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Ein Arbeitsplatz an der Sonne

Im Bereich der erneuerbaren Energien entstehen Jobs im großen Stil. Firmen wie Abakus Solar schaffen Arbeitsplätze. Aber auch fürs Handwerk ist die Solarwirtschaft ein Konjunkturprogramm.

Von Peter Neitzsch

Früher schufteten in der Zeche Rheinelbe die Kumpel. Die Gesichter schwarz wie die Steinkohle, die sie aus der Erde holten. Heute hat der Photovoltaik-Anlagenbauer Abakus Solar seinen Sitz im ehemaligen Zechengebäude. Die Fördertürme und Abraumhalden sind allenfalls noch Ausflugsziele - Relikte aus dem Zeitalter fossiler Energien. Stattdessen entwerfen hier Technische Zeichner Sonnenkraftwerke am Reißbrett - die Energiefabriken der Zukunft.

Die Firma Abakus Solar aus Gelsenkirchen steht beispielhaft für den Strukturwandel im Ruhrgebiet - und für den Boom einer Branche, der Solarwirtschaft. Das war nicht immer so. "1995 waren wir mit unserem Profil schwer vermittelbar", sagt Heiner Breuer, einer der Gründer von Abakus Solar. Der Elektrotechniker schrieb seine Diplomarbeit an der RWTH Aachen über Solarenergie. Damals ein Exotenthema, heute gefragter denn je: "In unserem Bereich Qualifizierte sind am Markt fast gar nicht zu haben", sagt Breuer. "Unsere Mitarbeiter müssen wir selbst schulen."

Die Zahl der Beschäftigten im Bereich der erneuerbaren Energien hat sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre vervierfacht. Allein in der Solarindustrie haben 120.000 Menschen Arbeit gefunden, im gesamten Ökostrom-Sektor sind nach Angaben des Bundesverbands Erneuerbare Energie etwa 370.000 Arbeitsplätze entstanden. "Die Ziele, die sich die Branche gesteckt hat, sind immer übertroffen worden", sagt Breuer. Einige Solarfirmen würden bereits Abiturienten anwerben, um den Bedarf an Fachkräften zu decken.

Absehbar war das nicht, als sich Breuer vor 16 Jahren gemeinsam mit zwei Kommilitonen selbstständig machte - "ohne Markt, ohne Kunden, ohne verlässliche Systeme und ohne Erfahrung, auf die wir bauen konnten". Statt Handwerksfirmen zu beauftragen, schraubten die drei Gründer die Solarmodule selbst aufs Dach: "Wir wussten, Geld gibt es nur, wenn wir den Job hinbekommen. Auch wenn wir keine Ahnung hatten, wie."

Doch die Pionierarbeit machte sich bezahlt: Aus dem Drei-Mann-Betrieb ist ein Unternehmen mit hundert Mitarbeitern geworden. "Als die anderen eingestiegen sind, hatten wir bereits zehn Jahre auf dem Buckel und jede Menge Erfahrung", sagt Breuer. Heute lässt der Mittelständler Module in fertigen und unterhält Büros in Italien, England, Griechenland und den USA.

"Solarmodule installieren ist ein Knochenjob"

Anders als Breuer gehört Holger Wagner, Projekt-Ingenieur bei Abakus, zu einer Generation Maschinenbauer, für die Vorlesungen über regenerative Energien fester Bestandteil des Studiums waren. Schon früh stand für den Berufseinsteiger seine Spezialisierung fest: "Ich habe mein Studium mit der Überlegung begonnen, dass unsere Generation etwas tun muss in der Energiefrage", sagt Wagner. "Einfach nur gegen Atomkraft zu sein, reicht nicht."

Zudem habe man bereits an der Uni gemerkt, dass der Bedarf an Ingenieuren in der Solarbranche groß sei. "Kommilitonen, die in die Automobilindustrie wollten, hatten teilweise massive Probleme, einen zu finden."

Seit zwei Jahren plant der 30-Jährige nun Photovoltaik-Anlagen für Großkunden, prüft die technische Machbarkeit, verhandelt mit lokalen Netzbetreibern über die Stromeinspeisung und leitet die Baustelle auf dem Dach. "Solarmodule installieren ist ein Knochenjob", sagt er. "Nach drei Monaten hier oben in der Sonne ohne Schatten sind die Leute ausgepowert."

Finanzfonds legen ihr Geld in Solaranlagen an

Vorbei die Zeiten, als Solarfirmen kleine Dachanlagen fürs Eigenheim installierten. "Heute muss niemand mehr überzeugt werden, dass Solarstrom sinnvoll ist", sagt Abakus-Teilhaber Breuer. "Jetzt geht es eher um Rendite." Aus ökologisch motivierten Privatleuten wurden Kunden, die große Summen investieren - wie die Firma Siempelkamp in Krefeld. Das Maschinenbau-Unternehmen steckte 1,5 Millionen Euro in eine Solaranlage auf dem Werksdach. Selbst Fonds legen ihr Geld in Photovoltaik an: "Wir haben Kunden, die Geld haben, aber kein Dach. Denen vermitteln wir Dächer, die sie pachten können", sagt Wagner.

Für Siempelkamp ging es vor allem darum, die steigenden Energiekosten in den Griff zu bekommen. Eine Solaranlage sei die einfachste Möglichkeit gewesen, da kurzfristig etwas zu tun, sagt Klaus Gartz, Projektmanager bei Siempelkamp: "Bisher haben wir für Energie immer nur gezahlt, jetzt holen wir uns auch etwas wieder." Der Maschinenpark des Unternehmens verbrauche "jede Menge Strom".

Für Bauleiter Wagner ist das Projekt in Krefeld eine logistische Herausforderung: 2656 Solarmodule müssen angeliefert, abgeladen, zwischengelagert und auf 18.000 Quadratmetern Hallendach installiert werden - ohne den laufenden Betrieb zu behindern. 38 Wechselrichter benötigt die Anlage, um den Gleichstrom vom Hallendach in netztauglichen Wechselstrom umzuwandeln. Über einen Zähler wird abgerechnet, denn der Erlös ist größer, wenn der Strom an den Versorger verkauft wird.

Für die Rentabilität des Sonnenstroms sorgt das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das eine kostendeckende Vergütung für Ökostrom garantiert. Nach dem Ende des 100.000-Dächer-Programms, das bis 2003 für einen ersten Boom der Sonnenenergie sorgte, wurden die Fördersätze für Solarstrom im EEG nochmals angehoben. "Das war der Startschuss", sagt Breuer, "seitdem haben wir enorme Zuwächse." Zum ersten Mal sei ein Massenmarkt für solare Energieerzeugung entstanden.

China macht den deutschen Firmen Konkurrenz

Acht Jahre später ist das Marktumfeld schwieriger geworden: Besonders den großen Herstellern von Solarmodulen wie Solon, Q-Cells und Conergy macht die Billig-Konkurrenz aus China zu schaffen. Die Kritik, mit der deutschen Einspeisevergütung würden vor allem chinesische Fabriken gefördert, mag Breuer dennoch nicht gelten lassen. "Der Anteil der Module am Gesamtwert einer Solaranlage sinkt, der Großteil der Wertschöpfung erfolgt in Deutschland."

Breuer sieht "noch viel Luft nach oben", was Arbeitsplätze und Aufträge in der Solarwirtschaft betrifft. "Allein das Potential an ungenutzten Industriedächern in Deutschland ist riesig." Der Bundesverband Erneuerbare Energie rechnet mit 500.000 Menschen, die bis zum Jahr 2020 im Bereich der regenerativen Energien arbeiten werden.

Die Konkurrenz aus Fernost sieht Breuer gelassen: "Was man in Asien gut kann, ist ein definiertes Produkt, in vorgegebenen Größen, günstig und in guter Qualität zu produzieren." Die Stärke der deutschen Ingenieurstechnik sei es dagegen, in Systemen zu denken. "Wir müssen ein massenkompatibles Standardbauprodukt entwickeln", sagt der Ingenieur. Ein erster Schritt in diese Richtung sind von Abakus entwickelte Halterungen aus Recycling-Material. Die Module lassen sich so einfach mit einem Akkuschrauber befestigen.

In geschlossenen Systemen liegt für Breuer auch die Zukunft der Stromversorgung: Strom müsse dort verbraucht werden, wo er produziert wird. Andere dezentrale Energieträger sollten den Ausfall der Sonnen-Energie bei schlechtem Wetter kompensieren. "Der große Netzausbau ist gar nicht nötig", argumentiert Breuer, "wenn die lokale Infrastruktur stimmt und es bereits im Haushalt intelligente Systeme gibt, die den Stromverbrauch regeln."

Von Peter Neitzsch

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