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Warum Deutschland Minijobs braucht

Der Arbeitsmarkt boomt, gleichzeitig ist die Zahl der Minijobs stark gestiegen. Gewerkschaften fürchten bereits eine Niedriglohnfalle. Dabei sind Minijobber wichtig für das Land.

Von Friederike Ott

  Fensterputzer in Berlin: Minijobber werden immer beliebter

Fensterputzer in Berlin: Minijobber werden immer beliebter

  • Friederike Ott

Dirk Hellmann* ist Gastwirt. Er betreibt zwei Bars in Hamburg, es läuft gut. Das ist nicht zuletzt deshalb so, weil er neben drei Festangestellten auch 23 Minijobber beschäftigt. "In meiner Branche kann ich mir nicht viele Festangestellte leisten", sagt er. "Sie kosten unfassbar viel Geld." Vor allem sei für ihn wichtig, dass er flexibel sein kann. Im Frühling und Sommer braucht er viele Mitarbeiter. Wenn die Menschen wegen Kälte und Regen lieber zu Hause bleiben, braucht er weniger Personal. "Für mich ist das ideal", sagt der Wirt. "Und für meine Angestellten ist das auch gut, sie müssen keine Abgaben zahlen."

Der Arbeitsmarkt brummt, das zeigen die neuen Zahlen der Arbeitsagentur vom Donnerstag, und das oben genannte Beispiel ist typisch für die heutigen Beschäftigungsverhältnisse: Minijobs sind extrem wichtig für die deutsche Wirtschaft geworden. Die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder (SPD) hatte das Instrument in Zuge der Agenda 2010 zur Arbeitsmarktreform 2003 verändert: Minijobber können nun bis zu 400 Euro im Monat verdienen, ohne Abgaben zahlen zu müssen.

Oft reicht der Arbeitsanfall nicht für eine Vollbeschäftigung

Seither ist die Zahl der Minijobber stark gestiegen, jedes Jahr werden es mehr. Die aktuellste Zahl der Bundesagentur für Arbeit stammt von September 2010. Mehr als 7,3 Millionen Beschäftigte waren zu dem Zeitpunkt geringfügig beschäftigt. Es sind fast 1,6 Millionen mehr als 2003. Jedes vierte Beschäftigungsverhältnis ist heute ein geringfügiges. So gehen von den 40,5 Millionen Menschen, die laut neuen Zahlen vom Mittwoch, in Deutschland arbeiten, nur 27,93 Millionen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach

Besonders in der Gastronomie sind Minijobs beliebt: Der Arbeitsanfall reicht oft nicht für eine Vollbeschäftigung. Der Barmann in der Disko wird nur am Wochenende gebraucht, die Aushilfe an der Autobahnraststätte nur zu Verkehrsstoßzeiten. Aber auch im Gesundheits- und Sozialwesen und im Groß- und Einzelhandel gibt es immer mehr Minijobber.

"Minijobs würden wegfallen, wenn sie besteuert würden"

Doch von Seiten der Gewerkschaften hagelt es Kritik. "Die Minijobs haben sich als Irrweg erwiesen", kritisiert DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach in der "Süddeutschen Zeitung". Für viele Arbeitsuchende seien sie eher eine Falle im Niedriglohnsektor als eine Hilfe. Auch das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung spricht von einer "gravierenden Fehlentwicklung". Der Staat stelle ohne sachlichen Grund Nebenjobber von Sozialbeiträgen und Steuern frei.

"Es ist natürlich ein Problem, dass dem Staat durch Minijobs Steuereinnahmen verloren gehen", konstatiert Arbeitsmarktexperte Jörg Hinze vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), hält aber entgegen: "Aber wenn Abgaben auf die 400-Euro-Jobs gezahlt werden müssten, würde ein großer Teil von ihnen wegfallen." So aber seien nicht oder nur gering qualifizierte Arbeitslose eingestellt worden, die nicht zu Tariflöhnen untergekommen sind.

"Minijobs verdrängen keine Vollzeitbeschäftigung"

Kritiker bemängeln zudem, Minijobber hätten wenig Chancen, in eine Vollzeitbeschäftigung zu wechseln. Eine Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt jedoch das Gegenteil: Ihr zufolge hatten immerhin 21 Prozent der Minijobber im Jahre 2003 fünf Jahre später einen Vollzeitjob.

Den Vorwurf von DGB-Vorstandsmitglied Buntenbach, Minijobs würden missbraucht, um Schwarzarbeit zu verschleiern, weist Sandra Warden, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), entschieden zurück. Minijobs seien vielmehr ein Schwarzarbeitsbekämpfungsprogramm. "Als das Instrument eingeführt wurde, hatten wir auf einen Schlag 127.644 Nebenjobber mehr. Das ist ein ganz klarer Beleg dafür, dass Jobs aus der Schwarzarbeit in die Legalität geholt wurden."

Auch, dass Minijobs Vollzeittätigkeiten verdrängen - ebenfalls ein häufiger Vorwurf - lässt sich nicht feststellen. Zwischen 2003 und 2010 ist die Zahl der Minijobber von 516.000 auf 750.000 gestiegen. Im selben Zeitraum ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs von 766.000 auf 847.000 gestiegen. "Wenn der Personalbedarf steigt, dann steigt er in beiden Bereichen", sagt Dehoga-Geschäftsführerin Warden.

"Die Minijobs haben einen positiven Beitrag geleistet"

In der Gastronomie seien sogar Jobs geschaffen worden, denn das Instrument der Minijobs biete eine hohe Flexibilität, sagt IW-Arbeitsmarktexperte Oliver Stettes. "Die Minijobs haben einen positiven Beitrag geleistet."

Stettes bemängelt jedoch, dass Minijobs für Aufstocker einen Anreiz bieten, in Hartz IV zu verharren und mit einer geringfügigen Beschäftigung Geld hinzuzuverdienen. So würde eine Alleinerziehende mit einem Kind und 400 Euro Einkommen aus einem Minijob unter Umständen nur 150 Euro weniger verdienen, als wenn sie einem Vollzeitjob nachgehen würde. "Die Fehlkonstruktion liegt aber nicht beim Minijob, sondern bei der Hartz-IV-Regelung. Da muss angesetzt werden."

*Name von der Redaktion geändert

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