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Too much information – warum uns die sozialen Netzwerke krank machen

Das Netz macht uns krank und das Vergleichen mit Anderen unglücklich. Rechtsanwältin Laura Karasek findet, wir sollten uns lieber wieder auf uns selbst konzentrieren. 

"Ich versuche ab jetzt, mich von den Fotos der Anderen nicht so stressen zu lassen", sagt Laura Karasek.

"Ich versuche ab jetzt, mich von den Fotos der Anderen nicht so stressen zu lassen", sagt Laura Karasek.

Früher galt, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Heute weiß jeder alles. Mehr als alles. Mehr als vielleicht sogar wahr ist. In sozialen sehen wir all den Leben beim Spaßhaben und beim Schönsein zu. Menschenleben, die es in Wirklichkeit gar nicht so gibt. Wir sehen Partys, Konfetti, Hotels, Reisen, türkisfarbenes Meer, infinity Pools, glasklares Wasser und glasklare Haut. Hier ist Lebensfreude abgebildet, die im echten Leben keine Entsprechung findet. Wir sehen bearbeitete Bilder, bearbeitete Minen, bearbeitetes Glück.

Eine Freundin von mir hatte aus dem Urlaub in ein Foto mit dem Titel "Paradies" (oder #paradise #dreamland) veröffentlicht. Das Foto sah toll aus. Die Reise war es nicht. Sie erzählte, dass die Luftfeuchtigkeit unerträglich gewesen sei, der ganze Pool voller Mücken und dann habe sie vom Essen noch Magendarm bekommen. Ich wartete vergebens auf den Titel "Magendarm" zu dem Foto oder #diarrhoe oder #ReinfallDurchfall.

Aber nicht nur im Paradies wird gelogen!

Es ist eine Welt, in der wir alles erfahren müssen. Wir können uns Informationen nicht entziehen. Wir wollen nicht auf das Profil des Exfreundes schauen und dennoch tauchen seine Fotos aus dem Nichts auf unseren Bildschirmen auf. Wir müssen uns disziplinieren, nicht nachzusehen, was unser neuer Schwarm gerade macht. Wir sind enttäuscht, wenn wir sehen, dass er unterwegs war (und wir fragen uns: Wo war er? Warum hat er nicht Bescheid gesagt?). Wir sind enttäuscht, dass er nicht unterwegs war (Wo war er? War er zuhause? Allein oder mit einer anderen? Hatte er Sex?). Wir sehen, dass er glücklich ist. Oder dass er braun ist. Oder dass er neben einer Frau steht. Oder dass er mit Freunden verreist. Wir sehen alles. Und alles kann uns enttäuschen. Jede Tatsache wird zur Tat, die gegen uns gerichtet ist. Das wunde Web.

Aber wir sehen auch zu wenig. Wir sehen zwar einen sehr intimen Ausschnitt – aber mit zahlreichen Rätseln und Auslassungen. Wenn jemand nichts veröffentlicht, erlebt er dann auch nichts? Oder ist sein Leben nicht vielmehr gerade dann spannend, aufregend, ja gar geheim? Wir sind die Sklaven unserer Neugier, die vom Netz mit zu kleinen Portionen gefüttert wird.

Das Netz macht uns krank

Allein in dieser Woche haben mir drei Freunde erzählt, dass sie wegen eines sozialen Netzwerks geweint haben. Sie haben dort Fotos von Menschen gesehen, die ihnen viel bedeuten. Eine sah ihren lächelnden Ex beim Surfen neben einer Bikiniblondine. Eine andere sah, dass ihr Schwarm in Venedig war (zwar ohne sie, aber gewiss nicht allein). Einer sah seine Flamme grinsend beim Sport mit ihrem Personal Trainer. Ihm hatte sie jedoch erzählt, sie sei zu krank, um ihn zu treffen. Auf dem Foto wirkte sie glänzend, glücklich und vor allem: kerngesund. Sind wir uns der Auswirkungen unserer Veröffentlichungen bewusst? Inszenieren wir sogar die Freude, um bei anderen Schmerz auszulösen? Warum waren wir nicht auf der Party eingeladen, warum waren wir nicht dabei? #isolation durch Information.

Das Netz macht uns krank, denn wir vergleichen unsere Schwächen mit den Stärken der Anderen. Es fördert Angeberei und Selbstzweifel.


Wir verwechseln das echte Leben mit der Inszenierung

Eine Freundin von mir begrüßte neulich auf einer Party überschwänglich einen Mann. Sie ging davon aus, dass es ein alter Bekannter sei. Der Kerl sah meine Freundin verdutzt an. "Wer sind Sie?" Meine Freundin bemerkte, dass sie den Typen nur aus dem Internet kannte. Es war der aktuelle Schwarm ihrer besten Freundin. Sie hatte ihn wohl ein paar Mal zu häufig gegoogelt. Berühmt durch Stalking.

Was lehrt uns das? Ich zwinge mich, nicht jedes Mal zu chatten, wenn ich in der Schlange stehe oder auf Instagram Fotos von Menschen anzusehen, die ich gar nicht kenne. Lieber mal einen Artikel lesen, wenn ich im Wartezimmer hocke. Wem nützt das siebte süße Hundefoto etwas (#cutedog statt #gutinformiert: ich kenne lauter Welpen, aber leider nicht mal den Staatschef von Italien)? Oder das achte Selfie von Glamour Gina, die ich noch nie gesehen habe und auch nicht genau weiß, warum ich ihr Profil besuche und warum 780.000 andere Menschen dasselbe tun. Was hat sie geleistet – außer dass sie extrem gut ein Duckface machen kann? Gibt es einen Duckface-Award? Statt des Goldenen Bären der Berlinale die goldene Gesichts-Ente des Selfie-Festivals? Einen Botoxbambi?

Ich versuche ab jetzt, mich von den Fotos der Anderen nicht so stressen zu lassen. Alle waren Paragliden, Tiefseetauchen und Skifahren? Egal, ich hab auch was erlebt – und bin U-Bahn gefahren. Einmal sogar ohne Ticket. Wild.

Man muss ja nicht alles glauben. Sich nicht vergleichen. Und wenn trotzdem jeder andere außer man selbst toll und faszinierend erscheint, einfach an #magendarm denken. Oder daran: "Na, glücklich? Geht auch vorbei."
 

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