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11. Dezember 2007, 11:25 Uhr

"Die Löhne bröckeln weiter"

Die gute Nachricht: Das Geschäft mit der Zeitarbeit brummt, vor allem Ungelernte und Hilfsarbeiter kommen so an Jobs. Die schlechte Nachricht: Die ohnehin mickrigen Löhne für diese Menschen werden weiter sinken. Das jedenfalls prognostiziert Meinhard Miegel vom Institut für Wirtschaft und Gesellschaft. Von Lutz Kinkel

Zoom

Die Gewerkschaften plädieren für einen flächendeckenden Mindestlohn - den dann auch Zeitarbeitsfirmen zahlen müssten© Oliver Lang/ddp

Die Zeitarbeit boomt - und die Branche hat noch viel Luft nach oben. Das zeigt eine Studie des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG), die am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach sind derzeit rund 670.000 Menschen bei Zeitarbeitsfirmen unter Vertrag, das entspricht 1,7 Prozent der Erwerbstätigen. In anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel in Großbritannien, sind es mehr als doppelt so viele. "Die Zeitarbeit hat Potential", sagte IWG-Chef Meinhard Miegel. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Unternehmen können mit Zeitarbeitern schnell und günstig Personallücken stopfen.

Nach den Daten des IWG, das von den CDU-Politikern Kurt Biedenkopf und Meinhard Miegel geleitet und hauptsächlich von großen Unternehmen finanziert wird, sind die Zeitarbeitsfirmen wahre Jobmaschinen: 60 Prozent der Menschen, die in den vergangenen zwölf Jahren bei der Zeitarbeit angeheuert haben, waren zuvor arbeitslos. Und immerhin 10 Prozent bleiben in dem Betrieb "kleben", an den sie ausgeliehen wurden. Dieser Übergang gelingt allerdings hauptsächlich den gut Qualifizierten, und die sind eine kleine Minderheit.

"Das ist nicht schön"

90 Prozent der Zeitarbeit entfallen nach der IWG-Studie auf einfache, eher gering bezahlte Tätigkeiten, zum Beispiel bei der Gebäudereinigung, in Callcentern, im Transportwesen oder in der Produktion der Automobilindustrie. Zeitarbeiter, die solche Jobs machen, verdienen meist wesentlich weniger als die Stammbelegschaft und sind nur wenige Wochen in einer Firma beschäftigt. SPD und Gewerkschaften wollen deshalb eingreifen: Sie würden diese Gruppe lieber heute als morgen mit Mindestlöhnen absichern sowie die Unternehmen verpflichten, ihnen ebenso viel wie der Stammbelegschaft zu zahlen.

IWG-Chef Reinhard Miegel, bekannt als "Kassandra", also als pessimistischer Warner, hält gesetzliche Regelungen für illusorisch. "Wir werden erleben, dass die Löhne weiter abbröckeln", sagte er mit Blick auf die gering oder gar nicht Qualifizierten. Politik und Gewerkschaften können diesen Prozess, der schon seit Jahren im Gange sei, nur abmildern. "Das ist nicht schön, was da passiert", betonte Miegel - aber eben unabänderlich. Selbst wenn es Mindestlöhne bei der Zeitarbeit gebe, würden Firmen Möglichkeiten finden, diesen zu unterlaufen. Oder ihre Fertigung ins Ausland verlegen. Oder gleich ganz vom Markt verschwinden.

Kleine Betriebe in der Klemme

Dieses Problem, so Miegel, stelle sich weniger bei den großen Industriebetrieben. Aber bei den kleinen Läden, beim Friseur und beim Blumenhändler zum Beispiel. Wenn von ihnen höhere Löhne gezahlt würden, müssten sie die Preise erhöhen und würden damit ihre Marktposition gefährden. Einen Korridor, innerhalb dessen sich Niedriglöhne künftig bewegen könnten, ohne die Wirtschaft zu gefährden, wollte Miegel nicht nennen. Die "soziokulturellen Erwartungen", dass jeder von seinem Lohn gut leben könne, werden jedoch nicht zu halten sein.

Von Lutz Kinkel
KOMMENTARE (9 von 9)
 
ganzbaf (11.12.2007, 11:51 Uhr)
Die Abgaben für Überbegüterte sind zu niedrig und die Einkommen für viele zu gering.
Und Zeitarbeitfirmen verdienen parasitär mit ein bisschen Bürostubenhocken gut auf den Rücken vieler Werktätigen.
knilch_59 (11.12.2007, 11:23 Uhr)
Arbeit darf nicht arm machen!
an belzebub99 und redunicorn:
Arbeit ist kein Selbstzweck, sondern hat die Existenz des Arbeitenden zu sichern. Kein Luxus, sondern selbstbestimmtes Leben in Menschenwürde. Ansonsten müssen wir diese Arbeitsplätze aufgeben und damit offen kapitulieren. Nur so wird die Grenze zwischen Erwerbsarbeit und Beschäftigungstherapie deutlich. Und diejenigen, die es trotz aller staatlichen Bemühungen noch schaffen von ihren Einkommen zu leben und Steuern zu zahlen, sollten nicht noch weiter unter Druck gesetzt werden, weil irgendein Nimmersatt noch einen Weg gefunden hat, den Lohn für einen anderen noch weiter zu senken. Insofern ist die "Vorfahrt für Arbeitsplätze" seitens unserer Kanzlerin mit Vorsicht zu genießen. Vorfahrt sollten nur solche Arbeitsplätze haben, die die Existenz dauerhaft sichern - Zeitarbeit nur in begründeten Ausnahmen und zum branchenübichen Lohn!
Fluminense (11.12.2007, 11:17 Uhr)
Mindeslohn
Nicht die Löhne sind zu niedrig, sondern die Abgaben zu hoch.
belzebub99 (11.12.2007, 08:08 Uhr)
Grundsätzlich gegen Mindestlohn,
jedoch eine Ausnahme. Zeitarbeiter müssen mindestens gleichhoch entlohnt werden, wie ihre festangestellten Kollegen.
Und schon ist die Märchenstatistik im A.
H.P. (11.12.2007, 08:01 Uhr)
Moderne Sklaverei
Moderne Sklaverei in einem christlichen Europa, eine Ober- und Unterschicht, die Geschichte wiederholt sich. Die Würde des Menschen wird mit den Füßen getreten und alle die, die Verantwortung tragen, schauen dem Treiben nur zu, Kirche, Gewerkschaft, Politik und Intellektuelle. Sich nur nicht einmischen, uns geht es noch gut, noch. Die Revolution wird kommen.
Der Gesellschaftsvertrag, soziale Gerechtigkeit, die Werte der Aufklärung, die Menschenrechte, die Solidarität – das gehört dem Staat, das gehört der Gemeinschaft freier Bürgerinnen und Bürger. Es wäre falsch, wenn man Nestlé, Siemens, Novartis oder wie die Menschenfreunde alle heißen, irgendwie anklagen würde, sie beförderten nicht die soziale Gerechtigkeit, sie kümmerten sich nicht um Mindestlöhne, sie kümmerten sich nicht um die Menschenrechte in der Dritten Welt. Warum sollten sie auch? Profitmaximierung ist ihr Ziel.
Ich hasse Moral. Es geht nicht darum, zu sagen, der eine ist gut und der andere ist besser. Es geht um ein System der strukturellen Gewalt. Wenn Peter Brabeck, Präsident des weltgrößten Nahrungsmittel- und Trinkwasserkonzerns Nestlé, nicht die Kapitalrendite um 15 Prozent erhöhen würde […] wie das letztes Jahr geschehen ist, dann wäre er weg vom Fenster. Die strukturelle Gewalt im Raubtierkapitalismus ist der Motor. Der wird getrieben von Machtwille, von Gier, von unglaublicher Dynamik.
Jean Ziegler
gmathol (11.12.2007, 03:02 Uhr)
"soziokulturelle Erwartungen"
Schoener Begriff, bei dem es einem aber nur noch schlecht werden kann. Hier stimmt was nicht im System, selbst in der Sowjet-Union war die Verteilung besser und alle Menschen hatten Zugriff auf ein Studium. Russland gehoert heute immer noch zu den fuehrenden Bildungsnationen!
Dieser ueble Kapitalismus der immer mehr zur Plutokratie mutiert wird sich bald mit einem grossen Knall selbst erledigen.
redunicorn (11.12.2007, 01:22 Uhr)
Ach nee,
wenn alle Frisöre z.B. einen Mindestlohn erhalten, würden die Preise nicht allgemein steigen, sondern einige Frisöre verschwinden? Was ist das denn für eine absurde Logik ?
naiv02 (10.12.2007, 23:12 Uhr)
@ ganzbaf & knilch_59
Kann ich nur zustimmen. Vielleicht nicht so drastisch wie ganzbaf, aber die gedankliche Richtung stimmt.
Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Anderseits wünsche ich mir fast, daß es noch rasanter bergab geht. Dann käme es möglicherweise zu einem befreihenden Knall, und vielleicht hörte dann dieses volksverars...de herumgedokter der "Als-ob-politiker" auf, und es würden endlich Visionen und Bilder in die Politik Einzug halten die unsere "Bürger" als ein ganzheitliches System verstehen. Denn eins ist ja wohl inzwischen jedem klar, dem Markt und dem Kaptial ist die Würde des Menschen egal, wenn nicht zeitweilig sogar hinderlich. Und damit auf die real existierende Marktwirtschaft und den real existierenden Kapitalismus zu schliessen dürfte nicht schwer fallen.
mfg
naiv
knilch_59 (10.12.2007, 22:20 Uhr)
Zeitarbeit = Lohndumping
An der durch diesen Artikel aufgezeigten Problematik zeigt sich das ganze Dilemma. Bei uns wird das sinnvolle Instrument Zeitarbeit dazu pervertiert bestehende Sozialstandarts zu pulverisieren. In einem Land, das unfähig ist Existenz sichernde Mindestlöhne vorzuschreiben wird die Zeitarbeit missbraucht und damit der Druck auf bestehende ordentliche Beschäftigungsverhältnisse teilweise unerträglich. Klar ist, dass die Gewerkschaften schlichtweg überfordert sind, wenn sie solidarisch auch für Nichtmitglieder und/oder Arbeitslose Tarifverträge aushandeln sollen. Das Resultat sind ausgegründete Beschäftigungsgesellschaften und in einem Betrieb Beschäftigte erster, zweiter und dritter Klasse. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - das war einmal. Und der gesellschaftliche Konsens, dass bei uns Unternehmen nicht darüber konkurrieren sollen, dass sie ihre Beschäftigten möglichst schlecht bezahlen, wurde schon vom Kohl-Regime aufgekündigt. Hurra - Kapitalismus - wir kommen! Aufschrei der Empörung darüber, dass PIN planmäßig in Konkurs gehen soll, nur weil die dortigen Beschäftigten annähernd das gleiche verdienen sollen wie beim Haupt-Konkurrenten Post - Fehlanzeige! Wer legt sich schon mit Springer und BILD an?
Also: Zeitarbeit - ja, aber nur bei vergleichbaren Löhnen zur Stammarbeit. Und wenn das momentan Arbeitsplätze kostet, dann sind das nur ersparte Massenentlassungen von morgen bei ordentlichen Firmen!
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