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Sehnsucht nach dem Neuanfang

Ein nörgelnder Chef, ein langweiliger Beruf - irgendwann kommt jeder einmal an dem Punkt an, wo er sich fragt: "Bin ich wirklich glücklich? Was ist aus meinen Träumen geworden?" Besuche bei Menschen, die komplett neu angefangen haben.

Von Silke Gronwald und Roman Heflik

Neues Jahr - neues Glück: Etwa acht Millionen Deutsche fangen im Schnitt pro Jahr einen neuen Job an. Der Großteil wechselt schlicht den Arbeitgeber, manche kämpfen sich aus der Arbeitslosigkeit heraus und ein paar gründen ihre eigene Firma. Viele der Wechsler bleiben ihrem erlernten Beruf treu, aber längst nicht mehr alle. So wird aus dem Diakon ein Bergführer, aus der Headhunterin eine Totengräberin oder aus dem Chirurgen ein Trucker.

Den eigenen Traum leben

Die Brüche in den Biografien kommen nicht von ungefähr. Gerade in einer Zeit, in der es wirtschaftlich kriselt, haben die Arbeitnehmer gar keine andere Wahl: Sie müssen sich - wenn sie sich nicht ins Heer der Arbeitslosen einreihen wollen - neu orientieren. Angesichts der drohenden Rezession wird dieser Druck zur Flexibilität und zur Umstellung noch steigen.

Aber die Angst vor der Krise kann auch wachrütteln und dazu zwingen, sich noch mal Gedanken zu machen. Ist jetzt vielleicht der Moment gekommen sein, das eigene Leben noch mal neu anzugehen? "Zu entdecken was einen wirklich antreibt, ist oft ein besserer Ratgeber, als die nackte Statistik des Arbeitsamtes, die nur zeigt, wo es wie viele offene Stellen gibt," sagt Uta Glaubitz, die seit zwölf Jahren Menschen bei der Wahl des richtigen Berufs hilft. "Was ist mir wichtig? Wofür springe ich freiwillig morgens aus dem Bett? Was fasziniert mich so, dass ich dafür die Nacht durcharbeiten würde?"

Der stern hat Menschen getroffen, die das Wagnis Neuanfang gewagt haben. Einige freiwillig, einige, weil sie keine andere Wahl hatten. Alle hatten völlig verschiedenen Hoffnungen und Sorgen. Unter ihnen sind Karrieretypen und Kreative, Teamworker und Individualisten. Und doch haben sie eines gemeinsam: Sie sind unendlich froh, dass sie sich auf das Abenteuer Neuanfang eingelassen haben. Einige sagen: "Wenn's schief geht, habe ich wenigstens meinen Traum gelebt. Das kann mir keiner nehmen."

Vom Herzchirurgen zum Trucker

Es gibt ein Foto aus dem alten Leben von Markus Studer. Da steht er am OP-Tisch, mit grüner Haube, blauem Kittel und Mundschutz. Mit einem metallischen Instrument greift er gerade in den offenen Brustkorb eines Patienten, den man unter OP-Tüchern, Schläuchen und Klammern nur erahnen kann. Gerade haben ihm Herzchirurg Studer und sein Team eine neue Herzklappe eingepflanzt und einen Bypass gelegt. Das ist jetzt mehr als sechs Jahre her.

Der neue Markus Studer parkt gerade in Mannheim seinen 40-Tonnen-Sattelschlepper ein. In den Mundwinkel hat sich Studer eine Zigarette geklemmt, über die hinweg er seinen Rückspiegel anpeilt. Langsam bugsiert er seinen Truck rückwärts in die schmale Lücke zwischen zwei anderen Lastzügen. Das 460-PS-Aggregat der Maschine grollt noch einmal dunkel auf, bevor die Bremsen aufzischen, der Motor schließlich erstirbt und Studer, der Trucker, gelenkig aus dem Cockpit klettert. Wieder eine Tour geschafft.

Der Paradiesvogel unter den Exoten

Wenn Seiteneinsteiger Abenteurer auf dem Arbeitsmarkt sind, dann ist Studer der Paradiesvogel unter den Exoten. Sein Fall sorgte schnell für öffentliche Aufmerksamkeit - weit über die Grenzen der Schweiz hinaus: Ein renommierter Herzchirurg, der seinen gut dotierten Job als Leiter eines privaten Herzzentrums aufgibt, um sich künftig europäischen Auto- statt menschlichen Blutbahnen zu widmen. Was ist denn das bitte schön für einer?

Studer lächelt. "Für mich stand schon mit Mitte vierzig fest: Ich wollte meine medizinische Karriere auf dem Höhepunkt beenden." Als alter Mann noch am OP-Tisch stehen, das habe er nie gewollt. Was nach der Medizin kommen sollte, darüber musste Studer nicht lange grübeln: "Ich bin neben einer Traktorenfabrik groß geworden und hab' als kleiner Knopf immer die großen Lastwagen auf den Straßen bewundert, ich hab also schon als Kind Dieselluft geschnuppert. Und ich wollte unbedingt herumreisen." Also gab Studer an seinem OP-freien Tag morgens Sprechstunden, und nahm nachmittags Fahrstunden, zuerst im Lastwagen, später auch im Reisebus.

Ein halbes Jahr überlegte er sich seinen Plan, fuhr bei anderen Truckern mit und lernte die Kniffe des Lebens auf der Straße. Dann kaufte er sich aus seinem Ersparten für 100.000 Euro eine nagelneue Zugmaschine, Typ Daimler Actros, ein Jungstraum mit Dachscheinwerfern und Turbolader. Studer heuerte als Subunternehmer bei einer Lebensmittelspedition an. Seitdem transportiert er in seinem silbernen Tankanhänger Orangensaftkonzentrat, Speiseöl oder Kakaobutter quer durch Europa.

Über die kleinen Dinge freuen

Heute ist der drahtige Ex-Chirurg 62 Jahre alt und seit fünfeinhalb Jahren auf der Straße. Bereut hat er bislang keinen einzigen Tag. "Ein guter Tag als Arzt, das war für mich: Zwei oder drei schwierige Operationen, die gut gegangen sind, und dann die Angehörigen anrufen, die so unendlich dankbar waren. Heute ist ein guter Tag für mich, wenn ich eine schöne Strecke irgendwo durch Frankreich fahre, dabei die Dritte von Beethoven höre oder mit meinem Beifahrer über Gott und die Welt rede."

Studer hat nicht nur den Job gewechselt, er hat gewagt, was Experten "Downshifting" nennen, zu deutsch: einen Gang herunterschalten. Wer downshiftet, der sortiert seine Prioritäten neu, ordnet die Karriere einem erfüllten Leben unter. "Der Job als Chirurg ist toll", schwärmt Studer noch heute. "Aber als Transporteur durfte ich eine ganz neue Welt kennen lernen. Für einen neugierigen Menschen wie mich ist das sehr befriedigend."

Plötzlich kann sich der ehemalige Mediziner über die kleinen Dinge im Leben freuen: "Einen schönen Parkplatz zum Beispiel im Sommer an einem See, in dem ich abends eine Runde schwimmen gehe und danach ein gutes Buch lese, und nachts liege ich in der Koje und höre, wie der Sommerregen aufs Fahrerdach prasselt."

Studers Geschichte hat viele Menschen inspiriert. Noch heute, mehr als fünf Jahre seit seinem großen Schritt, erhält er zahlreiche Mails von Menschen, die auch gerne aus- und umsteigen würden. "Den allermeisten rate ich ab", erzählt Studer. "Ich weiß, dass nicht jeder so privilegiert ist wie ich." Durch seinen früheren Beruf habe er sich finanzielle Reserven schaffen können, außerdem stehe seine Familie und vor allem seine Frau hinter ihm. "Das ist wichtig, denn jeder, der sich selbständig macht, muss wissen, dass sich sein soziales Leben radikal verändern wird. Ich sehe meine Frau jetzt zum Beispiel nur noch an den Wochenenden." Für seinen ehemaligen Geschäftspartner, einen pensionierten Swiss-Air-Piloten, sei das auf Dauer nichts gewesen. Der sei nach drei Jahren ausgestiegen, berichtet der Fernfahrer.

Wie lange er sich den Job als Trucker denn noch selbst antun wolle? Studer zuckt die Schultern. "Keine Ahnung, vielleicht mache ich auch noch mal was anderes. Aber ganz sicher nichts im Büro."

Von der Maschinenbauerin zur Gartendesignerin

Irgendwie scheint es zwei Christiane von Burkersrodas zu geben. Da ist die taffe Ingenieurin, die in Deutschland und den USA ihr Maschinenbau-Studium zackig durchgezogen mit einer Diplomarbeit in Thermodynamik abgeschlossen hat. Weil sie sich nicht genug ausgelastet fühlte, machte sie parallel noch einen Bachelor-Abschluss in Philosophie.

Auch in ihrem bisherigen Berufsleben schien sich diese Christiane von Burkersroda nie so ganz ausgelastet zu fühlen: Beim Konsumgüter-Konzern Procter&Gamble kontrollierte und reparierte sie Maschinen, die Windeln produzieren, und war mit 26 schon Chefin von 40 Mitarbeitern.

Nach wenigen Jahren wechselte sie in die Branche der Unternehmensberater und schließlich zum Chiphersteller Qimonda, um dort als Führungskraft Karriere zu machen. Diese Burkersroda ist freundlich aber konzentriert, umgänglich aber effizient, wohnhaft irgendwo zwischen ihrem PC, der Power-Point-Präsentation und der Werkshalle. Einkommen hervorragend, Aufstiegschancen exzellent.

Die andere Christiane von Burkersroda

"Aber ob Aufstieg oder nicht, irgendetwas stimmte nicht, irgendetwas lief in die falsche Richtung." Die, die da spricht, könnte man für eine andere Christiane von Burkersroda halten. Die 39-Jährige sitzt am Nachmittag entspannt an ihrem großen Holztisch daheim im ruhigen Münchner Süden und sagt, dass sie als Jugendliche Architekt werden wollte, beim Joggen ihrem Mann die Pflanzen in fremden Gärten erklären kann und Spaß hat, vor dem Besuch von Gästen den Tisch zu schmücken. Und, sagt sie, "ich hätte nie gedacht, dass aus diesen Interessen mal ein richtiger Neuanfang entstehen könnte."

Als der Münchnerin die ersten Zweifel kamen, wie ihre Laufbahn weitergehen sollte, ging sie so vor, wie sie es als Ingenieurin gelernt hatte: methodisch und zielorientiert. Sie las Ratgeber, stieß auf den Namen einer Karriereberaterin und ließ sich von ihr nach Fähigkeiten und Wünschen ausfragen. Im Laufe von zehn Sitzungen fügten sich die Puzzleteile zusammen: "Dass ich gerne kreativ gestalte, zeichne und ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen habe, war mir noch nie aufgefallen, ich dachte, das kann jeder. Und bei meiner Vorliebe für Gartenbücher hatte ich mir gar nichts gedacht."Doch als Burkersroda schließlich mit der Trainerin auf den möglichen Beruf des Landschaftsarchitekten stieß, war sie erstmal enttäuscht. Das lange Studium der Landschaftsarchitektur zu absolvieren, das schien ihr dann doch zu utopisch.

"Auf niemanden gehört"

Dann aber entdeckte die Ingenieurin ein Fernstudium in "Garten Design" an der KLC School of Design in London. Anderthalb Jahre lang werden die Teilnehmer im Erstellen von Bepflanzungsplänen, Pflanzenlisten, Designzeichnungen und Geschäftskonzepten getrimmt. Burkersroda war begeistert - aber reagierte kontrolliert: Die Ex-Beraterin analysierte erst einmal gründlich die Markt-Chancen als Garten-Designerin in Bayern und entwarf ein Finanzkonzept. "Ende November 2007 habe ich dann bei Qimonda gekündigt. Bei dieser Entscheidung habe ich einzig und allein das getan, was ich für richtig hielt, und auf niemanden sonst gehört, weder auf meine Familie noch auf meinen Mann. Aber als ich meiner Familie und meinen Freunden davon erzählt habe, haben alle positiv reagiert."

Und was ist mit ihrem langen Studium, der Berufserfahrung, den Karriereaussichten? Hat sie das nicht alles weggeworfen mit ihrem Branchenwechsel? Burkersroda stutzt kurz: "Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Man entwickelt sich doch immer weiter, und einmal gemachte Erfahrungen bleiben einem." Dass sie in ihrem neuen Job deutlich weniger verdienen wird, scheint nicht an ihr zu nagen.

"Nicht früh aufgeben"

Im Februar endet Burkersrodas Studium, erste Kunden hat sie jedoch schon jetzt. Nachdem erst einige Freunde ihr Können in Anspruch genommen haben, plant sie jetzt für einen Garten am Starnberger See und entwirft einen kinderfreundlichen Garten in Schwabing. "Wie bei meiner früheren Arbeit braucht man zunächst eine Vorstellung vom großen Ganzen, ohne sich im technischen Detail zu verlieren. Es geht ja darum, eine Atmosphäre zu erzeugen."

Die Garten-Expertin strahlt: "Ich gehe davon aus, dass mein Neustart gelingt. Wer etwas neu anfangen will, darf nicht so früh aufgeben und sagen ‚Mei, des is so schwierig'. Man muss eine klare Vorstellung von seinem Ziel haben, dann klappt das."

Vom Vertriebsmanager zum Weinhändler

Eigentlich hatte sich Guido Keller, 56, das alles ganz anders vorgestellt. Irgendwie ruhiger. In ein paar Jahren, so mit Anfang 60, hätte er seinem Arbeitgeber, der Stuttgarter Daimler AG, gern auf Wiedersehen gesagt. Dann hätte er seinen Job als Projektmanager in der Markenkommunikation gegen eine großzügige Rente eingetauscht und seiner Leidenschaft für Literatur und Wein gefrönt, vielleicht mit einem kleinen Weinhandel nebenher.

"Aber irgendwie kam dann alles früher als ich dachte", wundert sich Keller heute. Denn nach knapp 20 Jahren "beim Daimler" wollte der Autokonzern Personal abbauen: Man bot dem damals 53-Jährigen die Wahl zwischen Altersteilszeit und einer Abfindung. "Das hat anfangs schon weh getan", sagt Keller, "aber dann kam die Idee, das mit dem Weinhandel eben jetzt schon anzufangen." Zuerst seien da die Zweifel gewesen, erinnert sich der Schwabe. Dass er noch fast zehn Jahre lang sein Häusle abbezahlen musste, erleichterte die Entscheidung auch nicht gerade. "Ich hatte schon Angst vor dem Sprung."

Trotzdem unterschrieb Keller zwei Tage vor Heiligabend 2005 den Abfindungsvertrag. "Freunde haben gesagt: ‚Komm, du kannst das.' Außerdem habe ich die ‚Wein-Musketiere entdeckt, eine Art Kooperative von Weinhändlern, der ich mich anschließen konnte." Am 11. November 2006 feierte Keller mit seinem Laden "Wein-Musketier Stuttgart" Eröffnung.

"Wein und Kultur"

Wer Keller heute dort besucht, trifft einen glücklichen Menschen. Die Baskenmütze keck aufgesetzt, präsentiert er auf 230 Quadratmetern stolz ein beachtliches Sortiment an französischen, spanischen, deutschen und italienischen Weinen. Er springt von einem Regal zum nächsten und bei jeder Flasche, auf die er deutet, strömen die Geschichten aus ihm heraus wie Saft aus der Rebe: Wie er damals bei einer Einkaufstour bei diesem französischen Winzer versackt sei, was für eine besondere Technik jenes Weingut beim Keltern verwende, welche Schokolade man mal zu einem Shiraz probieren müsse. Keller ist in seinem Element, und seine Begeisterung für den gepflegten Genuss steckt auch Besucher an.

"Wein und Kultur" lautet Kellers Modell: Mal lädt er zu Lieder- und Gedichtabenden, mal vermietet er sein Wissen und die Geschäftsfläche für Weinproben oder After-Work-Partys an Firmen. "Das läuft toll. Ich liebe die Kultur und den Umgang mit Menschen." Damit das Konzept auch finanziell auf festem Boden stand, nahm Keller die Hilfe eines Existenzgründer-Coachs in Anspruch: "Die Unterstützung war goldwert", erinnert sich der Weinhändler, "und wird außerdem noch von der Industrie- und Handelskammer und von der KfW-Bank gefördert."

Dem Berater seiner Bank leuchtete das gemischte Modell aus Kulturellem und Gegorenem allerdings nicht gleich ein: Den großen Kredit, den Keller zum Ausbau seines Geschäfts beantragt hatte, könne er so nicht gewähren, teilte der Banker dem enttäuschten Neu-Unternehmer mit. "Das war schon Rückschlag", gibt Keller zu, "zumal ja auch meine Daimler-Abfindung ziemlich schnell aufgebraucht war."

Die Gewinnschwelle in Sichtweite

Trotzdem ging es weiter: Die Bank gewährte immerhin einen kleineren Kredit, und mit Hilfe einiger engagierter neuer Mitarbeiter konnte Keller das Geschäft ausbauen. "Inzwischen kommen hier jeden Tag neue Kunden herein. Der Umsatz ist in diesem Jahr um 50 Prozent zum Vorjahr gestiegen", freut sich der Ex-Angestellte. "Wenn das so weitergeht, können wir im nächsten Jahr die Gewinnschwelle erreichen."

Trotz aller Sorgen seien ihm nie Zweifel gekommen, sagt Keller. "Ich habe nie daran gedacht, dass ich es nicht schaffen könnte. Ich wusste, das hier ist mein Ding. Ich muss zwar viel mehr arbeiten als früher, aber dafür kann ich meine Individualität ausleben. Das ist zwar alles noch ein Abenteuer, aber eines, das ich bislang die ganze Zeit genossen habe."

Von der Industriekauffrau zur Möbeldesignerin

17 Jahre lang arbeitete Christina Bohnsack beim Hamburger Elektronikkonzern Phillips. Einige Kollegen kannte sie besser als manches Familienmitglied. „Bis uns im März 2006 unser Chef mitteilte, dass wir zu teuer sind und unsere Abteilung zu teuer ist und nach Budapest verlagert wird." . Mit einem Schlag war Christina Bohnsack nicht mehr "Business Fulfillment Driver im Customer Partnership", wie sich ihr Job nannte, sondern ein "Nix".

Früher High-Tech, jetzt Antik-Möbel

Zunächst stand die Hamburgerin vor einem Loch. Etwas Kreatives, gerne auch Handwerkliches wollte sie künftig machen. Auch selbstbestimmter sollte die neue Arbeit sein. Das starre Korsett des Angestelltendaseins war Christina Bohnsack leid.

In den ersten Monaten hatte sie allerdings das Gefühl, sich nur im Kreise zu drehen und keinen Meter vorwärts zu kommen. Sie verbrachte mehrere Monate als Praktikantin in einer Tischlerei, lernte die Fassmalerei und arbeitete nebenbei für Freunde ein paar Möbel auf. Aber erst als sie eine alte Kinderschulbank in ein kleines Schmuckstück verwandelte, wusste sie: "Das ist es."

Christina Bohnsack gründete ihre Firma Siesen.de - liebevoll aufgearbeitete Antikmöbel für groß und klein. Jetzt sitzt sie in einer kleinen gemütlichen Werkstatt in Hamburg-Alsterdorf. Der Holzofen knistert und knackt, auf dem Herd dampft eine Kanne mit grünem Tee und die alte Werkbank knarrt.

"Zurück kann ich immer"

"Hier kommen mir die besten Ideen, wie ich den heruntergekommenen Schränken, Tischen und Stühlen einen neuen Look verpassen kann." Die 38-Jährige vermisst die Arbeit im Konzern keine Minute. Nur an die alten Kollegen muss sie manchmal wehmütig denken. Noch trägt sich ihr Geschäft allerdings nicht allein. Bislang half das Geld vom Arbeitsamt über die Runden. Doch der Existenzgründerzuschuss läuft in den nächsten Monaten aus. Und was kommt dann? Sicherheitshalber hat sich Christina Bohnsack um einen Halbtagsjob beworben.

"So kann ich weiter mein Unternehmen aufbauen und trotzdem ohne Existenzängste schlafen gehen. Und selbst wenn es mit der Selbständigkeit nicht klappen sollte, zurück in meinen alten Job als Industriekauffrau kann ich immer. Aber dann habe ich wenigstens meinen Traum gelebt. Das kann mir keiner mehr nehmen", sagt Bohnsack.

Von der Softwareberaterin zur Elbtourmanagerin

Acht Jahre lang kämpfte sich Maike Brunk als Außendienstlerin im Softwarevertrieb durch. Für gutes Geld. „Rund 60 000 Euro habe ich im Jahr verdient“, erzählt sie. Glücklich war die Wirtschaftsinformatikerin aber nicht mit ihrem Beruf. Zum Ausgleich studierte sie nach Feierabend im Fernstudium Touristik. Zunächst einfach so, zum Spaß und ohne konkretes Berufsziel. Gegen Ende des Studiums, ihre Diplomarbeit hatte Maike Brunk gerade geschrieben, erzählte sie ihrem Chef von der Sache. Er empfand die "Nebenbeschäftigung" als einen riesigen Vertrauensmissbrauch und kündigte seiner Mitarbeiterin fristlos.

"Im ersten Moment war ich stinksauer" sagt Brunk, "und natürlich hätte ich gegen die Kündigung klagen können, aber dann hab ich mir gesagt, dass ist jetzt genau der Schubs, den du brauchst, um den Absprung zu schaffen."

Erfolgreiche Schnapsidee

Die 37-Jährige machte sich selbständig und baute das Unternehmen elbinsel-tour.de auf. Die Idee für ihre neue Laufbahn kam Maike Brunk auf einer Feier mit Freunden im Hamburger Hafen. "Wir saßen beim Portugiesen, und ich kam mit einem älteren Kapitän ins Gespräch. Er erzählte, dass sich viele Leute individuelle und originelle Elbtouren wünschen." Da wusste die blonde Frau: Das will ich machen! "Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee, aber eine sehr erfolgreiche." Geholfen bei der "Berufsfindung" hat die Karriereberaterin Uta Glaubitz, die seit zwölf Jahren Jobwechsler betreut. Heute veranstaltet Maike Brunk die unterschiedlichsten Elbrundfahrten. Je nachdem, was gewünscht wird, mit Stadtrundgang, erlesenen Antipasti, Musik oder spannenden Geschichten zur Historie. Und das nächste Ziel hat Brunk auch schon angesteuert. Die 37-Jährige ist dabei, ihr eigenes Kapitänspatent zu erwerben.

Vom Diakon zum Outdoortrainer

Die Freunde von Oliver Birükof waren eher skeptisch, als er seine Ausbildung zum Diakon einfach hinschmiss und ein Praktikum bei einem Verein für Erlebnispädagogik begann. Sein Ziel: Outdoortrainer. Aber ist das überhaupt ein richtiger Beruf? Und kann man damit Geld verdienen? Birükof hörte sich die Zweifel seiner Kumpel an, war sich aber sicher: "Ich schaffe das."

Unterstützung holte sich der Nürnberger im Berufsfindungsworkshop von Uta Glaubitz. "Das hat mir die nötige Motivation gegeben, den Schritt wirklich zu wagen." Heute wird der 26-Jährige von vielen um seinen Job im Wald und in den Bergen beneidet. "Selbst wenn es drei Tage am Stück in Strömen regnet, liebe ich meinen Beruf“, sagt Birükof, "die Arbeit mit Menschen, die sportliche Betätigung und die tägliche Abwechslung sind einfach unbezahlbar."

Aber natürlich sei der Schritt auch eine Belastung für die Partnerschaft gewesen. Während des mehrmonatigen Praktikums in Mecklenburg-Vorpommern trennten das Paar mehr als 500 Kilometer. Für regelmäßige Heimfahrten fehlte Birükof das Geld, der in dieser Zeit hauptsächlich von seinen Ersparnissen lebte. "Aber meine Freundin und ich waren uns einig, eine Beziehung darf kein Gefängnis sein."

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