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Wer verdient wie viel in Deutschland?

Über Geld redet man nicht! Von wegen. 100 Arbeitnehmer lassen Sie in ihre Lohnabrechnung schauen. Vom Amtsleiter bis zum Zimmermädchen. Die Unterschiede sind riesig. Und wo stehen Sie? Ein Blick in die große Gehaltsliste zeigt es.

Von Joachim Reuter

  • Joachim Reuter

Sabine Gammersbach kommt den Wolken schon ziemlich nah. Sie ist 31 Jahre jung und fliegt den Airbus A 320 - von Köln nach Mallorca, nach Moskau, nach Istanbul oder auf die griechischen Inseln. Vier Strecken am Tag - vier Starts und vier Landungen. Immer im Wechsel mit dem Flugkapitän. Seit anderthalb Jahr arbeitet Sabine Gammersbach als Copilotin bei Germanwings. Sie verdient 5100 Euro brutto im Monat, plus eine Flugzulage in Höhe von etwa 500 Euro. "Netto bleiben mir rund 4000 Euro", sagt sie stolz und fügt hinzu: "Für einen Berufsanfänger ist das eine Menge Geld." Im Mai gab es sogar schon die erste Gehaltserhöhung von 300 Euro. Zwar schuldet sie der Lufthansa für ihre Berufsausbildung noch 80.000 Euro. Aber in ein paar Jahren hat sie das Darlehen, das sie auch noch steuerlich absetzen kann, zurückgezahlt. Kaum im Beruf gestartet, gehört die Kölnerin zu den Spitzenverdienern unter Deutschlands Arbeitnehmern. Ihre Chancen auf eine steile Gehaltskarriere sind hervorragend.

Gisela Fergo, 53, ist Verkäuferin in einem Real-Markt im brandenburgischen Falkensee. Seit 36 Jahren arbeitet sie in diesem Beruf. Am Monatsende bekommt sie 1500 Euro, von denen unterm Strich 980 Euro übrig bleiben. Die letzte Gehaltserhöhung gab es vor zwei Jahren: plus ein Prozent. Sie hat eine 27,5-Stunden-Woche, würde aber gern mehr arbeiten. Bei 40 Stunden käme sie auf rund 2180 Euro. Doch das verhindert die Firma. Zeitarbeitskräfte, Studenten oder Schüler sind billiger. "Viele meiner Kollegen haben zwei Jobs", sagt Fergo. "Die leben wie auf der Flucht: rein ins Auto und von einem Geschäft ins andere." Gerecht bezahlt fühlt sie sich nicht: "Wir werden ständig angehalten, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen, ohne einen zusätzlichen Cent. Das Weihnachtsgeld wurde auch gestrichen."

Die einen werden gesucht, die anderen sind austauschbar

Die zwei Frauen sind typisch für die Lage der Arbeitnehmer im Land. Die einen werden gesucht, gehätschelt und gut bezahlt. Der Aufschwung trägt sie nach oben. Die anderen sind austauschbar und müssen froh sein, wenn sie ihren bescheidenen Lebensstandard halten können. Nicht einmal eine Vollzeitstelle ist für jeden drin. Der stern hat in den vergangenen Wochen mit vielen Arbeitnehmern in Deutschland über ihre Gehälter, über ihren Lebensstandard und über Neidgefühle gesprochen. 100 Männer und Frauen waren bereit, ihr monatliches Bruttoeinkommen offenzulegen (siehe "Die Gehaltsliste"). Viele sind zufrieden. Manche klagen auf hohem Niveau. Aber oft brach Frust und Wut aus den Menschen heraus: über ihre miserable Bezahlung, über ausbleibende Lohnerhöhungen und über Schikanen am Arbeitsplatz.

Die Gehaltsliste zeigt für jeden Beruf zwei wichtige Fakten: das #link;http://www.stern.de/wirtschaft/job/gehaltsrechner-brutto-netto-wie-viel-gehalt-bleibt-ihnen-am-monatsende-543270.html;individuelle Bruttogehalt # und die im jeweiligen Beruf erzielten durchschnittlichen Bruttoeinkommen. Beides zusammen gibt ein gutes Bild. So kann auch jeder sehen, wo er selbst steht - werde ich über- oder unterbezahlt, oder liege ich im Durchschnitt? Germanwings-Copilotin Gammersbach bekommt beispielsweise noch 1827 Euro weniger als der Durchschnitt aller Piloten in Deutschland. Ein Lufthansa-Kapitän im Kurz- und Mittelstreckenverkehr, der zuvor Jahre als Copilot geflogen ist, erhält als Einstiegsgehalt stolze 9166 Euro.

Mehrere Gründe für Differenzen

Für die Differenzen zwischen dem Durchschnitt und dem einzelnen Fall gibt es mehrere Gründe: Geschlecht, Region, Betriebsgröße und nicht zuletzt die Berufserfahrung. Frauen verdienen im Durchschnitt ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen, wer im Osten arbeitet, muss einen Abschlag von gut 20 Prozent gegenüber den Wessis hinnehmen. Und wer in einem großen Unternehmen beschäftigt ist, hat gegenüber den Kollegen in kleinen Firmen oft die Nase vorn.

Um ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild zu geben, wurden für die Gehaltstabelle Berufe aus dem gesamten Spektrum der Arbeitswelt ausgewählt - vom Amtsleiter bis zum Zimmermädchen. Die Selbstständigen und freien Berufe sind mangels Vergleichbarkeit nicht berücksichtigt. Ein Architekt kann internationaler Star sein oder Hungerleider mit einem Büro im Hinterhof.

Alle wissen: die Wirtschaft brummt

Eine für viele frustrierende Entwicklung kam bei den Gehaltsgesprächen eindrücklich heraus: Alle wissen, dass die Wirtschaft brummt und ihre Firmen oft davon profitieren. Der Chef ruft: Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt! Aber mehr Geld gibt es dafür nicht. Dies gilt vor allem dort, wo körperlicher Einsatz verlangt wird - sei es im Pflegedienst, am Fließband in der Fabrik oder auf der Baustelle.

Die Profiteure des Aufschwungs sind die Kopfarbeiter. Gut ausgebildet, verdienen sie schon als Einsteiger manchmal doppelt so viel wie ein Handwerker mit langer Berufserfahrung. Und die Anzugund Kostümträger eilen mit regelmäßigen Gehaltserhöhungen den Blaumännern weiter davon. Geht es um das Einkommen, ist Deutschland geteiltes Vaterland.

Lohnschere öffnet sich schnell

Lange Zeit war der Abstand zwischen hohen und niedrigen Einkommen kleiner als in vergleichbaren Ländern. Das aber ändert sich gründlich. In kaum einem anderen Industrieland öffnet sich die Lohnschere seit zehn Jahren so schnell, stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nach Auswertung von Daten aus 20 Ländern fest. Nur in Polen, Ungarn, Südkorea und Neuseeland ist der Trend noch deutlicher.

Detlef Pleßow arbeitet seit 41 Jahren als Gebäudereiniger in Berlin. Ein knochenharter Job, bei Wind und Wetter und oft in schwindelnder Höhe. Dafür bekommt er 2000 Euro brutto im Monat. Die Auftragsbücher sind voll, doch den Reinigern wur- den nach und nach sämtliche Zuschläge gekürzt, auch die Wochenend- und Gefahrenzulage. "Für einen 13-stündigen Einsatz am Sonntag bekam ich 80 Euro", sagt der 56-Jährige. Das sind 6,15 Euro pro Stunde. Viele seiner Kollegen hangeln sich von einem Dreimonatsvertrag zum nächsten und verdienen bei gleicher Arbeit noch deutlich weniger. "Wer von denen nicht spurt, wird rausgeschmissen."

Ein typischer Gewinner des Aufschwungs

Martin-Andreas Drühe ist ein Mann mit Expertenwissen und ein typischer Gewinner des Aufschwungs. Der 40-Jährige hat Physik mit Schwerpunkt Laserentwicklung studiert und ist heute Leiter von 15 Prüfständen für Fahrzeugerprobung am Bosch-Entwicklungsstandort Schwieberdingen bei Stuttgart. Mit seinen 14 Berufsjahren verdient er dreimal so viel wie Gebäudereiniger Pleßow, hinzu kommen noch Weihnachts- und Urlaubsgeld. "Die Arbeit ist sehr anspruchsvoll, ich muss mich stetig weiterbilden." Seine letzte Gehaltserhöhung gab es zum Jahreswechsel.

Das durchschnittliche Bruttomonatseinkommen der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer in Deutschland beträgt 3077 Euro. Es ist in der Gehaltstabelle besonders gekennzeichnet. In diesem Wert, den das Statistische Bundesamt für das Jahr 2006 erhob, sind allerdings die Beschäftigten im öffentlichen Dienst und einige andere Berufe nicht enthalten. Netto - nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben - bleiben dem verheirateten Durchschnittsverdiener 2141 Euro, dem ledigen 1771 Euro.

Happige Forderung "absolut nachvollziehbar"

Lokführer Frank Rodefeld verdient brutto 2500 Euro und liegt deutlich unterm Schnitt. Er ist 40 Jahre alt und steuert IC- und ICE-Züge bei der Deutschen Bahn. Die Lokführer hauen derzeit mächtig auf die Pauke. Mit Streiks haben sie den Zugverkehr lahmgelegt und fordern bis zu 31 Prozent mehr Lohn. Rodefeld findet die happige Forderung "absolut nachvollziehbar". Er hat das Glück, zum kleinen Kreis der Beamten bei der Bahn zu gehören, die besser verdienen und weniger Abzüge haben als ihre streikenden angestellten Kollegen. "Die kriegen 400 Euro weniger als ich. Das ist für die auch schon das Ende der Fahnenstange - dabei machen sie die gleiche Arbeit wie ich."

Die Konflikte ums Geld werden schärfer. Gerade im Aufschwung haben die Arbeitnehmer das Gefühl: Jetzt sind wir dran. Schließlich war man in den schlechten Jahren bescheiden. Doch der vermeintlich starke Arm der Gewerkschaften erweist sich auch nun oft als zu schwach. Vor zwei Monaten setzte die IG Metall eine optisch beeindruckende Lohnerhöhung von 4,1 Prozent durch. Aber nicht jede Firma zahlt die auch aus. Beliebt bei Arbeitgebern ist es, die Lohnerhöhungen auf übertarifliche Zuschläge anzurechnen. Oder es wird einfach gar nicht gezahlt. Dem Klima in den Betrieben tut das nicht gut.

50 Prozent Gehaltssteigerung

Die von den Gewerkschaften gefeierten Tarifabschlüsse sind Peanuts im Vergleich zu den Gehaltssprüngen bei Managern. Die Vorstandschefs der 30 im Deutschen Aktienindex Dax notierten Unternehmen konnten ihre Bezüge in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent steigern.

Die Friseurin Christine Richwien aus Erfurt verdient im Monat 691 Euro plus Trinkgeld und ist auf die Millionengehälter der Bosse trotzdem nicht neidisch. Für sie sind solche Summen "einfach unrealistisch". Viele der befragten Arbeitnehmer gönnen den Chefs die höheren Gehälter. Stellvertretend für andere sagt Werbefachmann Patrick Barowski (4580 Euro brutto im Monat): "Leistung muss honoriert werden. Für mich ist das kein Grund zum Neid, sondern ein Ansporn." Nur wenn schlechte Leistung oder Unfähigkeit auch noch üppig honoriert wird, reagieren viele empört. So wie Vorarbeiter Wilhelm Leitner (2765 Euro brutto im Monat): "Wenn ich einen Fehler mache, werde ich gekündigt. Die gut bezahlten Manager hingegen bekommen eine hohe Abfindung, und der nächste Konzern nimmt sie mit Kusshand. Das ist doch ungerecht."

Das allerdings ist typisch für die Arbeitswelt: Wenn's ums Geld geht, hört die Gerechtigkeit auf.

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