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Warum es sich lohnt, für die Liebe Risiken einzugehen

Rechtsanwältin Laura Karasek bezeichnet sich selbst als Gefühlsjunkie. Für sie geht es nicht darum, nie zu scheitern. Aber darum, wieder aufzustehen. Man lebt schließlich nur einmal.

Laura Karasek

Gefühle lohnen sich, auch wenn man mal scheitert, findet Rechtsanwältin Laura Karasek

"Wenn ich zwischen zwei Übeln entscheiden muss, wähle ich das, was ich noch nicht ausprobiert habe" (Mae West).

Wie Recht sie hat! Die Freude am Übel, am Verbotenen, an Risiko, Gefahr, Neugier. Der Reiz des Neuen, des Unbekannten.

Da fällt mir vor allem die Gefühlswelt ein, das Verliebtsein, das uns vom wahren Leben ablenkt, von misslungener Politik, von Steuererklärungen, von Attentaten, von Gewalt, von Renten und Lebensversicherungen, von Putzmitteln und Einkaufslisten, vom Funktionieren. Die Liebe ist kein Termin. Wenn Du frisch verliebt bist, wird selbst der gemeinsame Besuch bei der Post romantisch. Du klebst Dir gegenseitig Briefmarken auf den Körper und stempelst Deine Arme blau und rot - das Belanglose verwandelt sich in das Zauberhafte. Auch ein Rewe-Regal kann bei Neonlicht plötzlich romantischer sein als der . Gouda statt Rosen. Leberwurst statt Geigen. Das Kühlregal ist alles andere als kühl und die Kartoffeln scheinen zu singen, die Küchenpapierrolle faltet Origami Schwäne, die Tiefkühlpizza duftet und die Glühbirnen leuchten. "Frau Krause an Kasse 3 bitte!" wird Dein Klingelton.

"Wenn der Mensch verliebt ist, zeigt er sich so, wie er immer sein sollte." ()

Sind wir heute noch bereit, zu riskieren?

Zur Realität hab ich in diesem Zustand nur sporadisch Kontakt. Aber wie sehr sind wir heute noch bereit, viel zu riskieren? Risk Management gibt es inzwischen in jeder Firma. Aber sucht man deshalb auch das Risk Management in der Liebe? Tinder als Absicherung vorm Alleinsein: Lieber ein Date mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit übers Internet als ein Korb im wahren Leben? Eine Versicherung gegen Herzbruch? Aber das Herz kann nicht brechen. Es ist ein Muskel.

Jeder Mensch ist gern verliebt – auch wenn es oft sein kann. Wenn die Folter gut läuft, ist sie anfangs ein Spiel. Und wer mag das nicht: Rätsel, Sudoku, Mensch ärgere Dich nicht, Puzzle? Wenns schlecht läuft, ist Dir den ganzen Tag übel und Du hast hoffentlich irgendwann alle Schmetterlinge erfolgreich wieder ausgekotzt.

"Führe mich nicht in Versuchung – ich finde den Weg allein."

Viele Freunde sagen mir, dass sie diese Spielchen anstrengend finden. Wenn man sich sehen will und sich mag, soll man sich verdammt noch mal sehen. Und wenn nicht, dann eben nicht. Das Problem ist natürlich die Asymmetrie, die Ungleichheit oder Ungleichzeitigkeit. Der eine hat beschwippst Sehnsucht, während der andere schon schläft. Man ist in verschiedenen Zeitzonen. Doof. Und selbst wenn zunächst alles gut läuft, kannst Du unendlich viel falsch machen: Flirtest Du mit zu vielen Kerlen, läuft der Typ weg aus Selbstschutz. Flirtest Du zu wenig, fühlt er sich eingeengt. Bist Du zu lieb, nutzt er es womöglich aus. Bist Du zu hart, schimpft er Dich als Eiszapfen.

Andererseits: Wenn es stimmt, kannst Du absolut GAR NICHTS falsch machen. Dann ist selbst Dein Stolpern hinreißend, Dein Fleck auf der Hose bezaubernd und Dein Salatblatt im Zahn liebenswert. Deine Ausraster sind leidenschaftlich. Deine vielen SMS sind Hingabe. Du kannst niemanden verjagen, den Du längst erlegt hast.

Ich glaube zwar nicht an "den Richtigen, den Einen". Ich glaube an das richtige Gefühl. An den einen Moment. Hätte ich mich auch in jemand anderen verlieben können? Gewiss.

Aber vielleicht sind wir in der Liebe heute auch zu sehr wie beim Onlineshopping: rasch begeistert, kurzerhand bestellt, ausprobiert, begutachtet, gewöhnt, gelangweilt, aussortiert, weiter versteigert oder weggeworfen. Das Haltbarkeitsdatum ist schnell überschritten. Es ist wie mit der Technik, jedes Jahr ein neuer iPod, eine neue Serie, alles wird überholt, weiterentwickelt, eine neue Generation kommt auf den Markt, noch kleiner, dünner, leichter. Überangebot. Choice overload. Festlegen? Langweilig. Aber der Partner existiert doch nicht zur Unterhaltung; er muss uns nicht ständig guttun. Wir fordern von ihm, ein Wellness-Center mit 3D Kino zu sein, wir suchen den Spa-Bereich, in dem man auf Ketamin Fallschirm springen kann.

Lieber unglücklich verliebt, als gar nicht?

Neulich sagte eine Freundin zu mir, sie sei lieber "unglücklich verliebt, als gar nicht verliebt". Ja, vielleicht ist selbst Liebeskummer ein Privileg. Vielleicht sollte man dankbar sein, dass man überhaupt Zeit hat für so ein Luxusproblem wie die unglückliche, die unvollendete, die gescheiterte, die unerwiderte, die ungelebte Liebe.

Marcel Reich-Ranicki hat mal gesagt "Geld macht nicht glücklich. Aber ich weine lieber in einem Taxi als im Bus." Und vielleicht ist es letztlich noch schlimmer, wenn der Liebeskummer vergeht, weil dann alles weg ist – auch das Leid und die Träume. Wer glücklich ist, fühlt. Wer unglücklich ist, denkt.

"Die Vernünftigen existieren, die Unvernünftigen leben." (Michel Piccoli)

Ich war immer Gefühlsjunkie. Es geht ja nicht darum, nie zu scheitern. Es geht darum, wieder aufzustehen. Ja, man lebt nur einmal. "Und wenn Du's richtig machst, ist ein Mal genug!"

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