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Erste Behörde macht Schluss mit der Sauerei

Behörden in Sachsen-Anhalt haben einem der größten Schweinezüchter Europas die Tierhaltung verboten. Wird der Fall Straathof rechtskräftig, könnte das die Wende in der Massentierhaltung sein.

Von Holger Witzel

  Im März rückte die Polizei bei Straathof zur Razzia an

Im März rückte die Polizei bei Straathof zur Razzia an

Die Aktion blieb bis zuletzt geheim und lief beinahe filmreif ab. Zunächst verschaffte sich ein ziviles Vorauskommando der Polizei Zugang zum Verwaltungsgebäude und besetzte die Tore der Ferkelfabrik. Wenige Minuten später rauschte eine Kolonne aus mehr als 25 Fahrzeugen auf den Hof, blockierte die Parkplätze der Belegschaft und unterband jede interne Kommunikation. Dann schwärmten mehrere Teams in die riesige Stallanlage aus.

Drei Tage lang ließ die Staatsanwaltschaft Stendal im März 2014 die Schweinezuchtanlage Gladau bei Genthin durchsuchen. Neben Kriminalpolizisten aus Magdeburg waren Experten der Landeskriminalämter in Sachsen-Anhalt und Brandenburg dabei, als sachkundige Zeugen zudem mehrere Veterinäre des Landkreises Jerichower Land – insgesamt mehr als 60 Leute, die mit Fotos, Videos und Zollstöcken bewaffnet Verstöße gegen das Tierschutzgesetz dokumentierten.

Amtlicher Bescheid über ein "Tierhaltungs- und Betreuungsverbot"

Schon die aufwendige Razzia in dem abgelegenen Ort war bisher vermutlich einzigartig in der deutschen Massentierhaltung. Und sie scheint nun - auch das ist eine kleine Sensation - sogar ernste Konsequenzen für einen der größten Schweinezüchter Europas zu haben.

Wie der stern jetzt berichtet, wurde den Anwälten von Adrianus Straathof vor wenigen Tagen der amtliche Bescheid über ein "Tierhaltungs- und Betreuungsverbot" zugestellt.

Das Verbot des Landkreises Jerichower Land gilt für Straathof persönlich, bundesweit und betrifft seit Ende November womöglich sämtliche Betriebe, in denen er Geschäftsführer ist oder als Eigentümer Einfluss auf die Tierhaltung hat. "Mit sofortiger Wirkung" ist ihm damit "das Halten und Betreuen von Schweinen untersagt", wie es in dem Bescheid heißt. Für einen Schweinezüchter bedeutet das praktisch: Berufsverbot.

Noch ist der Bescheid nicht rechtskräftig. Straathofs Anwälte haben umgehend widersprochen und Klage eingereicht. Dennoch gilt das Verbot - ähnlich wie bei einem an Ort und Stelle eingezogenen Führerschein - bis es Gerichte womöglich wieder aufheben. In jedem Fall könnte es ein Meilenstein im Kampf für Tierschutzrechte in der Massenhaltung sein.

Staatsanwaltschaft ermittelt seit 2013

Noch wehrt sich Straathof gegen den Bescheid und die Vorwürfe, die vor allem seine Ferkelfabrik in Gladau bei Genthin betreffen. Der Bescheid leide an zahlreichen Rechtsmängeln und müsse erst von Gerichten bestätigt werden, teilte eine Sprecherin seiner Holding dem stern mit. Die meisten Vorwürfe seien außerdem unzutreffend.

Allerdings stützen sich die Behörden auf die Durchsuchungsergebnisse der Staatsanwaltschaft Stendal, die seit 2013 gegen Straathof ermittelt. Die Veterinäre des Landkreises Jerichower Land hatten hier und in einer weiteren Straathof-Anlage "jahrelang" und "immer wieder erhebliche tierschutzrechtliche Verstöße festgestellt", wie es in ihrem Bescheid heißt.

Beanstandet wurden bei früheren Kontrollen unter anderem die Wasserversorgung, die tierärztliche Behandlung und die Größe der sogenannten Kastenstände, in denen die Sauen nach der Besamung oft wochenlang untergebracht sind. Nach Auflagen und empfindlichen Bußgeldern folgte 2013 eine Strafanzeige wegen Tierschutzverstößen. Die strafrechtlichen Ermittlungen dazu dauern - parallel zu dem verwaltungsrechtlichen Verbotsverfahren - noch an.

Nicht irgendein Hinterhofzüchter

Mit Straathof trifft es nicht irgendeinen Hinterhofzüchter. Der Niederländer gilt als einer der größten Schweineproduzenten Europas. Nach eigenen Angaben aus dem Jahr 2013 hat er 25 Standorte und produziert allein in Deutschland insgesamt 1,5 Millionen Ferkel jährlich.

Was bei der Durchsuchung und einer weiteren Kontrolle im Sommer 2014 herauskam, geht nach stern -Informationen offenbar weit über die bisherigen Vorwürfe hinaus. In einer "Amtstierärztlichen Stellungnahme" werteten die Veterinäre des Landkreises die ihnen überlassenen Beweise der Staatsanwaltschaft aus und kamen zu dem Fazit, dass den Schweinen in Gladau "erhebliche oder länger anhaltende Schmerzen, Leiden und Schäden" zugefügt werden.

Die Rede ist unter anderem von "Qualzucht", unbehandelten Verletzungen und Antibiotika, die ohne Tierärztliche Verordnung vorbeugend vom Stallpersonal verabreicht werden. Auch würden Ferkel "ohne vernünftigen Grund" und zudem unsachgemäß getötet, bemängeln die Amtstierärzte. Teilweise waren sie und die Polizei Augenzeugen, wie noch lebende Ferkel durch Schleudern auf eine Buchtenkante erschlagen wurden.

Das Unternehmen lässt auch diese Vorwürfe bestreiten oder abschwächen: Die vom Landkreis Jerichower Land geforderten Maße für die Kastenstände gingen zu weit. Auftretende Krankheiten würden "fachgerecht" und nach "branchenüblichen Standards unverzüglich behandelt" und keine Ferkel grundlos getötet. Ohne tierärztliche Anweisung würden auch keine Antibiotika verabreicht.

"Befreiungsschlag für gequälte Schweine"

Weil das Verwaltungsgericht Magdeburg eine Vollstreckung des Bescheids durch Zwangsgelder zunächst bis zu weiteren Eilentscheidungen untersagt hat, können die Behörden in Sachsen-Anhalt und bundesweit das mit "sofortigem Vollzug" angeordnete Verbot noch nicht "sofort" durchsetzen. Die Zurückhaltung der Behörden hat nach stern -Informationen aber auch damit zu tun, dass es eine Verfügung in dieser Dimension offenbar noch nie gab. Dennoch könnte das Tierhaltungsverbot gegen einen Großzüchter wie Straathof ein Meilenstein für wirksamen Tierschutz in der industriellen Massenhaltung werden. "Das ist ein Befreiungsschlag für die gequälten Schweine in seinen Anlagen", jubelt bereits die agrarpolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt, Dorothea Frederking. "Schlussendlich konnte der Landkreis nur deshalb machtvoll durchgreifen, weil er gute personelle und sachliche Ausstattung für tierschutzrechtliche Kontrollen hat. Solche Strukturen müssten der Standard sein, sind es aber nicht."

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