25. März 2010, 11:13 Uhr

Kranken- und Altenpfleger erhalten Mindestlohn

Kranken- und Altenpfleger dürfen sich freuen: Eine Fachkommission hat sich auf einen Mindestlohn für die 800.000 Beschäftigten in der Pflegebranche geeinigt. Die verbindlichen Lohnuntergrenzen sollen schon ab Juli gelten.

Mindestlohn, Pflegebranche, Krankenpflege, Altenpflege, Kommission, Bundesarbeitsministerium, von der Leyen

Für Beschäftigte der Pflegebranche soll ab Juli ein flächendeckender Mindestlohn gelten©

Für etwa 800.000 Beschäftigte in der Alten- und ambulanten Krankenpflege soll es noch in diesem Jahr einen flächendeckenden Mindestlohn geben. Eine vom Bundesarbeitsministerium eingesetzte Kommission empfahl am Donnerstag für Pflegehilfskräfte verbindliche Lohnuntergrenzen von 8,50 Euro im Westen und von 7,50 Euro im Osten Deutschlands, wie der Arbeitgeberverband Pflege mitteilte. Der Mindestlohn solle vom 1. Juli an gelten, er muss noch vom Kabinett bestätigt werden. Das sei ein bedeutender Tag für die deutsche Sozialwirtschaft, sagte der Vorsitzende des Verbands, Thomas Greiner.

Damit liegt es nun in den Händen von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), den Mindestlohn per Rechtsverordnung für die gesamte Branche vorzuschreiben. Die Voraussetzungen dafür hatte voriges Jahr noch die große Koalition mit der Aufnahme der Pflege in das Entsendegesetz geschaffen.

In der Kommission sind die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die kommunalen und privaten Arbeitgeber sowie für die evangelische und die katholische Kirche die Diakonie und Caritas vertreten. Eine Verständigung auf eine Mindestlohnhöhe galt als besonders schwierig, weil es bisher keinen bundesweiten Tarifvertrag für alle Anbieter gibt. Die kirchlichen Arbeitgeber Caritas und Diakonie schließen zudem keine Tarifverträge ab, sondern vereinbaren die Löhne nach eigenen Richtlinien.

Bedarf an Pflegekräften steigt

Zum 1. Januar 2012 sowie zum 1. Juli 2013 soll sich der beschlossene Mindestlohn um jeweils 25 Cent erhöhen. Alleine in den kommenden zehn Jahren werden nach Angaben des Arbeitgeberverbands Pflege zusätzlich 77.000 Pflegefachkräfte benötigt, weil es immer mehr ältere Menschen in Deutschland gibt.

Ver.di-Vorstandsmitglied Ellen Paschke sagte, der Mindestlohn sei überfällig gewesen. "Einem maßlosen Lohndumping wird damit endlich ein Riegel vorgeschoben." Sie bedauerte, dass die Trennung zwischen Ost und West auch 20 Jahre nach der deutschen Einheit weiterbestehen soll. "Leider sind die Forderungen zur Lohnhöhe und zur Überwindung der West-Ost-Spaltung am privaten Arbeitgeberverband und der Diakonie gescheitert", sagte sie.

Paschke wies darauf hin, dass die Mindestlöhne keinesfalls bessere tarifvertragliche Regelungen ersetzen. "Wer jetzt schon höhere Tariflöhne bekommt, behält diese selbstverständlich."

Reuters/DPA/APN
 
 
KOMMENTARE (10 von 20)
 
eierbaer (27.03.2010, 08:47 Uhr)
8,50 EURO? Was für ein Armutszeugnis für unser Land. Meine Mutter ist examinierte Krankenschwester (jetzt in Rente). Reich ist sie damit nicht geworden, aber sie konnte immerhin 2 Kinder großziehen, und regelmäßiger Urlaub war auch drin. Heutzutage würde sie allerdings ins Ausland gehen, wo dieser Beruf noch wertgeschätzt wird.
Skillet4 (26.03.2010, 22:12 Uhr)
P.P.S.
In Alten- und Pflegeheimen werden neuerdings auch sehr gern Zeitarbeiter eingestellt.
So long!
Skillet4 (26.03.2010, 22:10 Uhr)
Sehr geehrte Administration!
Warum haben Sie meinen Beitrag gelöscht?
Dieser war sachlich, hat niemanden beleidigt, und vor allem mit dem Thema zu tun.
Skillet4 (26.03.2010, 22:03 Uhr)
P. S.
Und ich darf mal ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern:
Eine junge examinierte Altenpflegekraft wird hier oft genug mit 10 EUR brutto abgespeist.
Für schwere Arbeit.
Für schwere Facharbeit.
Skillet4 (26.03.2010, 21:52 Uhr)
@beo123 (26.03.2010, 18:41 Uhr)
Es besteht hoher Bedarf an Pflegekräften.
Und zwar in Alten- und Pflegeheimen.
In Krankenhäusern werden in erster Linie Pflegekräfte für Funktionsabteilungen gesucht, d.h. mit einer entsprechenden Zusatzausbildung (2 Jahre z. B. für Intensivpflege).
Forschen Sie einmal nach Stellenangeboten für den normalen stationären Pflegedienst in Krankenhäusern. Sie werden kaum etwas finden. Und wenn, dann handelt es sich um Scheinangebote, die sowieso intern besetzt werden.
Forschen Sie auch einmal nach dem Durchschnittsalter der im stationären Krankenhausdienst beschäftigten Pflegekräfte. Sie werden feststellen, daß außer den Kadern die meisten unter 40 Jahren alt sind.
Abgesehen davon geht der so genannte Bettenabbau munter weiter, einhergehend mit immer kürzeren Patientenverweildauern (*blutige Entlassung*) und entsprechendem Personalabbau.
In den Alten- und Pflegeheimen herrscht eine hohe Personalfluktuation, die nicht zwangsläufig auf berufliche Zufriedenheit zurückzuführen ist. Daher gibt es dort mehr Stellenangebote. Hat aber nichts damit zu tun, daß nun notwendige Stellen auch geschaffen werden.
So sieht?s aus.
beo123 (26.03.2010, 18:41 Uhr)
@knilch_59
Ich meine nicht das ablehnen einer angebotenen Stelle der Arge, sondern die Bewerbung woanders wenn man schon eine Stelle hat. Wenn wirklich hoher Bedarf nach Pflegekräften besteht, sollte sich das normalerweise irgendwann auf die Gehälter auswirken.
knilch_59 (26.03.2010, 08:56 Uhr)
@beo123
Weil man sich die Arbeitslosigkeit nicht leisten kann, weil einem dann sofort die Stütze gestrichen wird. In weiten Teilen des Landes sind am unteren Rand des Lohngefüges Verhandlungen nicht mehr möglich. Als ALG1 oder -2-Bezieher müsste man nachweisen, dass die Annahme des Arbeitsangebotes unzumutbar gewesen wäre.
.
Ich mag an dieser Stelle NICHT darüber streiten, ob diese Verletzung der staatlichen Neutralität in Tariffragen politische Absicht oder unerwünschte Nebenwirkung war, aber wie sich das staatliche Handeln an dieser Stelle faktisch auswirkt, ist unbestritten.
.
So, und jetzt versetzen Sie sich bitte in die Lage der Betroffenen: Angewiesen darauf, dass Ihnen jemand die 900 Euro, die Sie zum Leben brauchen, bezahlt, bietet ihnen jemand genau diesen Betrag. Wenn Sie ablehnen, bekommen Sie nichts, noch nicht mal von der ARGE! Die Arbeitslosigkeit beträgt 15%. Was machen Sie?
beo123 (26.03.2010, 06:50 Uhr)
Ich verstehe es nicht
Wenn es einen erheblichen Mangel an Pflegekräften gibt, warum bewerben sich die Betroffenen nicht bei einer anderen Firma und fordern entsprechende Gehälter? Sollte Marktwirtschaft nicht so funktionieren? Die 8,50 sind ein Mindestlohn und ersetzen nicht die Gehaltsverhandlung.
Skillet4 (26.03.2010, 02:57 Uhr)
Interessant ist auch,
welch überwältigende Resonanz dieser Artikel hervorgerufen hat!

Soviel zum Organisationsgrad eines Berufszweigs, der ? zigtausende Arbeitnehmer umfaßt, der es aber offenbar gewohnt ist zu *fressen*, was ihm nun mal so vorgesetzt wird!
Zum Beispiel diesen Mindestlohn (siehe *Wertschätzung*)!
Und dabei nicht (laut genug) zu klagen!

@ laketahoe (25.03.2010, 15:41 Uhr)
Quote: *Denn anders kapiert der marktradikale Teil der Gesellschaft nicht, dass man selbst als gieriger Vertreter der Deutschen Wirtschaft nichts, aber auch rein gar nichts auf dem Markt anzubieten oder zu verkaufen hätte, wenn die Arbeitskräfte fehlen.*

Was hat die *Pflege* für die darin Beschäftigten mit Wirtschaft zu tun?
Genau: wie man selber mit den paar Penunzen im Monat über die Runden kommt.
Mehr auch nicht.
Und jetzt kommen Sie, und wollen den *Saftladen* auseinander fliegen lassen?

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle (bei aller grundsätzlichen Sympathie zum Prinzip, das Sie meinen,) folgendes sagen:

Sie haben es hier nicht mit Holz, sondern lebenden Menschen zu tun.
Lazarus09 (25.03.2010, 21:06 Uhr)
@alaun33 Ich verstehe sie voll und ganz
Typisch .. ich kenne die Situation aus dem Handwerk. Viel Fachwissen kein Geld ist die Devise die, welche produktiv arbeiten sollen mit einem Appel und einem Ei abgespeist werden und die Unproduktieven verdienen sich eine Goldene Nase.So laeuft das mit den Fachkraeften die haenderingend gesucht werden. Mindestlohn winkt ihnen... welch ein Merkel.
Es ist eine Verdammte Sauerei,das hartarbeitende Plegekraefte mit knapp ueber Hartz 4 zufrieden sein sollen waehren die Investoren und Klinikbetreiber kraeftig Gewinne machen.
MEHR ZUM ARTIKEL
Ursula von der Leyen Arbeitsministerin will Missstände bei Leiharbeit beseitigen

Weniger Lohn, weniger Rechte: Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hat von Arbeitgebern und Gewerkschaften gefordert, den Missbrauch der Leiharbeit zu bekämpfen. Um Zeitarbeiter besser zu stellen, kann sich die CDU-Politikerin sogar die Einführung eines Mindestlohns vorstellen.

Initiative gegen Lohndumping Lidl plädiert für Mindestlohn

Unerwarteter Vorstoß des Discounters: Lidl will die Einführung eines verbindlichen Mindestlohns im Einzelhandel. Rivalen und Gewerkschaften reagieren zurückhaltend.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?