Jedes Jahr startet das Institut also mit einem gigantischen Minus von 740 Millionen Euro, die erst einmal verdient werden müssen. Das ist in etwa so, als würde Eintracht Frankfurt jede Saison mit fünf Punkten Rückstand in die Bundesliga starten. Damit nicht genug: Irgendwann in den kommenden Jahren muss die Commerzbank das Eigenkapital an den Bund zurücküberweisen - und es durch Geld vom Kapitalmarkt ersetzen. Das könnte den Anteil der bisherigen Aktionäre verwässern - nicht gerade ein Grund, das Papier zu kaufen.
Auch die Milliardenabschreibungen der Institute gehen munter weiter. Der erwartete Wertberichtigungsbedarf - vor allem der Dresdner - ist so hoch, dass die aufsichtsrechtliche Kernkapitalquote von acht Prozent nach dem Zusammenschluss nicht mehr erreicht werden kann. Deshalb verhandeln die Banker erneut mit dem Soffin über eine erneute Eigenkapitalhilfe. Volumen: unbekannt.
Im Gespräch zwischen Soffin, Commerzbank und Allianz ist auch, dass der Versicherer Garantien für Wertpapiere der Dresdner Bank übernimmt. Das wäre ein Rückfall in Zeiten des vergangenen Herbsts: Damals hatten Allianz und Commerzbank vereinbart, dass sie gemeinsam einen Risikoschirm über 1,25 Milliarden Euro über die Ramschpapiere der Dresdner spannen. Die ersten 275 Millionen Euro Verlust sollte die Commerzbank tragen, für den Rest die Allianz geradestehen. Der im Dezember verkündete Verkauf der Dresdner für fünf Milliarden Euro - statt der ursprünglich geplanten 9,8 Milliarden Euro - machte diesen Schirm überflüssig.
Nun zeigt sich: Die Allianz wird ihr Problemkind Dresdner auch vier Monate nach dem besiegelten Verkauf nicht los. Für die Commerzbank könnte der Ärger erst richtig beginnen. Dass die beiden Banken über neues Eigenkapital verhandeln, überrascht Dieter Hein, Analyst bei Fairesearch, nicht: "Es musste der Commerzbank klar sein, dass die Übernahme der Dresdner für sie eine existenzbedrohende Gefahr birgt." Die Dresdner habe in den vergangenen sechs Jahren zusammengenommen vor und nach Steuern nur Verluste produziert. "Und das auch in guten Konjunktur- und Börsenphasen." Besonders Dresdner Kleinwort, in der milliardenschwere toxische Papiere liegen, belastet die Mutter - und damit künftig auch die Commerzbank.
Wobei man den begriff "toxisch" inzwischen breiter definieren könnte. Das Institut ist neben der Royal Bank of Scotland einer von zwei Hauptgläubigern des am Dienstag verstorbenen Adolf Merckle. Die Fusionspartner sind zudem zwei von sechs Banken, die der Schaeffler-Gruppe einen 15 Milliarden Euro großen Kreditrahmen für die Continental - Übernahme gegeben haben. Ein veritables Klumpenrisiko.
Mancher Beobachter zeigt denn auch Verständnis, warum die Banken kaum noch Kredite vergeben. "Wie soll denn das gehen, bei dem Ausfallrisiko und dem Restrukturierungsbedarf, der da auf alle zukommt?", fragt ein Investmentbanker. Die Commerzbank hat angekündigt, die gemeinsame Bilanzsumme beider Institute von derzeit 1.100 Milliarden auf 800 Milliarden Euro abzuschmelzen. Das geht nicht, ohne die Kreditvergabe drastisch zurückzufahren.
Die Rezession birgt weitere Risiken: Die Commerzbank erwirtschaftet mindestens 70 Prozent ihrer Erträge auf dem heimischen Markt. "Die Bereiche, die bislang gut gelaufen sind bei der Commerzbank, werden künftig problematischer sein", sagt Analyst Hein. Dazu gehören das Osteuropa-, das Mittelstands- und das Privatkundengeschäft.
Die Ausfallrate bei Krediten dürfte in diesem Jahr drastisch ansteigen, was die Commerzbank hart treffen wird. "Die haben richtig Gas gegeben im Kreditgeschäft, vor allem in den Branchen Automotive und Maschinenbau, die jetzt enorm unter der Wirtschaftskrise leiden", sagt ein Frankfurter Investmentbanker, der beide Häuser gut kennt. Er prophezeit wegen der Rezession einen "signifikanten Wertberichtigungsbedarf".
Ist nun also die gesamte Fusion in Gefahr? "Nie im Leben würde die Bundesregierung das zulassen", sagt ein Insider. "Dann würde hier alles zusammenbrechen. Dafür ist die Fusion auch schon zu weit fortgeschritten." Berlin wollte und will eine zweite große Bank. Nicht ohne Grund ist die China Development Bank, die ebenfalls Interesse an der Dresdner hatte und sogar einen höheren Preis zahlen wollte, nicht zum Zuge gekommen.
Zumindest bei der Integration der neuen Mitarbeiter scheint man auf einem guten Weg. Anfang Februar lädt die Commerzbank alle Angestellten - auch die der Dresdner - zu einem Kinobesuch in über ein Dutzend Filmtheater ein. Inhalt des Streifens: die Firmenkultur. Die Werte, die der Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller in Auftrag gegeben hat, umfassen fünf Eckpunkte: Integrität, Marktorientierung, Leistung, Respekt/Partnerschaftlichkeit und Teamgeist. Darüber werden sich besonders die Kollegen der Dresdner freuen. Im Zuge der Verschmelzung werden sie wie Neueinstellungen behandelt.