"Eine Firma ist keine therapeutische Wohngemeinschaft"

9. Mai 2013, 15:03 Uhr

Viele Arbeitnehmer klagen über zu viel Stress im Job - was kann man dagegen tun? Psychiater Manfred Lütz erklärt, warum er von staatlichen Anti-Stress-Regeln gar nichts hält und was stattdessen hilft. Von Daniel Bakir

© G. Daniels Manfred Lütz Der Chefarzt des Alexianer Krankenhauses in Köln ist Psychiater, Psychotherapeut und Bestsellerautor. Zuletzt erschien von ihm "Bluff! Die Fälschung der Welt".

Mehr als 40 Prozent der Arbeitnehmer klagen über wachsenden Stress am Arbeitsplatz, viele fühlen sich überfordert. Das Thema ruft die Politik auf den Plan. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) will mehr Prävention und die betriebliche Gesundheitsförderung stärken. Die Opposition verabschiedete ihrerseits vergangene Woche eine Antistress-Verordnung im Bundesrat. Unternehmen sollen demnach einseitig belastende Arbeit vermeiden, das Arbeitstempo anpassen sowie Multitasking reduzieren. Aber lässt sich weniger Arbeitsstress staatlich verordnen? Oder ist das nur die nächste Stufe des großen Burnout-Hypes? Psychiater Manfred Lütz hat dazu eine dezidierte Meinung.

Herr Lütz, viele Menschen klagen über zu viel Stress im Job. Sollte die Politik uns besser schützen?

Grundsätzlich finde ich es gut, darauf zu achten, dass Arbeitsbedingungen Menschen nicht krank machen. Man weiß, dass bestimmte Eigenschaften des Arbeitsplatzes nicht gut sind, etwa wenn die Arbeit zu monoton ist oder wenn es wenig Raum für Eigeninitiative gibt und alles nach Befehl und Gehorsam funktioniert. Das große Problem an gesetzlichen Regeln ist, dass diese nicht für alle passen. Es gibt Leute, die sich bei Multitasking sauwohl fühlen, das sind auch viele Leistungsträger. Napoleon konnte fünf Briefe gleichzeitig diktieren, andere sind schon gestresst, wenn das Telefon klingelt. Man muss individuell reagieren.

Wie problematisch sind die modernen Arbeitsbedingungen überhaupt?

Die Anforderungen sind heute nicht schlimmer als früher, sie sind nur anders. Ein Teil des Problems ist, dass Menschen den Ehrgeiz entwickeln, Dinge zu tun, die sie nicht können: Die Leute werden soweit befördert, bis sie unfähig sind. Ein Versicherungsvertreter beispielsweise, der viele Verträge abschließt und zur Belohnung zum Abteilungsleiter ernannt wird, hat dann keine Kundenkontakte mehr und muss Leitungsfähigkeit beweisen. Wenn er die nicht hat, wird er aber kreuzunglücklich. Ich glaube, dass dieser Druck ein Problem ist.

Und der führt dann zu Burnout?

Burnout ist mittlerweile ein Marketingbegriff, ein Bluff. Ich bin inzwischen ganz gegen diese Bezeichnung, weil sie zu diffus ist. Wenn jemand sagt, er habe ein Burnout, dann muss man professionell untersuchen, was er wirklich hat: Es gibt Leute, die sind psychisch krank. Die muss man auch behandeln. Viele haben aber auch schlicht Befindlichkeitsstörungen. Schlaflosigkeit und Konzentrationsmängel hat jeder mal, das ist nicht gleich eine Erkrankung. Heutzutage rennen die Leute viel zu schnell zu Psychotherapeuten und die richtig Kranken bekommen keine Therapieplätze.

Sie sind nicht nur Psychiater, sondern auch Chefarzt eines Krankenhauses. Was machen Sie als Chef, wenn ein Mitarbeiter zu Ihnen kommt und sagt "Ich habe zu viel Stress"?

Ich bin der Meinung, dass Vorgesetzte ihren Mitarbeitern nicht dauernd reinreden sollten. Aber wenn ein Mitarbeiter mich braucht, dann kann er immer zu mir kommen.

Der Chef kann allerdings auch das Problem sein. Was dann?

Wenn man einen schrecklichen Chef hat, dann kann man aber auch nicht die ganze Firma überdachen und eine Burnoutklinik daraus machen. Wir haben in Deutschland ein ganz gutes System mit Betriebsräten und Gewerkschaften, die darauf achten, dass Mitarbeiterrechte wahrgenommen werden. Dazu gehört auch das Recht auf eine möglichst wenig gesundheitsschädliche Arbeit. Soweit ich das sehe, funktioniert das in den meisten Firmen. In Branchen, in denen das nicht funktioniert, sollte die Politik lieber versuchen, sichere sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze zu fördern, statt allgemeine Anti-Stressregeln zu erfinden.

Sollten die Unternehmen selbst mehr gegen Stress am Arbeitsplatz tun?

Kluge Firmen machen das, weil sie wissen, dass psychische Krankheiten zu hohen Fehlzeiten führen. Prävention heißt aber nicht, dass man in der Firma rumläuft und auf Teufel komm raus sucht, ob jemand vielleicht doch eine psychische Macke hat. Eine Firma ist keine therapeutische Wohngemeinschaft, da muss zunächst mal gearbeitet werden. Wenn die Arbeitsleistung nachlässt dann muss man schauen, woran das liegt. Da sollten Firmen dann aufgeschlossen sein, die Arbeitsplatzsituation ändern oder professionelle Hilfe vermitteln.

Könnte man nicht wenigstens verbieten, dass man nach Dienstschluss noch Mails beantworten oder Telefonate führen muss?

Das freut dann vielleicht Vizekanzler Rösler, dann kann die Kanzlerin ihren Job nicht mehr machen. Ich bin kein Experte für alle Arbeitsbereiche. Aber ich kenne Menschen, die nach Dienstschluss erreichbar sind und die das total glücklich macht. Die fühlen sich wichtig und im Zweifel können sie das Gerät abschalten. Vielleicht könnte man Arbeitgeber daran hindern, unsinnige Erreichbarkeit zu verlangen. Aber es gibt Tätigkeiten für die dauernde Erreichbarkeit wichtig ist.

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen jemand ihren Tatendrang einschränkt?

Seit meiner Pubertät lasse ich mir nur ungern Vorschriften machen. Ich finde, ein Staat der erwachsene Bürger dauernd erzieht, respektiert sie nicht.

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