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Streit um Proletenguide für Professoren

Muss man Studenten aus Nicht-Akademikerfamilien wie Idioten behandeln? Ein Leitfaden der FU Berlin für den empfohlenen Umgang mit Arbeiterkindern sorgt für erregte Diskussionen.

Von Daniel Bakir

  Braucht es einen Leitfaden zur Förderung von Studenten aus Arbeiterfamilien?

Braucht es einen Leitfaden zur Förderung von Studenten aus Arbeiterfamilien?

  • Daniel Bakir

Der Grat zwischen fördern und diskriminieren kann manchmal verdammt schmal sein. Das hat schon die Diskussion um die Frauenquote gezeigt. Ein Leitfaden der Freien Universität Berlin rückt nun eine andere Gruppe in den Fokus: Studenten aus Nicht-Akademiker-Haushalten. Die Bezeichnung klingt ähnlich umständlich wie "Deutsche mit Migrationshintergrund" und genauso sensibel ist das Thema offenbar auch.

In dem Leitfaden, den die Uni auf ihrer Homepage veröffentlicht hat, geht es um Tipps, wie Lehrende "diese Studentinnen und Studenten", also besagte Studenten mit Nicht-Akademikerhintergrund, besser fördern und integrieren können. So sollen die Dozenten ihren proletarischen Schützlingen "die Angst vor Redebeiträgen nehmen, sie zu Diskussionen ermutigen und jeden Beitrag - unabhängig von der Qualität - wertschätzen". Sie sollen eine Atmosphäre schaffen, in der es "keine 'dummen' Fragen gibt" und ihnen die "eventuelle Ehrfurcht vor der akademischen Welt nehmen". Auch die weiteren Punkte klingen ein bisschen so, als ob die Uni es hier mit kleinen, dummen Kindern zu tun hätte, die Zuspruch brauchen, um nicht völlig kulturgeschockt wieder aus der Uni zu flüchten.

"Herablassender Unfug"

Kein Wunder, dass mancher Akademiker aus Nicht-Akademikerhause diesen speziellen Proletenguide in den falschen Hals bekommt. Diskriminiert fühlt sich zum Beispiel Dr. Dr. Peter Riedberger, Sohn eines Maurers und heute selbst Dozent, der sich in einem Beitrag für die Plattform Telepolis ausgiebig über die Berliner Empfehlungen beschwert. "Etwas verkürzt (und zugegebenermaßen polemisch zusammengefasst) bedeutet dies nichts anderes, als dass meine akademischen Lehrer mich wie einen Idioten hätten behandeln sollen", schreibt Riedberger. "Würde man solch einen Ratschlag hinsichtlich (sagen wir) afrikanischer Studierender geben, müsste man von blanken Rassismus sprechen. Hinsichtlich Arbeiterkindern bleibt es immerhin herablassender Unfug."

Katja Urbatsch ist über den Dreh, den diese Geschichte genommen hat, ziemlich unglücklich. Sie ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen Initiative Arbeiterkind.de, die Nicht-Akademikerkinder bei ihrem Studium unterstützt. Die Uni-Mitarbeiterin, die den Leitfaden verfasste, bezieht sich mit ihren Aussagen im Wesentlichen auf ein Gespräch mit Urbatsch. "Ich kann verstehen, wenn sich jemand durch die ein oder andere Formulierung diskriminiert fühlt", sagt sie stern.de.

Die Probleme von Arbeiterkindern

Inhaltlich steht sie aber voll hinter den Empfehlungen. Es sei nach wie vor häufig so, dass es Studenten aus Nicht-Akademikerfamilien schwerer hätten, weil sie weniger Unterstützung von zu Hause bekämen, sagt Urbatsch. Sowohl finanziell, als auch ideell. So sei es in Arbeiterhaushalten beispielsweise häufig verpönt, Schulden zu machen, um ein Studium zu finanzieren, während Akademikerfamilien dies eher als Investition in die Zukunft ansähen.

Nicht-Akademikerkind Katja Urbatsch kennt die Probleme aus eigener Erfahrung. "Ich habe mich damals ziemlich allein gelassen gefühlt. Ich habe mich zum Beispiel nicht getraut, zu Professoren zu gehen, sondern nur zu wissenschaftlichen Mitarbeitern. Ich hatte Selbstzweifel und habe mich gefragt, bin ich hier richtig?" Es sei schade, wenn Hochschulen das Problem nicht mehr thematisieren, nur weil sich einige diskriminiert fühlten. "In dem Leitfaden steht ja nicht: 'Bitte fragen Sie am Anfang der Vorlesung ab, wer aus einem Arbeiterhaushalt kommt'", sagt Urbatsch.

Es gehe vielmehr darum, die Lehrenden dafür zu sensibilisieren, dass nicht jeder unter Akademikern groß geworden ist und die Vorlesung entsprechend zu gestalten. Etwa durch die Vermeidung einer unnötig komplizierten akademischen Sprache. Diese Maßnahme würden mit Sicherheit auch die Akademikerkinder nicht ablehnen.

Daniel Bakir

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