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"Es herrschen kriegsähnliche Zustände"

Wirtschaftsreporter Brad Stone spricht im stern-Interview über das Prinzip Amazon, den weihnachtlichen Ausnahmezustand und die Rücksichtslosigkeit des Chefs Jeff Bezos.

  Brad Stone ist Journalist bei "Bloomberg Businessweek" und berichtet seit Jahren über Amazon.  Sein Buch "Der  Allesverkäufer" ist im  Campus-Verlag erschienen - und natürlich auch bei Amazon selbst erhältlich.

Brad Stone ist Journalist bei "Bloomberg Businessweek" und berichtet seit Jahren über Amazon.
Sein Buch "Der
Allesverkäufer" ist im
Campus-Verlag erschienen - und natürlich auch bei Amazon selbst erhältlich.

Herr Stone, Amazon will Pakete künftig von Drohnen liefern lassen. Ist das realistisch?
Die Ankündigung soll wohl zeigen, dass Amazon nie aufhört, sich zum Wohle der Kunden etwas Neues einfallen zu lassen. Alle großen Unternehmen kämpfen irgendwann damit, dass der Allgemeinheit angesichts ihres Erfolgs mulmig wird. Amazon-Gründer Jeff Bezos sagt sich: Solange Amazon erfinderisch bleibt, wird die Firma geliebt und bewundert.

Sie haben ein Buch über Amazon geschrieben. Darin schildern Sie, wie rücksichtslos Bezos agiert – etwa indem er Konkurrenten an den Rand der Pleite drängt, um sie dann zu übernehmen.
Amazon betont gern, dass sich alles um den Kunden dreht. Doch zugleich ist die Firma enorm konkurrenzbewusst: Nummer eins sein, der Größte werden, der Letzte, der übrig bleibt – all das sind Dinge, die Bezos antreiben. Wer versucht, ihn zu kopieren, das Amazon-Spiel besser zu spielen als er selbst, bekommt die andere Seite von Amazon zu spüren.

Sind wir als Kunden heuchlerisch, wenn wir Amazon vorwerfen, kleinere Händler in den Bankrott zu treiben, zugleich aber die niedrigsten Preise erwarten?
Wenn Sie möchten, dass Ihr Spielzeugladen oder der Buchhändler um die Ecke überlebt, dann müssen Sie dort einkaufen – selbst wenn es etwas mehr kostet. Im Gegenzug bekommen Sie vielleicht Lesungen von Autoren, ein freundliches Lächeln oder Beratung, die sonst verschwinden wird.

Wie ist Bezos als Chef?
Er stellt sehr hohe Anforderungen. Allen, die ihn enttäuschen, fliegen Sätze um die Ohren wie: "Warum verschwendest du mein Leben?" Aber viele Mitarbeiter fühlen sich inspiriert. Sie geben ihr Bestes, dadurch bleibt Amazon sehr innovativ. Das Tempo ist atemberaubend. Nichts für schwache Nerven.

In den Versandzentren geht es hart zu.
Das Problem in diesen Zentren ist: Zu Weihnachten steigt die Nachfrage schlagartig an, deshalb heuert Amazon Zehntausende von Teilzeitkräften an. Plötzlich herrschen kriegsähnliche Zustände: Es müssen 40 Prozent mehr Bestellungen bewältigt werden, die Maxime lautet "Arbeiten bis zum Umfallen". Amazon bemüht sich, Missstände zu beheben. Aber ich sehe nicht, wie die Firma das Grundproblem aus der Welt schaffen kann. Der Erfolg von Amazon Prime – Lieferung in einem Tag – führt dazu, dass Kunden für jede Kleinigkeit auf den Bestellknopf klicken. Also müssen mehr und mehr Pakete gepackt werden.

Könnten das bald Roboter übernehmen?
Das ist schwer denkbar. Amazons mehr als 90 Versandzentren sind so gebaut, dass ein Roboter beweglich und sehr schlau sein müsste, um Pakete zusammenzustellen.

Schon jetzt ist Amazon weit mehr als nur ein Onlinehändler. Wie wird das Geschäft in einigen Jahren aussehen?
Jeff Bezos hat sich immer geweigert, der Firma Grenzen zu setzen. Sein Ehrgeiz ist gewaltig, er will Menschen geben, was sie sich von Amazon wünschen – egal, ob Kleidungsstücke, Lebensmittel oder Onlinedienste.

MacKenzie Bezos, die Frau des Amazon-Gründers, hat Ihr Buch auf Amazon.com als "einseitig und irreführend" bezeichnet. Note: nur ein Stern.
Die Reaktion war typisch Bezos: direkte Kundenansprache, Blick nach vorn, Geschichten von gestern interessieren nicht besonders. Vermutlich kam die Besprechung nicht von MacKenzie Bezos, sondern war in der Firma koordiniert.

Interview: Karsten Lemm

Lesen Sie in der aktuellen Titelgeschichte, was ein stern-Reporter undercover bei Amazon erlebte.

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