "Die Arbeitsmarktlücke in Deutschland kann kaum mit Bürgern aus anderen EU-Staaten gedeckt werden, da alle vor ähnlichen Problemen stehen", sagt OECD-Experte Liebig. Denn die Wirtschaft in Osteuropa floriert, viel stärker als in Westeuropa, die Unternehmen klagen auch dort bereits über Nachwuchsmangel bei den Fachkräften. Sie bekommen inzwischen den starken Geburtenrückgang nach dem Ende Ost-West-Konflikts zu spüren. Entsprechend steigen die Gehälter.

"Die qualifizierten Kräfte werden vor Ort gebraucht und haben dort oft auch bessere Chancen, gutes Geld zu verdienen", weiß Klingholz. Auch Thomas Liebig prophezeit ein abnehmendes Abwanderungsinteresse im Osten. Das zeigen bereits heute die Zahlen zum Wanderungssaldo der Polen: 2008 wanderten 119.867 ein, gleichzeitig zogen 119.649 wieder fort. Außerdem seien zum Beispiel viele Polen "bereits in diejenigen EU-Länder abgewandert, die ihren Arbeitsmarkt schon vor Jahren für Personen aus den neuen Mitgliedsstaaten geöffnet haben".

Deutschland bleibt gar keine andere Wahl, als verstärkt auf Kräfte aus Nicht-EU-Ländern zu setzen.

4. Zuwanderer fördern die Integration insgesamt

Horst Seehofer will weniger Zuwanderer "aus anderen Kulturkreisen wie aus der Türkei und arabischen Ländern", weil ihnen die Integration "insgesamt schwerer" fiele. Das trifft möglicherweise auf Teile der Nachfolgegenerationen der Gastarbeiter zu, die vor Jahrzehnten nach Deutschland kamen. Doch deswegen den neuen Migranten aus der Türkei und anderen muslimischen Ländern den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu verweigern, wäre ein fataler Fehler. Denn gerade diejenigen, die sich nun entscheiden, ihre Heimat zu verlassen, sind meist hochgebildet und motiviert. "Das sind Leute, die es zu etwas bringen wollen", sagt Klingholz. Aus den USA und Kanada wisse man, dass diese Migranten der zweiten Generation im Schnitt erfolgreicher als die einheimische Bevölkerung seien.

Thomas Liebig von der OECD sagt, dass aus der Türkei "zunehmend Akademiker einwandern, hochqualifizierte Kräfte, die die deutsche Wirtschaft sicher braucht". Sie sind auch förderlich für die Integration insgesamt: Sie rücken das Bild vom vermeintlich gering gebildeten Ausländer zurecht.

Und da gibt es einiges zu korrigieren: Wie eine OECD-Studie zeigt, haben ausgerechnet gebildete Migranten die größten Schwierigkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt - paradoxerweise sind die Niedrigqualifizierten verhältnismäßig gut integriert. Die OECD vermutet, in Deutschland herrsche die Meinung vor, dass Migranten generell wenig gebildet seien.

Ihre Bildungserfolge würden jedenfalls hierzulande - im Gegensatz etwa zur Schweiz - immer noch nicht hinreichend honoriert. "Sie haben mit Vorurteilen und daraus resultierend mit Diskriminierung zu kämpfen", sagt Liebig. Solche Debatten, wie sie zuletzt Horst Seehofer entfacht hat, "erleichtern ihre Lage nicht unbedingt".

Reiner Klingholz meint, wer wie der bayerische Ministerpräsident auf Zuwanderer anderer Kulturkreise verzichten wolle, dem bleibe allein aufgrund des demographischen Wandels nur eine Alternative: "Ein Altersheim mit völkischer Identität, das nicht überlebensfähig ist."

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