17. August 2010, 20:07 Uhr

Die Suche nach dem Wüstengas

Eon, Gas, Algerien, Wüste, Konzerne, energiekonzern, China, Reserven, Energiereserven

Flaggen des Energiekonzerns Eon wehen vor der Firmenzentrale in Essen©

100.000 Euro Kosten täglich

Solche Zahlen wecken Fantasien - und die Bereitschaft für eine Wette mit hohen Einsätzen. Eon will bis Mitte 2012 nahezu 80 Mio. Euro allein in die Erforschung der Gasreserven im Lizenzgebiet Rhourde Yacoub stecken. "Ich bin mir zwar zu 100 Prozent sicher, dass wir Öl und Gas finden werden", sagt Eon-Manager Sivertsen lakonisch. "Die Frage wird nur sein, ob eine Förderung wirklich wirtschaftlich ist."

Immerhin ist der Aufwand beträchtlich. Die sieben Bohrungen, die Eon laut Plan bis 2012 in der Sahara niederbringen wird, kosten den Konzern täglich bis zu 100.000 Euro. Das meiste davon geht für Hutchinsons Bohrturm und die Arbeiten seiner Leute drauf, die in dieser künstlichen Oase bei Höllenhitze Schwerstarbeit leisten.

Länger als vier Wochen am Stück hält es kaum einer von ihnen hier aus - dann werden die Teams komplett ausgetauscht. "Das ist der übliche Rhythmus. Sonst droht Lagerkoller", sagt einer der Manager. Die Handvoll heller Wohncontainer, die sich neben dem Bohrturm in die Dünen ducken, sind hoch umzäunt und ständig beäugt von einer 50-köpfigen Wachmannschaft. Nach Feierabend gibt es ein paar Duschen und Satelliten-TV, viel mehr aber auch nicht.

In diesen Tagen müssen die Männer mal wieder das über fünf Kilometer lange Bohrgestänge aus dem Boden ziehen und für die nächste Bohrung vorbereiten. Mit einem Joystick steuert der Anlagenführer die tonnenschwere Last. Doch die Demontage bleibt Handarbeit, erledigt im Wechsel von drei oder vier Kollegen in Schutzhelm und Overall - egal, wie heiß es ist.

Dann geht die Suche nach den Bodenschätzen an anderer Stelle weiter. Wo genau Hutchinson und seine Männer den Bohrer erneut ansetzen müssen, soll Eric Dean herausfinden. Der Amerikaner im blauen Overall des Explorationsdienstleisters Schlumberger steht 30 Kilometer und etliche Wanderdünen weiter in der prallen Sonne und dirigiert eine Flotte grauer Lastwagen, die aussehen wie eine Kreuzung aus Mondfahrzeug und Mähdrescher.

Im Schritttempo rollen die je 675.000 Euro teuren 40-Tonnen-Monster auf Breitreifen nach einem satellitengesteuerten Fahrplan durch die Dünen. Immer wieder stoppen sie und lassen tonnenschwere Rüttelplatten auf dem Boden vibrieren. Die Wellen werden von den verschiedenen Bodenformationen in charakteristischen Mustern reflektiert. Aufgefangen werden die Signale von Mikrofonen, die ein Heer einheimischer Arbeiter zuvor nach einem exakten Plan in der Wüste ausgelegt hat. Im Idealfall können Geologen daraus auf aussichtsreiche Öl- und Gaslagerstätten schließen. Seit März laufen diese Seismikarbeiten auf Hunderten von Quadratkilometern, 800 Mann sind im Einsatz.

Die Deutschen sind spät dran

Für Europas Energiekonzerne ist diese Basisarbeit ein neues Geschäft. Die Erforschung von Energiequellen haben sie bisher Ölkonzernen wie Shell oder Exxon Mobil überlassen. Nun aber mischen sie selbst mit. Denn sie versprechen sich trotz des hohen Aufwands lukrative Margen, wenn sich die von der Krise gedrückte Nachfrage nach Erdgas wieder erholt.

Der deutsche Eon-Konzern, Europas Nummer eins, hat bereits 2003 mit dem Aufbau einer Explorationssparte begonnen und dafür bisher 5,8 Milliarden Euro ausgegeben. Das Ziel, selbst zehn Milliarden Kubikmeter Gas jährlich zu fördern, sieht Spartenchef Sivertsen in greifbarer Nähe. Zwei, drei Jahre brauche der Konzern voraussichtlich noch, danach seien weitere Steigerungen zu erwarten. "Zehn ist keine magische Zahl", sagt der Norweger, der früher für den US-Ölkonzern Conoco Ölfelder in Skandinavien erforscht hat. Das Ergebnis der Sparte vor Zinsen und Steuern könnte sich in zwei bis drei Jahren auf etwa 1 Milliarde Euro verdreifachen, heißt es im Konzern.

Noch entfällt der größte Brocken auf das von Gazprom entwickelte Feld Juschno Russkoje in Sibirien, in das Eon sich im vergangenen Frühjahr mit Milliardenaufwand eingekauft hat. In eigener Regie Reserven zu erschließen, wie hier in Algerien, ist dagegen weitaus mühsamer und langwieriger - Produktionsstart ist frühestens 2019.

Das alleinige Sagen haben die Deutschen in der Wüste allerdings auch nicht. Die Mehrheit an Rhourde Yacoub hält mit 51 Prozent der algerische Staatskonzern Sonatrach, Eon hat die Betriebsführung bei der Exploration - und das nötige Geld. Denn Algerien benötigt ausländisches Kapital, um die Bodenschätze zu heben.

Vor allem die Deutschen kommen dabei recht spät. Im wichtigsten nordafrikanischen Energieland haben sie nicht nur einen Rückstand gegenüber den Konkurrenten aus Südeuropa und der früheren Kolonialmacht Frankreich aufzuholen, sondern vor allem gegen Rivalen aus dem rohstoffhungrigen China. "Wenn es um den Erwerb von Explorationslizenzen geht, überbieten die Chinesen momentan alles", sagt ein lokaler Energiefachmann.

Anders als die Europäer locken die Chinesen mit zinslosen Krediten und bieten als Bezahlung für Öl und Gas beispielsweise den Bau von Straßen oder ganzen Wohnsiedlungen an. "China investiert in verschiedene Sektoren, darunter die Bauindustrie und das Raffineriewesen", lobt Faycal Abbas, Generalsekretär im Energie- und Bergbauministerium in Algier. So hilft Peking, schwache Wirtschaftszweige wie Tourismus, Landwirtschaft oder Ölverarbeitung in Gang zu bringen. Dieses Rezept, findet Abbas, könnten die Europäer ruhig kopieren.

Gasdollars für das Bildungswesen

Das Vorgehen der Chinesen kommt nämlich dem dringenden Wunsch Algeriens entgegen, sich aus der extremen Abhängigkeit von Energieexporten zu befreien. 2009 entfielen nicht weniger als 98 Prozent der Exporterlöse auf Öl und Gas. Algerien hat so zwar Währungsreserven von mehr als 150 Mrd. Dollar angesammelt, die Auslandsverschuldung weitgehend reduziert und die Inflation unter zehn Prozent gesenkt. Doch die weitgehend staatlich gelenkte Volkswirtschaft leitete kaum etwas von den Öl- und Gasdollars an die Bevölkerung weiter. Erst nach und nach wird in Straßen, in den Wohnungsbau oder ins marode Bildungswesen investiert.

Algerien gilt als schwieriger Investitionsstandort. Die deutsche Außenhandelsagentur GTAI warnt vor bürokratischen Verzögerungen und Hürden. Herausragendes Projekt deutsch-algerischer Energiekooperation ist bislang eine Gemeinschaftsfirma von BASF und dem Staatskonzern Sonatrach - in Spanien.

Kein Wunder, dass deutsche Investoren in Algerien bisher eher einen Ruf als Zauderer haben. "Die Deutschen haben sich immer alles angeschaut, aber dann nicht investiert", klagt Generalsekretär Abbas. Aber nun ist ja Eon in die Wüste gekommen. In ein paar Wochen werden die Deutschen weiterziehen. Das Lager in Rhourde Yacoub wird dann abgebrochen und woanders wieder aufgeschlagen. Dave Hutchinson wird dann seinen Bohrturm wieder aufstellen - und das vierte Loch in den Saharaboden treiben. Auf der Suche nach dem Gas.

Seite 1: Die Suche nach dem Wüstengas
Seite 2: 100.000 Euro Kosten täglich
 
 
Jetzt bewerten
0 Bewertungen
MEHR ZUM ARTIKEL
Preiserhöhungen im Herbst Warum die Gaspreise wieder explodieren

Ab Herbst erhöhen viele Gasversorger wieder kräftig ihre Preise. Hier lesen Sie, welche Anbieter zulangen und wie Sie sich dagegen wehren können.

Wissenstest Wissen Sie, wie Energiesparen funktioniert?

Wo muss was im Kühlschrank liegen, so dass er effizient genutzt wird? Darf man mit der Mikrowelle auch kochen, wenn man Strom sparen will? Testen Sie Ihr Wissen.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?