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Wer war Karl Albrecht, der Unsichtbare?

Golfspieler, Orchideenzüchter, reichster Deutscher: Viel mehr ist über Karl Albrecht nicht bekannt. Nun ist der Aldi-Mitbegründer tot - Ein Nachruf auf den wohl unbekanntesten Global Player der Welt.

Von Marcus Müller

Es hat 40 Jahre gedauert, bis das Lebenswerk von Karl Albrecht auch kulturell gewürdigt wurde. Plötzlich gab es einen offiziellen Fanclub, Bücher, die das Phänomen preisten, selbst ein Song durfte nicht fehlen: das "Lied für Aldi-Versessene", eine zugegebenermaßen wenig inspirierte und wenig erfolgreiche Ode. Als dann noch das legendäre Kochbuch "Aldidente" erschien, war aus dem tristen Billigheimer endgültig eine wahrhaft nationale Institution geworden. Das war in den 90er Jahren, Aldi längst ein Global Player und Karl Albrecht hatte gerade begonnen, sich aus der Alltagsgeschäft seines Handelsimperiums zurückzuziehen.

Die 90er-Jahre waren auch die Zeit, in denen alles zu Kult erklärt wurde, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Und damit war auch die Zeit gekommen, den deutschen Dauerkult Geiz, oder höflicher ausgedrückt, Preissensibilität öffentlich zu huldigen. Längst tummelten sich in den rund 4500 Aldi-Märkten nicht nur Sozialhilfeempfänger oder mittellose Renter, sondern immer häufiger auch Bankangestellte mit ordentlichem Einkommen und gutsituierte Porschefahrer. Das simple Erfolgsgeheimnis des Discounters hatte Karl Albrecht schon 1953 postuliert: "Unsere ganze Werbung liegt im billigen Preis". Für die Läden bedeutete das: kein Schickimicki, Prospekte die "Aldi informiert" hießen, dafür vernünftige Qualität und alle Produkte immer etwas günstiger als bei der Konkurrenz.

Von Essen-Kray in die Welt

Damit waren er und sein jüngerer Bruder Theo mit einem Rezept erfolgreich, das so ziemlich das genaue Gegenteil von dem ihrer Mutter war. Die hatte 1913 einen Tante-Emma-Laden eröffnet, um die Einkünfte der Familie aufzubessern. Der Vater arbeitete als Hilfsbäcker, nachdem er wegen einer sich unter Tage zugezogenen Staublunge nicht mehr als Bergmann malochen konnte.

Die Albrechts waren echte Ruhrpottgewächse. Karl wurde am 20. Februar 1920 geboren. So heißt es zumindest, aber wie vieles aus seinem Leben ist selbst dieses Datum nicht offiziell verbürgt. Als sein kleiner Bruder Theo im Sommer 2010 starb, bestätigte erst die Todesanzeige, was stets kolportiert, aber nie kommuniziert wurde: das sie tatsächlich in Essen zur Welt kamen. Dort wuchsen sie auf, machten eine Kaufmannslehre und dem Ort blieben sie Zeit Lebens treu. Zumindest geschäftlich. In Essen-Kray und im nur wenige Kilometer entfernten Mülheim an der Ruhr liegen bis heute die Konzernzentralen von Aldi-Süd und Aldi-Nord.

Von eine auf 100 Fillialen in weniger als zehn Jahren

Im Grunde lässt sich über Karl Albrecht nur das erzählen, was über Aldi bekannt ist. Und seine Geschichte ist untrennbar mit der von Bruder Theo verbunden. Fotos gibt es von beiden nur als "Abschüsse" und sind viele Jahre alt. Kaum jemand von Rang und Namen hat sich je über Karl oder Theo ausgelassen, die beiden selbst am wenigsten. Eine der wenigen Menschen, die Persönliches über sie zu sagen haben, ist der frühere Aldi-Geschäftsführer Dieter Brandes. Er beschreibt die beiden schlicht als höflich, zuvorkommend und bescheiden.

Der beispielose Aufstieg von Karl Albrecht begann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zusammen mit seinem Bruder 1946 übernahm er zunächst das elterliche Geschäft. Aus dem Krämerladen wurde in nur vier Jahren eine kleine Kette mit 13 Läden im ganzen Ruhrgebiet. Rasant expandierten die beiden weiter: 1955 hatten sie bereits 101 Filialen, 1960 300. Zwei Jahre später dann eröffneten sie in Dortmund den ersten Aldi: den Name setzten sie aus zwei Anfangsbuchstaben zusammen: ALbrecht-DIscount.

Mit Neuerungen ließ sich Karl etwas weniger Zeit als Theo

Zu dem Zeitpunkt hatten die Brüder ihre Ladenkette bereits in Nord und Süd getrennt. Als Grund dafür kursiert ein Gerücht, nach dem sich die beiden Brüder angeblich nicht darüber einigen konnten, ob sie Zigaretten verkaufen sollten. Vermutlich wollten sie aber wohl nur die Veröffentlichungspflicht für Unternehmen dieser Größe umgehen. Noch heute bilden die beiden Aldi-Konzerne verschachtelte Systeme voneinander unabhängiger Gesellschaften. Karl herrschte in Mülheim an der Ruhr über Aldi-Süd, Theo den Norden der Bundesrepublik von Essen aus.

Karl Albrecht galt als die treibende Kraft hinter der Expansion von Aldi über die Landesgrenzen hinaus, so etwa in die USA in den 70er-Jahren. Auch soll er ein wenig innovationsfreudiger als sein Bruder gewesen sein: So führte Aldi-Süd technische Neuerungen ein, die Aldi-Nord dann später übernahm. Wobei der Begriff Neuerung manchmal nur für die interne Aldi-Welt galt. Die Scannerkassen etwa, in Deutschland seit den 90ern üblich, wurden bei Karl im Süden erst ab 2000 Standard und bei Theo im Norden noch mal drei Jahre später. Beinahe anachronistisch mutete bis vor wenigen Jahren das Bezahlen an: Erst ab 2005 war es möglich, an der Kasse auch die EC-Karte zu benutzen.

Einziger Luxus: ein eigener Golfplatz

Die Kunden stören solche Schrulligkeiten selten. Ebenso wenig, dass viele Aldi-Filialen deutlich früher als die Konkurrenz schließt oder, dass der Konzern kaum Betriebsräte duldet und wenn dann nur solche, die der äußerst arbeitgeberfreundlichen Dachorganisation AUB angehören. Dafür, so das Unternehmen wiederholt in seiner seltenen Presseerklärungen, bezahle man seine Angestellten auch deutlich besser als die Konkurrenz. Bei Zulieferen gilt Aldi als extrem pfennigfuchserisch aber fair. Welche Entscheidung noch aus Zeiten von Karl Albrecht stammt und welche seine Nachfolger getroffen haben, ist unklar, aber sicher ist, dass der karge Grundcharakter der Aldi-Politik im wesentlichen noch von Karl und Theo geprägt wurde.

Karl Albrecht, wie die ganze Familie, sehr katholisch, soll, im Gegensatz zu seinem Bruder, stets nur einfache Konfektionsanzüge getragen und auch sonst kein Leben auf großem Fuß geführt haben. Etwas Luxus gönnte er sich aber dann schon. 1976, etwa, als er in seinem Zweitwohnsitz Donaueschingen das Hotel "Öschberghof" bauen ließ - inklusive einem Golfplatz, der seinerzeit der größte in Deutschland war. Dort soll Karl Albrecht oft selbst gespielt haben. Zudem hatte er sich an der Zucht von Orchideen erfreut. Er war mit verheiratet und hatte zwei Kinder: Karl jr. und Beate, die sich auch lange um die Siepmann-Stiftung gekümmert haben, in denen das Albrecht-Vermögen gebunden ist. Und dessen Höhe immerhin ist so gut wie gesichert: Zuletzt lag es laut "Forbes" bei rund 18 Milliarden Euro. Damit war Karl Albrecht der reichste Deutsche.

Das Erbe von Karl Albrecht ist eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte. Aus Kriegstrümmern schuf er einer der größten Einzelhandelketten der Welt. Eine, die eine ganze Branche bis ins Mark veränderte. Und deren auffälligste Eigenschaft ist, im Grunde keine zu haben.

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