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26. März 2009, 14:33 Uhr

Die Wut erreicht die Straße

Ähnlich aufgewühlt sind die Menschen in den USA. Der Grund hat drei Buchstaben: AIG. Seit bekannt ist, dass der staatsgestützte Versicherungskonzern 218 Millionen Dollar an Prämien an seine Manager ausgezahlt hat, haben sich Dinge zugetragen, die vor Jahren in dem Land unvorstellbar waren: Der scharfzüngige Senator Chuck Grassley hat die Manager zum Selbstmord aufgefordert - niemand mahnte ihn öffentlich zur Mäßigung. Vorstandschef Edward Liddy berichtete vergangene Woche vor dem Kongress von Todesdrohungen gegen seine Mitarbeiter. Sie sollten mit Klaviersaiten hingerichtet werden, heißt es in einem der Schreiben. Und weiter: "Falls die Regierung das nicht regelt, werden wir, das Volk, das in unsere eigenen Hände nehmen."

Sicherheitsleute mit Maschinenpistolen bewachen die AIG-Manager

Seit Tagen lassen die AIG-Manager ihre Häuser bewachen. Auch vor der Zentrale in New York patrouillieren Sicherheitskräfte mit Maschinenpistolen. Noch sind es kleine Gruppen, die in der Wall Street Plakate schwenken. "Bail out people, not banks", steht darauf. Aber die Protestbewegungen formieren sich, während TV-Comedian Stephen Colbert in seiner Sendung Mistgabeln schwenkt und sein Kollege Jon Stewart einen Mob durchs Studio rennen lässt.

Am 3. April wird die "Bail Out the People Movement" Demonstranten aus allen Teilen des Landes in Bussen nach New York bringen. Die Veranstalter kündigen düster an: "Wir werden uns Gehör verschaffen." Die liberale Kleinpartei "Connecticut Working Families" hatte zuvor eine Bustour zu den Privatvillen einiger AIG-Manager organisiert - ein Tabubruch. "Die Manager genehmigen sich Gehaltsexzesse, während Millionen Bürger leiden müssen", schäumte Parteidirektor John Green vor Beginn der Fahrt. "Wenn sie nicht zu uns kommen, kommen wir eben zu ihnen."

In Frankreich ist die Geiselnahme bei 3M nur ein weiterer Höhepunkt des Aufruhrs - seit Tagen wächst die Wut auf die Unternehmen, auf den Straßen, in den Betrieben, den Bars und in den Internetforen. Am Mittwoch loderten in Paris Barrikaden aus Autoreifen, als Mitarbeiter von einer französischen Continental-Niederlassung auf den Präsidentschaftspalast zumarschierten. Manager aus dem Werk Reims wurden mit Schuhen und Eiern beworfen, als sie Stellenstreichungen verkündeten. Lebensgroße Stoffpuppen, die den Vorstand symbolisieren sollten, gingen in Flammen auf.

In Frankreich glauben manche an eine neue Revolution

Als in der vergangenen Woche die Gewerkschaften zu einem Streik- und Protesttag aufriefen, konnten sie erstmals seit Amtsantritt von Präsident Nicolas Sarkozy landesweit weit über eine Million Menschen versammeln - die Veranstalter sprachen sogar von drei Millionen. Der Unmut geht über die traditionelle Gewerkschaftsklientel weit hinaus. Zuletzt wurde der Groll durch drei Fälle befeuert: Die Chefs der Großbank Société Générale genehmigten sich ein Aktienoptionsprogramm, nachdem die Bank Milliarden an Staatshilfen kassiert hat. Beim Autozulieferer Valeo - bei dem der Staat Anteile übernommen hat - wurde der Chef Thierry Morin mit einer Abfindung von 3,3 Millionen Euro bedacht. Am Mittwoch wurden Millionenboni für die Manager einer Filiale der Großbank Crédit Agricole bekannt, die gerade massiv Stellen abbaut. Einen "offenen Brief an meine Freunde aus der herrschenden Klasse" schrieb deshalb diese Woche Alain Minc in der Zeitung "Le Figaro": "Habt Ihr übersehen, dass das Land die Nerven zum Zerreißen gespannt hat, dass die Bürger das Gefühl haben - und sei es unberechtigt -, dass sie Opfer einer Krise sind, an der wir die Schuldigen sind?", fragte Minc. Der Sarkozy-Vertraute scheute sich nicht, an die Stimmung vor der französischen Revolution zu erinnern. Das Schicksal von 1789 habe sich 1788 entschieden. "Spürt Ihr nicht den Groll des Volkes, die Wut der Verbitterten, aber auch das Gefühl von Unruhe, das wie ein tragender Deckenbalken das ganze Land durchzieht?"

Wann erreichen wir die rote Zone?

"Die Lage birgt enormes Sprengpotenzial", sagt Henrik Uterwedde, Sozialexperte vom Deutsch-Französischen Institut (DFI). Er schließt eine soziale Revolte nicht aus. "Auch den Mai '68 hat niemand kommen sehen." In Deutschland sei die Lage aber nicht ganz so explosiv wie in Großbritannien oder Frankreich.

Ähnlich sieht es Hans-Ulrich Wehler, Deutschlands bekanntester Wirtschafts- und Sozialhistoriker. In jedem Land sei die Situation eine andere: "In Amerika ist die Wut ein spontaner Ausbruch. In Frankreich dagegen entlädt sich ein über Jahre aufgestauter Frust über den Abbau des Sozialstaats durch die Regierung. Die Krise gibt den Gewerkschaften dort nur ein Argument mehr, endlich loszuschlagen", sagt Wehler. Eine Unruhewelle, die alle westlichen Länder erfasst, sieht er nicht: Der Sozialstaat sei so stark wie nie zuvor und könne auch gewaltige Spannungen abfedern. "Trotzdem stellt sich die Frage", sagt der Historiker, "wann die Schwelle überschritten wird und wir die rote Zone erreichen."

Von L. Meier, S. Bräuer, T. Kroder und L. Heiny
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