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Waren die Wirtschaftsprüfer schuld?

Neues über den 55-Milliarden-Rechenfehler bei der HRE: Die Wirtschaftsprüfer der Firma PWC hätten ihn schon viel früher erkennen können, urteilt die Bundesbank.

Von Hans-Martin Tillack

  Bilanzierungspanne gigantischen Ausmaßes: die Hypo Real Estate

Bilanzierungspanne gigantischen Ausmaßes: die Hypo Real Estate

Prüfer hatten nicht gründlich genug geprüft, Banker nicht oft genug miteinander geredet - das trug nach neuesten Erkenntnissen zu den Ursachen des 55,5-Milliarden-Buchungsfehler bei der Bad Bank der Hypo Real (HRE) bei. Insbesondere die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (Pwc) hätten bereits im Frühjahr 2011 erkennen "können", dass die Bilanz der Bad Bank, die offiziell unter dem Namen FMS Wertmanagement firmiert, um viele Milliarden Euro "aufgebläht" war, heißt es in einem als "streng vertraulich" klassifizierten Zwischenbericht der Bundesbank vom 17. November, den stern.de einsehen konnte. Der 50 Seiten umfassende Report soll an diesem Mittwoch auch im geheim tagenden Finanzmarktgremium des Bundestages besprochen werden.

Die Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) unterstehende Finanzmarktstabilisierungsanstalt (FMSA) in Frankfurt hatte am 3. November den Bericht angefordert. Sechs Tage zuvor hatte stern.de die beispiellose Bilanzierungspanne aufgedeckt, durch die auch die deutschen Staatsschulden zeitweise irrtümlich als zu hoch ausgewiesen wurden.

Irische Dependancen

Hintergrund: Die FMS Wertmanagement, auf die die HRE im Herbst 2010 ihre faulen Wertpapiere übertragen hatte, entdeckte Ende September, dass sie irrtümlich Barsicherheiten für Derivatgeschäfte aufaddiert hatte, anstatt sie zu saldieren. Die Ursachen dafür lagen offenbar, wie man nun weiß, unter anderem im komplizierten Aufbau der HRE.

Das Portfolio der FMS wird nämlich bis heute von der HRE verwaltet. Große Teile davon wiederum liegen noch immer bei verschiedenen HRE-Tochterbanken in der irischen Hauptstadt Dublin. Daten über die Derivatgeschäfte, die im Mittelpunkt des Bilanzierungsfehlers stehen, lagen zwar der Dubliner HRE-Tochter Depfa ACS vor, jedoch nicht der ebenfalls in Dublin ansässigen Tochter Depfa plc. Überdies hatte die HRE einen externen Dienstleister mit Buchführungsarbeiten beauftragt, die Frankfurter Firma Capco. Diese erhob die hier relevanten Daten jedoch nur bei der Depfa plc, nicht bei den Mitarbeitern der Depfa ACS - obwohl die Angestellten beider Töchter in Dublin offenbar sogar "in den gleichen Räumlichkeiten" arbeiten, wie die Bundesbank vermerkte. Doch sei der Capco nicht bewusst gewesen, dass bestimmte Transaktionen nur bei der Depfa ACS ausgewiesen waren. Das "Versäumnis", so die Bundesbank, sei auch vor dem Hintergrund der bisher "stark zersplitterten IT-Systeme und -Anwendungen innerhalb der HRE-Gruppe" zu sehen.

Pwc in der Kritik

Dennoch hätten die Wirtschaftsprüfer von Pwc, die ihrerseits für die FMS Wertmanagement arbeiten, bereits bei der Prüfung des FMS-Jahresabschlusses für 2010 im Frühjahr diesen Jahres den Buchungsfehler entdecken können, urteilt die Bundesbank in ihrem vorläufigen Bericht. Das habe auch Pwc eingeräumt.

Die Prüfungsfirma hatte bisher öffentlich erklärt, bei der Prüfung des Abschlusses für 2010 habe es "keine Anhaltspunkte für Fehler" gegeben. Auf Anfrage versicherte das Unternehmen am Dienstag erneut, Pwc habe "alle bei der FMS Wertmanagement vorgenommenen Abschlussprüfungen im Einklang mit den berufsrechtlichen Standards sorgfältig und ordnungsgemäß" vorgenommen.

Die Bundesbank kommt gleichwohl zu dem Schluss, dass die Wirtschaftsprüfer auf die Fehlerquelle hätten stoßen können, wenn sie die Marktwerte der Derivate "mit den kumulierten Forderungen und Verbindlichkeiten" abgeglichen hätten. Pwc sei dieses Thema damals aber "nicht vordringlich" erschienen, da es materiell "kein Risiko" dargestellt habe. Erst im Juli 2011 habe dann ein Unterausschuss des FMS-Verwaltungsrates darum gebeten, den Gründen für die sich aufblähende Bilanz nachzugehen. In der Folge wurde der Bilanzierungsfehler entdeckt.

Keine Bilanzkosmetik

Der Bericht der Bundesbank, an dem insgesamt 10 Prüfer beteiligt waren, stützt die Version, dass es sich in der Tat um nichts anderes als einen Bilanzierungsfehler handelte. Die jetzt vorgenommene Saldierung, die auch zu einer um 55,5 Milliarden Euro reduzierten Staatsschuldenlast führt, sei zwingend, urteilen die Prüfer. Jüngste Spekulationen, wonach es sich bei den nun vorgenommenen Korrekturen in Wahrheit um Bilanzkosmetik gehandelt habe, stützt der Bundesbank-Bericht nicht. Tatsächlich habe der Bilanzierungsirrtum zu einem "sich verstärkenden" Effekt geführt, was dann auch "in eine überhöht ausgewiesene Staatsschuldenquote mündete", so die Bundesbankprüfer.

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