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Afrikas neue Herren

Sie wollen die Rohstoffe des Kontinents - um fast jeden Preis. Schon jetzt arbeiten mehr als 800 chinesische Firmen in Afrika, und ihre Zahl wächst täglich. Der Hunger der Chinesen nach Öl oder Kupfer ist so gewaltig, dass sie auch mit schlimmsten Diktatoren Geschäfte machen.

Von Marc Goergen

Die neuen Herren des Schwarzen Kontinents machen Pause. Rötlich schimmert der Abendhimmel über den Hochöfen und Halden aus Erz in der "Eastern Union"-Kupferhütte, als sich Chen Ting Hui und seine Frau Liang Jin Jie auf Plastikstühlen zum Tee niederlassen. Sorgsam brüht Liang die grünen Blätter, ehe sie den Tee langsam in winzige Tassen ausschenkt. Kaum 50 Meter hinter ihr zischt es, dröhnt es, dampft es, arbeiten ein Dutzend Einheimische daran, Kupfer zu schmelzen. Diese wenigen Minuten nach dem Abendessen gehören für Chen und seine Frau dem Teezeremoniell, gehören vielleicht auch der chinesischen Heimat, aus der die beiden nach Sambia gezogen sind, um die boomende Wirtschaft des Reichs der Mitte mit den so dringend benötigten Rohstoffen zu versorgen.

Chen Ting Hui, ein 48-Jähriger mit grauem Stoppelhaar, ist Generalmanager der "Eastern Union"-Hütte in der Provinzstadt Ndola, und, wenn man so will, einer der neuen Kolonialherren, die im Auftrag Pekings afrikanisches Terrain für die heimische Wirtschaft sichern. Lange unbemerkt, hat China in den vergangenen Jahren begonnen, Afrika mit den Mitteln der Marktwirtschaft zu erobern. Allein seit 2002 wuchs der Handel zwischen China und Afrika von 7 auf rund 40 Milliarden Euro. Schon jetzt arbeiten mehr als 800 chinesische Firmen in Afrika, und ihre Zahl wächst täglich. Sie fördern Öl im Sudan, Kobalt im Kongo, Kupfer in Sambia, Chrom in Simbabwe. Ingenieure aus Fernost verlegen Schienen in Nigeria, bauen Stadien in Ghana, einen Flughafen in Algerien, einen Staudamm in Gabun, ein Außenministerium in Ruanda.

"Wir sind ja nicht gekommen, weil es uns hier so gut gefällt"

Im vom Bürgerkrieg zerstörten Sierra Leone errichten Chinesen gerade ein Freizeitcenter samt Luxushotel, Strandpromenade, Golfplatz und Kongresszentrum. Zur selben Zeit, in der Frankreich wehmütig seinen schwindenden Einfluss in Westafrika beklagt, greift China nach dem Kontinent - und vor allem nach dessen Ressourcen. So auch hier im Norden Sambias im sogenannten Kupfergürtel, in der Fabrik des Generalmanagers Chen Ting Hui. Chen ist ein aufgeschlossener Mann, sein Englisch im Gegensatz zu dem der meisten seiner Landsleute in Afrika passabel. Bereitwillig, ja ein wenig stolz erklärt er beim Tee, wie das Erfolgsmodell China in Afrika funktioniert, "denn wir sind ja nicht gekommen, weil es uns hier so gut gefällt".

Die Geschichte der "Eastern Union" begann vor zweieinhalb Jahren. Ein Unternehmerfreund Chens hatte den Ruf der Partei nach Investitionen in Afrika erhört und bat ihn, eine Kupferhütte aufzubauen. Chen verschiffte drei alte Hochöfen nach Sambia, ließ einen 45 Meter hohen Kamin mauern und begann mit einem Dutzend Ingenieuren, Kupfer zu gewinnen. Kaum besser behandelt als Europas Elendsarbeiter des 19. Jahrhunderts, verhütten seitdem etwa 100 Sambier rund um die Uhr in altertümlichen Hochöfen das Metall aus ihrem Land wie aus dem Kongo zu 200-Kilo-Blöcken Kupfer, die dann nach China verschifft werden. Sie tragen Flip-Flops, Overalls, manchmal auch einfach nur T-Shirts. Schutzbrillen gibt es keine, Rauchfilter ebenso wenig. Für die Plackerei in Hitze und Gestank bekommen sie vier Euro pro Tag.

"Wir gehen kaum in die Stadt"

Es ist eine seltsame Welt, eine Art Klein- China, die "Eastern Union" hier mitten in einem Industriegebiet am Rande von Ndola in Sambia errichtet hat. Gemeinsam mit ihren Frauen leben die elf chinesischen Ingenieure neben der Fabrikhalle in kleinen Kabuffs, darin kaum mehr als zwei Betten, Moskitonetze und ein paar Koffer. Immer zwölf Monate arbeiten sie hier am Stück, dann gibt’s vier Wochen frei, das alles für umgerechnet 350 bis 600 Euro im Monat. "So machen wir Gewinn", sagt Chen. Während die Männer die sambischen Arbeiter beaufsichtigen, sitzen ihre Frauen in Pyjamas vor dem Fernseher, reden, dösen. In einem Beet wächst chinesisches Gemüse, es gibt einen chinesischen Koch, chinesisches Geschirr, chinesische Essstäbchen, chinesisches Satellitenfernsehen, chinesische Zeitschriften, Zigaretten, Schnäpse.

Afrika? "Wir gehen kaum in die Stadt", sagt Chen Ting Hui, "die Sambier mögen uns nicht." Und sambische Freunde? "Wir sind gekommen, um zu arbeiten, nicht um Freunde zu finden", sagt Chen, aber es klingt nicht unfreundlich, eher nach: Geschäft ist eben Geschäft. Doch gerade diese Abschottung sorgt dafür, dass die Sambier die Chinesen mehr und mehr als neue Kolonialherren empfinden. Wer von Ndola weiter nach Norden fährt, der Spur des Kupfers nach, findet kaum eine Stadt, in der nicht eine chinesische Firma einen Außenposten errichtet hat, in der nicht Chinesen lokale Arbeiter beaufsichtigen, wie sie Rohre verlegen oder Straßen befestigen. Und immer leben die Männer aus Fernost hinter Zäunen und Mauern, manchmal in Containern mit surrenden Klimaanlagen, manchmal einfach in Zelten. Nur wenige sprechen Englisch. Mit Gesten bedeuten sie den Sambiern, wie sie diese Leitung verlegen, jene Grube graben sollen.

Distanz verstärkt den Unmut

Auf den Straßen, den Märkten, in Kneipen sucht man die Chinesen vergebens. Die Distanz verstärkt den Unmut. Die neuen Herren sind ohnehin schon unbeliebt, denn sie scheuen sich nicht, die Ausbeutungspraxis der europäischen Kolonialmächte aus den vergangenen Jahrhunderten zu übernehmen. Wie einst Paris und London, Brüssel und Berlin, so ist heute Peking vor allem daran interessiert, möglichst günstig Rohstoffe für die heimische Wirtschaft zu gewinnen. Die Entwicklung des Kontinents interessiert sie kaum. Die Allianz zwischen "China, dem größten Entwicklungsland, und Afrika, dem Kontinent mit den meisten Entwicklungsländern", wie sie einst Chinas Präsident Jiang Zemin beschwor, kommt über Rhetorik nicht hinaus.

Selbst von chinesisch-afrikanischen Vorzeigeprojekten haben die Afrikaner nichts. Gute drei Autostunden nördlich der "Eastern Union"-Kupferhütte etwa bewirtschaften Chinesen in Chambeshi eine der größten Kupferminen des Landes. 2000 Sambier schürfen hier in 2000 Meter Tiefe nach dem begehrten Metall. Vor allem durch die rasch gestiegene Nachfrage in China hat sich der Preis für Kupfer zwischen 2002 und 2006 verfünffacht. Ökonomen der Weltbank haben errechnet, dass Sambias Haushalt 2006 aus der gesamten Kupferförderung des Landes gerade einmal acht Millionen Euro einnahm - 0,1 Prozent des Gesamterlöses. Die Chinesen zahlen keine Steuern in Chambeshi. Die 1998 abgeschlossenen Verträge befreien sie zudem von lästigen Sozialleistungen. Gleich nachdem das chinesische Staatsunternehmen NFCA die Mine übernommen hatte, senkten die neuen Eigner die Löhne, kappten die Krankenversicherung und zogen sich aus der Finanzierung von Schulen und Straßen zurück.

Angeschossen von einem chinesischen Ingenieur

"Die Verträge von damals sind für Sambia sehr schlecht. Wir versuchen gerade, darüber zu verhandeln", sagt Sambias Handelsminister Kenneth Konga. Auch Sicherheit zählt wenig. Im April 2005 starben mehr als 50 Sambier, als auf dem Gelände Sprengstoff explodierte. Man sehe keinen Anlass, über die Produktion zu diskutieren, teilt ein Firmensprecher auf Nachfrage kühl mit. Umso unzufriedener sind die Arbeiter. Fast alle leben in einer kleinen Siedlung ein paar Kilometer entfernt in Häusern aus Lehm und Wellblech. Am Rand der Township bewohnt Albert Mwanauma mit Frau und vier Kindern eine kleine Hütte. Bis vor einem Jahr hat auch der 36-Jährige in der Mine gearbeitet, doch heute kommt er vom Stuhl nur mühsam und unter Schmerzen hoch. Zwei Kugeln stecken unter seinem Schulterblatt, abgefeuert von einem chinesischen Ingenieur.

Es war der Morgen des 25. Juli 2006. Mehrere hundert Arbeiter ziehen zum Rand der Siedlung, dorthin, wo hinter einem elektrischen Zaun die chinesischen Manager wohnen. Sie fordern mehr Lohn. Aus Protestrufen werden Schreie, aus der Menge wird eine aufgepeitschte Masse. Plötzlich Schüsse! Die Arbeiter rennen panisch auseinander. Fünf Männer bleiben am Boden liegen. "Ich lief zu einem, um ihn wegzuziehen", erinnert sich Mwanauma, "da trafen mich zwei Kugeln. Hinter dem Zaun sah ich noch einen Chinesen mit einem Revolver. Dann brach ich zusammen." Andere Arbeiter schleppen Mwanauma zum Arzt. Der verbindet provisorisch die Wunden, schickt ihn schließlich ins Krankenhaus der Provinzstadt. Doch die Ärzte dort können die Kugeln nicht entfernen. Einzig in Südafrika, so sagt man ihm, sei das möglich. Dafür fehlt Mwanauma das Geld - auch, weil die Mine ihn fristlos entlassen hat.

Heute versucht der zum Krüppel Geschossene seine Familie mit einer improvisierten Kneipe zu ernähren und irgendwie das Geld für die Operation zusammenzubekommen. Der mutmaßliche Schütze wurde zwei Wochen nach den Vorfällen von den Minenbetreibern außer Landes gebracht. Sambias Regierung schwieg. Ein Prozess wurde ihm nie gemacht. Nicht nur unter den Arbeitern wächst die Ablehnung der Chinesen. Immer mehr afrikanische Ökonomen und Unternehmer sehen die fernöstliche Eroberung ihrer Länder mit Skepsis. Denn China hat nicht allein die Rohstoffe des Kontinents im Blick, sondern auch dessen Märkte. Ob in Sambias Hauptstadt Lusaka, in Kinshasa oder in Johannesburg, allerorten überschwemmen Billigklamotten aus der Volksrepublik die Städte.

Die einheimische Konkurrenz ist chancenlos

Allein in Sambia überlebten von 34 Textilfabriken, einst die Stütze der Wirtschaft, nur 10, und selbst die produzieren nun in Kurzarbeit. "Es ist trotz der Transportkosten billiger, Kleider aus China zu importieren und sie dann einfach weiterzuverkaufen, als sie hier zu produzieren", sagt Mahendra Naik, Besitzer einer Textilfabrik in Ndola. Schon hat er 350 seiner 400 Arbeiter entlassen. Nutzlos stehen die Webmaschinen herum, mit Stofftüchern verhüllt. Doch afrikanische Regierungen zeigen sich von den neuen Freunden unverdrossen begeistert. Denn Peking schert es nicht, was ein Empfängerstaat mit dem Geld für Abbaukonzessionen anfängt - solange nur chinesische Firmen die begehrten Lizenzen oder Aufträge bekommen. So vermeiden Chinas Machthaber jede Kritik an Robert Mugabe, dem geächteten Diktator von Simbabwe. Sie lieferten ihm sogar noch Kampfflugzeuge für 120 Millionen Dollar - und wurden mit Abbaulizenzen für Platin und Chrom belohnt.

Seit Jahren blockiert China Resolutionen des UN-Sicherheitsrates gegen den Sudan, der das Regime wegen des Völkermords in Darfur an den Pranger stellen will. Dafür gewährt der sudanesische Diktator Omar al-Bashir großzügigen Zugang zu den Ölquellen des Landes. Im November 2006 inszenierte Peking als Höhepunkt seines "Afrikanischen Jahres" einen pompösen Gipfel mit 48 Staatsund Regierungschefs des Kontinents. Erst im Februar besuchte Chinas Präsident Hu Jintao wieder acht Länder Afrikas - Hilfsgelder und Kredite im Gepäck, die Märkte im Auge. Besonders drastisch zeigt sich in Angola, wie korrupte afrikanische Eliten und chinesische Politiker Hand in Hand arbeiten. 30 Jahre Bürgerkrieg haben die ehemalige portugiesische Kolonie ruiniert. Die Hauptstadt Luanda ist ein chaotischer Vier-Millionen-Moloch, stinkend und schwül, es gibt keine funktionierende Kanalisation, das Wasser steht halbmetertief in Schlaglöchern, und wer nach mehrstündigem Stau auf den Ausfallstraßen die Provinz erreicht, sieht allerorten zerschossene Häuser und zerstörte Straßen. Eines von drei Kindern stirbt, bevor es fünf Jahre alt ist. Auf dem UN-Entwicklungsindex rangiert das Land auf Platz 160.

Heute herrscht Friede, das Öl fließt ungehindert

Schon in den 60er Jahren streckte Peking erstmals seine Fühler nach dem Schwarzen Kontinent aus. Man schickte Entwicklungshelfer, Waffen und Hilfsgelder mit dem Ziel, die Vorherrschaft der USA und der Sowjetunion zu brechen. Peking unterstützte in Angola gleich mehrere Unabhängigkeitsbewegungen, und man verstand sich gut mit dem damaligen Rebellenführer und heutigen Präsidenten José Eduardo dos Santos. Heute herrscht Friede, das Öl fließt ungehindert. Und als 2003 der Internationale Weltwährungsfonds (IWF) Angola einen Kredit über zwei Milliarden Dollar verweigerte, weil er fürchtete, das Geld würde in den Taschen der Machthaber verschwinden, sah Peking seine Chance. Eine chinesische Bank gewährte Angola den gewünschten Kredit. Ohne lästige Auflagen und mit nur einer Bedingung: 70 Prozent der Kreditsumme mussten in Aufträge an chinesischen Firmen fließen. Seitdem bauen Arbeiter aus dem Reich der Mitte Angola wieder auf. Allein die Staatsfirma "China International Fund" verlegt Eisenbahnstrecken, baut mehrere Überlandstraßen und eine Trabantenstadt vor den Toren Luandas.

Wichtiger noch als Bauaufträge aber scheint den Strategen im Fernen Osten die Sicherung des Ölflusses. Schon 2004 resümierte das Verteidigungsministerium in Washington: "Für China ist Energiesicherheit gleichbedeutend mit dem tatsächlichen Besitz oder der Kontrolle der Vorräte. Es gibt eine Tendenz, die Frage der Energiesicherheit als ein Nullsummenspiel zu sehen." Soll heißen: Je weniger andere bekommen, desto mehr fließt nach Peking. Als Dank für den Zwei-Milliarden-Kredit vergab Angola die Konzession für ein Ölfeld nicht, wie lange erwartet, an Indien, sondern an den chinesischen Importeur Sinopec. Mittlerweile hat Angola Saudi-Arabien als Chinas größter Öllieferant abgelöst. Der Boom bescherte dem verarmten Staat im Jahr 2006 ein Wirtschaftswachstum von mehr als 20 Prozent. Doch der normale Angolaner hat davon wenig. Selbst Benzin ist knapp im Petro-Staat, lange Schlangen vor den Tankstellen, sogar nachts, zeugen davon, dass der Export Vorrang hat.

Keine Chance gegen Korruption

"Wir haben keine Chance, unsere Wirtschaft richtig aufzubauen. Wenige Leute entscheiden über sehr viel Geld. Das Ergebnis ist Korruption", sagt Filomeno Lopez. Der angolanische Ökonom untersucht seit mehreren Jahren die Verstrickungen von Macht und Geld in Angola. Seine Nachfragen kosteten ihn den Lehrstuhl an der Universität von Luanda. Seitdem engagiert er sich in der Oppositionsbewegung "Frente para a democracia". "Das Öl ist nicht nur eine Chance für unser Land, sondern auch ein Fluch", sagt Lopez, "und manchmal denke ich genau dasselbe von China."

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