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L'Éclat, c'est moi

Immer wieder nehmen wütende Arbeiter in Frankreich Manager als Geiseln oder drohen, Fabriken zu sprengen. Brennpunkt ist seit Wochen Châtellerault. Die Regierung in Paris schwankt zwischen Entgegenkommen, Verurteilung und Aussitzen. Eine wirkliche Strategie gegen die Proteste gibt es nicht.

Von Lutz Meier

  • Lutz Meier

Am Morgen spielen sie oft Boule. Langsam bewegen sich die Männer von der Frühschicht über die Sandfläche, die sie vor der Halle ihres stillgelegten Werks angelegt haben, sauber eingefriedet mit Brettern aus der Fabrik. Ein Rest von scharfem Brandduft zieht herüber. Neben dem Platz verendet ein Schwelbrand aus der Nacht.

Jacques, einer der Männer, steigt auf die Rampe, erklettert den Gabelstapler und schnappt sich zwei Plastikpaletten, die er aufs Feuer wirft. Michèle Leclerc, mit 35 Jahren im Betrieb eine der Dienstältesten hier, sitzt am Rand und beobachtet ihn. "Du Idiot", ruft sie und wedelt mit den Armen. "Das stinkt doch." Sie schaut resigniert. "Wie die Kinder", stöhnt sie.

Ein Tag noch, dann endet die Frist

"30.000 Euro Abfindung. Oder bumm": So haben sie es auf die Paneele außen an der Halle geschrieben. 366 Arbeiter haben hier beim Autozulieferer New Fabris in Châtellerault ihren Job verloren. Seitdem kommen sie jeden Tag, mal ein paar Dutzend, mal 150, 180. Und bis vor einer Woche standen auf dem Dach über dem Boulefeld noch Gasflaschen, die mit Zündschnüren verbunden waren.

Inzwischen sind die Flaschen in einem Verschlag. Das war die Bedingung, unter der Frankreichs Industrieminister Christian Estrosi die Arbeiter empfangen hat, zu Verhandlungen. 11.000 Euro Abfindung für jeden hat er geboten. Nicht genug. Sie haben den Schlüssel zum Verschlag.

Am Donnerstag haben sie nun noch einmal demonstriert, laut Polizei kamen 1800 Unterstützer. Sie haben sich hier in der Industriezone Nord versammelt, um zum Rathaus zu ziehen. "1 Tag" stand auf der Tafel über dem Boulefeld. Dann endet die Frist.

Explosive Entwicklung

Für Freitag haben sie ein letztes Mal alle zusammengerufen. Sie wollen abstimmen, ob das Erreichte genügt. Falls nicht? "Dann werde ich ihnen empfehlen, alles kaputt zu machen", sagt Guy Eyermann, einer der Organisatoren, der die Gewerkschaft CGT vertritt. Ruhig dreht er sich vom Computer herüber, wo sie gerade an einem Flugblatt feilen. "Anzünden, zerschlagen, sprengen, was auch immer", sagt er.

Der Konflikt in der Industriezone Nord ist die letzte Stufe einer explosiven Entwicklung in Frankreich. Seit Jahresbeginn greifen wütende Arbeiter im ganzen Land zunehmend zu Gewalt, weil sie um ihre Jobs fürchten - oder den Absturz. In mehr als einem Dutzend Betrieben haben sie Manager in ihren Büros als Geiseln festgehalten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen - teilweise mehr als 48 Stunden lang. Manchmal wollen sie die Entlassungen verhindern. Meistens wollen sie nur nicht mit leeren Händen in die Arbeitslosigkeit gehen.

Seit im März die Arbeiter in einem südwestfranzösischen Sony-Werk mit dieser Brachialmethode eine Abfindung von 45.000 Euro erpressten, folgt eine Managergeiselnahme der nächsten. Und seit die Arbeiter aus Châtellerault drohten, ihre Fabrik in die Luft zu jagen, haben auch sie Nachahmer gefunden: Zwei andere Belegschaften drohten ebenfalls mit Sprengung.

Bis es knallt

Selbst in Frankreich, wo harsche Proteste Tradition haben, erschrickt das Establishment über die Ausbrüche. "Es darf nicht sein, dass soziale Konflikte zum Bürgerkrieg transformiert werden", sagte Arbeitsminister Xavier Darcos vergangene Woche. Alain Minc, einflussreicher Berater von Präsident Nicolas Sarkozy, erinnerte in einem Kommentar an die Stimmung vor der Französischen Revolution: Das Schicksal von 1789 habe sich 1788 entschieden, warnte er.

"Es ist ein sehr eigenes Gemisch, das sich hier entwickelt", sagt der Soziologe Guy Groux, der an der renommierten Politik-Uni Sciences Po seit Jahren über soziale Bewegungen und Arbeiterproteste forscht. Die Dramatisierung sozialer Konflikte gehöre zur politischen Kultur in diesem Land. Und in der Folge könnten die Protestierenden auf die Sympathie der Öffentlichkeit zählen. "Deshalb ist die Regierung fast gezwungen, solchen Protesten duldsam zu begegnen", sagt Groux.

Frankreich als Vorbild

Dazu kommt die Vorliebe der Medien für die Zuspitzung. Was eben noch ein isolierter Konflikt in einem Betrieb war, wird zur nationalen Angelegenheit, wenn die Betroffenen spektakulär genug für Aufmerksamkeit sorgen. Ausgelöst von Arbeitern, die an keine Perspektive mehr glauben und ihr Heil nur noch im Pokern um Abfindungen sehen.

Dieses Gemisch verdichtet sich. Bis es knallt. Oder bis die Dynamik verebbt. Gegen sie finden Regierung und Manager bislang kein Mittel. Sie schwanken zwischen Besänftigung, Verurteilung, Entgegenkommen, Aussitzen. Nur eins hat noch kein Regionalpräfekt gewagt: Die Polizei zu schicken.

In Deutschland diskutieren Gewerkschafter inzwischen, ob sie Frankreich zum Vorbild nehmen sollen. Der Stuttgarter Bezirkschef der Gewerkschaft Verdi, Bernd Riexinger, berichtete unlängst, er höre oft von Kollegen, dass man es wie im Nachbarland machen müsse. DGB-Chef Michael Sommer hat solche Ideen empört abgelehnt, auch wenn er schon im Frühjahr vor sozialen Unruhen warnte, "dass es knallt".

Kein Dialog

Doch die Länder sind kaum vergleichbar. "In Deutschland gibt es mächtige Gewerkschaften; Mitbestimmung; einen sozialen Dialog mit klaren Regeln", sagt Groux. Der Organisationsgrad in Frankreich ist dagegen sehr gering. In den Fabriken haben die Arbeitervertretungen nur wenig Mitsprache. So komme es, dass Belegschaften ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, sagt Groux. So komme es, dass sie bei Konflikten im Betrieb die Lösung vom Staat erwarten - und dass es so schnell explosiv wird.

Wie in Châtellerault. "Hätte es hier einen Dialog gegeben, wäre das da nicht passiert", sagt Michèle Leclerc. Sie weist mit der Hand über die Reste verbrannter Maschinen, die vor dem Werk liegen. Die Männer um sie herum nicken. "Hier muss man solche Dinge tun, damit einem überhaupt zugehört wird", sagt ein Kollege. Er meint die Gasflaschen.

Die jungen Kollegen hatten die Flaschen zufällig gefunden, als sie wütend durch die leere Fabrik zogen. Dann sei ihnen die Idee spontan gekommen, erzählt einer, der dabei war. Sie konnten keinen Chef mehr als Geisel nehmen - es war keiner mehr da. Da wurden eben die Maschinen und die wertvollen Lagerbestände ihre Geiseln.

Seit September insolvent

Michèle Leclerc war dagegen, als die Männer zum ersten Mal gesagt haben, sie würden die Fabrik sprengen, falls die Forderungen unerfüllt blieben. "Ich hatte Angst", sagt sie. "Da gab es immer ein paar junge Heißsporne, die sind kaum kontrollierbar." Und sie hat Autorität, laute Stimme, lautes Lachen. Feste Arme, mit denen sie die Kollegen an sich zieht. Zudem hat sie zwei Söhne, 26 und 32 Jahre. Sie weiß, wie man mit Jungs umgeht. Mit Gewalt, so hat sie immer gepredigt, kommt man nicht weiter. Heute gibt sie zu, dass die Drohung das Einzige war, was die Dinge in Bewegung gebracht hat. "Vorher wollte uns niemand empfangen", sagt sie. "Es waren die Gasflaschen, die die Journalisten elektrisiert haben."

Erst kam einer von der Nachrichtenagentur AFP, Stunden später das Fernsehen. Michèle Leclerc zieht die Schultern hoch. "Noch am selben Tag hat sich der Bürgermeister gemeldet." Der habe den Kampf der Arbeiter des Werks von New Fabris in der 34.000-Einwohner-Stadt im Südwesten des Landes bis dato ignoriert. Danach meldeten sich die Präfektur, die Regionalpräsidentin Ségolène Royal, die Regierung in Paris.

Seit September ist New Fabris nun insolvent. Der italienische Investor hatte das Werk, das Teile für Renault und Peugeot lieferte, langsam aufgegeben. Am 16. Juni beschloss das Insolvenzgericht in Lyon die Liquidation des Autozulieferers. Seitdem protestieren sie. Täglich kommen sie in ihr leeres Werk. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. In der Fabrik sieht es aus, als könnte sie morgen wieder anfahren. Roboter, tausende Motorenteile aus Aluminiumguss.

Am Freitag ist alles vorbei

Nur in einer Ecke haben die Heißsporne einen Turm aus Fertigteilen umgekippt. "Unvernünftig", sagt Leclerc. "Das sind doch Werte." Die 55-Jährige zeigt ihren alten Arbeitsplatz. "Die Stille ist mir unheimlich", sagt sie. "Für mich war der Krach hier das Leben." Neulich hat ein Kollege in der leeren Halle die Schichtsirene bedient. Sofort sei sie strammgestanden.

Am Freitag ist alles vorbei. So oder so. Leclerc erwartet nur noch Leere. "Was soll ich noch finden, in meinem Alter?", fragt sie. Ein Teil der Beschäftigten hat das Regierungsangebot für Umschulungen und Übernahmen in Beschäftigungsgesellschaften angenommen. Jene, die jeden Tag kommen, glauben nur noch an Bargeld. Die Regierungsangebote seien Augenwischerei, sagen sie.

"Für uns ist Langzeitarbeitslosigkeit die einzige Aussicht", sagt Dominique Duval. Er war 30 Jahre bei Fabris und ist für die Gewerkschaft FO mitgefahren zum Minister. "Es bleiben Bitterkeit, Groll, ...", er sucht ein Wort. "Sogar Rachegelüste", sagt er. Duval war schon 1968 bei den großen Streiks dabei. Heute sei alles viel schlimmer, sagt er. Vielleicht beginne wieder eine Bewegung.

Keine ideologische Perspektive

1968 hatte es auch mit einer Managergeiselnahme begonnen. Damals, am 14. Mai vor 31 Jahren, setzten Arbeiter im Flugzeugwerk Sud Aviation in Toulouse ihre Direktoren fest. "Aber anders als damals gibt es bei der Radikalisierung, die wir jetzt beobachten keine politische Kraft, keine ideologische Perspektive, keinen zusammenhängenden Diskurs", sagt der Wissenschaftler Groux. Das hier sei keine Bewegung. "Jeder kämpft für sich." In ihrer Verzweiflung wollen sie so viel Kohle wie möglich herausholen. Sie pokern um Abfindungen, so wie sie es aus den Berichten über Manager kennen.

Doch Michèle Leclerc glaubt nicht mehr an die 30.000 Euro, sagt sie. Draußen nimmt sie sich eine Zigarette, fragt nach Feuer. In dem Moment, als sie sie anzündet, ruft eine Kollegin trocken: "Bumm!" Alle lachen.

FTD

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