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Aufstand der Päckchen-Roboter

Wer ist hier der Bösewicht, der das Weihnachtsfest versaut? Amazon hat kein Verständnis für die Streiks seiner Mitarbeiter. Doch viele beklagen ein System, das Menschen zu hirnlosen Maschinen macht.

Von Daniel Bakir

Die Arbeitsbedingungen bei Amazon werden mittlerweile auch in Großbritannien diskutiert. Hier ein Bild aus dem Lagerhaus in Swansea.

Die Arbeitsbedingungen bei Amazon werden mittlerweile auch in Großbritannien diskutiert. Hier ein Bild aus dem Lagerhaus in Swansea.

Der Versandhändler Amazon sieht sich selbst gerne als modernen Weihnachtsmann: Er bringt den Menschen die Geschenke, auf dass alle ein glückliches und zufriedenes Fest feiern können. Wenn da nur nicht die böse Gewerkschaft wäre, die mit ihren Streiks die besinnliche Stimmung zerstört. Am Montag legten mehrere Hundert Beschäftigte in Leipzig und Bad Hersfeld die Arbeit nieder. Weitere Weihnachts-Streiks sollen laut Verdi folgen.

Amazon-Manager Dave Clark verleitete das im Interview mit der "Welt" zu folgendem Vergleich: "Kennen Sie die Weihnachtsgeschichte des Grinch, der Weihnachten gestohlen hat? Verdi will dieser Grinch sein - und niemand mag den Grinch", sagte Clark. "Warum sollen wir uns von jemandem zur Zusammenarbeit erpressen lassen, der damit droht, das Weihnachtsfest für Kinder zu ruinieren?" Soweit die Weltsicht eines Großkonzerns, der der Gewerkschaft den schwarzen Peter beziehungsweise grünen Grinch zuschieben will.

In Wahrheit hat die Gewerkschaft wohl kaum die Kraft, das Weihnachtsgeschäft des Versandriesen lahmzulegen. Amazon hat für das Weihnachtsgeschäft 14.000 Saisonmitarbeiter zusätzlich eingestellt. Zudem beteiligen sich viele aus der Stammbelegschaft nicht an den Streiks. Viele kommen aus der Langzeitarbeitslosigkeit und sind froh, dass sie überhaupt einen Job haben. Auch wenn nur die niedrigeren Löhne der Logistikbranche bezahlt werden und nicht der Tariflohn des Einzel- und Versandhandels, den Verdi anstrebt.

Der Mensch wird zur Maschine

Das Problem liegt für viele Mitarbeiter sowieso nicht primär in den niedrigen Löhnen, sondern in den Arbeitsbedingungen. Zwar hat Amazon nach einem Skandalbericht der ARD Anfang des Jahres angeblich die Auswüchse der Leiharbeit bekämpft. Doch das System Amazon macht auch festangestellten Beschäftigten das Leben schwer. Weil das Unternehmen mit riesigen Mengen und kleinsten Margen arbeitet, ist den Lagerarbeitern bis ins kleinste Detail vorgeschrieben, wie sie ihre Arbeit zu erledigen haben. "Amazon möchte, dass die Mitarbeiter ihr Gehirn ablegen, bevor sie das Lager betreten", sagte ein Mitarbeiter der "Welt am Sonntag", die am Wochenende einen großen Bericht über die Arbeitsbedingungen an den deutschen Standorten brachte.

Darin berichten Mitarbeiter über Leistungsdruck, starre Vorgaben und Schikanen durch die Führungskräfte. Wer langsamer arbeite, als vom System vorgegeben, bekomme umgehend eine Nachricht auf seinen mobilen Scanner geschickt. Unterhaltungen zwischen den Angestellten seien unerwünscht. Zudem gibt es an jeder Ecke Schilder mit Hinweisen, was man zu tun oder zu lassen hat: "Handlauf benutzen" im Treppenhaus, "Tische sauber und ordentlich verlassen" im Pausenraum und sogar Hinweise, an welcher exakten Stelle des Schreibtischs die Computermaus platziert werden muss. "Die ganze Firma besteht aus Regeln, jeder Arbeitsschritt ist genormt. Ob die Vorgaben Sinn machen, ist egal", sagte ein weiterer anonymer Mitarbeiter der Zeitung.

Das Prinzip Amazon macht auch in anderen Ländern die Kunden froh und die Mitarbeiter unglücklich. Die BBC sendet am Montagabend einen Hintergrundbericht zu den Arbeitsbedingungen bei Amazon in Großbritannien. Darin erzählt der 23-jährige Undercover-Reporter Adam Littler von seinen zehneinhalbstündigen Nachtschichten in einer Lagerhalle in Swansea. Bis zu elf Meilen (17,7 Kilometer) musste er pro Nacht durch das riesige Lager hetzen, immer mit der Stoppuhr in der Hand, denn alle 33 Sekunden blinkte der nächste Auftrag auf seinem mobilen Scanner auf. Ein Stressforscher warnt in dem BBC-Bericht, der Job könne psychisch und körperlich krank machen. Das Fazit des Undercover-Reporters: "Wir sind Maschinen, wir sind Roboter. Wir stöpseln den Scanner ein, den wir in der Hand halten, aber wir könnten genauso gut uns selbst einstöpseln."

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