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29. August 2008, 17:46 Uhr
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Regierung besticht Ärzte - wir zahlen

Union und SPD hatten Angst, dass die niedergelassenen Ärzte gegen die Gesundheitsreform rebellieren. Also haben sie eine Art Schweigegeld bezahlt: 2,7 Milliarden Euro pro Jahr fließen zusätzlich in den Honorartopf. Dabei gehören Ärzte ohnehin zu den Spitzenverdienern. Von Andreas Hoffmann

Rentner wurden 2008 mit ein paar Euro abgespeist - für die Ärzte wird es ein goldenes Jahr© Kai-Uwe Knoth/AP

Zehn, 14 oder gar 20 Prozent mehr Lohn. Auf einen Schlag. Wer hätte das nicht gern? Wovon viele Arbeitnehmer nur träumen, die Ärzte haben es erreicht. Auf sie prasselt ein noch nie da gewesener Geldregen nieder. Knapp 2,7 Milliarden Euro erhalten sie nächstes Jahr mehr, was für jeden der 149.000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten ein Plus von über 18.000 Euro pro Jahr bedeuten würde. Ob später tatsächlich so viel ankommt, ist unklar, weil das Honorarsystem kaum jemand durchschaut. Immerhin beziffern die Ärzte den Zuwachs auf durchschnittlich zehn Prozent. Außerdem gleichen sich die Honorare zwischen Ost und West stark an, künftig sollen West-Ärzte in der Regel nur sechs Prozent mehr verdienen als ihre Ost-Kollegen. Auch davon können viele Arbeitnehmer nur träumen. In der Regel liegen Ostgehälter um 20 Prozent unter denen des Westens.

Die Ärzte dürfen jubeln. Der Rest der Republik nicht. Er muss zahlen. Also Sie und ich, die Rentnerin und der Student, der Geringverdiener und die Familie. Für uns alle werden die Krankenkassenbeiträge im nächsten Jahr klettern, kräftig klettern. Das viele Geld fließt unnötig. Anders als die Funktionäre behaupten, verdienen schon jetzt niedergelassene Ärzte meist recht gut. Sie erhalten Geld nicht nur von Krankenkassen und Privatversicherungen. Sie bekommen es von Kommunen, Ländern und vom Bund, wenn sie Beamte behandeln, von der Renten-, Unfall- und Pflegeversicherung und auch direkt aus dem Geldbeutel des Bürgers, wenn sie Sonderleistungen anbieten. Unterm Strich liegt das Einkommen eines niedergelassenen Mediziners im Schnitt bei 126.000 Euro im Jahr, sagt das Statistische Bundesamt. Davon zahlen sie zwar noch Steuern, legen Geld fürs Alter und die Krankenversicherung beiseite. Ein hübsches Sümmchen bleibt dennoch übrig, viele Menschen tragen wesentlich weniger nach Hause, lag doch das durchschnittliche Bruttoeinkommen eines Arbeitnehmers 2005 bei knapp 30.000 Euro.

Vorlage für Politikverdrossenheit

Natürlich verdient nicht jeder Arzt gut. Es herrschen große Unterschiede, zwischen den Fachrichtungen, zwischen Haus- und Fachärzten und zwischen den Regionen Deutschlands. Der Landarzt, der sich in der Uckermark aufreibt, erhält viel weniger als ein Orthopäde mit Praxis am Starnberger See. Auch das führt dazu, dass auf dem Land mancherorts die Ärzte fehlen. Doch statt diese Mängel gezielt anzugehen, gibt es für alle Mediziner mehr Kohle, auch für den Orthopäden am Starnberger See. Künftig kann er noch mehr Geld in Steuersparmodelle und schnelle Autos stecken, die Euros liefern Rentner und Arbeitslose.

Dass sich die Krankenkassen für dieses Treiben nicht hergeben und den Beschluss ablehnen, muss man loben. Aber die Kassen hatten keine Chance. Union und SPD sich früh auf den Geldregen verständigt. Weil sie Angst hatten. Sie hatten Angst davor, dass die Mediziner in ihren Wartezimmern Stimmung gegen die umstrittene Gesundheitsreform machen. Wobei die Bayern angesichts der nahenden Landtagswahl besonders viel Angst hatten. Deshalb haben sie die Ärzte gekauft. Den Preis zahlen wir alle. Eine bessere Vorlage für Politikverdrossene hat die Große Koalition schon lange nicht mehr geliefert.

Von Andreas Hoffmann
KOMMENTARE (10 von 38)
 
flyingfree (31.08.2008, 10:10 Uhr)
Noch was
Mit Absahner meine ich nicht Ärzte. Die sind wichtig und sollen auch gut verdienen. Ich denke, einige tun das nämlich nicht.
Und die Ärzte die ich als Patient kenne und besuche, sind jeden Cent wert.
flyingfree (31.08.2008, 10:04 Uhr)
knilch_59
Nicht alles was gegen Absahner vorgebracht wird, muss deshalb eine Neiddebatte sein.
Das Problem sitzt anderswo und nennt sich Bundesregierung.
Konkret: Merkel.
Das System funktioniert wie ein Trichter. Oben wird reingeschüttet, und ganz unten, erst nach dem Loch, da sitzen wir. Manchmal kommt da gar nichts mehr raus.
ganzbaf (30.08.2008, 23:12 Uhr)
Na gut.

Aber nur, wenn die Halbwaisen in Weiß ihren Arzthelferinnen (und Arzthelfern) zukünftig und ab sofort das Gehalt um mind. 50% erhöhen! ;-PP
knilch_59 (30.08.2008, 13:03 Uhr)
Hört doch auf mit dieser Neiddebatte!
Fakt ist – die Bundesregierung hatte keinen Bock in den nächsten Wahlkämpfen dauernd Störfeuer aus den Arztpraxen zu bekommen – die sind ein mächtiger politischer Faktor in diesem unserem Land. Die Ärzte haben es in der Hand, die Unzufriedenheit der Patienten zu steuern: Terminvergabe, Begründung oder Verweigerung einer bestimmten Behandlung, …
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Die Durchschnittsbetrachtung des Einkommens ist irreführender Blödsinn. Der einfache Landarzt und der Großstadt-Spezialist lassen sich nicht vergleichen, und wir sollten dem Versuch nicht auf den Leim kriechen. Wenn wir eine „angemessene Bezahlung“ medizinischer Leistungen wollen, DANN GEHT DAS IM HEUTIGEN SYSTEM NICHT MEHR! Zu hoch der unterschiedliche Kapitalbedarf, zu unterschiedliche Patienten, … In der Demografiefalle gelten Durchschnitte nicht mehr. Bei Immobilienpreisunterschieden zwischen Stadt und Land von 400 % ist die Kostenkalkulation eines Landarztes in Sachsen-Anhalt nicht mit der eines Allgemeinmediziners in München vergleichbar, …
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Wir brauchen den Systemwechsel komplett. Andere Kassen, andere ärztliche Versorgung, andere Bezahlung des gesamten Gesundheitswesens!
terrax (30.08.2008, 09:51 Uhr)
@remadi
Wenn ich das richtig verstanden habe ist das die Summe der Erlös vor Steuern! Das sollte doch wohl reichen, oder? Und was ich auch nicht verstehe, weshalb sind Beamte Privat versichert?
jomimo (30.08.2008, 01:21 Uhr)
Ist es in dieser Republik
nicht möglich, die Einkommensbemessung so hoch zu legen, dass " verdammt noch mal " die meisten Menschen zu Zwangsbeitragszahlern würden? Das wäre doch einfach und schmerzhaft für eine kurze Zeit für eine bestimmte Gruppe, jedoch eine Erlösung für das ganze bescheuerte und zum Scheitern verurteilte System.
Da ich nur ein Dummie bin, klärt mich bitte auf. Danke
ganzbaf (30.08.2008, 00:22 Uhr)
Oder Stichwort...

"Arzthelferinnen"...
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Ihren eigenen (wichtigsten) Mitarbeiter(!), die meist noch den Großteil der Arbeiten erledigen, gönnen die "Weißkittelträger" kaum einmal 20% ihres eigenen Einkommens...! ))-:
ganzbaf (29.08.2008, 23:38 Uhr)
"Unterm...
Strich liegt das Einkommen eines niedergelassenen Mediziners im Schnitt bei 126.000 Euro im Jahr, sagt das Statistische Bundesamt. Davon zahlen sie zwar noch Steuern, legen Geld fürs Alter und die Krankenversicherung beiseite. (...)"
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Soweit im Text.
Kein Wort von Angestelltengehälter oder Praxismiete oder Geräteabzahlungen!
Die 10.000 sind praktisch Bruttogewinn abzüglich Steuer und Rücklagen, das finde ich deutlich zu viel.
Krankenschwestern brauchen wir auch (gute, SEHR gute...;-). Trotzdem bekommen die (und andere Berufe) Hungergehälter. Da muß gehaltstechnisch besser umverteilt werden.
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Und dass die Scheiss-EU den Hippoeid abschafft hat, passt ja wie Faust.
Keine Ehre mehr im Leib? ;-Pp
remadi (29.08.2008, 23:29 Uhr)
@gabzbaf
stimmt 10.000 im Monat wäre eine Menge, vielleicht zu viel, aber der Arzt ist Unternehmer, jedenfalls der niedergelassene, also muss er davon sein Praxis am laufen halten. Schon mal darüber nachgedacht? Und selbst wenn er 10.000 im Monat als Entnahme rausnehmen kann, wieviel verbleibt ihm nach Steuer, Versorgungswerk(Renteversicherung der Ärzte), privten Beiträgen für die Krnakenversicherung?
hevosenkuva (29.08.2008, 23:24 Uhr)
es ist zwar müßig...
hier zu diskutieren, weil jeder nur seinen privaten Frust, gepaart mit einer Menge Halbwissen und Vorurteilen raushaut, aber eine kleine Korrektur sei erlaubt:
Der "Hippokratische Eid" ist schon lange ersetzt durch die "Genfer Deklaration"
http://de.wikipedia.org/wiki/Eid_des_Hippokrates
http://de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Deklaration_des_Welt%C3%A4rztebundes
Und nein, ich bin kein Arzt.
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