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Entmachtet die Ratingagenturen!

Sie gießen Öl ins Feuer, sehen Krisen meistens zu spät voraus und ihre Meinungsmacht ist viel zu groß. Die Finanzwelt sollte sich endlich von Ratingagenturen emanzipieren.

Ein Gastkommentar von Thomas Straubhaar

  Ratingagenturen standen eh schon in der Kritik, Moody's hat die Aufregung mit seinem Portugal-Urteil weiter gesteigert

Ratingagenturen standen eh schon in der Kritik, Moody's hat die Aufregung mit seinem Portugal-Urteil weiter gesteigert

Die drei großen amerikanischen Ratingagenturen Standard & Poor’s (S&P), Moody's und Fitch stehen in der Kritik. Dabei ist der Vorwurf absurd, den Bonitätswächtern eine Mitverantwortung oder gar Mitschuld an der horrenden Staatsverschuldung in den USA oder in der Eurozone zu geben. Eine andere Frage hingegen ist, ob die Ratingagenturen rechtzeitig vor einem drohenden Staatsbankrott Griechenlands oder anderer Schuldenländer gewarnt haben und - wichtiger noch - ob ihre Urteile zur Problemlösung oder zur –Verschärfung beitragen. Da zeigt sich, dass sie eher zu spät als früh warnen, eher zyklisch als antizyklisch wirken und eher Öl als Wasser ins Feuer gießen.

Allerdings wird von den Ratingagenturen auch etwas erwartet, das sie schlicht nicht leisten können. Sie sollen die Fähigkeit eines Schuldners beurteilen, seine Verbindlichkeiten pünktlich und vollständig zu bedienen. Es liegt in der Natur der Sache, dass solche Prüfungen mit Unsicherheit, Wahrscheinlichkeiten und Einschätzungen verbunden sind. Die Urteile täuschen eine Genauigkeit, Verlässlichkeit und Objektivität vor, die in der Realität nicht gegeben ist. Deshalb sollte sich aus Prinzip niemand blindlings auf sie verlassen. Sie sind Meinungsäußerungen, die eine eigene Analyse der Risiken bestenfalls ergänzen, niemals aber ersetzen können.

Deshalb hilft auch eine mancherorts geforderte Europäisierung der Ratingagenturen nicht wirklich weiter. Bewertungsprobleme und Prognoseunsicherheit sind ganz grundsätzliche Schwächen der Bonitätsprüfung. Europäische Agenturen wären mit genau denselben Problemen konfrontiert wie die amerikanischen Konkurrenten. Aus dem gleichen Grund greift auch die Idee zu kurz, die Notenbanken oder eigens geschaffene staatliche Behörden anstelle der privaten Bonitätswächter zu setzen. Staatliche Bonitätsprüfer stünden von Anfang an unter dem Verdacht, nicht unabhängig, sondern Spielbälle der Politik zu sein. Entsprechend misstrauisch würden ihre Urteile von privaten Investoren bewertet. Deshalb führen Überlegungen einer Europäisierung oder einer Verstaatlichung nicht zum Ziel, sondern in die Irre.

Die Agenturen brauchen Wettbewerb

Klüger wäre es, durch dafür zu sorgen, dass die Ratingagenturen untereinander in einem harten Konkurrenzkampf stehen. Agenturen, deren Urteile zu spät erfolgen, zu stark von der Realität abweichen oder von den Kunden als nutzlos bewertet werden, müssten einen Aderlass erleiden und würden früher oder später vom Markt verschwinden. Genauso sollten Agenturen, die früh warnen, zutreffende Prognosen erstellen und als Folge eine hohe Reputation genießen, einen Kundenzulauf erleben. An der Stelle zeigt sich ein Marktversagen, das sich nicht einfach beheben lässt. Es entsteht durch die kaum zu überwindenden Hürden des Markteintritts.

Wenn die Kosten, die neue Wettbewerber aufwänden müssen, um in einem Markt mitzuspielen, sehr hoch sind, droht die Gefahr eines "natürlichen" Monopols mit einem einzigen Anbieter oder eines Oligopols mit einigen wenigen Konkurrenten. Diese Situation findet sich bei Energie, Transport, Kommunikation und überall sonst, wo Netze eine Rolle spielen, aber beispielsweise auch bei Software für Datenverarbeitung. Es passiert oft, dass es in oligopolistischen Märkten zu – auch stillschweigenden – Absprachen und zum völligen Ausbleiben von Wettbewerb kommt.

Bei den Bonitätsprüfern besitzen die drei großen amerikanischen Ratingagenturen einen Marktanteil von über 90 Prozent. Und ihre Marktmacht ist in den vergangenen Jahren nicht gesunken, sondern gestiegen. Denn der ohnehin schon zu einem "natürlichen" Monopol tendierende Markt der Bonitätsprüfung ist durch öffentlich-rechtliche Regulierungen vollends zu einem faktischen Monopol gemacht worden. Im Zuge der von den staatlichen Regulierungs-, Aufsichts- und Kontrollbehörden geforderten Risikoanalyse zum Schutz von Kunden und Sparern haben die großen Ratingangenturen eine herausragende Bedeutung erlangt. Denn die Bewertungen der Bonitätsprüfer werden von den Finanzaufsichtsbehörden zur Geschäftsgrundlage gemacht, wenn sie Banken und Versicherungen Stresstests aussetzen.

Das Urteil der Ratingagenturen hat quasi-hoheitliche Kraft. Es ist verbindlich. So müssen sich auch europäische Unternehmen, die in den USA Eigen- oder Fremdkapital einsammeln wollen, von mindestens zwei der drei von der US-Börsenaufsicht allein zugelassenen großen Agenturen bewerten lassen.

Aber auch in Europa dürfen institutionelle Anleger keine schlecht benoteten Wertpapiere halten. Ebenso begrenzt bleibt der erlaubte Anteil für Anleihen von Firmen, die auf ein Rating komplett verzichten. Banken, (Sozial-)Versicherungen und (Pensions-)Fonds müssen ihre Vermögen sofort neu bewerten, wenn die Bonitätswächter ihre Urteile für einzelne Schuldner korrigieren. Ebenso sind sie verpflichtet, einen Minimalanteil in gut bewerteten Titeln anzulegen und dürfen nicht mehr als einen Höchstanteil in schlechten Papieren halten. Geänderte Ratings erzwingen Reaktionen bei privaten Gläubigern.

Die durch staatliche Behörden ist vor allem deshalb gefährlich, will die herausragende Machtstellung zu Missbrauch führen kann. Denn die Bonitätsprüfer sind keinesfalls die unabhängigen Schiedsrichter, die sie eigentlich sein sollten. Sie sind Teil der Finanzwelt und verfolgen – nicht wirklich verblüffend - ihre ganz eigenen Interessen. S&P ist die Tochterfirma des amerikanischen Medienunternehmens McGraw-Hill, dessen größter Aktionär die Investmentfirma Capital World Investors ist. Bei Moody’s ist neben Capital World Investors der Finanzmogul Warren Buffett einer der wichtigsten Aktionäre, der wiederum auch bei Goldman Sachs involviert ist. Und Fitch Ratings gehört dem französischen Finanzkonzern Fimalac, der seit Anfang dieses Jahres auch Besitzer einer Glücksspielkette ist. Die marktmächtigen Bonitätsprüfer wissen haargenau, dass ihre Urteile die Märkte in Bewegung versetzen. Ist da nicht die Versuchung sehr groß, genau auf diese erwarteten Reaktionen im Voraus – also bevor die Urteile veröffentlicht werden - zu wetten?

Das Meinungsmonopol muss beseitigt werden

Die Marktmacht des US-Trios mit wettbewerbsrechtlichen Maßnahmen brechen zu wollen, ist schwierig. Besser wäre es deshalb, wenn das öffentlich-rechtlich geschützte Meinungsmonopol der Bonitätsprüfer ganz generell beseitigt würde. Ratingagenturen sind ohnehin grundsätzlich nicht in der Lage, den von ihnen erwarteten Aufgaben gerecht zu werden. Sie liefern keine brauchbaren Informationen zur Früherkennung von Problemen. Sie sehen Krisen nicht voraus und sie reagieren nur im Nachhinein.

Aus dem Grund darf es nicht länger passieren, dass die Ratingagenturen das Verhalten von Investoren bestimmen können. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Gläubigern und Schuldnern. Je weniger Kreditgeber- und -nehmer, Investoren und Finanzinstitute gezwungen werden, die ohnehin mit vielen Schwächen und Unzulänglichkeiten belasteten Urteile der Ratingagenturen zu respektieren, umso besser. Die Bonitätsprüfer dürfen für die Entscheidungsbildung auf den Kapitalmärkten nicht mehr die herausragende Rolle spielen, wie in der Vergangenheit. Es muss möglich sein, sich autonom mit anderen Informationen, selbst gewählten Methoden und eigenen Analysen ein unabhängiges Urteil bilden zu können.

Private Selbstverantwortung und Haftung sind auch bei Kreditgeschäften das effektivere Tandem als eine staatliche Bevormundung auf der Grundlage von verpflichtenden Bewertungen quasi-hoheitlicher Bonitätswächter. Die Urteile der Ratingagenturen sollten wie Gütesiegel von Verbraucherschutzorganisationen oder wie Blaue Engel und andere private Prüfzertifikate behandelt werden. Man kann sie beachten, man darf aber dazu nicht gezwungen werden. Die Urteile der Bonitätsprüfer sollten also nur noch zu einer Meinungsäußerung von mehreren werden, auf die hören mag, wer hören will.

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