12. Dezember 2012, 18:24 Uhr

Aufs Abstellgleis!

Ein immenses Sicherheitsrisiko

32 – eine also überaus brisante Zahl: Sie wirft, juristisch wahrscheinlich relevant, die Frage auf, ob die Bahn zu Unrecht für den Bau EU-Zuschüsse beantragt hat. Die Forderungen nach einem "Gemeinschaftszuschuss" wurden mit einer "doppelten Leistungsfähigkeit" begründet – 2008 bewilligte die EU Gelder in Höhe von insgesamt 114 Millionen Euro.

Außerdem wurden im Herbst 2012 Sicherheitsgutachten bekannt, die auf eklatante Mängel beim Brandschutz hinwiesen. "Die Tunnel sind Todesfallen", urteilte der Brandschutzexperte Hans-Joachim Keim im Gespräch mit dem stern. Der international renommierte Fachmann, der bei der Tunnelkatastrophe in Kaprun Gutachter war, schloss es im stern aus, dass man den Brandschutz nach dem derzeitigen Baukonzept auf den heute üblichen Sicherheitsstandard wie etwa im Eurotunnel zwischen Frankreich und England bringen kann – was er bei einem neuen Bau aber für das selbstverständliche Minimum hält. Allerdings, so Keim, würde das die Kosten des Projekts auf "15 bis 20 Milliarden Euro treiben". Wenn die Sicherheit der Menschen wirklich wichtig wäre, so Keims Fazit, "muss S21 völlig neu geplant werden".

Die Bahn hat nun versprochen in Sachen Brandschutz nachzurüsten, etwa mit Sprenkleranlagen. Haben die denn keine Ahnung, so Keim, dass die modernen ICE-Loks "fahrende Chemiefabriken sind". Keim: Wenn die im Brandfall mit Wasser sprühen, entstehe ein unheimliches Gemisch - "Senfgas, Zyklon B, Phosgen, Blausäure".

Und noch etwas: Bis heute gibt es keine bahnwissenschaftliche Diskussion über das immense Sicherheitsrisiko im Tiefbahnhof durch die außergewöhnliche Neigung der Bahnsteiggleise. Es existiert nicht einmal ein offizielles Schaubild, keine Längszeichnung des gefährlichen Gefälles. Der Grund: Die Neigung liegt um 500 Prozent über dem gesetzlichen Normwert, sie liegt um 500 Prozent über der europäischen Sicherheitsnorm. Konkret: Der Bahnsteig steigt gesehen auf die Länge eines ICE-Zugs um 6,2 Meter – die Höhe eines zweigeschossigen Hauses. "Das ist verbrecherisch, was hier passiert. Man konstruiert ein Katastrophe". Das sagt Sven Andersen. Er war Bahndirektor, Spezialist der Bahn für Hochgeschwindigkeitsverkehr.

Stuttgart soll an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen werden – völlig ungewiss ist noch, ob diese exorbitante Normabweichung akzeptiert wird. Wahrscheinlich nicht, und das hieße dann: komplette Neuplanung des Tiefbahnhofs. Das hieße: Hunderte von Millionen Euro Mehrkosten.

S21: Viel zu teuer. Viel zu geringe Leistung. Ein immenses Sicherheitsrisiko. Unkalkulierbare Kosten.

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