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Zwischen Perfektion und Pastinakenbrei: Frauen, steht auch mal zu euren Schwächen!

Von Frauen wird in allen Lebenslagen Perfektion erwartet: Job, Liebhaberin, Hausfrau, Mutter. Nur wer sich da auch mal die eigenen Schwächen eingesteht, zeigt wahre Stärke, glaubt Laura Karasek.

Job, Hausfrau, Aussehen: Von Frauen wird in allen Lebenslagen Perfektion erwartet

Job, Hausfrau, Aussehen: Von Frauen wird in allen Lebenslagen Perfektion erwartet

Wie du's machst, machst du's falsch: als Frau bist du eine Rabenmutter, wenn du arbeitest, aber du bist irgendwie ein Heimchen, eine "Muddi", wenn du nicht arbeitest. Du wirst als Vollzeit-Mama nicht respektiert, weil alle denken, du sitzt bei der Pediküre, kochst Pastinakenbrei oder gibst das Geld deines Mannes für Haarprodukte aus. Wenn du Glück hast, traut man dir noch einen Yogakurs oder Babyschwimmen zu. Im Büro wiederum denken alle, du benutzt den Schnupfen deines Kindes als Ausrede, um früher zu gehen. (Ich weiß selbst noch, wie albern ich die Mütter fand, die mir haargenau von der Farbe des Schleimes und der Konsistenz der Rotze ihres Kindes berichteten, während ich eine Berufungserwiderung vorbereiten musste und mir ihre Theatralik um das, was im Taschentuch landet, höchst albern erschien. Als Nichtmutter kommen einem Ausschläge, Körpertemperatur und Impfungen völlig belanglos vor. Mir war nur meine Frist wichtig. Ich hatte schlicht keine Ahnung). Du bist Teilzeit-Karrierefrau – aber hast du wirklich eine Perspektive?

Und selbst wenn ich nicht im Büro bin und eigentlich "Freizeit" habe - haben SOLLTE - lasse ich mich von den anderen Müttern stressen. Diese durchgeplanten Frauen mit ihren ständigen Kursen für sich und die Kleinen: Frühjapanisch, Pilates für Säuglinge, Mozart für Embryos. Die vergleichen noch jedes Wattestäbchen bei Stiftung Warentest auf Verträglichkeit und fair trade (glückliche Schafe oder vegane Watte?) und diskutieren über mehrsprachiges Holzspielzeug und Still-BHs. Und die Wände ihrer Kinderzimmer lassen sie nur in Farben streichen, die bei Vollmond angerührt worden sind.

Ach, aber die haben es doch auch nicht leichter: Als Mann wirst du beschimpft (im schlimmsten Fall sogar verlassen oder betrogen), wenn du zu viel arbeitest, weil deine Frau meint, du würdest sie vernachlässigen. Und du wirst ebenso beschimpft (oder betrogen), wenn du zu wenig arbeitest, weil deine Frau meint, du seist ein lethargisches Weichei ohne Ambitionen.
Eigentlich seltsam, dass wir jemanden dafür bestrafen, wenn er Zeit mit uns verbringen will. Er soll um Himmels willen nicht klammern, aber er soll verfügbar sein, wenn uns danach ist.

Den ganzen Tag im Friseursalon? Das wäre ja tussig!

Wir Frauen wiederum sollen aussehen, als ob wir den ganzen Tag beim Bodyshaping und im Friseursalon gewesen seien. Aber wir sollen natürlich tatsächlich auf KEINEN FALL den ganzen Tag im Friseursalon gewesen sein – das wäre ja tussig! Reden, diskutieren und denken sollen wir nämlich, als ob wir den ganzen Tag in einer Kunstausstellung, einer Philosophievorlesung und im Literaturhaus verbracht hätten! Aber aussehen sollen wir so nicht. Wir sollen bloß nicht nach Philosophie aussehen! Das hieße womöglich haarige Beine. Oder praktischer Kurzhaarschnitt, Hanfunterhose und Gesundheitssandalen. Ja, wir sollen Mütter sein – aber nicht über Windeln und Windpocken reden, wir sollen autarke Frauen sein, aber nicht den Abfluss reinigen, wir sollen Mädchen sein und Managerinnen, billig und elegant, Nagelstudio meets Nietzsche. Opernball meets Arschgeweih.

Ich kenne Männer – und Frauen – die absichtlich einen Ehering tragen, weil sie dann mehr angebaggert werden! Je begehrter du wirkst, desto begehrter wirst du auch. Es kommt offenbar nicht darauf an, wer du bist, sondern für wen die Leute dich halten.

Früher hab ich diese Gefühls-Spielchen auch gern gegen mich selbst gespielt, eine Patience gelegt: ich gegen mein Selbstbewusstsein. In der Liebe brauchte ich immer Pflegestufe 5. Krieg und Frieden. La Traviata.

Und was ist mit den Singles, den Nichtmüttern? Die wollen sich auch nicht nach unten schlafen. Sie sollen nicht zu selbstbewusst sein, aber auch nicht zu verzweifelt auf Männersuche. Sie sollen heiraten wollen – aber hoffentlich erst in ferner Zukunft. Sie sollen Kinder lieben – aber bitte noch keine eigenen zeugen wollen. Eher die Nichte oder das Patenkind! Sie sollen lustig sein, frei, unanstrengend. Ein bisschen geheimnisvoll – aber nicht furchteinflößend.

Neulich sagte ein Freund zu mir, es sei ihm zu anstrengend, einer Frau über whatsapp zu schreiben, da käme er sich vor wie ein "Bagger-Knecht", der ihr "hinterherlaufe". Sind wir denn so weit gekommen, dass eine Nachricht schon als Akt der Entblößung empfunden wird? Früher sind die Männer doch tagelang durch den Regen galoppiert. Heute ist eine Textnachricht mit dem Handy schon eine Geste der großen Gefühle! Und ja, manch einem sogar zu albern, zu affig, zu viel Anstrengung. Ich finde einen Mann nicht lächerlich oder "knechtig", der mir ein paar süße Nachrichten schickt. Im Gegenteil: ich freue mich! Und antworte auch.

Aber oft ist wohl die Angst, sich zum Trottel zu machen größer als der Eroberungswille. Dabei ist das Spiel doch Teil des ganzen Vergnügens. Werben und Hofieren, Erwidern und PingPong.

Starke Frauen schüchtern Männer ein

Nur wo soll die erfolgreiche – vielleicht sogar "starke" – Frau nun den Mann kennenlernen, den sie nicht einschüchtert? ("Starke Frau" klingt schon fast negativ. Die, die alles alleine schafft, dabei aber zu abgebrüht und verbissen, gar verhärmt ist?) Starke Frauen wollen meist einen starken Mann – aber nicht jeder starke Mann will auch eine starke Frau. Dadurch gehen viele starke Frauen leer aus. Und sie sagen sich dann "ich mache einfach zu vielen Männern Angst." Mag ja sein. Aber vielleicht haben sie irgendwann auch vorm Alleinsein Angst.

Hat Bodo Kirchhoff Recht? "Das Lieben ist die Karriere von Frauen, die von der Beachtung durch Männer abhängig sind." (aus "Die Liebe in groben Zügen")

Ist die Anzahl unserer Verehrer wichtiger als unser eigentliches Gehalt? Zungenkuss statt Bonus? Bestimmt sich unser Wert dadurch, wie sehr wir angebetet werden, wie sehr wir lieben können und geliebt werden? Und wollen die Männer nicht auch mithilfe von Macht und Erfolg Frauen beeindrucken?

Und wie funktionieren Beziehungen ohne Gleichgewicht – vielleicht sogar mit einem, der sich nach oben "dated" und dem anderen, der sich unter Wert verkauft? Wann ist man eine Zicke oder eine Diva mit zu hohen Erwartungen und wann ist man gar zu anspruchslos, lässt sich alles gefallen und bieten? "Du hast meinen Geburtstag vergessen? Kein Problem. Stress Dich nicht! Ich trag' meine Getränkekiste auch selber."

Ich jedenfalls wollte immer einen Mann, der irgendwie stärker ist als ich. Aber was heißt denn stärker? Soll er mehr Muskeln haben – oder mehr Geld? Eine größere Wohnung oder ein größeres Ego? Soll er schneller laufen können oder schneller Auto fahren? Wie stark muss einer sein, damit ich ihn anhimmeln kann – aber ohne dass er mich dabei unterdrückt? Er dürfte mich aber nicht weniger lieben. Da brauche ich Bewunderung und Augenhöhe, Chemie und Symmetrie.

Vielleicht sollten wir weniger bewerten und in Schubladen denken – denn die Frau mit dem Hanfbeutel möchte genauso geliebt werden wie die Frau mit den zwei Handys. Aber auch Letztere ist nicht zwingend eine Rabenmutter, nur weil sie gern an Konferenzen nach 14 Uhr teilnimmt. Und die Vollzeitmama ist auch nicht automatisch nur Expertin für Fleckenreiniger. Rossmann oder Bossfrau. Und die Kerle? Manchmal reicht es doch schon, wenn sie uns in die Augen schauen – und nicht beim Abendessen aufs Smartphone.

Stark ist es immer auch, sich schwach zeigen zu können. 

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