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Der Deal mit Gott – warum wir nur in der Not Fliegen fressen

Rechtsanwältin Laura Karasek hat Flugangst. Zu Gott beten, tut sie nur dann - wenn sie Angst hat. Und bittet ihn um Hilfe, ihn, an den sie eigentlich gar nicht glaubt.

Von Laura Karasek

Laura Karasek

Wir sollten uns mehr darüber freuen, am Leben zu sein

Wir sind Opportunisten.

Wenn uns die Sonne aus dem Arsch scheint, vergessen wir unsere Demut, unsere Versprechen, manchmal sogar unsere Manieren. Wir werden übermütig, vielleicht rücksichtslos. Aber wenn wir Angst haben, uns bedroht fühlen oder gerade mal wieder auf die Schnauze geflogen sind, geloben wir, ein besserer Mensch zu werden. Ab jetzt! Für immer.

Nie wieder motzen, nur noch huldigen. Wir schwören den Sünden ab und sprechen mit Gott, mit dem wir sonst nie sprechen. Oder jedenfalls viel zu selten. In guten Zeiten fehlt der Bedarf, der Hunger, die Not. Wir sind abwesend, weil unser Leben zu anwesend ist. Aber dann auf einmal, wenns ernst wird: Beten statt Baggern. Gotting statt Ghosting. Wir bitten Ihn um Hilfe; Ihn, an den wir eigentlich nicht glauben.

"Ich wünschte, Gott schickte mir ein klares Zeichen. Zum Beispiel in Form einer namhaften Einzahlung auf ein Schweizer Nummernkonto."

In der Not frisst der Teufel , heißt es. Bei mir ist die Not das Fliegen – und der Teufel der Pilot. Er steuert meine Angst, meinen Kontrollverlust, meine Panikattacken. Ich habe Flugangst. So sehr, dass ich mir schon diverse Beruhigungspräparate, Kräuter, Salben, alkoholische Getränke, Atemübungen, Ablenkungsmanöver und die dümmsten Handyspiele einverleibt habe. Candy Crush statt Toilet Flush. Tavor gegen Turbulenzen.

Tomatensaft für die Willenskraft ("ich habe keine Angst. Das Flugzeug ist das sicherste Verkehrsmittel" murmele ich gebetsmühlenartig vor mich her). Statt eines Erfrischungstuches hätte ich lieber ein Betäubungstuch. Einschlafen vorm Start, Aufwachen nach der Landung. Alive-beam statt Live-stream.

Ich wäre einfach gern ohnmächtig. Eine Pille, die noch erfunden gehört: Sedierung mit Timer. Für 9 Stunden nicht am Leben – und man wacht in auf, ohne Herz im Höschen - wie Dornröschen. Oder eine app: Snapfly statt Snapchat. Wer will Fotos verschicken, wenn man Menschen verschicken könnte? Sich selbst als Anhang, nie wieder Notausgang, Leuchtstreifen am Boden und Sauerstoffmasken. Warum gibt es keine Vorspultaste, wenn es inzwischen für alles Knöpfe und Effizienzmechanismen gibt? In 100 Jahren lachen die Menschen wahrscheinlich über uns: so wie wir über die, die noch glaubten, die Erde sei eine Scheibe oder diejenigen, die noch in eine ganze Bibliothek durchstöbern mussten, um zu recherchieren. Ohne Internet! Und wir: noch mit Boarding Pass und Reisepass, how very yesterday.

Dass die Schwimmweste auf englisch Life vest heißt, macht die Sache auch nicht besser. Ich habe zwar keine weiße Weste, aber mein Leben möchte ich auch nicht von einem aufblasbaren gelben Plastiksack retten lassen, in den ich noch selbst pusten muss. Ein letzter Ton auf der Trillerpfeife.

Na gut, wenigstens diese Wasserrutsche könnte Spaß machen – das wäre vielleicht ein kleiner Trost, wenn mein Flieger mich schon nicht nach Florida ins Disneyland bringt, dann immerhin in eine Art Wasserpark-Abenteuerland.

Wobei ich schon bei manchen Junggesellenabschieden im Flieger dachte, ob ich mehr Angst vorm Absturz oder vor der Bierbombe haben sollte. Die Hälfte der Teilnehmer steht schon am Flughafen in dem kleinen Raucherkubus, der Nikotinglocke, um dann stinkend und mit lauter Musik die falschen Plätze einzunehmen. "Sie sitzen auf meinem Platz." "Komm doch auf meinen Schoß," rülpst der eine mir entgegen. Der neben ihm hat meine Handtasche mit der Kotztüte verwechselt.

"Meine Reflexe sind miserabel. Einmal bin ich von einem Auto überfahren worden, das einen Platten hatte und von zwei Typen geschoben wurde." Woody Allen

Ich muss an denken, der diesen wunderbaren Sketch über das Fliegen gemacht hat, die Unbequemheit der vollgestopften Tabletts mit viel zu heißem schwappenden Kaffee. Der, der in der Mitte sitzt, hat einen riesigen Blumenstrauß dabei (die in der Mitte haben immer irgendwie ein Surfbrett, ein Möbelstück oder eine Harfe dabei oder zumindest einen sehr großen Hut auf dem Kopf) und der, der am Fenster sitzt, hat immer eine Blasenschwäche oder Diarrhoe. Oder niest sehr viel. Flugzeug-Allergie. Oder man wird angequatscht vom Nachbarn, der entweder a) sich gerade scheiden lässt oder b) Mundgeruch hat oder – siehe Loriot – c) Gedichte zum Besten gibt (und das, obwohl man Rilke liebt) "Mein Vetter, der schreibt auch Gedichte: ich muss die Nase meiner Ollen an jeder Grenze neu verzollen."

Immerhin vergisst man darüber seine Angst. Nur, wenn es wackelt, sehnt man sich den Alkoholpegel des Junggesellenabschieds herbei – Stumpf ist Trumpf!

Wie überwindet man seine Angst? Am schlimmsten ist das Antizipieren, die Angst vor der Angst, die Erwartung des Unbehagens, wenn es schlackert, schaukelt und ruckelt und nur der Zufall unser Überleben garantiert. Ja, der Kontrollfreak in mir kann sich nicht in die Hände eines anderen Menschen begeben. An die Unfehlbarkeit dieser Lebewesen – und somit auch ihrer Konstruktionen – habe ich nie geglaubt. Bei mir sind nicht mal die Papierflieger geflogen. Mein Computer stürzt doch auch ständig ab... Fliegen ist irrational. Wir sollten nicht übermütig werden, wir Menschen, die wir glauben, die Welt und den Himmel überlisten zu können.

Also versprechen wir, uns nie wieder daneben zu benehmen, niemals mehr zu lügen, eine sinnvolle Aufgabe zu übernehmen, unseren Feinden zu vergeben, unseren Nachbarn jede Woche selbst gebackene Brötchen vorbeizubringen, den Egoismus für immer über Bord (Hauptsache wir bleiben lebendig AN Bord!) zu werfen. Nie mehr Alkohol! Nur noch Spinat, Rückrat und Format. Wir werden unseren Job kündigen und für wohltätige Zwecke arbeiten, wir werden helfen und retten.

"Es gibt schlimmere Dinge im Leben als den Tod. Haben Sie jemals einen Abend mit einem Versicherungsvertreter verbracht?" Woody Allen

Und dann kommen wir an – heil, unversehrt. Wir schalten sofort das ein und denken, gleich müsste eine Symphonie aus aufgestauten SMS und whatsapp Nachrichten erklingen. Aber dann piept es nur ein einziges Mal! Obwohl das Handy acht Stunden im Flugmodus war. Und die einzige SMS, die wir erhalten, lautet: "Willkommen im Ausland. Auch hier telefonieren Sie günstig zum Cosmo Tarif..." Und schon ist die Nahtoderfahrung aus dem quietschenden und knarzenden Flieger vergessen. Wir schreiben wütende Nachrichten an alle, die sich nicht von uns verabschiedet haben, wir kaufen uns noch am Flughafen eine stupide Zeitschrift, Zigaretten und Alkohol und fragen uns, ob wir nicht doch dem kotzenden Junggesellen unsere Handynummer hätten geben sollen – weil der scheinbar der einzige Mensch ist, der unsere Handynummer tatsächlich nutzen würde. Oder ob wir nicht lieber ins Wasser gerutscht wären bei einer spektakulären Ozeanlandung. Dann hätten wir was zu erzählen. Und das Handy mit all seinen nicht erhaltenen Nachrichten wäre im Meer versunken.

Wir ärgern uns, dass der Koffer nicht kommt – anstatt uns zu freuen, am Leben zu sein. Wieder keine Supernova. Nur Rimova.

"Gott ist witzig. Es wäre nur schön, wenn uns jemand mal seine Pointen erklären könnte." Woody Allen

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