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Nachfahren des Cyrano de Bergerac

Probleme beim Abfassen eines Briefs an eine Behörde? Schwierigkeiten, die Gefühle für die Angebetete in rechte Worte zu fassen? In Frankreich helfen in solchen Fällen öffentliche Schreiber.

In Frankreich kann man vertrauensvoll an öffentlichen Schreiber wenden, der "hilft, zu schreiben oder besser zu schreiben", wie die Präsidentin der Academie des Ecrivains Publiques, Catherine Bastien, den vielseitigen Beruf mit einer Jahrtausende alten Tradition beschreibt.

Schätzungsweise 300 professionelle öffentliche Schreiber gibt es in Frankreich, dazu kommen zahlreiche Freiwillige, die etwa in Rathäusern Sprechstunden abhalten und Ausländern oder sozial Schwachen beim oft heiklen Schriftverkehr mit der Verwaltung helfen. Leben können nur die wenigsten von dem Beruf, dem bisweilen noch das romantische Image des langnasigen Cyrano von Bergerac anhaftet, der im Theaterstück von Edmond Rostand einem Rivalen glutvolle Liebesverse an die schöne Roxane in die Feder diktierte.

Einfühlungsvermögen und Diskretion gehören zum Handwerkszeug

Auch Pierre Ferre arbeitet nebenbei als Lehrer. Der öffentliche Schreiber in Saint-Quentin bei Paris arbeitet Kommunikationsagenturen zu, hilft bei Bewerbungen, bietet seine Dienste kleineren ausländischen Unternehmen an, die auf dem französischen Markt Fuß fassen wollen, und setzt gedrechselte Briefe für die unzufriedene Kundin eines Autokonzerns auf, deren Direktion ihre Klagen über das ständig mit neuen Pannen nervende Fahrzeug bis dahin schlicht ignorierte.

Einfühlungsvermögen, Diskretion und Fingerspitzengefühl gehören neben Computer und Drucker zum Handwerkszeug des Ecrivain Publique. "Man muss dem Kunden zuhören und sich in ihn hineinversetzen", sagt Ferre. Zum Beispiel in den 50-Jährigen mit Macho-Allüren, der einen Seitensprung bereute und sich wieder mit seiner Freundin versöhnen wollte. "Ich habe dem Brief eine etwas feminine Note verpasst", berichtet Ferre. Offenbar mit Erfolg. Der Mann habe ihn kürzlich wissen lassen, dass ihm das Schreiben sehr geholfen habe.

Schreiberdiplom an der Sorbonne

Öffentliche Schreiber gab es schon in Mesopotamien um 4.000 vor Christus. Die Skulptur eines Schreibers aus Ägypten ist im Louvre-Museum ausgestellt. Im mittelalterlichen Paris gegen Ende des 13. Jahrhunderts mit seinen 200.000 Einwohnern gab es ungefähr 60 "Schreiber für die Öffentlichkeit", die der des Lesens und Schreibens unkundigen Bevölkerung ihre Dienste feil boten. Der Berufsstand überlebte auch die Einführung der Schulpflicht Ende des 19. Jahrhunderts und erlebt derzeit wieder einen Aufschwung.

Mit Beginn des 21. Jahrhunderts erhielt die freie Profession sogar die Weihen einer Hochschulausbildung. An der Universität von Toulon und an der Pariser Sorbonne können öffentliche Schreiber nunmehr ein Diplom erwerben. Sorgen um die Zukunft seines Berufs im Zeitalter von Internet und SMS kennt Ferre nicht: "Die Franzosen machen immer mehr Rechtschreibfehler. Die Leute haben immer weniger Zeit, dabei wird alles viel komplizierter." Zudem spielen in Frankreich Form und Stil von jeher eine bedeutende Rolle; die Fähigkeit, sich auf hohem Niveau ausdrücken zu können, ist in manchen Gesellschaftsschichten noch immer eine unverzichtbare Visitenkarte.

Reich wird man nicht

Mit Auftragsbiographien "normaler" Menschen haben sich die Schreiber zudem ein weiteres Betätigungsfeld erschlossen. Und wenn man in dem Beruf finanziell auch nicht reich werde, so bereichere die Begegnung und der Austausch mit der Kundschaft doch immerhin in geistiger Hinsicht, sagt Bastien.

Uwe Gepp, AP

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