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"Mitarbeiter wie Fußabtreter benutzt"

Der Aufschwung ist da, aber in vielen Unternehmen geht's noch immer ruppig zu. Autor Martin Wehrle hat sich mit der Stimmung in unseren Büroetagen befasst - und spricht mit stern.de über Gängeleien, Überstunden und Profitcenter.

stern.de: Wie ist die Stimmung in den deutschen Büros?

Martin Wehrle: Mies. Die Stimmung ist wie eine Welle, die sich durch die schlechte Entwicklung der Wirtschaft in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat und jetzt niederschlägt. In einer privaten Beziehung verlassen Sie Ihren Partner, wenn es nicht mehr läuft und suchen sich einen neuen. Aber durch die schlechte Wirtschaftslage sind viele Mitarbeiter regelrecht an ihre Chefs gekettet.

Haben sich die Chefs in den letzten zehn Jahren verändert?

Auf jeden Fall! Sie sind härter geworden. Früher sah das Prinzip so aus: Je mehr Mitarbeiter ein Chef hatte, desto besser wurde er bezahlt, desto höher war sein Ansehen. Dann wurde auf das Profit-Center-Prinzip umgestellt: Nun gilt ein Chef mit wenig Mitarbeitern und einer schlanken Abteilung, als erfolgreich, weil er niedrige Personalkosten hat und dadurch sein Profit steigt.

Nur einer von zehn Mitarbeitern ist angeblich noch motiviert...

Stimmt absolut. Ob man sich wohl fühlt in der Firma, hängt in erster Linie vom direkten Vorgesetzten ab. Wenn man das Gefühl hat: Man ist angenommen vom Chef, der traut einem was zu, dann macht die Arbeit viel mehr Spaß! Aber leider sieht die Realität anders aus. Vielen Menschen geht es bei der Arbeit so: Sie haben das Gefühl, sie sind nicht mehr wichtig. Der Mitarbeiter taucht nur noch als Kostenfaktor auf.

Haben die Mitarbeiter in den letzten Jahren an Macht verloren?

Ihr gefühlter Einfluss ist gesunken, weil es weniger Jobs auf dem Arbeitsmarkt gibt, und weil die Gewerkschaften an Einfluss verloren haben. Doch es gibt eine klare Zweiteilung: technische Berufe, Ingenieure und Mathematiker haben eine sehr gute Position - sie werden händeringend gesucht. Deutlich schwerer haben es Geistes- und Sozialwissenschaftler, von ihnen gibt es sehr viele, aber nur wenig Bedarf in den Unternehmen. Da ist es schwer, sich eine Position in der Firma aufzubauen. Dabei ist ein Chef wie ein Fußballtrainer: Er kann die Mannschaft trainieren und aufstellen, aber die Tore schießen kann er nicht. Ein Chef ist auf seine Mitarbeiter angewiesen - nur machen sich das viele nicht bewusst.

Verändert der Aufschwung die Position der Mitarbeiter?

Er bringt die Trendwende. Aber es dauert, bis das Gefühl bei den Mitarbeitern ankommt, bis sie merken: Ich kann den Job wechseln. Die Chefs, die Führungssünden begangen haben, zum Beispiel Mitarbeiter gemobbt haben, müssen fürchten, dass ihre guten Leute bei der ersten passenden Gelegenheit gehen.

Wo liegen die häufigsten Konflikte zwischen Mitarbeitern und Chefs?

Einstellung und Kommunikation. Das Management geht heute immer noch davon aus: oben wird gedacht, unten wird gemacht. Da hagelt es Anordnungen von oben und die Chefs wundern sich, dass die nicht mit Begeisterung umgesetzt werden. Dabei wissen die Mitarbeiter heute zum Teil mehr als ihre Chefs: Sie sind erstklassig ausgebildet, sind dicht dran an den Märkten, sie kennen die Kunden. Das Wissen der Mitarbeiter ist das Kapital des Unternehmens. Doch das ist in den meisten Chefetagen noch nicht angekommen.

Und was läuft bei der Kommunikation falsch?

Chefs und Mitarbeiter reden oft aneinander vorbei. Nehmen wir zum Beispiel ein mittelständisches Unternehmen. Ein Mitarbeiter ist verantwortlich für den Einkauf von Faltschachtel, er hat irrsinnig viele Überstunden und beschwert sich bei seinem Chef: "Heute arbeite ich wieder über zehn Stunden, letzte Woche waren es insgesamt 55 Stunden." Sein Chef freut sich und sagt: "Super, die Auftragsbücher sind voll!" Das ist eine groteske Situation, denn er hat nicht verstanden, dass das ein Hilferuf seines Mitarbeiters war.

Was hat der falsch gemacht?

Er hat nicht gesagt, was er will: Entlastung. Sondern er hat gehofft, dass sein Chef versteht, was er zwischen den Zeilen sagt. Eine andere Klage, die ich häufig höre, ist: "Mein Chef lobt mich nie."

Aber ich kann doch nicht zu meinem Chef gehen und sagen: Lob mich mal!

Doch. Ich kann meinen Chef bitten: Geben Sie mir eine Rückmeldung auf meine Arbeit. Fragen Sie ausdrücklich nach: Was läuft gut? Weitere Knackpunkte in der Beziehung zwischen Chef und Mitarbeiter sind: klare Aufträge. Und: Wie sieht meine berufliche Perspektive aus?

Reagieren Männer und Frauen unterschiedlich?

Frauen haben die größere soziale Kompetenz. Sie finden sich eher in die Rolle des Chefs ein. Dadurch können sie teilweise ihre Interessen geschickter durchsetzen, neigen aber auch dazu, mehr zu Grübeln. Männer setzen ihre beruflichen Interessen oft aggressiver durch.

Gibt es diese Konflikte auf allen Etagen der Firmen?

Ja. Wenn im Management was falsch läuft, pflanzt sich das durch alle Schichten des Unternehmens fort. Ganz oben im Management laufen die Konflikte subtiler ab, es herrschen andere Umgangsformen als in der Lagerhalle. Menschen, die einfache Jobs wie im Lager oder im Versand haben werden da schon mal von der Sekretärin als Fußabtreter benutzt. Verschobene Aggression nennt man das.

Wie können sich die Mitarbeiter dagegen wehren?

Immer häufiger erlebe ich, dass mich Leute fragen: "Was kann ich juristisch machen?" Aber wenn Sie eine Zukunft an ihrem Arbeitsplatz wollen, dann müssen Sie sich gütlich einigen und einen Kompromiss finden. Die Kündigung oder der Gang zum Gericht ist immer das Ende. Wie die Scheidung in einer Ehe.

Interview: Catrin Boldebuck
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