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Weit weg von Alltag, Job und allen Sorgen

Einfach mal raus. Für ein paar Monate. Durchatmen. Neue Horizonte entdecken und überschreiten. Sich selbst wiederfinden. Das klappt nie? Doch, das klappt! Ein Sabbatical nehmen ist gar nicht so schwer, wie Sie glauben. Denn auch die Chefs haben erkannt, dass sie dabei gewinnen.

Von Markus Götting

  • Markus Götting

Vielleicht hatte er etwas zu vehement auf die große Vorspultaste des Lebens gedrückt. Es war ein Freitag, als Oliver Piskora seine Diplomarbeit abgab, er ging mit den Jungs am Abend noch ein paar Bier trinken, und am Montag drauf war schon Dienstbeginn. Mit Anzug und Krawatte. So schnell geht also Erwachsenwerden.

Sein Job war es nun, den Deutschen eine französische Zigarette schmackhaft zu machen. Sechs Jahre lang ging das so, alles drehte sich um liberté toujours, um ständige Freiheit - aber eben nur am Schreibtisch und in Konferenzräumen. Jetzt darf man nicht den Fehler machen, sich den Marketingmann Piskora als willenlosen Hamster im Rädchen vorzustellen. Das war schon ein gutes Leben mit Verantwortung und Kreativität, Spaß und Anerkennung. Aber sollte es das schon gewesen sein? Ist die Welt nicht groß und aufregend? Die echte Freiheit? "So peu à peu wurde die Sehnsucht immer stärker, noch einmal auszubrechen", sagt er. "Einmal noch abhauen, bevor es auch privat ernster wird."

So was kann zur fixen Idee werden: dass da draußen, jenseits des Bürofensters, das Abenteuer wartet. Und ein Leben, das man bisher nicht gelebt hat. Für das die paar Wochen Jahresurlaub nicht reichen. Dass es noch einen anderen Takt gibt als den des Terminplaners, der mit einem Bimmeln an die nächste Sitzung erinnert.

Ein halbes Jahr ohne Plan

Oliver Piskora, 34, fragte beim Betriebsrat und in der Personalabteilung, wie es in der Firma mit Sabbaticals aussieht, und blickte in ratlose Gesichter. "Aber ich wusste: Wir sind ein Unternehmen, in dem der Einzelne viel mitgestalten kann", sagt Piskora. Also sprach er vorsichtig den Chef an. "Es war ein Präzedenzfall, klar, aber ich habe auch offene Türen eingerannt. Mein Chef sagte nur: 'Gute Idee! Mach doch!'" Und ein paar Monate später saß Piskora im Flugzeug nach Quito, Ecuador; mit Hin- und Rückflugticket und einer Spitzenidee: "Mein Plan war es, ein halbes Jahr lang gar keinen Plan zu haben."

Der Begriff Sabbatical ist im Grunde ein alttestamentarisches Konzept im englischen Wortkostüm - sonst wäre es für einen Human Resources Manager wohl auch nicht modern genug. "Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und die Früchte einsammeln, aber im siebenten Jahr soll das Land dem Herrn einen feierlichen Sabbat halten." So steht es im 3. Buch Mose, Kapitel 25, und in die Gegenwart übersetzt heißt das nichts anderes als: Gönn dir eine Pause für Körper und Geist - so wie der Bauer den Acker ruhen lässt.

Nun, 38 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland würden das auch gern mal machen, sogar mit Gehaltsverzicht: einfach abhauen, und währenddessen wird der Bürostuhl hübsch warm gehalten.

Stress und Druck wachsen

Oder sie haben eine Auszeit bitter nötig. Je nachdem. Unsere Arbeitswelt ist dynamischer denn je, der Job endet nicht mehr pünktlich um 17 Uhr, und dann wird der Griffel fallen gelassen. Stress und Druck wachsen, machen viele Menschen unruhig oder krank. Im gleichen Maße wie Büros zu Wohlfühlwelten mutieren, mit Kaffeebar, Sofa und Kickertisch, genauso verwandelt sich das Zuhause in ein Büro. Hat der Boss kurz vor Mitternacht noch eine gute Idee, schreibt er eine SMS - die piepst daheim auf dem Handy. Wie eine Anklageschrift. Die Einführung der sogenannten Vertrauensarbeitszeit hat nur zu noch mehr unbezahlten Überstunden geführt. Also ist die moderne Gesellschaft wie noch nie auf längere Ruhephasen angewiesen. Aber: Wer gönnt sich die?

Niemand weiß genau, wie viele Leute tatsächlich eine Auszeit nehmen, weil Sabbaticals in jenen Firmen, die sie anbieten, meist als normale Teilzeit verbucht werden. Die Alternative wäre die Kündigung - wenn man das wirklich als Alternative sehen will. Experten schätzen, dass jedes Jahr drei Prozent aller Angestellten ins Sabbatical gehen. Das mag an fehlender Nachfrage liegen. Oder vielmehr daran, dass 56 Prozent der deutschen Arbeitnehmer berufliche Nachteile befürchten, wenn sie eine Auszeit nähmen, wie eine Forsa-Umfrage für den stern ergab. Traum und Wirklichkeit der Arbeitswelt.

Es war ein verdammt mutiger Schritt von Oliver Piskora, keine Frage, aber Pioniere müssen mutig sein. Man weiß ja nie, wie der Chef auf so eine Idee reagiert. Die Chance auf Fehlinterpretation ist gewaltig: Keinen Bock mehr? Ausgebrannt? In dem Alter? Piskora sagt: "Gerade für BWLer ist die Biografie ein wichtiger Punkt." Er sagt: "In den Köpfen konservativer Chefs geht es darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst schnell nach oben zu kommen. Wer da ein halbes Jahr Karrierepause in seiner Vita hat, ist mindestens suspekt."

Einen Traum nachholen

In Wahrheit hat Piskora den Traum nachgeholt, den andere nach dem Abi oder ihrem Studium ausleben, so sie es sich erlauben können. Piskoras Augen leuchten, wenn er seine Route runterrattert: Quito, Galapagos-Inseln, Recife und die südamerikanische Ostküste von Norden nach Süden. Er sagt: "Ich bin durch die Eiswüste Patagoniens gewandert und hab mir nur gedacht: Gut, dass du das erlebt hast, solange es sie noch gibt." Er tourte durch die chilenische Salzwüste, dann ging's weiter nach Bolivien und Peru und am Ende noch mal für eine Weile nach Buenos Aires. Und langsam wurde ihm klar, dass man nicht viel mehr braucht als einen Rucksack und den "Lonely Planet"-Reiseführer, um die große Freiheit zu spüren. "Nach einem Sabbatical", sagt Piskora, "verschieben sich die Wertigkeiten. Man wird gesünder im Kopf."

Das Sabbatjahr der Moderne ist eine Auszeit von drei bis zwölf Monaten und stammt aus dem US-Hochschulbetrieb: Professoren konnten sich so in Ruhe mit ihren Forschungsprojekten beschäftigen. In Deutschland übernahm zuerst Anfang der 90er Jahre ausgerechnet der spröde öffentliche Dienst die Idee - auch, um den Personalüberhang der Nachwendezeit abzufedern. Die freie Zeit finanziert sich durch Überstunden, Verzicht auf Lohnzusatzleistungen oder Gehaltseinbußen oder eine Kombination aus allem (siehe Kasten Seite 71); smarte Rechenmodelle, die netto weniger schmerzen, als man zunächst annimmt. Dennoch hat sich der Ausstieg auf Zeit in der deutschen Wirtschaft noch immer nicht durchgesetzt.

Man kann das als kulturelle Rückständigkeit betrachten. In den Köpfen steckt womöglich noch diese protestantische Arbeitsethik, wonach nur derjenige vom lieben Gott begünstigt wird, der auch ordentlich malocht. Neben dem Imageproblem und finanziellen Sorgen mag die Statusangst eines der größten Hindernisse für das Sabbatical sein. Die Furcht, dass eine Auszeit gleichbedeutend ist mit Draußensein. Personalchefs beklagen, dass hierzulande die Berufsauffassung viel zu sehr von einer Präsenzmentalität geprägt sei: Als fleißig gilt, wer brav auf seiner Planstelle hockt. Egal, was er dort treibt.

Die Bremer Sozialwissenschaftlerin Barbara Siemers hat ihre Doktorarbeit über das Thema Sabbatical geschrieben und herausgefunden, dass es nicht nur um Weltenbummel geht. Sie sagt: "Meist ist das Sabbatical ein Reflex auf strukturelle oder persönliche Notsituationen." Kinder müssen betreut werden, weil Krippenplätze fehlen; kranke und alte Verwandte werden versorgt, weil es an Pflegepersonal mangelt. Der Traum vom Eigenheim ist oft nur möglich, wenn man selbst mitwerkelt. Für so was reicht ja der Jahresurlaub nur selten aus. Und viele Angestellte lassen sich freistellen, um durch Weiterbildung ihre Position im verschärften Konkurrenzkampf zu sichern. Frau Siemers sagt: "Für einen Roland-Berger- Berater, der nebenbei promoviert, oder einen Gesellen, der die Meisterschule besucht, ist die Auszeit somit erst recht eine Powerzeit."

Da muss man nur Hasim Ispiroglu fragen. Der sitzt jeden Tag von acht Uhr morgens bis kurz vor fünf am Nachmittag im Klassenzimmer und paukt für die Meisterprüfung. Und manchmal, sagt der Elektrotechniker aus Ainring in der Nähe von Bad Reichenhall, "schaltet man einfach nur auf Durchzug, da geht nichts mehr rein". Zehn Monate hat sein Betrieb, die Annahütte, ihn freigestellt, damit der Geselle Ispiroglu, 24, den Meister machen kann. Alles war gut, der Job, die Bezahlung, aber er wollte mehr: "Es gibt so ein Sprichwort: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit." Und heute müsse man sich in jedem Job weiterbilden, "so ein Meistertitel ist doch die beste Versicherung für Krisenzeiten".

"Ich mach das für mich"

Jeden Montag fährt Ispiroglu rüber nach Regensburg, wo er sich ein kleines Zimmer gemietet hat, zehn Quadratmeter für 320 Euro. Insgesamt wird ihn die Fortbildung sicher 25.000 Euro kosten, und es ist schwer zu sagen, wie lange er arbeiten muss, bis er das wieder reingeholt hat. Zumal in seiner Firma nicht mal eine Planstelle für einen Meister frei ist. Ispiroglu sagt: "Mir geht es nicht ums Geld. Ich mach das für mich. Für mein Selbstbewusstsein. Ich will die Zusammenhänge in meinen Job besser verstehen."

Am Anfang war der Personalchef der Annahütte ziemlich skeptisch, als Ispiroglu um die Auszeit bat. Aber dann legte sein Meister noch mal ein gutes Wort für den Jungen ein, mit dem simplen Argument, dass die Firma nach der Schule einen höher qualifizierten Mitarbeiter hat, der mit dem Gehalt eines Gesellen zufrieden sei. Und genau das ist wohl gemeint, wenn Personalverantwortliche in der Wirtschaft das Sabbatical als eine klassische Win-win-Situation beschreiben.

Marc Grönninger ist bei BMW für Personalpolitik und das Thema Arbeitszeiten zuständig, und seine Firma gilt als Musterbetrieb in Sachen Ausstieg auf Zeit. Schon 1994 startete der Autokonzern sein Pilotprojekt mit einer sogenannten Blockfreizeit von bis zu sechs Monaten, inzwischen haben mehr als 8000 Mitarbeiter die Gelegenheit genutzt. Das ist fast jeder zehnte BMW-Angestellte in Deutschland.

"Zeit der Regeneration"

Grönninger redet viel von der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers, er sagt: "Wir leben in einem Zeitalter, das von jedem Einzelnen Höchstleistungen verlangt. So ist auch die Notwendigkeit, eine Auszeit zu nehmen, gewachsen." Er sagt: "Das ist so ähnlich wie bei Hochleistungssportlern - auf intensive Wettkampfphasen muss eine Zeit der Regeneration folgen."

Im Prinzip kürzt BMW für jeden Monat Sabbatical das Gehalt um ein Zwölftel. Arbeitnehmer können sich Bonuszahlungen anrechnen lassen, Weihnachts- und Urlaubsgeld; es gibt eine Menge Modelle.

Denn im harten Wettbewerb um Fachkräfte muss eine Firma heutzutage auch ihr soziales Image pflegen. Das beginnt bei Betriebskindergärten und setzt sich mit der Möglichkeit zu Auszeiten fort. Es erspart dem Unternehmen die aufwendige und oftmals teure Personalsuche, wenn es Mitarbeiter an sich bindet. Es ist auch eine gute Methode, auf konjunkturelle Schwankungen zu reagieren. Aus Sicht des Arbeitgebers, sagt Grönninger, biete das Sabbatical genügend Vorteile. "Die Mitarbeiter können sich ihre - aus den unterschied- lichsten Gründen - notwendigen Freiräume schaffen. Sie kommen immer gestärkt und voller neuer Ideen aus ihrer Auszeit zurück. Sie haben sich weiterentwickelt - sei es formal oder persönlich oder kulturell. Sie sind ausgeruht und motiviert." Vor allem sind sie dankbar, das sagen alle. Und Dankbarkeit kann man auch direkt mit Loyalität übersetzen.

Full-Time-Job Kinder hüten

Wolfgang Ilk, 42, wird nie vergessen, wie freundlich seine Chefs reagierten, als er seine - für Karrierebanker ungewöhnliche - Idee vorstellte: Kinder hüten. "Tu das", sagten sie, "wenn das früher möglich gewesen wäre, hätten wir das auch gemacht. Du verpasst sonst die beste Zeit deines Lebens." Seit vier Monaten kümmert sich der Personalmanager bei der Commerzbank um seine beiden Töchter, während seine Frau arbeitet. Ein Full-Time-Job mit Erfüllung: "Es ist das Größte im Leben, sein Baby aufwachsen zu sehen", schwärmt er. "Ich erlebe unwiederbringliche Momente."

Vor vier Jahren kam die erste Tochter zur Welt und damit auch die Gewissheit, dass es da noch etwas Wichtigeres gibt im Leben als Excel-Tabellen. "Ich habe damals auf Teilzeit umgestellt, um so oft wie möglich bei meinem Kind zu sein", sagt Ilk. Vor elf Monaten wurde die zweite Tochter geboren, und zuvor hatte die Bundesregierung das Elterngeld eingeführt. Vor allem Männer sollten ermuntert werden, mal ein paar Monate den Job zu verlassen und beim Baby zu bleiben. Die meisten machen das zwei Monate lang. Ilk war das zu kurz, nur ein "Wickel-Volontariat". Er wollte ein halbes Jahr lang so nah wie möglich dabei sein, miterleben, wie es wächst, nicht nur nach der Arbeit kurz die Kleinen ins Bett bringen. Den finanziellen Verlust machen die Ilks durch den Job der Frau und das Elterngeld gerade eben wett. Aber darauf kommt es im Moment nicht so an. Ilk sagt: "Von dieser Zeit profitieren alle, denn eine gesunde Work-Life-Balance motiviert uns Mitarbeiter - und das wiederum freut die Bank."

Es wird eben immer sch wieriger, Arbeit und Leben in der Balance zu halten. Wenn die Gedanken nur noch um den Job kreisen, bleibt kaum Platz für Familie und Freunde. Als Birgit Jörding, 41, vor knapp zehn Jahren bei einem Marktforschungsinstitut in Hamburg anfing, hatte sie dieses Problem nicht: Sie kannte eh niemanden in der Stadt. Sie arbeitete 12 bis 14 Stunden am Tag und fast jeden Sonntag und steigerte jedes Jahr die Umsätze im zweistelligen Bereich; sie wurde bis ins Management berufen und bekam ständig Gehaltserhöhungen. Urlaub ließ sie sich auszahlen - dafür gab es ja die tollen Meetings in aller Welt und Belohnungsreisen in Luxushotels zusammen mit anderen Spitzenperformern. Freunde, Beziehungen? "Keine Zeit", sagt sie, "kein Interesse." Sie erzählt das alles und schüttelt den Kopf. Wie ein Junkie, der gerade aus der Reha kommt. Sie sagt: "Erfolg ist wie eine Droge. Du wirst süchtig nach dem Kick."

Ein Jahr Auszeit

Als der Kick nach ließ, begann es in ihr zu rattern. "Ich war Ende 30 und stellte fest, dass ich mein ganzes Leben verpasst habe." So sollte es nicht weitergehen. Sie beschloss, eine Auszeit zu nehmen, ein Jahr lang. Das Sabbatical als Notbremse.

Die ersten Wochen ihrer Auszeit waren die Hölle. Sie lungerte selbstmitleidig auf dem Sofa rum und schaute "Ally McBeal"-DVDs; wie depressiv war sie, zog sich kaum noch richtig an. "Es war, als wäre mir der Boden weggezogen worden", sagt sie. Birgit Jörding musste bei null anfangen. Sie ging jeden Morgen zum Frühstück in ein anderes Café, las Zeitung und begann, freie Zeit als Luxus wahrzunehmen. Und nicht als Leere. Nachmittags fuhr sie wie eine Entdeckerin mit ihrem neuen Rad durch diese Stadt, in der sie schon so lang wohnte, aber niemals gelebt hatte. Und abends traf sie sich mit Freundinnen zum Ausgehen. Selbst das musste sie wieder lernen.

Birgit Jörding erzählt, dass sie vor ihrem Sabbatical daheim nicht mal mehr ans Telefon gegangen war, weil sie keine Lust mehr hatte zu reden. "In der Auszeit hab ich gemerkt, dass ich mich bei vielen Leuten entschuldigen muss. Bei meinen Eltern, bei meinem Patenkind." Sie hatte sie alle vernachlässigt, und das begriff sie endgültig, als sie mit ihrer Patentochter so eine Art Mutter-Kind-Urlaub machte. Kinder können sehr ehrlich sein.

Viel Raum zur Auseinandersetzung mit sich selbst

Schritt für Schritt hat Birgit Jörding ihr Leben geändert: Kleidung, Werte, Gefühle. Sie sagt: "Die Auszeit hat mich mit mir selber versöhnt. Ich fühle mich echter, runder, mein Leben ist jetzt vollständiger." Das Sabbatical lässt einen aus der oft auch bequemen Alltagsroutine ausbrechen, mit einem Mal ist da viel Raum zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Um sich selbst zu spüren, zu verorten, zu überprüfen. Es ist ein bisschen so, als würde man endlich mal den Dachboden des eigenen Lebens aufräumen: in alte Kisten reinschauen, einen Haufen Müll wegschmeißen. Ein Prozess der inneren Reinigung.

Am Ende kann eben auch die völlige Neuorientierung stehen. Birgit Jörding sagt: "Erst im Sabbatical habe ich begriffen, welchen Preis der Erfolg haben kann. Gerade für Frauen." Und deshalb war ihr klar, dass sie diesen Stressjob aufgeben würde. Sie will Zeit haben: für sich und den Mann, den sie während der Auszeit doch noch gefunden hat, obwohl sie schon gar nicht mehr daran glauben wollte.

"Nach diesem Jahr hab ich überlegt: Was hat dir überhaupt Spaß gemacht an deinem Job? Das war die Ausbildung." Da kam ihr die Möglichkeit gerade recht, auch als Seiteneinsteiger Lehrer werden zu können. Sie bewarb sich erfolgreich um ein Referendariat an einer Berufsschule, und die ist jetzt wie eine Gegenwelt zu ihrem früheren Leben. Sie sagt schmunzelnd: "Drei Monate Urlaub im Jahr." Für jemanden wie Birgit Jörding muss sich das anfühlen wie eine Halbtagsstelle.

Träume bleiben zurück

Die Geschwindigkeit unseres Lebens hält im Alltag für solche Sachen wie Selbstfindung nicht viele Gelegenheiten bereit. Das Abitur ist auf zwölf Jahre verkürzt, Studiengänge werden verschlankt, wir fangen früher an zu arbeiten und hören später auf. Wie auf Schienen geht es dahin, ein Zug, der mächtig Fahrt aufnimmt. Und auf dem Bahnhof bleiben die Träume zurück?

Thomas Ksoll, 34, hatte angefangen, einen Roman zu schreiben. So eine Gegenwartsgeschichte über Freundschaft und Liebe und das Leben. Ein Buch für Jungs eben. "Ich habe gemerkt, es kommt aus meinem tiefsten Inneren, dass ich dieses Buch schreiben will. Und im Job fand ich die Zeit nicht. Es mag also sein, dass sich der private Thomas gegen den Berufs-Thomas durchsetzen musste."

Also hat sich der IT-Fachmann für ein halbes Jahr nach Barcelona verdrückt, in eine WG mit Dachterrasse mitten in der Stadt und eine gefühlte Ewigkeit weg vom Job. "Wenn man so einen absurd langen Zeitraum vor sich hat", sagt Ksoll, "lässt einen das sofort zur Ruhe kommen. Ich war gerade drei Tage in Barcelona und schon tiefenentspannt. Es zieht dir einfach einen Pfropfen aus dem Körper."

Zeit des Sich-mitreißen-Lassens

Diese Monate in Barcelona waren für Thomas Ksoll eine Zeit des Sich-mitreißen-Lassens, ein nüchternes Taumeln. Die beste Gelegenheit, öfter mal Ja zu sagen, sich auf neue Dinge, neue Menschen einzulassen. Auf kleine Abenteuer. Ksoll sagt: "Wenn du viel Zeit hast, triffst du dauernd Menschen, die genauso viel Zeit haben. Die Abhänger. Und da hab ich gemerkt, dass mein Romanprojekt eine verdammt gute Idee war. Sonst wäre mir das alles ein bisschen sinnlos vorgekommen." Das Buch schuf eine Ordnung für sein Leben, es entstand nebenbei wie von allein und gab ihm zumindest im Ansatz jene Strukturen zurück, die er hinter sich gelassen hatte. Das half - auch nach der Rückkehr.

Es war ein komisches Gefühl, wieder im Flugzeug zu sitzen. Unten Barcelona und oben das Bewusstsein: So, das war's. Ksoll sagt: "Als die Auszeit vorbei war und ich zu Hause meine Krawatte umgebunden hab, da hatte das so eine Signalfunktion - ab jetzt wird's wieder ernst."

Im Büro gab es dann wie immer die zwei Fraktionen von Kollegen: die Neider, die kein Wort verlieren, und die Bewunderer. Denen erzählte er von seiner Zeit, und manche blickten versonnen und irgendwie wehmütig aus dem Fenster und fragten sich: Wann hab ich das verpasst? Thomas Ksoll sagt: "Du sitzt dann da und bist auf eine diffuse Art sehr, sehr stolz. Es gibt dir einfach eine Menge Selbstbewusstsein."

Eigene Strukturen schaffen

Alle, die ein Sabbatical hinter sich haben, berichten von dieser Gelassenheit, die sie in die Echt-Welt hinübergerettet haben. Es hat etwas irrsinnig Beruhigendes, Befreiendes. Man hat seinen Geist einmal komplett auf Durchzug gestellt. Sozialwissenschaftlerin Siemers sagt: "Die Leute, die es einmal gewagt haben, jenseits der gewohnten Strukturen zu leben, sind viel besser in der Lage, eigene Strukturen zu schaffen."

Die Distanz zum Job macht einen unabhängig, sie lässt einen kritischer auf das eigene Tun blicken und auf Arbeitsabläufe um einen herum. Es ist wie ein Blick von oben. Thomas Ksoll sagt: "Du triffst plötzlich schnellere, klarere und radikalere Entscheidungen." Und es ist wohl kein Zufall, dass viele kurz nach ihrem Sabbatical karrieremäßig erst recht durchstarten. Oliver Piskora erzählt, dass sie ihm in der Firma ein Hammer-Angebot gemacht haben. Und Thomas Ksoll ist gerade zum Leiter des IT-Supports befördert worden.

Mitarbeit: Nicolas Büchse

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