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26. März 2009, 14:33 Uhr

Die Wut erreicht die Straße

Manager werden als Geiseln genommen, Banker bedroht, Villen attackiert. Der Unmut über die Verantwortlichen der Wirtschaftskrise erreicht eine neue Dimension: Die allgemeine Wut richtet sich zunehmend gegen Einzelpersonen. Von L. Meier, S. Bräuer, T. Kroder und L. Heiny

Manager, Geiseln, Wirtschaftskrise

Der Frankreich-Chef des US-Büromaterialherstellers 3M Luc Rousselet wurde von Angestellten in seinem Büro festgehalten© Alain Jocard/AFP

Luc Rousselet kennt seinen Geiselnehmer. Seit Jahren gehen er und Laurent Joly jeden Morgen durch das gleiche Werkstor. Als am Dienstagabend die Belegschaft das Werksgelände verlässt, sind die beiden nicht dabei. Joly, der seit elf Jahren in der Fabrik in Pithiviers nördlich von Paris arbeitet, hat zusammen mit Kollegen den Frankreich-Chef der US-Büromaterialfirma 3M in seinem Büro als Geisel genommen. "Wir haben keine andere Munition als die Festsetzung der Verantwortlichen", rechtfertigt sich Joly.

Die Ratlosigkeit ist in Radikalität umgeschlagen. Es geht um Arbeitsplätze. Hunderte Existenzen stehen auf dem Spiel. Allein in der Niederlassung Pithiviers soll jeder Zweite gehen. Es ist bereits die zweite Geiselnahme eines Managers in Frankreich binnen zwei Wochen. Am 13. März hatten wütende Arbeiter einer Sony-Fabrik bei Bordeaux den Frankreich-Chef des Konzerns für eine Nacht als Geisel genommen. Nach neuen Verhandlungen über die geplanten Werksschließungen wurde er wieder freigelassen. Für Luc Rousselet brach am Mittwoch die zweite Nacht in Geiselhaft an. Erst in der Nacht zum Donnerstag kam er frei.

Die Stimmung wird immer aggressiver

Seit Wochen treiben die Wut und die Verunsicherung über die Krise die Menschen weltweit auf die Straßen. In den vergangenen Tagen haben die Ereignisse allerdings eine neue, aggressivere Dimension erreicht: Es wird persönlich. In Frankreich, Großbritannien und den USA werden Manager und Banker zur Zielscheibe des Zorns: Geiselnahmen, Morddrohungen, Angriffe auf das Eigentum. Es ist keine abstrakte Wut mehr auf "gierige Banker" - die Drohungen und Bedrohungen sind ganz konkret.

In Deutschland scheint es dabei noch friedlich zuzugehen. Doch für Experten ist es nur eine Frage der Zeit - Angst, Unzufriedenheit und Empörung nehmen mit jeder Schreckensmeldung zu. "Solche Proteste sind ein internationales Phänomen: Die sozialen Verwerfungen nehmen in allen Ländern erheblich zu", sagt Martin Diewald, Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Universität Bielefeld. "Auch in Deutschland wird es zu größeren Ausbrüchen kommen." Vor "sozialen Konflikten in diesem Land, dass es knallt", warnt auch Michael Sommer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Selbst Bundespräsident Horst Köhler mahnt: "Wir werden Ohnmacht empfinden und Hilflosigkeit und Zorn."

Auch in England regt sich der Volkszorn

In Großbritannien hat sich dieser Zorn bereits entladen. In der Nacht zu Mittwoch zertrümmerten in der Nähe von Edinburgh Unbekannte mit Steinen die Scheiben der Sandsteinvilla von Fred Goodwin, Ex-Chef der Royal Bank of Scotland. Auch die schwarze Mercedes-Limousine in der Hofauffahrt wurde demoliert. Der Schaden ist überschaubar, das Symbol jedoch übermächtig. "Das ist erst der Anfang", schrieben die Aktivisten unter dem Absender bankbossesarecriminals@mail.com in ihrem Bekennerschreiben. Selten zuvor - zuletzt vielleicht zu Zeiten der Maschinenstürmer im 19. Jahrhundert - hat sich der Volkszorn so gegen Wirtschaftseliten entzündet wie gegen Goodwin.

Seit Wochen ist er verschwunden. Je rarer er sich macht, desto mehr steigt sein Marktwert. Paparazzi-Fotografen bekommen inzwischen über 30.000 Euro für ein Bild, auf dem es Sir Fred sich gut gehen lässt. Goodwins legendärer Spitzname "Fred, the Shred" - für seine Erfolge als knallharter Sanierer - haben sich ins Gegenteil verkehrt: Er selbst gehöre in den Schredder, schimpfen die Briten, zusammen mit allen gierigen Bankern dieser Welt. Sie sind empört, dass Goodwin nach seinem Rücktritt im vergangenen Jahr jährlich 755.000 Euro Pension bekommt - die RBS machte 2008 einen Verlust von mehr als 26 Milliarden Euro und wurde mit über 21 Milliarden Euro Steuergeldern unterstützt. Das Magazin "Newsweek" hat Goodwin zum "schlimmsten Banker der Welt" erklärt.

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