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Merkel bringt Südeuropäer auf die Palme

Die Menschen in den verschuldeten EU-Ländern gehen angeblich zu früh in Rente und haben zu viel Urlaub. So hat es Angela Merkel jedenfalls zusammengefasst. Die Menschen in Athen oder Lissabon sind erzürnt. Das Dumme: Die Kanzlerin hat auch noch Unrecht.

Protest und Entrüstung - mit ihrer Aufforderung an die Bürger der hoch verschuldeten EU-Länder, länger zu arbeiten und weniger zu urlauben, erntet Angela Merkel heftige Kritik. Peinlich für die Bundeskanzlerin: Was die tatsächliche Arbeitszeit angeht, gibt es zwischen Deutschen und den Südeuropäern kaum Unterschiede. Während die Deutschen im Schnitt mit 62,2 Jahren in den Ruhestand gehen (Stand 2009), beträgt der Wert in Griechenland 61,5 Jahre. In Portugal arbeiten die Menschen sogar länger als in Deutschland. Das tatsächliche Renteneintrittsalter lag bei 62,6 Jahren. Auch beim Urlaubsanspruch fällt der Vergleich für Merkel nicht schmeichelhaft aus.

Ein Überblick.

Griechenland

Ohne die deutsche Kanzlerin beim Namen zu nennen, sagte Außenminister Dimitris Droutsas am Donnerstag während einer Veranstaltung in Athen: "Das, was das griechische Volk nicht verdient hat, sind Ratschläge und Kommentare, die nicht konstruktiv sind."

Die neue Tonlage stieß auch auf ein kritisches Medienecho. "Sie betreiben Populismus, Frau Merkel", hieß es in der linksliberalen Athener Zeitung "Eleftherotypia". "Tragisch" sei, dass in diesem für Europa kritischen Moment Merkel an der Spitze des stärksten EU-Landes stehe. Die Athener Zeitung "Ta Nea" wies ihre Leser darauf hin, dass die Griechen weniger Urlaub im Jahr bekämen als die Arbeitnehmer in Deutschland und stufenweise in den kommenden Jahren auch fast so lange bis zur Rente arbeiten müssten wie ihre deutschen Kollegen.

Portugal

Wenig Verständnis kam erwartungsgemäß auch vom geschäftsführenden Regierungschef José Sócrates in Lissabon: "Nein, nein, ich stimme nicht (mit Merkel) überein", sagte er in Lissabon. Er wisse zwar nicht genau, was die Bundeskanzlerin gesagt habe, und er sei schon der Meinung, dass die EU eine Vereinheitlichung der Sozialversicherungssysteme anstreben müsse. "Aber wir hier in Portugal haben damit überhaupt keine Probleme, mit der Sozialversicherung, weil wir zeitig unsere Reform gemacht haben, nämlich im Jahr 2007", sagte der Sozialist.

In Portugal darf man mit 65 Jahren bei vollen Rentenansprüchen in den Ruhestand gehen. Im öffentlichen Dienst liegt das Rentenalter bei 62,5 Jahren.

Auch in den Medien gab es Kritik. So titelte das angesehene Wirtschaftsblatt "Jornal do Negocios": "Merkel hat Unrecht: Die Statistiken sagen, dass die Portugiesen länger arbeiten und weniger Urlaub haben". Und auf Seite eins: "Wir arbeiten länger und haben weniger Urlaub als die Deutschen". Ein Kommentarbeitrag der Zeitung trägt die Überschrift: "Zu Befehl, Frau Merkel!". Darin heißt es am Ende: "Wenn Europa implodiert, werden nur die Randländer verlieren? Das glaubt niemand."

Spanien

Kein Blatt vor den Mund nimmt das spanische Gewerkschaftslager: "Entweder ist Frau Merkel eine Ignorantin, was ich aber nicht glaube, oder sie lässt sich von eigenen Interessen leiten", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft CCOO, Ignacio Fernández Toxo, in einem Rundfunkinterview. Merkel versuche, ihre negative Einstellung zu den Finanzhilfen für südeuropäische Länder zu rechtfertigen, sagte er dem Sender Cope.

Dabei verzerre sie bewusst die Daten. "In Spanien werden mehr Stunden gearbeitet, die Gehälter sind aber 40 Prozent niedriger", sagte Fernández Toxo, der am Mittwoch zum Vorsitzenden des Europäischen Gewerkschaftsverbandes gewählt worden war. Auch liege das durchschnittliche Rentenalter in Spanien höher als in Deutschland.

Die rechtsliberale Madrider Zeitung "El Mundo" rechnete vor, dass die durchschnittliche Jahresarbeitszeit in Spanien rund 300 Stunden höher liege als in Deutschland. Insofern seien Merkels Äußerungen demagogisch. Die Bundeskanzlerin habe aber darin Recht, dass eine tiefgreifende Reform notwendig sei, um eine echte wirtschaftliche Konvergenz in der EU zu erreichen.

Die sozialistische spanische Regierung hatte sich im Januar mit den Arbeitgebern und den Gewerkschaften grundsätzlich darauf verständigt, das gesetzliche Rentenalter im Land von 65 auf 67 Jahre anzuheben.

ben/Reuters/Reuters
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