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Ich bin zum Wegschämen – kann ich mich jetzt bitte von mir trennen?

Rechtsanwältin Laura Karasek googelt stundenlang zum Thema "Doppelkinn absaugen" und wird lieber für eine verrückte Nackte gehalten, als um ein Handtuch zu bitten. Man kennt sich einfach zu gut, um sich für lässig zu halten.


Bar-Abende fangen berauschend an. Aber wer ahnt schon, wo sie enden?

Bar-Abende fangen berauschend an. Aber wer ahnt schon, wo sie enden?

ICH MÖCHTE MICH GERN VON MIR TRENNEN

- wenn möglich auf längere Zeit.

 

Ich schäme mich heute noch manchmal wie ein Teenager. Für andere (was schon schlimm, anmaßend, überheblich ist) aber oft und am glühendsten für mich selbst.

Ja, am liebsten möchte ich eine App erfinden, bei der man ins hineinpustet und ab einem bestimmten Promillegehalt sind bestimmte Telefonnummern blockiert.

Es heißt, Sorgen sollte man nicht in Alkohol ertränken. Sie sind gute Schwimmer. Und außerdem sollte man bedenken, dass Alkohol konserviert.

Das WC-Debakel

Neulich las ich, dass ein Mann in einer Kneipe ein paar zu viel getrunken hatte und – als er schließlich berauscht aufs Klo ging – von der Schüssel rutschte. Er blieb zwischen WC und Wand klemmen, konnte sich nicht mehr rauswinden und steckte fest. Nachdem er zwanzig Minuten verschwunden und sein nächstes Bier bereits warm geworden war, fingen seine Kumpel an, sich zu wundern. Also schaute einer nach und sah ihn dort stecken, die Toilette noch ungespült, aber er dafür umso biergespülter. Notdurft-Notfall. Auch der Kneipenbesitzer, der schließlich zu Hilfe gerufen wurde, konnte dem Festgeklemmten nicht helfen. Der Fuß steckte festgerammt hinter der Spülschüssel. Klosett-Korsett, Schüssel-Schlamassel. Der Betrunkene ringt mit dem WC – und verliert. Kein schönes Ballett – und dazu noch der Gestank. Also rief der Wirt die Feuerwehr, die das gesamte Klo mit einer Axt zerschlagen musste. Sprung in der Schüssel, zu viel Bier im Rüssel. Herrje, verkaxt. Die Axte des Bösen.

Wie ein fehlendes Handtuch mich das Fitnessstudio kostete

Peinlich sind leider nicht nur die Anderen. Ich hatte zum Beispiel vor kurzem im Fitnessstudio mein Handtuch vergessen. Ich war aber bereits nackt und unter der Dusche, als ich das feststellte. Daher konnte ich nicht einmal mehr die Damenumkleide verlassen, um an der Rezeption nach einem Handtuch zu fragen. Da stand ich nun, wie Gott mich schuf und zitterte. Eine Fremde ansprechen und um ihr Handtuch bitten? Zu intim, zu ekelig – für uns beide. Ich war nackt, nass und fror – es war noch Februar damals und der Frühling schien unendlich fern. Ich schüttelte mich kurz wie ein Hund, sprang ein paar Mal nackt auf und ab, mit Haut und Haar, als gerade zwei junge durchtrainierte Mädchen (vermutlich Studentinnen) vorbeikamen und mir beim Wackeln und Nacktspringen zusahen – eklektischer Tanz ohne Minimalmusik. "Haben Sie einen epileptischen Anfall?" fragte die eine, weil ich meine Arme wellenförmig von mir schlug und sie beinah peitschte. Ich hörte auf, tropfte aber weiter vor mich hin. Die beiden hängten ihre schönen, frisch duftenden Handtücher an den Haken und verschwanden gackernd in der Dusche. "Nimm Dir eins!" flüsterte meine frierende Haut mir zu. "Reiß Dich zusammen!" sagte mein Gewissen. Tapfer und gutmenschlich entschied ich mich kurzerhand für die Sauna. Man will sich ja weder mit fremden Federn schmücken, noch sich mit fremdem Frottee trocken. Ich hab schließlich Anstand und Manieren.

Ich verleugne mich in der Sauna

In der Sauna – es war eine gemischte – saßen zwei ältere Damen schwatzend und ein junger muskulöser Typ mit einem Tattoo am Oberarm, das seinem Schweiß, seinen Körperflüssigkeiten, trotzte und nicht wie Fingerfarbe zerlief. Ich grüßte freundlich beim Betreten und schwieg dann betreten. Nun, Hinsetzen ohne Handtuch war keine Option. Also stellte ich mich vor den Aufgussofen und drehte mich um die eigene Achse in der Hoffnung, die Wärme möge mich trocknen. "Hey, bist Du nicht ?" fragte mich der Tätowierte. "Ich?" fragte ich und drehte mich suchend um, als ob vielleicht der Ofen gemeint sein könnte. Nackt kann man sich sexy fühlen – oder würdelos. In diesem Augenblick fühlte ich mich nicht so, als ob ich in einem Musikvideo von Rihanna mitspielen würde.

"Ich bin ein Freund von Basti. Wir haben zusammen Jura studiert." Sagte er.

"Ned vastahn" sagte ich mit dem besten dänisch-holländischem Dialekt. "Min Name is Grietje". Ich verließ die Sauna, stehend und drehend, schüttelte noch einmal die letzten Tropfen ab und stieg nass in meinen Wollpullover.

Das Studio habe ich danach gekündigt.

Ja, auch ich führe ein Leben mit viel Würde. Und Wäre. Und Hätte.

Der Google-Verlauf verrät den Charakter

Ich werde wohl nie aufhören, mich zu schämen. Ich schäme mich für meine eigenen Selfies, für mein Online-Dasein. Ich schäme mich für die Musik, die ich auf dem iPod habe – Filmmusik von "Don't cry for me Argentina" bis zu "Circle of life" und dem gesamten Lion King, Disney-Spektakel. Ich hab auch den Song aus der Merci-Werbung, "Ein schöner Tag" und das "Phantom der Oper" oder "Cats". Und kann mitsingen! Ich schäme mich, wenn jemand meinen Laptop benutzt, für meinen Google-Verlauf. WEN ich alles gegoogelt habe. Mich selbst. Ex-Freunde. Neue Freundinnen von Ex-Freunden. Ich wirke wie ein Stalker. Und dazu noch dumm, denn: Manchmal muss ich auch Politiker googlen. Oder Landkarten, weil ich nicht weiß, wo Moldawien liegt. Oder ich recherchiere alles zum Thema Doppelkinn absaugen. #Abführmittel

Bestimmt schämt sich selbst Brad Pitt

Jeder Mensch ist manchmal peinlich und uncool. Sogar Brad Pitt. Vermutlich. Ich kenne mich einfach zu gut, um mich richtig lässig zu finden. Man weiß, wie oft man gestolpert, gescheitert, ausgerutscht ist. Und jeder hat seine Geheimnisse und mal Kräuter im Zahn (oder wie bei Loriot eine Nudel im Gesicht). Und was lernen wir daraus? Alles kann zum Problem werden. Und alles zum Feind: ein Handtuch, eine Kloschüssel. Daher sollten wir uns nicht schämen, wenn es uns gut geht. Man darf auch mal stolz sein, angeben, dick auftragen. Aber bitte auf dem Klo aufpassen. Rutschgefahr.


 So sang schon die wunderbare Hildegard Knef 


Ich möchte mich gern von mir trennen

wenn möglich auf längere Zeit

es reicht mir, mich näher zu kennen

ich mag mich nicht mehr, tut mir Leid

 

Ich nahm auf mich leider nie Rücksicht

von mir tief gekränkt steh ich hier

deshalb nehm ich lieber zur Vorsicht

auf läng’re Zeit Abstand von mir

 

Was kann es denn Schwereres geben

als so mit sich selber zu leben

und dieses eben ein ganzes Leben

 

Ich wünsche mir andere Nerven

ich such mir `ne andere Haut

der meinen hab ich vorzuwerfen

sie hat mich noch nie ganz verdaut

 

Ich möchte mit mir nicht mehr zittern

meist schlaflos im eigenen Bett

mit Angst vor der Welt und Gewittern

vor Post auf dem Frühstückstablett

 

Was kann es denn Schwereres geben

als so mit sich selber zu leben

und dieses eben ein ganzes Leben

 

Ich mag meinen belgischen Schrank nicht

ich hasse mein Nussbaumklavier

ich mag auch mein Geld auf der Bank nicht

ach wär ich doch gar nicht erst hier

 

Ich möchte mich gern von mir trennen

wenn möglich auf längere Zeit

dafür würd ich tagelang rennen

egal wohin, Hauptsache weit

 

Was kann es denn Schwereres geben

als so mit sich selber zu leben

und dieses eben ein ganzes Leben

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