2. Juli 2009, 22:12 Uhr

Die eigentliche Krise steht noch bevor

In der Autobranche herrscht Goldgräberstimmung. Die Abwrackprämie hat die Absatzzahlen trotz der Wirtschaftskrise in neue Rekordhöhen geschraubt. Doch in der Branche ist allen bewusst: Der Boom ist künstlich erzeugt. Die eigentliche Krise der Auto-Industrie steht erst noch bevor.

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Auslieferungsturm in der Wolfsburger Autostadt: Derzeit wird kräftig verkauft, doch das dicke Ende ist absehbar©

Noch hält das Abwrackfieber in Deutschland an. Noch freuen sich die Autohersteller über den Absatzboom, der die Zulassungszahlen Monat für Monat in die Höhe treibt. Doch in der Autoindustrie wächst allmählich die Sorge vor dem dicken Ende - dass die Abwrack-Blase im kommenden Jahr platzt und die Neuzulassungszahlen wieder abstürzen. "Die eigentliche Krise der Autoindustrie steht erst noch bevor - wenn die Anreiz-Programme der Regierungen auslaufen, ist die wahre 'Stunde Null'", heißt es in einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung AlixPartners.

Autoexperten rechnen damit, dass der Topf für die staatliche Abwrackprämie im Herbst leer sein wird. Der Deutschland-Chef der VW-Tochter Seat, Rolf Dielenschneider, erwartet für das nächste Jahr einen herben Einbruch der Neuzulassungen. Er befürchtet, dass die Zahlen von diesem auf das nächste Jahr um rund eine Million auf 2,6 Millionen abstürzen. 30 Prozent der prämienbedingten Käufe seien vorgezogen. "Diese Fahrzeuge fehlen kommendes Jahr dann bei den Umsätzen und Margen."

Dielenschneider ist mit seiner düsteren Prognose nicht allein. Auch ranghohe Manager wie Daimler-Chef Dieter Zetsche hatten in den vergangenen Monaten den staatlich angeheizten Absatzboom als "Strohfeuer" bezeichnet. Geholfen hat es dem privaten Markt, der gewerbliche Markt musste im ersten Halbjahr 2009 deutliche Rückgänge hinnehmen.

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer prognostiziert "Nachhall- Effekte" der Abwrackprämie, die den Markt deutlich nach unten ziehen werden. "Wir müssen fortgesetzt mit Kurzarbeit und Arbeitsplatzabbau in der Automobilindustrie rechnen", heißt es in einer aktuellen Studie Dudenhöffers. Und die Händler, die auf die Inlandsnachfrage angewiesen sind, warnt er schon jetzt vor: "Der Handel muss davon ausgehen, dass es nächstes Jahr Insolvenzen hageln wird." Auch bei vielen Zulieferern steige in den nächsten zwölf Monaten das Insolvenzrisiko weiter. Eine leichte Entlastung sei erst im zweiten Halbjahr 2010 zu erwarten.

Kleinwagen-Käufer speisen den Boom

Bislang stützt sich die gestiegene Inlandsnachfrage auf die Privatkunden - vor allem solche, die Kleinwagen kaufen. Damit die Branche im kommenden Jahr nicht ins Bodenlose stürzt, setzt der Verband der Automobilindustrie (VDA) auch auf einen spürbaren Anstieg bei der Nachfrage nach Dienstwagen. Für den Experten Stefan Reindl vom Institut für Automobilwirtschaft in Nürtingen ist klar: "Wenn die nicht anspringt, haben wir ein Riesenproblem. Das ist der Dreh- und Angelpunkt." Auch müssten die Hersteller sich verstärkt an die "gesellschaftliche Mitte" wenden, um den Absatz von Mittelklassewagen zu steigern.

Die Abwrackprämie überdeckt die schwere Krise, in der sich die Branche seit Monaten befindet. Weltweit ist die Autokonjunktur nach wie vor im Keller. Selbst die Marke VW, die stark von der Abwrackprämie profitiert, stürzte im ersten Quartal 2009 in die roten Zahlen.

Die Autoindustrie hat große strukturelle Probleme: Weltweit gibt es enorme Überkapazitäten, die Autobauer setzten lange vor allem auf Wachstum. Auf vielen wichtigen Märkten toben Rabattschlachten, welche die Margen der Hersteller nach unten drücken. Der AlixPartners-Studie zufolge muss die weltweite Automobilbranche in diesem Jahr pro verkauftem Auto im Schnitt rund 1800 Euro Verlust verbuchen.

Es droht eine Pleitwelle

Die Automobilindustrie müsse sich auf eine lange Durststrecke einstellen, heißt es in der Studie. Viele Probleme seien hausgemacht: "Rabattprogramme oder 'stille' Rabatte in Form von gehobener Ausstattung zum Nulltarif sind keine langfristige Lösung. Die globale Wirtschaftskrise hat einige Unternehmen der Autoindustrie nur schneller in das Ende der Sackgasse geführt - falsch abgebogen sind sie schon vorher."

In der Branche dürfte es daher in den nächsten Jahren zu einer Marktbereinigung kommen. Die einst stolzen US-Autoriesen General Motors (GM) und Chrysler kämpfen mit staatlicher Hilfe ums Überleben, Ford will es allein aus der Krise schaffen. Die Zukunft der GM- Tochter Opel bleibt ungewiss. Noch bedrohlicher ist die Lage der Autozulieferer, es droht eine Pleitewelle. Und die Nutzfahrzeughersteller gehen durch ein tiefes Tal der Tränen.

Daniel Kirch und Andreas Hoenig/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
JanvanHelsing (04.07.2009, 11:31 Uhr)
@Dudenhöffer und Co
Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.
Albert Einstein
Aquarius2 (03.07.2009, 19:56 Uhr)
Autos kaufen keine Autos.
Diese Kurzformel, die ausgerechnet vom Erzkapitalisten Henry Ford (1863-1947)stammt, bewahrheitet sich immer wieder.
Kleinwagen brummen, Protzkarossen bleiben stehen, wenn die Firmen/Steuerzahler ihren kleinen Angebern die Dienstwagen nicht mehr subventionieren.
Diese Erkenntnis, wo Konsum gemacht wird, muss auch in anderen Branchen sowie in der Finanz- und Steuerpolitik berücksichtigt werden.
Geld, das der "kleine Mann" bekommt, geht in den Konsum, also in den Wirtschaftskreislauf.
Steuergeschenke für die Reichen verführen nur zu der Dummheit, Geld mit Geld,z.B. durch Spekulation, zu vermehren.
Das Ergebnis kann derzeit deutschland- und weltweit besichtigt werden!
Aber der Anspruch der Umverteilung von unten nach oben und die Geldgier werden inzwischen so selbstverständlich von der Politik verteidigt und umgesetzt, dass ein Kurswechsel wohl eher nicht zu erwarten ist.
Gockeline512 (03.07.2009, 11:46 Uhr)
Wau,alles gesagt hier,toll
Der normalbürger begreift es schneller als unsere Autoökonomen.
Man kann deren Geschwätz nicht mehr hören.Schaut nach Amerika wo ganze Auto-Städte im Ruin leben,dies wird auch so zu uns kommen.Wir werden nicht mehr diesen Autoabsatz bekommen wie es mal war.Warum also die Überproduktion nicht drosseln.Andere Länder bauen ihre Billigautos selber und verkaufen sie vor Ort.Wohin sollen wir unsere Autos exportieren?Unsere Leute haben so kleine Löhne die unsere Autos nicht kaufen können.Unsere Wirtschaft kann keine Autos mehr leasen weil ihnen die Aufträge fehlen.
Styx2007 (03.07.2009, 11:35 Uhr)
Tolle Studie der Unternehmensberatung
Wow - da hat man extra eine Studie verfasst um das herauszufinden, was jeder Idiot vorher schon wusste! Natürlich werden reihenweise die Autohäuser pleite gehen und die Automobilbauer Leute entlassen. Und dies ist auch nur konsequent, weil die Misere der Automobilwirtschaft überhaupt nichts mit der Finanzkrise zu tun hat, noch je hatte. Jeder Idiot kann nachvollziehen, dass man Abbau betreiben muss, wenn man in der Branche 30-40% Überkapazitäten hat. Dann kann sich ja nächstes Jahr das Politgeschmeiss wieder mit Steuermilliarden beteiligen - oder noch besser: Wieso lassen wir (die Steuerzahler) uns nicht permanent über einen Soli "Auto" melken und lassen die Abwrackprämie für immer bestehen. Die Automobilspacken lachen sich ins Fäustchen, kassieren die Milliarden Subvention und der kleine doofe anonyme Steuerzahler zahlt die Zeche!
DrHaraldWozniewski (03.07.2009, 11:23 Uhr)
Mit Schrecken denke ich an das Geschwätz vom früheren BWM Glos: "Der Aufschwung ist da!"
Schon damals wurde der Crash und dessen Ursachen vorhergesagt und aufgezeigt- in: "Wie der Nil in der Wüste". Dr. Jürgen Borchert, Vorsitzender Richter am Hessischen Landessozialgericht zu dem Buch und seinem neuerlichen Ergänzungsband:
"Ich hatte am späten Abend noch den Fehler gemacht, das Buch anzufangen. Hab es dann in einem Zug zuende gelesen. Spät nach Mitternacht hat es mir die Augen geöffnet. Denk ich an Deutschland in der Nacht.... Atemberaubend. Es sollte Pflichtlektüre für unsere politischen Schlafmützen werden."
Gisella (03.07.2009, 10:08 Uhr)
Hi, endbenutzer:
genau, so ist es mit den Preisen.wir haben als Umzugsgut unseren T4 Eurovan mitgebracht, In den USA neu:27.000 Dollars -hier 46.000 EURO!und es war der letzte , der uns ausgeliefert worden ist-diese "Billigversion" wollte keiner haben.Jeder vergleichbare US-Van hat alles drin, was das Herz begehrt. Und ne neue Produktpalette?? Nichts vorhanden. Und die Folgen der abgefuckten Abwrackprämie-wir werden sie alle zu spüren bekommen. Die Arbeitslosen-einschließlich der entlassenen Autobauer werden nicht mehr in der Lage sein, sich irgendein Auto kaufen zu können.
whismerh2 (03.07.2009, 10:00 Uhr)
Ach ne
Alles wie gehabt, es wird vertuscht,
verfälscht und beschönigt, getreu dem Motto, bis September werden wir
schön alle täuschen könen, egals was es den Steuerzahler kostet und kosten wird.
Wohl dem der es mitbekommt, wird der Fall nicht ganz so hart,
wers immer nicht rafft was hier eigfentlich läuft, dem ist wirklich null und gar nicht mehr zu helfen,
die Woche lief wieder eine Meldung durch den ticker, bei Terroranschlägen ist die Bundeswehr im Inmneren einzusetzen, wäre nicht das erste mal das eine gezielter Anschlag, missbraucht um die Grundrechte auszuhebeln, ich denke wir Deutschen speziell unsere Großeltern haben das live erlebt.
endbenutzer (03.07.2009, 09:54 Uhr)
Vieleicht sollten die Autohersteller...
...die gewonnene Zeit jetzt nutzen, übber ihre Produktpalette nachzudenken. Wer braucht einen Golf, der schon in der Basisversion viel zu teuer ist? Wer braucht einen VW Polo (ein Kleinwagen"), der mit Vollausstattung und ausreichender Motorisierung leicht 25.000 Euro kosten kann? Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Auch sollte sich langsam davon verabschiedet werden, Autos in Deutschland teurer zu verkaufen als im Rest der Welt..
Malt (03.07.2009, 09:50 Uhr)
Wer bisher....
...noch nicht gerafft hat, dass ALLE "Konjunkturpakete" nichts weiter sind als Zündschnurrverlängerungen, die die Auswirkungen der Krise bis nach die Wahl verschieben sollen, dem ist schlicht und ergreifend nicht mehr zu helfen... das alles wurde gemacht, um eienn Linksruck in der Bevölkerung zu verhindern, weshalb es auch Einigungen z.B. zwischen Siemens und der Bundesregierung gibt, wonach diese sich selbst dazu verpflichtet haben, erst nach der Wahl Entlassungen durchzuführen. Die gesamte Automobilbranche wird nach der Wahl ebenso ausgedünnt werden, wacht mal auf!!! ALLEINE die Angst davor, dass im Herbst die Linke stark zulegen könnte hat das bisher verhindert.... aber nach der Wahl, wenn wieder mal die gleichen Chaoten in die Regierung gewählt wurden, sind ja erst mal wieder 4 Jahre Zeit, in denen man weiter die Rechte und damit die Möglichkeiten zum organisierten Widerstand der Bevölkerung einschränken kann... und die Breite der Masse wird darauf, wie üblich hereinfallen. Denn vor nichts hat der Deutsche an sich so viel Angst wie vor Veränderungen... und gewählt wird bei uns (das wusste Helmut Kohl besser als alle anderen und hat es dem Angela gelernt) halt immer der, der Verspricht, das alles beim alten bleibt... man muss nur den Schein bis zur Wahl wahren...
logon (03.07.2009, 09:47 Uhr)
Wow.....
...welch Ekenntnis.
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