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Warum wir der Liebe keine Chance mehr geben - und falsch damit liegen

Sobald in einer Partnerschaft Probleme aufkommen, werfen wir die Flinte ins Korn. Schuld ist schlicht das Überangebot an möglichen neuen Liebschaften, glaubt Laura Karasek. Doch wer sich voreilig trennt, verpasst womöglich das Beste.

Von Laura Karasek

Liebe und eine glückliche Partnerschaft, das wünschen sich die meisten Menschen. Doch tun erstaunlich wenig dafür.

Liebe und eine glückliche Partnerschaft, das wünschen sich die meisten Menschen. Doch tun erstaunlich wenig dafür.

"Wenn eine Frau mir sagt, sie hätte sich in meine Augen oder in meinen Hintern verliebt, dann finde ich das befremdlich," sagte mir ein Freund neulich. Da könne ja jeder x-beliebige neue Hintern vorbeikommen – und sie würde sofort umsatteln, überholt, überPOlt - au Backe, mein Po. Viel zu riskant. Das kann es doch nicht sein!

Verliebtheit soll ja durch Nähe entstehen, durch gemeinsam Erlebtes, durch Verabredungen auf dem Rummel oder auf dem Minigolfplatz oder beim gemeinsamen Vespafahren durch die Sonne. Oder auch bei unter einem Schirm, auf den es prasselt. Niemand geht gern k.o. durch Po.

Aber dann gibt es die, die sich gar nicht mehr verlieben. Und das nicht nur aus Taktik (wie Tony Curtis in "Manche mögens heiß", der mit seinem versteinerten Herzen – und mit seinem angeblichen Öl – Marilyn Monroe schwach macht) oder Vorsicht, sondern eher aus , Gier, Ungeduld - weil diese Nähe Zeit braucht und Verliebtheit ein bisschen Mut und Ausdauer benötigt.

Wenns zu schnell passiert, ist es uns suspekt – und wenns zu langsam passiert, werden wir nervös, ungehalten und geben auf. Es geht immer um das richtige Timing, die passende Dosis, die Symmetrie vor der Symbiose. Aber wenn man ehrlich ist: wir alle suchen sie, diese allumfassend, spannende Liebe – nur wie häufig im Leben verliebt man sich tatsächlich? Nicht so häufig wie man gern will. Nicht so oft, wie es uns durch Serien, Filme, Songs vorgegaukelt wird. Nein!


Wir überschätzen die Häufigkeit der Liebe. Sie kommt nicht jede Woche und auch nicht jeden Monat. Wir sind es so gewohnt, die Dinge bestimmen zu können, Schnelligkeit beherrscht unser Leben durch Mails und Chats, nichts wird mehr manuell angekurbelt. Aber das Tempo der Gefühle ist nicht kontrollierbar und die Liebe ist nicht sofort lieferbar – auch nicht bei einer Prime Mitgliedschaft. Zum Herz gibt es keine Abkürzungen.

Ja, auch ich bin abergläubisch. Wenn ich verliebt sein will, sehe ich Zeichen. Autokennzeichen beispielsweise mit seinen Initialien. Blöd, wenn mein Schwarm dann Dennis Albrecht heißt und ich in Frankfurt wohne. DARMSTADT ist nah. Viele Zeichen! Und wenns mit Dennis nicht geklappt hat, tut jedes vorbeifahrende Auto mit DA im Herzen weh. Dann gibt es noch scheinbare Kausalitäten. Du denkst an "euer" Lied und – schwupp – läuft es im Radio. Gut, natürlich auch nicht verwunderlich wenn das Lied zufällig in den Top 10 der deutschen Charts ist. Alles kann Bedeutung haben – oder eben nichts.

Verlieben wir uns heute also zu schnell oder zu langsam?

Zu schnell, sagen die einen. Zu austauschbar, zu beliebig. Man kann wie ein Teenager für jemanden schwärmen, nur weil man sein Online-Profil gesehen hat. Man kann sich hineinsteigern in einen Zwinkersmiley, ein Emoticon oder eine Google-Recherche gepaart mit Phantasie, denn das hungrige Herz will ständig gefüttert werden. Man kann sich jemanden nicht nur schön trinken – man kann ihn sich schlau trinken, humorvoll dichten und heiß filtern. Unsere Einbildungskraft kann ständig Filter über alle möglichen Charakterzüge legen.

Vielleicht verwechseln wir Lust mit Liebe. "Aus dem wahrgenommenen oder in sexuellen Beziehungen verwirklichten erotischen Kapital speist sich heute ein großer Teil unseres Selbstwertgefühls. Wer begehrt erscheint, wird noch mehr begehrt, denn der Mensch folgt in seiner Wahl instinktiv anderen Menschen. Sexuelle Anerkennung ist immer auch soziale Anerkennung." schreibt der wunderbare Friedemann Karig in seinem Buch "Wie wir lieben. Das Ende der Monogamie."

Wir begehren jemanden und meinen, die Hingabe, die Sehnsucht finde im Herzen statt und nicht im Schoß. Vielleicht wird mit dem Begriff "Liebe" sogar einerseits zu leichtfertig umgegangen. Wir "lieben" ein Restaurant, einen Song, versenden Herzchen und Küsschen sogar an unserer geschäftlichen Kontakte per Whatsapp – und andererseits fragen wir uns dennoch "Kann ich überhaupt wirklich lieben?"

Was ist also Nähe: Bedeutet es, dass ich mit bekleckerter Jogginghose und grüner Salbe im Gesicht vor meinem Freund die Zähne putze? Oder ist das gerade das Gegenteil von Nähe, das vollkommene Ausblenden der Existenz des anderen Menschen zum Zwecke eines egoistischen Wohlbefindens? Man soll sich ja nicht "gehen lassen". Wie viel Nähe verträgt sie denn, die Liebe?

Sei sexy – ohne kalt zu sein. Sei echt – ohne das Spielerische zu verlieren.

"Glück ist immer der Moment davor", Judith Hermann

Bloß nicht zu viel preisgeben! Denn dann steigert man sich genauso rasch wieder heraus. Schluss mit Schmetterling, zurück zur Raupe Nimmersatt. Wenns anstregend wird, reicht die angebliche "Verliebtheit" nicht mal mehr für eine Abschieds-SMS. Ghosting nennt man das, Verschwinden ohne Erklärung. Das Gespenst verschwindet, aber im Herzen des Opfers spukt es weiter. Wir sind keine Mühen mehr gewohnt, keine Fans von "Beziehungen machen Arbeit" – wir wollen keine Work-Love-Balance, sondern nur Love und Happiness. Heute soll ja nicht mal mehr die richtige Arbeit wirklich "Arbeit" machen. Dann erst recht nicht die Freizeit, die Liebe. Da soll alles "easy" sein, unkompliziert, Spaß machen.

Und wenn Du's nicht machst, macht es eine andere (oder ein anderer!). Halte Dich nicht für unersetzlich, für unaustauschbar und werde bloß nicht zu anspruchsvoll oder gar schwierig. Zack, da kommen Dutzende, die nicht schwierig sind, die dauernd Nacktfotos per Whatsapp verschicken, die Angebote in Bars oder über Instagram, Facebook, Tinder abfeuern, weil das Netz furcht- und hemmungslos macht. Manchmal sogar skrupellos, wenn man an all die Hassbotschaften denkt, die im Netz so verschossen werden.

"Stress nicht rum," sagen dann die Gestressten und ziehen weiter zum nächsten unverbindlichen Date, das sich nicht so ziert. Aber zu anspruchslos darfs dann bitte auch nicht sein, sonst wird es billig, erbärmlich, uninteressant. Das Überangebot führt zum Untergefühl.

"Wer dem Unglück ausweicht, wird auch dem Glück nie begegnen"

Aber manchmal muss man auch trotz Enttäuschungen am Ball bleiben, nicht sofort weglaufen, nur weil es nicht perfekt war. "Er hatte die falschen Schnürsenkel an!" "Ich steh nicht auf Vegetarier." "Sie war nicht die Frau fürs Leben!" Geht’s auch eine Nummer kleiner? Abwarten, Chance geben. Ja, es ist gut, dass man heute nicht auf Gedeih und Verderb zusammenbleiben muss. Aber wer zu rasch die Flinte ins Korn wirft, verpasst vielleicht den besten Schuss. "Das Glück kommt leise" heißt es. "Aber man hört, wenn es geht."

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