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Wie "Besserwischer" die Putzbranche aufmischt

Niemand putzt gerne, daher boomt der Markt der Reinigungsportale - doch zum Teil mit Niedriglöhnen und Chemie-Keulen. Eine Hamburger Firma geht einen anderen Weg, mit Öko-Mitteln und fairer Bezahlung.

Von Katharina Grimm

  Seit 2010 ist die Soziologin mit ihrer Reinigungsfirma "Besserwischer" selbstständig. Inzwischen beschäftigt sie 16 Angestellte.

Seit 2010 ist die Soziologin mit ihrer Reinigungsfirma "Besserwischer" selbstständig. Inzwischen beschäftigt sie 16 Angestellte.

Wenn man Saidou fragt, ob er seinen Job mag, zeigt er seine Hände. "Keine Schwielen, keine Dellen, keine Risse", sagt er. Der Mann putzt schon seit Jahren Büroräume und Wohnungen. Die aggressiven Reinigungsmittel hatten seinen Händen zugesetzt. Immer wieder riss die Haut auf, kleine Kerben entzündeten sich, die Handflächen verhornten als Schutz gegen die Chemie. Heute sieht man davon nichts mehr. "Sie lässt mit Bio putzen", sagt er. "Das ist der Trick."

Sie ist Verena Schneider und eigentlich wollte sie keine Tricks - denn davon gebe es im Reinigungsgewerbe in Deutschland genug. Saubere Fenster und gewischte Böden sind zu einem Geschäft mit Dumping-Löhnen und billigen Chemie-Reinigern geworden. Denn Deutschland lässt sich Sauberkeit etwas kosten. Das haben auch amerikanische Start-ups und deutsche Putzportale erkannt. Mit Kampfpreisen mischen sie den Markt auf. Schneider geht einen anderen Weg.

  Saido streckt seine Hände aus. Der im Senegal aufgewachsene Mann merkt im Alltag, dass die Reiniger seine Haut nicht so stark beanspruchen.

Saido streckt seine Hände aus. Der im Senegal aufgewachsene Mann merkt im Alltag, dass die Reiniger seine Haut nicht so stark beanspruchen.

Mit fairen Löhnen und Öko-Reinigern

"Du willst also das hunderttausenste Putz-Unternehmen in Hamburg aufmachen?", fragten Verena Schneider 2010 andere frisch gebackene Firmen-Chefs bei einem Gründerseminar ungläubig. Damals wurde sie belächelt. Heute schmunzelt niemand mehr - denn ihr Unternehmen floriert. Schneider gründete keine weitere Putz-Kolonne, die schlecht bezahlt und unsichtbar durch die Flure deutscher Bürohäuser huscht. Sie hatte eine Vision. "Es geht schlimm zu in diesem Gewerbe. Faire Löhne und ökologisch verantwortungsbewusste Mittel, das war meine Idee", sagt sie.

Schneider machte sich selbstständigt, druckte sich Flyer und klapperte unzählige Hamburger Unternehmen ab. Die Soziologin hatte zwar keine Vorkenntnisse - doch auch sie musste selbst schon schlecht bezahlte Jobs annehmen. Auch geputzt hatte sie schon. "Es war erstaunlich, wie gut das Geschäft anlief. Die Kunden wollen mein Konzept", sagt sie. Heute reinigt ihr Unternehmen "Besserwischer" SOS-Kinderdörfer, Büroräume, Kitas, Schulen, ein Museum, eine Joga-Halle und auch einige Privatwohnungen. Ihre Firmenräume hat sie in einer Bürogemeinschaft im Souterrain eines Gründerzeithauses nahe der Schanze, einem Hamburger Szenestadtteil. Von hier aus starten ihre inzwischen 16 Mitarbeiter zu den Kunden - entweder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder per Fahrrad. Alle sind bei ihr angestellt und versichert. Durchschnittlich verdienen ihre Angestellten zehn Euro pro Stunde.

Geld verdienen mit Putzkräften

Mit einem vergleichbaren Stundenlohn werben derzeit auch bundesweit aktive Reinigungsportale. Dort können Kunden eine Reinigungskraft buchen – ganz bequem übers Netz. Die Kosten dafür belaufen sich auf 12,90 bis 15 Euro pro Stunde. Nach einer Vermittlungsgebühr von 15 bis 20 Prozent bleiben den selbstständigen Putzern noch gut 10 Euro. Allerdings sind sie nicht angestellt, sondern müssen die Sozialabgaben, wie Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung selbst bezahlen. Auch Einkommenssteuer wird fällig, wenn sie einige tausend Euro im Jahr verdienen. Und: Die Anfahrtswege zum Reinigungsjob müssen selbst finanziert werden. Im besten Fall bleiben dann acht Euro in der Stunde, ein Großteil verdient deutlich weniger. Wer bereits sozialversichert ist und sich nur etwas dazu verdienen will, ist mit dem System gut bedient - doch "davon leben geht gar nicht", sagt Jutta Jetzke vom Bundesverband haushaltsnaher Dienstleistungsunternehmen der "taz". Der Mindestlohn für die Branche liegt im Westen bei 9,31 Euro pro Stunde, im Osten bei 7,96 Euro.

Die Nachfrage boomt – und somit auch der Markt der Vermittlungsportale: Erst kürzlich startete das US-Unternehmen "Homejoy" - ausgestattet mit 38 Millionen Dollar des Internetgiganten Google - auf dem deutschen Markt. Auch die Samwer-Brüder, die bereits das Internetkaufhaus Zalando gegründet haben, sind bereits mit dem Reinigungsportal "Helping" vertreten. Mit Putzkräften lässt sich offenbar Geld verdienen.

  Saidou ist einer erst seit Ende 2013 ein "Besserwischer". Er reinigt Büroräume, eine Joga-Halle und ein SOS-Kinderdorf.

Saidou ist einer erst seit Ende 2013 ein "Besserwischer". Er reinigt Büroräume, eine Joga-Halle und ein SOS-Kinderdorf.

"Die Branche treibt Ausbeutungsblüten"

"Das Reinigungsgewerbe ist vollkommen undurchsichtig", sagt Verena Schneider. Gerade privat würde fast ausschließlich schwarzgearbeitet und gewerblich gebe es einen krassen Preiskampf. "Da zählt jeder Euro, um den Preis zu drücken. Und wenn man die Personalkosten nicht weiter runterschrauben kann, dann muss in einer Arbeitsstunde eben noch mehr geleistet werden", sagt Schneider. Immer wieder begegnen ihr im Reinigungsgewerbe Horrorgeschichten: Von hochschwangeren Putzfrauen, die es sich nicht leisten können, nicht zu arbeiten. Von Kindern, die nachts mit zum Putzen genommen werden. "Gerade die Reinigungsbranche treibt Ausbeutungsblüten", sagt Schneider. Durch selbstständige Reinigungskräfte würde der Mindestlohn umgangen - und auch an den Putzmitteln kann man als Unternehmen viel Geld sparen.

Schneiders "Besserwischer" machen da nicht mit. Sie selbst verwendet nur Reinigungsmittel, die ein Eco-Label tragen: Essig für saubere Fliesen, Spiritus macht die Fenster klar. "Um Räume sauber zu bekommen, braucht man keine gift-grünen Chemie-Bomben", sagt Schneider.

  Früher arbeitete Verena Schneider als Angestellte in der Wohnungswirtschaft, heute ist sie selbst Chef. In den kommenden Monaten will sie das "Besserwischer"-System auch nach Berlin bringen.

Früher arbeitete Verena Schneider als Angestellte in der Wohnungswirtschaft, heute ist sie selbst Chef. In den kommenden Monaten will sie das "Besserwischer"-System auch nach Berlin bringen.

Mit welch aggressiven Reinigungsmitteln Sauberkeit vermittelt werden soll, überrascht Schneider immer wieder. So übernahm sie den Putzjob in einem Bürogebäude von einer anderen Firma. "Ein Blick in die Putzmittelecke hinter einem Vorhang hat schon gereicht. Da bog sich der Holzfußboden von den ausgelaufenen Reinigern schon hoch", erzählt sie. Oder statt ordentlich zu wischen, würde einfach ein Eimer mit blauer Brühe in den Hausflur gekippt. "Sauber ist es zwar nicht, aber es riecht noch Tage später nach den ätzenden Mitteln."

Mit ähnlichen giftigen Mitteln hat Saidou früher auch gearbeitet. Seit Oktober 2013 ist er ein "Besserwischer". Als er damals von Wien nach Hamburg kam, ging er einfach bei dem Unternehmen vorbei, um sich vorzustellen - er war im Internet auf die Firma aufmerksam geworden. "Das ist nicht nur putzen. Sauberkeit ist überall wichtig und dafür sorge ich", sagt er. Früher verdiente er 7,50 Euro pro Stunde, jetzt bekommt er 9,50 Euro - das Einstiegsgehalt bei Schneider.

  Bis heute haben sich die Flyer, mit denen Verena Schneider am Anfang zu den Unternehmen ging, haben sich kaum verändert. Bis heute verzichtet sie auf andere Werbemaßnahmen.

Bis heute haben sich die Flyer, mit denen Verena Schneider am Anfang zu den Unternehmen ging, haben sich kaum verändert. Bis heute verzichtet sie auf andere Werbemaßnahmen.

Bald auch in anderen Städten

Ihr System kann mit den Angeboten der Online-Portale nicht mithalten. Je nach Aufwand verlangt sie ab 20 Euro plus Mehrwertsteuer pro Stunde von ihren Kunden. Über die Hälfte davon rechnet sie für die Löhne ab, dann muss sie noch die Büroräume, Reinigungsmittel und eine recht teure Haftpflichtversicherung finanzieren.

Nein, reich werde sie mit diesem System nicht, sagt sie. Aber immerhin: Im vergangenen Jahr gab es ein Plus in der Kasse. Zu Weihnachten spendete sie einen Teil an eine in Hamburg gestrandete Flüchtlingsgruppe aus Lampedusa und an "Viva con Aqua", eine Initiative, die sich für den Zugang zu Trinkwasser weltweit einsetzt. Die Kunden honorieren ihren Einsatz: Da sich die Anfragen auch aus anderen deutschen Städten häufen, will Schneider nun mit einem Franchise-System expandieren. Zunächst in Berlin – aber auch in München, Frankfurt und Köln plant sie Filialen.

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