HOME

"Im Käfig der Bequemlichkeit"

Notker Wolf leitet den Benediktiner-Orden, spielt Hardrock - und redet Klartext in einem politisch unkorrekten Gespräch: über Drückeberger, Manager und heilige Männer.

Von Norbert Höfler, Rolf Herbert Peters

Rom, 6.20 Uhr. Schon strahlt die Sonne über der Stadt. Im Benediktinerkloster Sant' Anselmo sitzen 30 Mönche im Chorgestühl ihrer Backsteinkirche, um die tägliche Laudes zu singen, das erste von vier Stundengebeten. Erst danach frühstücken sie im Refektorium, schweigend. Für Abtprimas Notker Wolf ist der Gottesdienst mehr als ein spirituelles Ritual. Er gibt ihm die Kraft, das Leben eines Top-Managers zu führen.

Wolf, 1940 im Allgäu geboren, ist der Chefrepräsentant des Benediktiner-Ordens. 2000 haben ihn die Äbte aus aller Welt zu ihrem Abtprimas gewählt. Seitdem ist er meist unterwegs, legt über 300000 Flugkilometer pro Jahr zurück. Die Benediktiner betreiben weltweit rund 1000 Klöster, oft mit angegliederten Krankenhäusern oder Schulen. Notker Wolf korrespondiert in 13 Sprachen, sieben davon spricht er fließend. Am Herzen liegen ihm vor allem die Missionarsgebiete China und Nordkorea. Im Hungerstaat des Diktators Kim Jong Il eröffnete er letzten Sommer ein Hospital mit 600 Betten; ein Kloster zu bauen, erlaubt ihm die Regierung nicht.

Der Deutsche leitet den ältesten Orden der Christenheit. Vor rund 1500 Jahren hatte ihn der später heilig gesprochene Benedikt auf dem Monte Cassino südlich von Rom gegründet. Dort verfasste er auch die "Benediktusregel", deren Maxime als "Ora et labora" (Bete und arbeite) populär wurde. Heute gehören dem Orden weltweit rund 16000 Nonnen und 8000 Mönche an. Als Benediktiner haben sie sich zu Gehorsam, Beständigkeit, Demut und sozialem Engagement verpflichtet.

Seine Berufung zum Gottesmann, sagt Wolf, habe er schon als Kind verspürt. Mit 14 las er die Lebensbeschreibung eines Südsee-Missionars aus dem 19. Jahrhundert und erkannte: "Christus braucht dich." Er studierte Philosophie, Theologie, Zoologie, anorganische Chemie und Geschichte der Astronomie in Rom und München. 1961 legte er das Mönchsgelübde ab, 1971 wurde er Professor für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Päpstlichen Hochschule in Rom, 1977 übernahm er als Erzabt die Verantwortung für das Missionskloster St. Ottilien in Oberbayern. Jeder Euro, den Wolf seither etwa für Vorträge, Bücher oder Managerseminare bekommt, fließt in den Ordenstopf. Derzeit braucht Sant' Anselmo vor allem ein neues Dach; das alte ist teilweise eingestürzt.

Notker Wolf ist ein streitbarer Mönch.

So bot er einer kurdischen Familie, die in die Türkei abgeschoben werden sollte, fünf Jahre lang Asyl in seinem Heimatkloster St. Ottilien - gegen allen Druck der Behörden. Am Ende durften die Flüchtlinge in ein sicheres Drittland ausreisen. Einen weltlichen Job hat Wolf auch: Er sitzt im Unternehmerbeirat der Gothaer Versicherung, bei der alle deutschen Benediktiner lebensversichert sind.

So oft wie möglich tritt der Mönch mit der ehemaligen Gymnasialband "Feedback" von St. Ottilien auf. Zu seinen Lieblingsbands (er spielt E-Gitarre) zählen AC/DC und Iron Maiden, zu seinen Lieblingsstücken "Highway To Hell", Autobahn zur Hölle. "In diesen Liedern ist der Aufstand gegen das Establishment sehr nah am Evangelium", sagt Wolf.

Herr Abtprimas, in Deutschland wird heftig darüber gestritten, wie viel Geld Langzeitarbeitslose bekommen sollen. Wie viel würden Sie geben?

Jedenfalls weniger als Hartz IV.

Das sind nur 345 Euro im Monat!

Ich bin sicher, dass es für viele, die heute ohne Arbeit sind, Jobs gibt. Ich würde jeden Einzelnen fragen: Bist du wirklich bereit, jede Arbeit anzunehmen, auch wenn sie nicht mehr Geld einbringt als Hartz IV? Allein schon um deine Würde zu wahren? Der Mensch ist veranlagt wie ein Muskel: Wenn er nicht kontinuierlich angestrengt wird, verkümmert er. Viele merken offenbar nicht, welch seelischen Schaden sie sich mit ihrem Phlegma zufügen. Jeder Mensch braucht eine sinnvolle Arbeit zur Selbstbestätigung. Es ist doch etwas Schönes, den ganzen Tag geschwitzt zu haben und am Ende ein Ergebnis vorweisen zu können. Das setzt Glückshormone frei. Nur: Wer mangels Fähigkeiten oder Intelligenz am Arbeitsmarkt chancenlos ist, dem muss die Gemeinschaft nach Kräften helfen.

Angenommen, ein gerade gekündigter 45-jähriger Maschinenschlosser und Familienvater steht vor Ihnen. Raten Sie ihm, er soll künftig für weniger Geld in einer Putzkolonne jobben?

Ja, es mag zynisch klingen, aber Veränderung birgt enorme Chancen.

Der Mann würde doch im Kollegenkreis für blöd erklärt...

Sicher gehört ein gutes Stück Selbstbewusstsein dazu, mit der Häme zu leben. Aber er könnte entgegnen: "Spottet nicht, das kann euch morgen genauso blühen. Ich habe mich gefreut, den Job so lange gehabt zu haben. Nun habe ich endlich mehr Zeit für die Familie."

Aber kein Geld mehr, um das Auto oder den Familienurlaub zu bezahlen.

Da kommt meine Frage: Wo sind deine Werte? Ist es nur das Materielle? Gerade durch äußere Begrenzungen werden oft die wichtigen Dinge wieder wach. Wie schön wäre für ihn die Erfahrung, wenn seine Frau zu ihm steht, ihm vielleicht sagt: "Dann fahren wir eben nicht in den Urlaub. Ich liebe dich trotzdem."

Viele erleben Arbeitslosigkeit als Sturz ins Bodenlose. Da geht es nicht mehr um zwei Wochen Urlaub auf Gran Canaria...

Es gibt gute Zeiten und weniger gute Zeiten. So ist das Leben. Es gibt kein Grundrecht auf Wohlstand, so wie wir ihn seit Jahrzehnten gewohnt sind.

Sind schlechte Zeiten für Männer der Religion gute Zeiten?

Der Mensch kommt zur Besinnung. Das ist gut. Da fangen viele an zu überlegen: Was ist das Leben wert? Was sind meine Werte? Bei manchen kommt dann doch auch der Glaube an Gott ins Spiel.

Noch mal gefragt: Wie viel Hilfe ist richtig?

Es gibt eine fatale sozialistische Grundströmung im deutschen Denken, die lautet: Politik ist nur dann gut und menschlich, wenn sie die Gebote sozialer Gerechtigkeit und sozialer Gleichheit über jede praktische Vernunft stellt. Das ist Unsinn. Allen gleiche Startchancen zu geben ist richtig - aber wir müssen Schluss machen mit dieser unsäglichen Gleichheitsideologie. Menschen sind nun einmal verschieden. Wenn ich dem einen heute 100 Euro gebe, hat er morgen 200 Euro daraus gemacht, der andere hat das Geld komplett in der Kneipe gelassen. Der unaufhaltsame Ausbau des Sozialstaats ist das beste Beispiel dafür, wie man sich aus Gerechtigkeitsfanatismus sein eigenes Gefängnis bauen kann.

Der Sozialstaat ein Knast?

Wir hocken in einem Käfig der Bequemlichkeit. Das Streben nach Arbeit und Leistung wird darin oft verhindert. Ich habe kürzlich einen jungen Dresdner Taxifahrer gefragt, ob es stimme, dass viele Ostdeutsche gern zum alten sozialistischen System zurückkehren wollen. Er antwortete: Klar, sein Vater habe ihm erzählt, damals habe es viel weniger Stress gegeben. Diese Haltung spricht für sich. Wir sind verwundbar, wenn es uns zu gut geht, dagegen durchaus fähig, unter härteren Bedingungen das Beste aus uns rauszuholen.

Sie schulen auch Manager. Was können Bosse von einem Abt lernen?

Dass auf Dauer nur ein humanes Management erfolgreich sein kann. Ein rein gewinnorientiertes Management zerstört das Arbeitsklima, es untergräbt die Motivation der Mitarbeiter und mindert die Leistung. Ich lehre sie auch, bei schwierigen Entscheidungen alle zurate zu ziehen, wie es Benedikt für unseren Orden vorschreibt. Oft gibt der Geist Gottes nämlich den Jüngeren ein, was richtig ist.

Wo bleibt Gottes Einfluss, wenn diese Herren Jobs killen und Millionen kassieren. Und keinen fragen?

Mich macht es wütend, wenn Firmen Arbeitsplätze in den Sand setzen, statt alles zu tun, um sie zu erhalten. Denken Sie an Jürgen Schrempp, der bei Daimler-Chrysler Milliarden Euro und Tausende Arbeitsplätze verspielt hat. Ich kann nachempfinden, wenn mancher solche Leute hinter Gittern sehen möchte. Aber machen wir uns nichts vor: Diese kleinen und großen Gauner, diese Betrüger und Schröpfer haben sich nicht aus dem Reich des Bösen in unsere Mitte verirrt. Sie sind Produkte unserer Gesellschaft.

Warum sind so viele vom rechten Weg abgekommen?

Mit der französischen Revolution 1789 wurde Gott durch die Vernunft abgelöst. Die 1968er-Revolution hat dann auch die Vernunft verstoßen, die Natur an ihrer Stelle auf die Altäre gesetzt und die Freiheit individualisiert. Seither leben wir in einer Welt ohne Gott, ohne Jenseits, ohne Väter und ohne eine vernünftige Vorstellung von dem, was Freiheit ist.

Nun sollen es also die 68er verbockt haben. Eine gewagte Behauptung.

Das moralische Versagen gieriger Wirtschaftsbosse verträgt sich doch bestens mit der Freiheitsvorstellung der 68er. Diese Freiheit ist nirgendwo verankert, weder im Verantwortungsbewusstsein noch im Gewissen, noch in der Scham.

Die Straßenkämpfer von einst haben die Abzocker von heute erst möglich gemacht?

Erstens sind es nicht selten die gleichen Personen, und zweitens haben wir hier ein schönes Beispiel dafür, wie sich Ideologien verrechnen können: Ausgerechnet der verhasste Kapitalismus profitiert vom Freiheitsbegriff der 68er. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat es mit dem Satz zusammengefasst: "Alle Wege der 68er führen in den Supermarkt." Ich erlaube mir zu ergänzen: bzw. an die Firmenkasse.

Sagen Sie das auch den Managern, die bei Ihnen Rat suchen?

Ich nehme kein Blatt vor den Mund. Ich sage ihnen auch, dass in ihren Vorständen und Aufsichtsräten leider kaum jemand den Schneid hat, den Mund aufzumachen. Lieber lassen sich die Vorstandsvorsitzenden anbeten. Das sind Verhaltensmuster, die aus dem Tierreich stammen.

Brauchen wir wieder stärkere Gewerkschaften als Kontrollorgan, um wenigstens in den Unternehmen die Verhältnisse zu bessern?

Um Gottes willen, nein. Ich habe immer gedacht, dass die Kirche von Betonköpfen regiert wird, aber wir sind ja nichts gegen Gewerkschaften. Sie entwickeln keine Wirtschaftsmodelle weiter, sondern beharren nur auf Althergebrachtem.

Woher rührt Ihr Groll auf die Deutschen, der sich auch in Ihrem neuen Buch (Abtprimas Notker Wolf: "Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken zu Deutschland", Rowohlt 2006) findet?

Nennen Sie es nicht Groll. Es ist Verzweiflung. Ich mag mein Volk. Gerade im Ausland bin ich zum Deutschen geworden. Dennoch frage ich mich: Was ist eigentlich los mit uns, dass wir uns nicht einmal durch 4,5 Millionen Arbeitslose, ein minimales Wirtschaftswachstum, eine atemraubende Staatsverschuldung, morsche Sozialsysteme, eine offenkundige Bildungsmisere und viel zu wenig Nachwuchs veranlasst sehen, etwas anders zu machen als bisher?

Wie ist Ihre Antwort?

Wir unterliegen der Sehnsucht, dass der Staat alle Probleme für uns löst. Sie wurde schon in der Kaiserzeit erzeugt. Hier begann das Beamtentum, die Bürger zu bevormunden, woraus die Anspruchshaltung entsprang. Wir halten Gerechtigkeit und Gleichheit nicht mehr auseinander. Das Land befindet sich unter der Vormundschaft tugendbeflissener Politiker, die der Chimäre der sozialen Gerechtigkeit nachjagen. Diese Politiker verkaufen uns den Staat als Beglückungsanstalt, weil wir sie überfordern. Wir zwingen sie dazu, das Unmögliche zu versuchen.

Was muss geschehen?

Ich will drei Vorschläge machen. Erstens: Entlassen wir den Staat endlich aus der Verantwortung für unser Lebensglück. Die gehört in unsere eigenen Hände. Es reicht, wenn der Staat da einspringt, wo wirklich Not ist. Es gibt kein Menschenrecht auf ein bequemes Leben und vier Wochen Urlaub. Zweitens: Machen wir Schluss mit den zentralistischen Bestrebungen, allen per Gesetz zum Glück zu verhelfen. Die Pleite mit den Hartz-Gesetzen spricht Bände. Und drittens: Regierende müssen die moralische Kompetenz zeigen, die Grundzüge der humanen Gesellschaft zu wahren, die durch neue Technik und wirtschaftliches Kalkül bedroht ist. Hier geht es um Ewigkeitswerte.

Nun stehen ja bekennende Christen an der Spitze der großen Volksparteien, und auch der Bundespräsident stützt sein Amt auf die Bibel. Dürfen wir hoffen?

Wir werden sehen. Politiker müssen auf Ehrlichkeit, Menschlichkeit und Toleranz setzen, ich hoffe, ihr Menschenbild wird von ihrem Glauben geprägt. Ich fand es bedenklich, dass es unter Rot-Grün Minister gab, die den Eid nicht mehr vor Gott abgaben - obwohl ich deren persönliche Entscheidung respektiere. Ich habe mich gefragt: Vor wem weiß sich so jemand verantwortlich?

Vor seinem Gewissen?

Das fällt nicht vom Himmel. Gläubige Menschen haben stets im Hinterkopf: Ich kann mich und die Menschen anschwindeln, aber Gott nicht.

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl, bekennender Katholik, setzte sich zum Schluss über die Verfassung hinweg.

Kohl litt unter Selbstverblendung. Er fiel dem konsumistischen Denken anheim und dachte, dem Volk das Maul mit Liebesperlen stopfen zu können. Auf dem Höhepunkt der Spendenaffäre habe ich hohe CDU-Politiker, die zu Exerzitien ins Kloster St. Ottilien kamen, offen gewarnt: Wenn Kohl nicht zurücktritt, führt er uns ins Verderben.

Sie teilen ja ordentlich aus. Fürchten Sie keinen Ärger?

Das ist mir egal. Ich habe keine Angst mehr. Ich will der Wahrheit eine Bresche schlagen, weil ich die Menschen mag. "Die Sünde hassen, die Sünder lieben" lautet ein schönes Wort Benedikts.

Der oberste Benediktiner muss nicht politisch korrekt handeln?

Niemand muss das, Ehrlichkeit ist viel wichtiger. Mich stört an der Political Correctness vor allem, dass sie alle unter Generalverdacht stellt, fremden- oder frauenfeindlich zu sein. Political Correctness ist eine große Vernebelungsaktion, ein Programm zur moralischen Versklavung.

Wie bitte?

Betrachten wir nur die deutsche Ausländerpolitik. Hier begehen wir den gleichen Fehler wie viele europäische Nationen in den letzten Jahrzehnten: auf Multikulti zu machen und so zu tun, als würden bei uns nicht ganz verschiedene Lebenswelten aufeinander prallen. Wir versuchen im Sinne der Political Correctness zu verschleiern, was uns unterscheidet, übergehen die Fremdheit des anderen mit schamhaftem Schweigen. Doch wer Unterschiede leugnet, macht sie dadurch erst zum Stein des Anstoßes. Ein Frieden, der erkauft wird, indem sich alle blind und taub stellen, ist ein fauler Frieden.

Wie kann Integration funktionieren?

Während meiner Studienzeit haben auch wir Benediktiner Multikulti versucht. Wir hatten keine gemeinsame Sprache im Kloster Sant' Anselmo. Deshalb saßen die Menschen aus aller Herren Länder in Grüppchen an Tischen, es gab keine Integration und jede Menge Arroganz. Wenn heute dagegen ein Koreaner im Speisesaal auf einen Afrikaner trifft, reden sie miteinander. Der Grund: Wir haben Italienisch als Verkehrssprache eingeführt. Jeder Mönch muss vor seinem Studium drei Monate Italienisch pauken.

Warum Italienisch und nicht Englisch?

Weil wir in Italien sind. Ich verstehe überhaupt nicht die ebenso heftige wie dumme Diskussion in Deutschland, ob Ausländer Deutsch können sollten. Selbstverständlich, die Sprache ist das wichtigste Integrationsglied.

Die Sprache allein wird uns kaum von Ausländerhass, Ehrenmorden oder der Brutalität an Schulen befreien.

Im Ernst, ich weiß nicht, wo das Problem liegt. Für alle Menschen, die in Deutschland leben, gilt nur eines: das Grundgesetz. Dort ist die Würde des Menschen festgeschrieben. Daran müssen sich alle halten. Wer sich nicht daran hält, muss bestraft werden, dafür brauchen wir kein Antidiskriminierungs- oder Gleichbehandlungsgesetz. Achtung und Respekt sind die wahren Werte im Umgang mit Menschen - gleichgültig welcher Herkunft oder sexuellen Orientierung.

Es gibt eine neue terroristische Bedrohung und eine wachsende Furcht vor dem radikalen Islam. In Europa und den USA suchen viele jetzt wieder Halt in der Bibel. Ist das eine Chance für das Christentum, sich neu zu positionieren?

Ich glaube, wir stehen an einem Wendepunkt. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass man religiös sozialisiert in den Glauben hineinwächst. Das Volkschristentum wandelt sich zu einer individuellen Religion. "Man" glaubt nicht mehr, sondern "Ich glaube". Ich stelle erstaunt fest, welchen Anklang der Papst in Deutschland findet. Gewiss, er spricht von hohem Ross herab, was viele stört, doch er bietet Orientierung. Und darauf haben die Menschen gewartet.

Der Islam findet in Europa immer mehr Anhänger. Fürchten Sie einen Krieg der Religionen?

Nein, eher die Kollision der Kulturen. Jede Religion trägt einen kriegerischen Kern in sich, weil sie die Wahrheit für sich beansprucht und in die Welt tragen will. Die katholische Kirche hat die Aufklärung und das Zweite Vatikanische Konzil gebraucht, um neben der eigenen Wahrheit die Religionsfreiheit anzuerkennen. Andere Religionen sind noch lange nicht so weit. Der Hinduismus galt lange Zeit als Friedensreligion - wie es in Indien zugeht, sehen wir heute. Der Buddhismus ist mit Gewalt in Japan eingeführt worden. Ganz zu schweigen von den Verbrechen im Namen des Islam.

Was macht den Islam so gefährlich?

Er ist vor allem politisch motiviert, die Anführer pfeifen auf die Rechte des Menschen als Geschöpf Gottes. Die Islamische Konferenz hat sich die weltweite Islamisierung zum Ziel gesetzt, auch die Europas, und ich kann durch meine Reisen bestätigen, dass sie gut vorankommt. In Neapel wird gerade die zweitgrößte Moschee Europas gebaut. Die größte steht in Rom. In Kroatien werden überall Moscheen errichtet. Ich möchte als Europäer nicht vom Islam überfahren werden. Diese Gefahr besteht so lange, wie wir den Fehler machen, unser aufgeklärtes Religionsverständnis auf den Islam zu übertragen.

Der neue Papst trägt den Namen Ihres Ordensgründers Benedikt. Zu Recht?

Ich hoffe, dass der Name Programm ist. Ich war ihm gegenüber immer skeptisch. Ich habe den Eindruck, dass er dem Menschen sehr misstraut, weil er ihn als potenziellen Sünder sieht, der sofort über die Schnur springt, wenn man ihm ein bisschen Freiheit lässt. Doch es gibt auch zwei Dinge, die mir an ihm sehr gut gefallen: Er ist hochintelligent und politisch herrlich unkorrekt. Er hat zum Beispiel dem Abendland die Diktatur des Relativismus vorgeworfen - und damit voll ins Schwarze getroffen.

Vom Vatikan aus schaut der Papst auch auf Sant' Anselmo. Kann er Sie zurückpfeifen, wenn Sie sich mit Ihrer Meinung allzu weit aus dem Klosterfenster lehnen?

Wenn er das täte, würde ich ihm sagen: "Heiliger Vater, meinetwegen" - und ginge zurück in mein Kloster. Wir Benediktiner sind durchaus katholisch, haben uns aber von der Tradition her ein Stück Autonomie bewahrt.

Sie selbst treten bescheiden auf. Missfällt Ihnen der Personenkult der Massen um Papst Benedikt?

Jubeldemonstrationen, auch von Katholiken, sind mir grundsätzlich nicht geheuer, da man am Beginn jeder Demo sein Gehirn abgibt. Das erinnert mich zu sehr ans Dritte Reich.

Haben Sie es eigentlich je bereut, Mönch geworden zu sein?

Nein, denn ich liebe die Freiheit, und diese ist in den Klostermauern eingesperrt. Sie endet, sobald ich das Kloster verlasse. Ich weiß, dass ich hier ein privilegiertes Leben führe. Ich muss auch keine Karriere machen.

Haben Sie aber. Sie sind oberster Repräsentant sämtlicher Benediktiner der Welt.

Ich wollte den Job eigentlich nicht. Ich habe ihn bei der ersten Wahl 1996 abgelehnt. Im Jahr 2000 haben mich die Äbte dann massiv gedrängt, und ich erhielt im ersten Wahlgang einen so hohen Stimmenanteil, dass es kein Zurück mehr gab.

Sie sind 66 Jahre alt. Wissen Sie schon, was Sie als Rentner tun?

Benediktiner gehen nie in Rente. Doch ich würde mich freuen, wenn ich eines Tages im Gymnasium von St. Ottilien den Schülern Nachhilfe geben kann. Das ist in Wahrheit mein Traumjob.

print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools